Aleksandar Gievski

Mein Leben retten (aus der 3er Reihe)

23.08.2019 17:00

Ich warf den tennisballgroßen Stein in einem weiten Bogen über das Brückengeländer. Ich wünschte mir in diesen Moment, gut gezielt zu haben. Ich wünschte mir, gut geworfen zu haben. Als der Stein durch die Windschutzscheibe des schnell heran fahrenden Autos schlug, war ich entsetzt darüber getroffen zu haben. Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass so ein Wurf sein Ziel trifft? Nicht sehr hoch. Nur in meiner Situation ist die Wahrscheinlichkeit vorherbestimmt.
DerFahrer riss den Wagen nach links. Mit einem ohrenbetäubenden Lärm knallte er gegen die Mittelleitplanke und überschlug sich zur Seite. Der Wagen verschwand in der Luft, unter die Brücke. Ich lief auf die andere Seite zum Geländer. Ich hörte wie Metall auf Metall schlug, zerbarst und sich verformte. Glas zerbrach. Dann sah ich, wie der Wagen, sich weiter um seine eigene Achse drehend, mit voller Wucht in einem entgegenkommenden Auto landete und dessen Dach eindrückte. Kurz darauf war Stille. Hinter mir ging die Sonne unter. Mein starrer Blick konnte sich von der Zerstörung unter mir nicht abwenden. Ich spürte wie sein Schatten über meinen Rücken kroch. Er stand hinter mir. Die Kälte seines Schattens stach wie tausend Nadeln in meine Haut. Ich drehte mich langsam um. Er - ein großer, alter Mann in einem schwarzen Mantel und dünn wie ein Besenstiel, stand da und sah über mich hinweg. Seine Augen waren ausdruckslos, aber sein Lächeln konnte einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.
„Wie viel Zeit habe ich jetzt?“, fragte ich ihn.
„Sechs Stunden mein Freund. Sechs Stunden.“ , sagte er, ohne mich anzuschauen. Also drei Tote.

23.08.2019 7:00Uhr

Ich blinzelte. Das helle Tageslicht tat mir in den Augen weh. Über den dreckigen Fußboden erstreckte sich, durch ein Fenster hinter mir, die Morgensonne in den Raum. Das Licht ließ dieses heruntergekommene Zimmer fast friedlich erscheinen.
Ich war stark verkatert und in meinem Kopf spielte eine Blasmusikkapelle wilden Trashmetal und in meinem Magen tanzten die Fans dazu. Über meiner Hüfte lag ein Arm. Wer war das? Die Erinnerung an die vergangene Nacht war noch nicht hochgeladen.
Die vergangene Woche war ganz schön turbulent gewesen. Zuerst habe ich meine schwangere Freundin allein gelassen und dann habe ich versucht die letzten drei Jahre wieder aufzuholen. Ich habe unserer Ersparnisse genommen und die Party steigen lassen. Das Familienleben war einfach zu viel für mich. Nur wo war ich hingekommen? Hier- in einer Bruchbude und lag auf einer stinkenden Matratze. Das war so nicht geplant. Ich musste hier schleunigst weg. Als ich die dünne und zarte Hand aufhob, bemerkte ich sofort wie kalt sie war. Vorsichtig legte ich die Hand auf die Matratze und drehte mich langsam um. Ein lauter Schrei brach aus meiner Kehle aus. Der Anblick versetzte mir einen Adrenalinschub. Ich schob mich wild von der Matratze auf den Fußboden. Vor mir lag ein totes Mädchen. Sie konnte nicht älter als achtzehn Jahre alt gewesen sein. Ihre Augen waren weit aufgerissen und aus ihrem Mund tropfte weißer Schaum. Durch mein freistrampeln von der Decke, sah ich, dass sie unten herum nichts an hatte. Dann sah ich an mir herab. Meine Hose hing unten an meinen Knöcheln. Hatten wir Sex? Tabletten kullerten von der Matratze auf den Boden.
„Verdammte Scheiße! Was habe ich getan?“
„Du hast es krachen lassen, und das ziemlich derb.“, antwortete mir eine Frauenstimme. Ich sah in die Richtung woher die Stimme kam. An der gegenüber liegende Wand saß eine Frau lässig auf einen alten Holzstuhl, der an die Wand gekippt war. Sie war gekleidet wie eine Bikerin.
Biker Boots, Blue Jeans, schwarze Lederjacke, lange gewellte blonde Haare und eine Zigarette zwischen den Zähnen.
„Das war eine respektable Leistung, du egoistisches Arschloch. Wenn es nach mir ginge, würde ich dich zur Hölle schicken. Aber jemand gibt dir noch eine Chance dein Leben auf die Reihe zu bringen. Du musst dich nur von all deinen schlechten Eigenschaften befreien. Du musst sie alle exekutieren, um wieder herauszufinden, was wirklich wichtig ist. In etwa zwei Stunden wird dich ein alter Freund von mir besuchen. Er wird dir helfen, deine Probleme loszuwerden. Leg dich nicht mit ihm an. Es würde nichts nützen. Er kann ganz schön grauenhaft sein.“
Die Frau stand auf und ging nonchalant aus dem Raum. Als die Schritte weit genug weg waren, sprang ich auf, zog meine Hose hoch und suchte meine Sachen zusammen. War das ein Traum? Hatte ich Halluzinationen? Das Mädchen lag immer noch reglos auf der Matratze. Mein schlechtes Gewissen brannte in meinem Bauch. Gerade als ich die Decke über das Mädchen gelegt hatte, hörte ich von draußen wie ein Auto gestartet wurde. Ich sprang auf und schaute aus dem Fenster. Ein alter 3er BMW fuhr mit quietschenden Reifen davon.

 

23.08.2019 9:00Uhr

Weg, weg, weg. Einfach nur weg. Ich wollte nicht laufen; ich musste es. Zuerst lief ich wahllos umher, bis ich wieder die Orientierung gefunden hatte. Dann hatte ich ein Ziel. Micky war der Typ, der mir die Drogen verkauft hatte. Die Überzeugung, dass das alles nur eine Halluzination gewesen war, ließ mich nicht los. Unterwegs fand ich ein kleines Mädchenfahrrad, mit dem ich weiter fuhr. Als ich in die Straße einbog, in der Mickys Haus stand, sah ich ihn wie er gerade vor seiner Garage stand und an seinem Auto rum bastelte. „Micky!“, schrie ich und ließ das Fahrrad in einen Busch hinein rollen. Micky schaute verwundert in meine Richtung.
„Theo, wieso schreist du so, du Idiot?“
„Wir müssen reden.“, sagte ich; total aus der Puste.
„Okay, aber nicht hier. Gehen wir in die Garage.“ Micky war ein Hüne. Aufgepumpt wie ein Ochse. Die Adern an seinen Oberarmen sahen aus, wie eine 3D Abbildung der Landschaftskarte von Hessen.
„Hey Mann, was war das für ein Zeug, was du mir verkauft hast?“
„Was soll denn der Scheiß. Das war 1A Qualität.“
„Scheiß auf Qualität. Ich hab seit heute Morgen die schlimmsten Halluzinationen der Welt. Glaube ich. Oder hoffe ich.“
„Also, diese Nebenwirkung ist neu. Erbrechen, Ausschlag, Kopfschmerzen oder schlimme Depressionen kann ich verstehen, aber Halluzinationen hör ich zum ersten Mal. Ich nehme die Dinger selbst oft, aber so etwas…“
„Du kannst dir nicht vorstellen, was ich durchmache. Da war dieses tote Mädchen und so eine Ledertussi, die mir irgend so einen Spinner an den Hals jagen möchte.“
„Wow, wow, wow. Du hast was mit einem toten Mädchen zu tun und kommst dann zu mir. Ich glaub du spinnst!“
Wie aufs Stichwort kam ein alter Mann, in einem schwarzen Mantel, die Einfahrt herauf. Er war riesig und spindeldürr und kam direkt auf uns zu. Ein Meter vor uns blieb er stehen und schaute uns einfach an.
„Kannst du ihn sehen?“, fragte ich Micky.
„Ich bin ja nicht blind.“, antwortete er mir und sprach den Mann direkt an.
„Was zur Hölle wollen Sie hier?“
Seine Augen wanderten abwechselnd zwischen Micky und mir. Dann blieben sie bei mir stehen und er sagte: „Deine letzte Chance, Theo. Du musst das Böse loswerden.“ Mickys Geduld hatte ein Ende.
„Verschwinden Sie aus meiner Garage oder es passiert ein Unglück“ Micky wollte losstürmen aber ich hielt ihn auf.
„Die Ledertussi hat gesagt, dass ich ihm nichts tun darf. Er ist vielleicht gefährlich. Lass mich mit ihm reden.“
Ich drehte mich zu dem alten um. Mein ganzer Körper zitterte und meine Worte klangen hysterisch.
„Was wollen Sie von mir? Was soll ich tun?“
„Du musst das Böse los werden.“
„Was heißt das? Verdammte Scheiße, ich verstehe das nicht.“
Um meinen Worten mehr Ausdruck zu verleihen, schlug ich mit voller Kraft auf einen Werkzeugwagen, der direkt neben mir stand. Es schnallte ein Schraubenzieher in die Luft und flog nach hinten. Dieses Ding stach direkt in Mickys rechtes Auge. Micky geriet augenblicklich in Panik. Er wollte an uns vorbeilaufen, blieb aber an dem Werkzeugwagen hängen und stolperte. Wie in Zeitlupe flog diese Masse an Körper an mir vorbei und landete der Länge nach auf dem harten Boden. Durch den Aufprall stieß er sich den Schraubenzieher durch seinen Kopf, dass die Spitze seine hintere Schädeldecke durchbrach. Ich war einer Ohnmacht nahe. Meine Beine wurden schwach und ich landete auf meinem Hintern. Der Alte schaute mich nur an und sagte: „Wir sehen uns in zwei Stunden wieder.“

 

23.08.2019 11:00

Hey Theo, wieso siehst du denn so scheiße aus?“, fragte mich Pat und schloss die Tür hinter uns zu.
„Alter, ich bin fett im Arsch.“
„Das kann man sehen und riechen. Komm gehen wir in die Küche, der Felix ist auch da.“
Felix stand an der Kochinsel und las eine Zeitung. Er blickte nach oben und begrüßte mich. Die zwei waren meine besten Freunde, schon von der Grundschule an. Sie lebten in einer WG zusammen mit noch einem Typen, dessen Namen ich mir nie merken konnte. In der letzten Woche durfte ich ein paarmal bei ihnen übernachten.
„Du siehst ja scheiße aus.“, sagte Felix und versuchte charmant dabei zu wirken.
Habt ihr zwei euch abgesprochen?“, fragte ich und schaute beide an.
„Ich habe ein Problem von galaktischem Ausmaß.“
Der Typ, dessen Name mir nicht einfiel, kam in die Küche.
„Wer hat ein Problem? Oh, hi Theo.“
„Hi…“
„Er heißt Alex.“, sagte Pat.
„Das weiß ich doch! Jetzt unterbrecht mich nicht die ganze Zeit, ich habe was zu erzählen.“
„Willst du davor noch einen Kaffee oder eine Dusche?“, fragte Felix und grinste mich an.
„Nein! Ich habe nicht mehr viel Zeit, deswegen hört mir zu. Letzte Nacht ist irgendetwas Schlimmes passiert, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Vor paar Stunden bin ich, in einer Bruchbude, aufgewacht und neben mir lag ein totes Mädchen. Dann hat mir eine Blonde Bikertussi gesagt, dass mich in zwei Stunden ein alter Kerl aufsuchen wird, weil man mir noch eine Chance gegeben hat. Dann ist sie mit ihren BMW weg gefahren. Ich konnte nicht glauben, dass das real war, darum bin ich zu Micky, der mir den Stoff in dieser Woche verkauft hat, gelaufen, um ihn zu fragen, was das für Dreck war. Als ich mit Micky darüber gesprochen habe, kam auf einmal dieser alte Kerl. Der hat irgendwas davon gequasselt, dass ich das Böse los werden muss.“ Ich stellte mich hinter die Kochinsel und wurde wieder nervös.
„Was ist dann passiert?“ fragte Pat.
„Dann… habe ich Micky ausversehen umgebracht.“
„Das muss echt harter Stoff gewesen sein, den du dir reingeballert hast. Du glaubst doch nicht, dass wir dir glauben?“, sagte Felix.
„Ihr müsst mir glauben. Der alte Kerl verfolgt mich. Und, soll ich euch was sagen“, die letzten Worte konnte ich nur flüsternd aussprechen, „ich denke er ist der Tod.“
Nachdenkliches Schweigen. Dann fingen sie an, im Chor zu lachen.
Natürlich lachten sie. Hätte mir jemand, diese absurde Geschichte, vor Vierundzwanzig Stunden erzählt, hätte ich ihn auch ausgelacht. Jetzt konnte ich nicht lachen. Ich sah auf Mickys Armbanduhr, die ich ihm abgenommen hatte bevor ich aus der Garage verschwand (er brauchte sie ja nicht mehr) und wusste, dass die Zeit um war. Es klopfte jemand an die Tür.
„Wer ist das? Willst du uns einen Streich spielen?“, fragte mich Felix.
„Das Klopfen kam nicht von der Haustür“, sagte Alex und deutete auf die Tür gegenüber der Küchentür, hinter der sich eine Garderobe befand. Wieder Klopfen. Alex ging hin und öffnete die Tür. Da stand er, der alte Sack. Er ging an Alex vorbei und betrat die Küche.
„Hallo Theo, es wird wieder Zeit, das Böse loszuwerden.“
„Glaubt ihr mir jetzt?“
Pat und Felix nickten gleichzeitig mit ihren Köpfen. Ich sah dem Alten direkt in die Augen. Mit einem wütenden Schrei, packte ich den Messerblock der vor mir stand und warf ihn in seine Richtung.
„Du kriegst mich nie!“, schrie ich und nahm eine Pfanne und sprang damit auf die Kücheninsel hoch.
Als ich zum Sprung ansetzen wollte, stieß ich mit meinem Kopf gegen das Metallgitter, welches mit Ketten über der Kochinsel fest gemacht wurde. Der dumpfe Schlag ließ mich zur Seite fallen. Ich landete hart auf den Boden. Meine Lichter gingen aus. Ich hörte nur noch die Stimme von dem alten Kerl.
„Gut gemacht, mein Junge. Jetzt hast du sechs Stunden.“

 

23.08.2019 16:45Uhr

Es war alles schief gelaufen. Wenn man es hundertmal geprobt hätte, wäre immer noch ein stümperhafter Versuch daraus entstanden, diese Einlage nachzuahmen.
Ich bin erst nach einigen Stunden zu mir gekommen. Die Küche sah aus, als ob eine Handgranate eingeschlagen hätte. Pat, Felix und… der Typ, dessen Namen ich wieder vergessen hatte, waren tot. Und ich war schuld daran. Der fliegende Messerblock hat den Typen erledigt. Das Metallgitter hat Felix den Kopf eingeschlagen. Als ich von der Kücheninsel fiel, bin ich auf Pat gelandet. Der flog, mit dem Rücken, über einen Stuhl und brach sich das Genick. Aus Angst, die Polizei könnte mich erwischen, bin ich abgehauen. Aber vielleicht wäre das das Beste. Sich stellen. Aufgeben. Die Hände in die Luft und die Beine auseinander. Zugeben, ein Mörder zu sein. Mich wegsperren zu lassen, ins Gefängnis. Was? Ins Gefängnis? Keine gute Idee. Da drinnen würden sie aus mir ein thailändisches Zimmermädchen machen. Es musste einen anderen Ausweg geben. Nur hatte ich keine Idee und die Zeit lief mir davon. Zeit. Zeit spielte eine große Rolle, in diesem Spiel. Als ich mit dem toten Mädchen aufgewacht bin, bekam ich zwei Stunden von der Bikertussi, bis der Alte auftauchte. Und bei Micky, den ich ausversehen kalt gemacht habe, waren es wieder zwei Stunden. Jetzt waren es sechs Stunden. Hieße das, für jeden Menschen, den ich töte, durfte ich zwei Stunden länger…was? Leben? Wie lange konnte man sein Leben auf diese Weise hinauszögern? Und warum war es so einfach? Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es wieder so weit war. Ich stand auf einer Autobahnbrücke. In der Hand hielt ich einen tennisballgroßen Stein. Meine Augen waren geschlossen und ich ließ mir von der untergehenden Sonne mein Gesicht wärmen.

 

23.08.2019 23:00Uhr

Endlich hatte ich eine Idee und einen Plan. Alles was ich brauchte war mehr Zeit. Und diese holte ich mir jetzt.
Ich fuhr, immer noch mit dem Mädchenfahrrad zu der Firma bei der ich, auch wenn ich die ganze Woche blau gemacht hatte, angestellt war und nahm mir etwas Material und einen Firmenbus. Dann fuhr ich zu einer Disco mit dem Namen Space. Vor einigen Tagen hatte ich ein Plakat gelesen, auf dem stand, dass heute Abend im Space eine Schaumparty stattfinden sollte. Der Parkplatz war noch leer, trotzdem fuhr ich weiter hinter, um weniger aufzufallen, so wie dieser silberne Golf, der da parkte. Mit Schwung bog ich in die Parklücke nach dem Golf ein. Es überraschte mich nicht im Geringsten, als ich den jungen Mann, der neben seinem Auto kniete und einen Joint rauchte, frontal mit der Schnauze des Wagens, traf. Naja, die Zeit war um und ich bekam zwei Stunden Zeit.

 

24.08.2019 1:00Uhr

Alles war vorbereitet. Die Disco war voll und die Schaumparty in Gange.
Rein zu kommen war kein Problem. Die Mitarbeiter kannten mich, weil ich oft bei Umbauten da gewesen bin um neue Stromleitungen zu verlegen oder Reparaturen vorzunehmen. Sie ließen mich in die Technikräume. Von dort aus legte ich ein Kabel, versteckt unter einer Bühne, zur Tanzfläche. Dann überbrückte ich alle notwendigen Teile und klemmte das Kabel an den Hausanschluss. Umschaltung. Das Licht flackerte. Die laute Musik erstarb. Der Anschlusskasten schmolz und Funken sprühten in alle Richtungen. Das Kabel fiel zu Boden. Lautes Geschrei war zu hören. Flaschen und Gläser rollten über den Boden und zerbrachen. Der Technikraum brannte und ich lief hinaus. Es stank fürchterlich, nach verbranntem Fleisch. Die Notbeleuchtung war angesprungen und just im Moment fingen die Feuermelder an zu piepen. Als ich über die Tanzfläche rannte, um zu den Notausgängen zu gelangen, stolperte ich permanent über Körper, die im Schaum lagen. Um mich herum herrschte Chaos, wie es in der Hölle nicht schlimmer sein konnte. Als ich es dann zu den Notausgängen geschafft hatte, sah ich links neben der Tür den alten Kerl lässig, mit einer Kippe im Mund, an der Wand stehen.
„Wie viel Zeit?“
„Vierunddr… warte. Sechsundreißig Stunden.“

 

24.08.2019 7:47Uhr

Den Rest der Nacht bin ich umhergefahren, um ein sicheren Platz zu finden. In den paar Stunden, in denen ich geschlafen hatte, wurde ich von quälenden Alpträumen heimgesucht. Es musste ein Ende nehmen. Da war nur noch eine Sache, die ich zu erledigen hatte.
Mit dem Schlüssel in der Hand, stand ich vor unserer Wohnungstür. Nach fast zehn Minuten steckte ich ihn wieder in die Hosentasche und betätigte die Klingel. Gina öffnete die Tür. Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben. Was ich gut verstand, denn ich stank und sah aus wie alles was eine dreckige Gosse zu bieten hatte. Hätte sie mich in diesen Moment angespuckt, verflucht und die Tür zu gehauen, hätte ich es verstanden. Ich hätte ihr die Rose, die ich draußen gepflückt hatte, auf die Fußmatte gelegt, leise um Verzeihung gebeten und wäre für immer aus ihrem Leben verschwunden. Das tat sie aber nicht. Aus Entsetzen wurde Erleichterung. Tränen flossen ihr direkt aus den Augen. Sie nahm mich in die Arme und drückte mich. Nach alledem was ich Arschloch angestellt hatte, zeigte sie mir ihre Zuneigung. Ich konnte nicht mehr und fing auch an zu weinen. Freudentränen, wie ich sie davor noch nie vergossen hatte. Dann spürte ich einen schweren Gegenstand in meiner Hand. Ich trat einen Schritt zurück und wischte mir die Tränen aus den Augen. Aus der Rose war eine Pistole geworden. Hinter meiner Freundin stand der alte Kerl.
„Was willst du von mir? Ich hab noch Zeit.“
„Ach, mein Freund. Bring es doch einfach zu Ende. Dieses eine Mal noch und ich verspreche dir, dass du für immer frei bist.“
„Was? Das werde ich nicht tun. Niemals!“
Gina sah den alten Kerl und erschrak und stämmte sich gleich an die Wand.
„Tu es.“, sagte er mit ruhiger Stimme. Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte, die Waffe auf ihn zu richten.
„Du willst also, dass ich alles Böse aus meinem Leben liquidiere?“, fragte ich und der Alte nickte zustimmend mit dem Kopf. „ Sie ist nicht böse. Das Schlimmste in meinem Leben „, ich sah zu Gina und flüsterte ihr, Verzeih mir, zu. „bin ich.“ Ich hielt mir die Waffe an die Schläfe und drückte ab. Ginas Schrei halte nach.

 

23.08.2019 7:00Uhr

Ich blinzele. Das helle Tageslicht tut mir in den Augen weh. Die Morgensonne scheint über den dreckigen Fußboden. Hinter mir hustet ein Mädchen. Ich muss ihr Leben retten. Ich muss mein Leben retten.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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