Bastian Schmitz

Herr P. besiegt die Furcht vor der Freiheit

Herr P. war gerade aufgewacht und blickte sich irritiert um: Musste er an diesem Tag also etwa schon wieder das tun, was er selber wollte?
Individuum hin oder her. Immer alles selber sein und wollen zu müssen! Das konnte es ja nun wirklich nicht sein.
War er denn bisher nicht schon jeden Tag frei gewesen, frei in sich, einzig im Ich, unumkehrbar in der Welt?!
Als Zeichen seines Widerstandes rieb er sich empört die schlaftrunkenen Augen.
Sein Erinnerungsvermögen griff langsam ein und schenkte ihm Halt; zum Beispiel war da sein Job, den er nicht einfach kündigen konnte oder die Verantwortung gegenüber den Personen die ihn kannten. Gegenseitig versicherte man einander, wie man sei und wie man zu sein habe; all das würde ihm fehlen.
Besänftigt ließ er seine Augen in Frieden, ärgerlicherweise brannten sie nun- Herr P. hatte es schon immer befürchtet: Dem Leben Widerstand zu leisten geht nur auf Kosten des Individuums.
Freiheit ist ohnehin idealisiert, sie ist Kälte, bedeutet Entsagung, dachte er in einer plötzlichen Eingebung. Seine märtyrerische Protesthandlung schien höhere Weisheiten in ihm geweckt zu haben.
Hatte denn nicht jeder heimlich Angst vor der Freiheit? War denn nicht jeder an die eigenen Grenzen gebunden? Brauchte denn nicht jeder einen Glauben; der Gläubige Halt in der Religion, der Reiche in seinem Vermögen, der Arbeitsame in seiner Arbeit, der Schöne in seiner Schönheit, der Verliebte in seiner Liebe, der melancholisch Leidende in seinem Leid, der Intellektuelle in intellektueller Überlegenheit? Waren denn nicht selbst subversive Kräfte abhängig von bestehenden sozialen Ordnungen? Waren denn nicht selbst jene Kräfte, die meinten im Name der Freiheit zu kämpfen, gerade deshalb im höchsten Maße unfrei? Offensichtlich mochte niemand so recht frei sein, lediglich der Gedanke an Freiheit war vonnöten. Herr P. hatte sich in Rage gedacht und fühlte sich klug, triumphal: er hatte die Freiheit durchschaut. Ab diesem Zeitpunkt wollte er von der Freiheit in Ruhe gelassen werden; er wurde in ein Leben geformt und wollte nicht mehr hinaus.

Er hatte Sicherheit und Ruhe, Behaglichkeit, nichts geschah unvorhergesehen; Herr P. hatte der Freiheit ihren Schrecken genommen.
Ja, hier bahnt sich eine Parabel über die Freiheit an. 
Jetzt soll also durch ironische und suggestive Lenkungen des Erzählers (Warum so förmlich: Huhu!) metaphorisch verdeutlicht werden, wie wichtig Freiheit ist. Eingespeist mit Vorwürfen wie: "Herr P. habe so vieles verpasst, so viel verloren, so viel hätte er erleben können! Dieses hätte er tun sollen, jenes hätte er vermeiden müssen!" Ein talentierter Erzähler würde das dann noch elegant mit tollen Weisheiten garnieren, die Herrn P. auflaufen lassen: "Freiheit entsteht in Unsicherheit, Freiheit ist das Kind der Liebe!"
Aber Herr P. war überhaupt nicht unglücklich. Er hatte die Gedanken an Freiheit konserviert: taute sie gedanklich auf, wenn er sie brauchte, dann als Hoffnung auf ein später, auf ein irgendwann. Dann konnte er schließlich auch noch richtig leben, einfach mal aus sich herausgehen oder herzhaft lachen, im Sommer hat er dafür einen Urlaub gebucht. 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Bastian Schmitz).
Der Beitrag wurde von Bastian Schmitz auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Bossing - wir wolln doch weiterkommen von Gabi Mast



In einem Call Center verkaufen Gitte und ihr Team sehr erfolgreich die Produkte des Hauses, so erfolgreich, daß die sogar zum Testen neuer Aktionen auserkoren werden. Trotz der harten Bedingungen fühlen sich alle wohl bei Krass und Peinlich. Bis das Team von heute auf morgen eine neue Projektleiterin vor die Nase gesetzt bekommt. Wie diese Dora Kilic zu Krass und Peinlich kam und was sie so alles im Schilde führt; für die Mitarbeiter passt zunächst so gar nichts zusammen. Bis Gitte während einer Urlaubsvertretung die falsche Schreibtischschublade öffnet. Und Franziska beim Besuch ihrer Tante in der Klapsmühle Sophie Prandtner trifft. Dann nämlich vereinigen sich zwei Geschichten, und Gitte kann endlich aufdecken, was für ein fieses Spiel Dora mit allen gespielt hat.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Lebensgeschichten & Schicksale" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Bastian Schmitz

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Lebensweisheiten von Bastian Schmitz (Sonstige)
Die Hilfe der Sophie von Pit Staub (Lebensgeschichten & Schicksale)
ich bin ein Mensch... von Rüdiger Nazar (Trauriges / Verzweiflung)