Norman Dunfield

Frostig

Es ist noch früh am Morgen und ich blicke aus dem Fenster.
Das lautlose Klirren der eisigen Kälte hat die Dächer der
Häuser mit weißen Kristallen überzogen. Die Nacht war
frostig. Aus den Schornsteinen quälen sich weiße Rauch-
wolken und die letzten bunten Blätter an den Bäumen
wirken wie Abschiedsbriefe des Sommers. Einige dick
eingemummte Menschen sind bereits auf der Straße.
Sie gehen entweder zur Arbeit oder zum Bäcker. Zu
dieser Jahreszeit sind frische warme Brötchen schließlich
Festtage für den Magen. Auch der alte Hubert ist schon
unterwegs. Er ist fast 80 Jahre alt und trägt wie immer
seine zerschlissene Adidas-Tasche über der Schulter.
Dieses Accessoire ist anscheinend ein Überbleibsel
seiner eigenen Konfirmation; aber schließlich hat jeder
etwas, woran er hängt.
 
Ich werde heute auf meinen Morgenkaffee verzichten und
mir stattdessen einen Tee zubereiten. Das passt irgendwie
besser zu Herbst und Frost, zu dessen Opfer anscheinend
auch der Nachbar geworden ist. Sein Kopf steckt ratlos
unter der Motorhaube seines Autos. Wahrscheinlich hat ihn
seine Batterie verlassen, was bei diesen Temperaturen auch
kein Wunder ist. Übrigens geht er jeden Abend mit Socken
ins Bett   -   weil er keine Frau hat.
 
Leise blubbert die Rippenheizung unter meinem Fenster
vor sich hin und verleiht dem Raum eine anonyme Wärme.
Viel lieber würde ich jetzt vor einem knisternden Kamin
sitzen, aber man kann eben nicht alles haben.
 
Jetzt ist der Tee fertig und ich muss das Fenster sich selbst
überlassen. Vielleicht kann ich in den nächsten Tagen noch
weitere frostige Eindrücke sammeln, denn bis zum Frühling
ist es noch ein sehr weiter Weg.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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