Claudia Savelsberg

Das Frauenzimmer und sein Wiesmann

Schon in der Kindheit benahm sich Gerlinde merkwürdig. Das dachte zumindest die Familie; denn das Kind zeigte für ein Mädchen wenig verhaltenstypische Muster oder was man darunter verstand. Vielleicht hatte das mit ihrem Namen zu tun, den sie absolut nicht mochte. Ihr älterer Bruder Herbert nannte sie liebevoll „Lindi“, aber das fand sie noch schlimmer. Gerlinde spielte nicht gerne mit Puppen. Zu Weihnachten bekam sie von ihrer Großmutter eine Baby-Puppe geschenkt, die man füttern und windeln konnte. Kaum war der Heiligabend zu Ende, da landete das unschuldige Wesen in der Spielzeug-Kiste, und die Großmutter war zutiefst beleidigt vom Undank ihrer Enkeltochter. Später bekam Gerlinde eine glitzernde Barbie, die man frisieren und immer wieder neu anziehen konnte, aber auch die gefiel ihr nicht, und Barbies Freund, den sonnenverbrannten Ken, konnte sie einfach nicht ausstehen. Gerlinde strafte das Plastik-Paar mit Verachtung und Ignoranz. Stattdessen spielte sie liebend gerne und ausdauernd mit den Autos ihres Bruders, und als Herbert zum Geburtstag eine Carrerabahn geschenkt bekam, war ihr Glück perfekt. Was für eine spannende Sache, die kleinen Rennwagen um die Wette rasen zu lassen. Viel aufregender als eine Puppe zu frisieren.

Herbert, der vier Jahre älter war als Gerlinde, kannte schon die wichtigsten deutschen und internationalen Automarken, wusste über PS-Zahlen und Höchstgeschwindigkeit Bescheid. Gerlinde bewunderte ihn dafür und hing an seinen Lippen. Sie hatte ihren eigenen Kopf und ließ sich auch nur nach heftiger Gegenwehr in die mädchen-typischen Kleider stecken, die Großmutter und Mutter so hübsch fanden. Gerlinde fühlte sich darin unbehaglich und latschte bei den sonntäglichen Spaziergängen, die sie ebenfalls nicht mochte, gelangweilt hinter den Erwachsenen her.

Manchmal bezweifelten Großmutter und Mutter ernsthaft, dass in Gerlinde irgendwo doch noch ein kleiner weiblicher Kern steckte. Die Mutter hing dem Ideal der sogenannten „Höheren Tochter“ nach und wollte, dass Gerlinde ein Instrument lernt. Klavier, das hätte ihr gefallen. Aber der Unterricht und die Anschaffung eines Klaviers überstiegen die finanziellen Möglichkeiten. Die Großmutter schleppte dann irgendwann eine Gitarre zum Geburtstag ihrer Enkelin an. Gerlinde zog ein fürchterliches Gesicht und murmelte ein halbherziges Dankeschön. „Ich wünsche dir viel Spaß, Lindi!“ grinste Herbert frech. Konnte er nicht endlich damit aufhören, sie Lindi zu nennen?

Also ging Gerlinde zum Gitarrenunterricht: ihr Lehrer, der sich für sein Studium ein bisschen Geld dazuverdienen wollte, war in ihren Augen absolut süß und mit seinen einundzwanzig Jahren schon ein total erwachsener Mann. Sie schmachtete ihn verliebt an und bemühte sich, wenigstens die einfachsten Griffe zu lernen. Hatte aber wenig Zweck: er ließ Gerlindes Mutter schnell wissen, dass ihre Tochter wenig bis kein Talent zur Musik hatte. Das war Gerlinde ganz recht.

Ihr Bruder Herbert hatte sein erstes Moped gekauft und saß oft stundenlang in der Garage, um zu schrauben und zu basteln. Gerlinde schaute ihm interessiert zu. Manchmal durfte sie ihrem Bruder sogar einen Schraubenschlüssel aus dem Werkzeugkasten anreichen, was sie mit Stolz erfüllte. „Lindi, weißt du, man kann das Moped auch frisieren. Dann bringt es mehr Leistung und läuft schneller. Verstehst du?“, belehrte er die kleine Schwester. Das fand Gerlinde höchst aufregend. Als Herbert sein erstes Auto bekam, war Gerlinde nur noch in der Garage, am liebsten hätte sie dort übernachtet. Fasziniert schaute sie ihrem Bruder zu, wenn er kleine Lackschäden reparierte. Als sie ihm beim Polieren helfen durfte, war sie glücklich. Mit Hingabe blätterte sie in seinen Automagazinen.

Dann kam die Pubertät; Hormone, Akne und der erste Liebeskummer ließen Gerlindes Faszination für Autos kurzfristig in den Hintergrund treten. Die Mitschülerinnen auf dem katholischen Mädchengymnasium, in das man Gerlinde verfrachtet hatte, begannen sich zu schminken. Es wurde gezupft, getuscht und gemalt, und das Ergebnis dieser Aktion musste in jeder Schulpause überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden. Zuviel Aufwand, befand Gerlinde. Kichernd wurde über Jungen geredet, Gerlinde wusste genau, was sie wollte: einen Mann, der genau so viel Ahnung von Autos hatte wie ihr Bruder. Dann die ewigen Diskussionen über Klamotten. Ihre Freundinnen kannten die angesagten Marken. Gerlinde hingegen wusste, was ein „Schroth-Gurt“ ist und kannte die Firma „Abt-Tuning.“ Damit konnte sie allerdings nicht punkten.

Im zarten Alter von sechzehn Jahren schockierte sie die weiblichen Mitglieder ihrer Familie mit der dezidierten Äußerung, dass sie nie heiraten werde und also auch keine Kinder wollte. Großmutter und Mutter zuckten die Schultern. Irgendwann würde schon der Richtige kommen, selbst für Gerlinde. Kurz vor dem Abitur stellte die Klassenlehrerin die Frage, was die jungen Damen studieren wollten. Gerlinde verkündete mit Überzeugung, dass sie Sinologie studieren wollte. Dann könnte sie als Übersetzerin und Dolmetscherin arbeiten. Die Klassenlehrerin lächelte, Gerlinde war eben etwas merkwürdig.

Gerlinde schrieb sich an einer Universität ein und kaufte sich einen Kleinwagen, damit sie am Wochenende nachhause fahren konnte. Das Gefährt kam immerhin auf eine Höchstgeschwindigkeit von 140 Stundenkilometern. „Aber nur mit Rückenwind“, feixte Herbert, der sich köstlich amüsierte, wenn Gerlinde das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat, um ein bisschen mehr Tempo rauszuholen. „Mit 80 PS kann man sich fortbewegen, ab 120 PS fährt man“, erklärte Gerlinde im Brustton der Überzeugung und war sich der Zustimmung ihres Bruders sicher. Ihren Kleinwagen, den sie gebraucht gekauft hatte, pflegte Gerlinde akribisch, und ihr Bruder zeigte ihr, wie man kleinere Schäden selbst repariert. Anschleifen, abschleifen, spachteln, feinschleifen, lackieren. Das tat sie gerne. Ihr Bruder schenkte ihr bewundernde Blick, ihre Studienkolleginnen, die sich mehr den frauenspezifischen Aufgaben und den Hochglanzmagazinen widmeten, konnten sie einfach nicht verstehen.

Herbert hatte sich ein Motorrad gekauft und erklärte ihr bis ins Detail, warum er sich für diese Marke entschieden hätte. Um seine Argumente zu untermauern, drückte er Gerlinde Fachzeitschriften in die Hand. „Lindi, da kannst du alles nachlesen. Und wenn du das als Frau nicht verstehst, dann guckst du dir einfach die schönen Bilder an.“ Dabei grinste er frech, und sie knuffte ihm mit dem Ellebogen in die Rippen. Konnte er nicht einfach mal aufhören, sie Lindi zu nennen?

Sie waren beide erwachsen, pflegten aber immer noch die lieben alten Gewohnheiten. Wenn Herbert in der Garage saß und an seinem Motorrad schraubte, dann reichte Gerlinde ihm wieder die Schraubenschlüssel, und langsam wuchs in Großmutter und Mutter die Sorge, dass sich Gerlindes weiblicher Kern wohl nie entwickeln würde. Nach dem Studium arbeitete Gerlinde dann als freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin, wie sie es geplant hatte. Sie liebte ihre Arbeit. „Sei immer nett und freundlich, Lindi“, ermahnte Herbert sie. Konnte er nicht einfach mal aufhören, sie Lindi zu nennen?

Zehn Jahre nach dem Abitur bekam Gerlinde die Einladung zu einem Klassentreffen. Dass Gerlinde ihr Studium tatsächlich abgeschlossen hatte, überraschte nicht weiter. Die Freundinnen kannten sie gut genug. Aber Sinologie? Und jetzt war sie Übersetzerin und Dolmetscherin. Das fiel doch ganz eindeutig aus dem Rahmen. Keine der anwesenden Frauen konnte verstehen, warum Gerlinde nicht geheiratet hatte und warum sie keine Kinder wollte. Gerlinde verabschiedete sich unter einem Vorwand, sprang in ihren Sportwagen, gab ordentlich Gas und verschwand. „Unsere Gerlinde war eben immer schon ein bisschen merkwürdig“, resümierten die ehemaligen Freundinnen und nippten zierlich an ihrem Prosecco.

Die Sorge von Großmutter und Mutter, dass Gerlindes weiblicher Kern sich nie richtig entwickeln würde, erwies sich im Laufe der Jahre als unbegündet. Natürlich interessierte Gerlinde sich für Mode, aber es war nicht ihr Lebensinhalt. Beim Friseur oder im Wartezimmer des Hausarztes las sie auch gerne mal Hochglanzmagazine, aber gekauft hätte sie die Frauenzeitschriften nie. Das Geld investierte sie lieber in Autozeitungen; denn ihre Leidenschaft für Autos war nach wie vor ungebrochen. In ihrer Freizeit besuchte sie gerne Automessen oder Ausstellungen, stöberte auf Flohmärkten nach alten Autoschildern und Zubehör, fotografierte mit Leidenschaft Oldtimer.

Eine gute Freundin, die sich aus Überzeugung zur „Emanze“ erklärte und keinerlei Wert auf Mode und Make-up legte, brachte Gerlinde feministische Zeitschriften mit, in denen ganz ernsthaft über die Begrifflichkeit „Frau“ diskutiert wurde. Gerlinde war nicht sonderlich an einer solchen Diskussion interessiert, aber der Freundin war dieses Thema offensichtlich wichtig. Frau, Weib, Weibsbild oder Frauenzimmer. Alles hätte doch in den Augen von Männern einen negativen Beigeschmack meinte die Freundin, die dabei heftig an den Trägern ihrer lilafarbenen Latzhose zerrte und den netten Kellner, der sie im Bistro bediente, fast schon feindselig musterte. Gerlinde hatte ihre eigene Meinung dazu. Sie hatte eben immer ihre eigene Meinung. „Frau“ sei nun mal die wertneutrale Geschlechtsbezeichnung erklärte sie ihrer Freundin. Bei Weib oder Weibsbild könnte man noch diskutieren, ob dies abfällig gemeint sein könnte. Am besten gefiele ihr „Frauenzimmer“, weil es einfach frech klingen würde und sehr viel Raum für positive Assoziationen geben würde. Die Freundin, die sich von Gerlinde in ihrem emazipatorischen Bestreben nicht ernstgenommen fühlte, verabschiedete sich relativ schnell. Gerlinde beschloß, sich fortan einfach „Frauenzimmer“ zu nennen und teilte dies im Brustton der Überzeugung auch ihrem Bruder mit. Selbst durch das Telefon konnte sie sein Grinsen sehen: „Lindi, du Frauenzimmer du, wirst du nie erwachsen?“ Konnte er nicht einfach mal aufhören, sie Lindi zu nennen?

Dann kam der Tag der Offenbarung. Gerlinde blätterte in einem Automagazin und fand einen Testbericht über einen Roadster der Marke „Wiesmann.“ Die Firma war in Westfalen ansässig und nannte sich „Automanufaktur“. Der Testbericht war natürlich bebildert, und beim Anschauen der Fotos drohte Gerlinde in Schnappatmung zu verfallen. Eine „Au-to-ma-nu-fak-tur“, dachte Gerlinde und verfiel in schiere Begeisterung. Liebevoll handgefertige Wagen, was schon der Begriff Automanufaktur aussagte, in einer kleinen Auflage. Nein, der Wiesmann war kein Auto. Der Wiesmann war eine erotische Verführung auf vier Rädern. Gerlinde wusste, dass sie sich niemals einen Wiesmann leisten könnte. Aber das war ihr egal. Andere Frauen schwärmten von einem Traummann, den sie dann nicht bekamen. Sie hatte ihre Leidenschaft für den Wiesmann entdeckt, den sie auch nie bekommen würde. Gerlinde konnte nicht gut rechnen, aber sie dachte, dass die Chance, einen Wiesmann auf der Strasse zu sehen, ähnlich gering war wie ein Sechser im Lotto. Ihr Bruder Herbert, den sie voller Begeisterung anrief, sagte nur „Lindi, komm wieder runter. Ein Wiesmann ist auch nur ein Auto.“ Konnte er nicht endlich damit aufhören, sie Lindi zu nennen?

Gerlinde sollte bei einer Konferenz dolmetschen. Sie freute sich darauf, ihren Kollegen Udo wiederzusehen. Die beiden kannten sich seit Jahren und verstanden sich gut. Udo mochte Gerlindes unangepasste Art, und er kannte ihre Leidenschaft für Autos. Er durfte sie auch „Frauenzimmer“ nennen, ein großes Privileg, das Gerlinde nur wenigen Menschen zugestand. In der Pause standen sie am Fenster der Teeküche, um eine Zigarette zu rauchen. Gerlindes Blick fiel auf den Parkplatz, und sie zupfte Udo aufgeregt am Ärmel: „Siehst du das, was ich sehe?“ Udo grinste verständnisinnig: „Na los, du Frauenzimmer. Worauf wartest du?“ Gerlinde hastete die Treppe runter zum Parkplatz. Und da stand er – der Wiesmann! Es war tatsächlich ein Wiesmann. Ihr Traumauto stand vor ihr. Gerlinde umrundete ihn und schaute ihn geradezu verliebt an, warf einen Blick ins Cockpit. Das war kein Auto – das war eine erotische Verführung auf vier Rädern. Eine Frau kam mit ihrem Hund vorbei. Sie schaute ein bißchen skeptisch auf Gerlinde, deren verzückter Blick am Wiesmann hing. Es war schon merkwürdig, wie diese Frau sich benahm.

Gerlinde hatte einen ausgeprägten Sinn für Wortspiele. Sie überlegte sich, ob der Fahrer eines Wiesmann ein Wiesmann wäre. Und wie sollte dieser Wiesmann dann aussehen? Gerlinde hatte eine Vorliebe für große dunkelhaarige Männer mit blauen Augen. Ein solcher Wiesmann in einem Wiesmann, das wäre nicht auszudenken. Seufzend schaute Gerlinde auf die Uhr, sie musste wieder zurück in die Konferenz. Wie es ihre Art war, musste sie ihrem Bruder abends gleich davon erzählen. Herbert seufzte, manchmal war selbst ihm die Autoleidenschaft seiner Schwester zuviel. Aber er lächelte sie liebevoll an: „Gerlinde, entscheide dich. Was willst du? Einen Wiesmann oder einen Wiesmann? Am besten beide, oder?“ Er hatte sie tatsächlich Gerlinde genannt, er nahm sie ernst, er verstand sie. Was für ein schöner Tag!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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