Sonja Soller

Das Geschenk

15.Februar im Jahr 1427

1.

Nebel legte sich auf ihr Gesicht als sie vor die Hütte trat. Das nächtliche Unwetter hatte heftige Spuren hinterlassen. Der Waldboden war vom Regen getränkt. Der Pfad ins Dorf war uneben und morastig.Dennoch bahnte sich mühsam die Morgendämmerung ihren Weg durch die Baumwipfel. Der Dorfschulze hatte zu dieser frühen Stunde nach ihr geschickt, seine Frau lag im Wochenbett; das vierte Kind sollte heute geboren werden.
Der Bote hatte sich schnell wieder auf den Rückweg gemacht, er fürchtete sich vor der Alten, die in ihrer gebückten Haltung schon Furcht einflößend wirken konnte. Viele holten sich ihren Rat und ihre Hilfe, meist aber im Verborgenen.
Die langjährige Erfahrung als Hebamme, hatte Elsbetha vorausahnen lassen, dass es Schwierigkeiten bei der Niederkunft geben würde.
Sara Schwering war eine sehr zarte, zerbrechliche Person, sie hätte kein weiteres Kind empfangen dürfen.
Außer den drei Kindern, die sie bereits geboren hatte, hatte sie zwei Totgeburten und einen Abortus, und nun lag die Frau des Dorfschulzen wieder in den Wehen. Elsbetha ging einen Schritt schneller, sie wollte Sara so schnell wie möglich zur Seite stehen.
Die Temperaturen waren jetzt, zum Ende des Winters immer noch recht kühl. Elsbetha trug über ihrer Tunika einen Umhang, den sie eng um ihren Körper geschlungen hatte. Das zusammengebundene Haar war von einem derben Tuch geschützt, das sie tief ins Gesicht gezogen hatte, das Schuhwerk hielt der Feuchtigkeit des Waldbodens stand, wollene Fäustlinge wärmten die Finger. Im fahlen Licht des anbrechenden Morgen war der Weg kaum zu erkennen. Elsbetha musste genau hinsehen wohin sie trat, einige Stellen waren mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Ein Straucheln in diesem Dämmerschein konnte für sie im Unglücksfall den Tod bedeuten. Sie aber eilte mit sicherem, festen Schritten dem Schweringer Hof entgegen.

Das ungeborene Kind im Leib der Frau verursachte große Schmerzen. Sara lag seit Stunden in den Wehen. Als die Hebamme eintraf, ging es der Gebärenden nicht gut. Das Gesicht bleich und nass von kaltem Schweiß, der Puls ging sehr langsam. Die Wehen hatten die Frau bereits sehr geschwächt. Die Lebenskraft war kaum noch wahrzunehmen. Aufmerksam tastete die Hebamme den stark gespannten Leib der Schwangeren ab, mit Entsetzen stellte sie fest, dass das Kind nicht in Gebärposition lag, das Kind lag quer im Mutterleib. Elsbetha versuchte ihre Unruhe zu verbergen, sie wollte die geschwächte Frau nicht unnötig beunruhigen. “Sara, ich gebe dir jetzt einen Kräutersud, der die Schmerzen lindern wird, das Kind muss im Leib gedreht werden, das wird sehr schmerzhaft sein.“  Während Elsbetha Sara beim Trinken half, betrachtete sie den stark seitlich gewölbten Leib der Schwangeren. Elsbetha legte Sara vorsichtig auf das Kissen zurück. Die Qualen und Schmerzen der Geburt sind allein den Frauen vorbehalten. Die Väter kennen weder Schmerz noch Qual der Geburt, ein kurzer Moment animalischer Lust und sie haben ihren Anteil geleistet.
Während sie die entkrampfende und betäubende Wirkung des Trankes abwartete, warf Elsbetha Holzscheite in die Glut, um ein prasselndes Feuer in Gang zu setzen, denn der Raum war klamm von dem nächtlichen Unwetter. Nachdem der Betäubungstrank zu wirken begann, glitt Sara in einen Dämmerzustand. Dann ging es ganz schnell. Entschlossen legte Elsbetha beide Hände auf den Leib und drehte das Kind kräftig in die richtige Position, führte das Kind von oben und griff beherzt mit der anderen Hand von unten nach dem Kind. Blut floss über ihre Hand. Die nächste Wehe erfasste den gequälten Körper der Gebärenden. Elsbetha griff nach dem kleinen Körper im Leib der Mutter und bewegte ihn weiter zur Geburtsöffnung, mit den Beinchen voran. Die Fruchtblase war bereits vor Stunden geplatzt. Sara stöhnte laut auf, ihr Körper bäumte sich, trotz des Betäubungsmittel verspürte sie große Schmerzen.
Erschöpft fiel sie zurück in die Kissen. Nach der nächsten Wehe war das Kind, ein kleines Mädchen, geboren. Das kleine Wesen war blau angelaufen und atmete nicht, die Nabelschnur hatte sich um den kleinen Hals geschlungen. Elsbetha durchtrennte die Nabelschnur, säuberte die kleine Nase und blies dem Menschlein den ersten Lebenshauch ein, sie gab dem Mädchen einen leichten Klaps auf das Hinterteil. Es atmete immer noch nicht. Elsbetha nahm das kleine Mädchen an den Beinen und.... ein befreiender, kräftiger Schrei. Nun war das Kind in dieser Welt angekommen.Schrei meine Kleine, damit du kräftige Lungen bekommst, schrei' kleines Mädchen.“ Elsbetha war überglücklich, sie untersuchte das Kind, es war kräftig und gesund, augenscheinlich hatte es durch die schwere Geburt keinen Schaden genommen. Elsbetha legte das Neugeborene in den kleinen, bereitgestellten Zuber mit dem warmen Wasser, damit das Kind nicht auskühlte und wusch die Spuren der Geburt ab. Bei der genauen Betrachtung des kleinen Körpers bemerkte die Hebamme in der linken Armbeuge ein rotes Mal, ein „Feuermal.“ Das Mal hatte, man musste sehr genau hinsehen, die Form von zwei geöffneten Engelsflügeln. War das ein gutes Zeichen?
Elsbetha konnte nicht sagen wieso, aber von diesem Kind ging etwas aus, das sie gefangen nahm. Eine Welle des Glücks durchfuhr sie.
Es war die schwerste Geburt seit langem, vielleicht war das der Grund für dieses unbeschreibbare Gefühl. Sie wickelte das Kind in ein Tuch und legte es in die Wiege, in der schon die drei Geschwister zuvor die ersten Monate ihres Lebens verbrachten.
Sara hätte kein Kind mehr bekommen dürfen, ihr Körper war nicht kräftig genug, um die Anstrengung unbeschadet zu überstehen. Sie war noch immer nicht bei sich, war sehr bleich, denn sie hatte viel Blut verloren, ihr Körper lag schlaff in den Kissen. Elsbetha benetzte ihre Lippen mit etwas Brandwein, um ihre Lebensgeister wieder zu beleben. „Wo ist das Kind?“ Die Worte kamen ihr nur sehr schwer über die Lippen, es kostete sie viel Kraft zu sprechen. „Sara, dem Himmel sei Dank , da seid Ihr wieder.“ Elsbetha nahm das Neugeborene aus der Wiege und legte es Sara in den Arm. „Es ist ein kleines Mädchen.“ Sara war von dem Anblick des kleinen Wesens so gerührt, dass sie feuchte Augen bekam. Zart wiegte sie das Kind im Arm und summte ein altes Kinderlied aus ihrer Heimat. Außer sich vor Freude, betrachtete die Hebamme Mutter und Kind, so liebevoll konnte nur eine Mutter ihr Kind ansehen. „Wieder ein Mädchen,“ kam es schwach über Sara`s Lippen. Der Gutsherr wird enttäuscht sein, er hatte sich so sehr einen Sohn gewünscht. - Drei Mädchen hinter einander, wie wird er darauf reagieren?“ 
Sara atmete schwer, Elsbetha konnte die Worte kaum verstehen. „Die Kleine -, Sara machte eine Pause - soll Doradea heißen, sie soll den Namen ihrer Großmutter tragen.“ Sara wollte aufstehen, um das Neugeborene wieder in die Wiege zu legen, aber es gelang ihr nicht, sie war zu schwach. Die Hebamme konnte Sara und das kleine Mädchen gerade noch halten. „ Halt, nicht so stürmisch, Ihr müsst Euch ausruhen, damit Ihr wieder zu Kräften kommt.“
Elsbetha hatte schon einige Sommer und Winter mehr gesehen und die Kräfte ließen allmählich nach, doch konnte sie Sara mühelos zurück auf ihr Lager heben. Die Schwangerschaft hatte sehr an Sara gezerrt, sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sara gab keinen Laut von sich. Elsbetha lief rasch zur Tür, sie rief einen Stallburschen: „Lauf Junge, hole den Gutsherrn. Mach geschwind, der Frau geht es nicht gut.“

Der Gutsherr hatte, als Elsbetha am frühen Morgen eintraf, das Haus verlassen, um seiner täglichen Arbeit nachzugehen. Er war der Meinung, diese „Angelegenheit“ ist allein Frauensache.

Doradea schrie und strampelte wild in ihrer Wiege. „ Du wirst ein starkes Mädchen werden, meine Kleine.“ Elsbetha nahm Doradea auf den Arm und wiegte sie liebevoll hin und her. Sie sprach mit ihr, der monotone Klang der Stimme machte das kleine Mädchen wieder schlafen. Die Kleine hatte Hunger und forderte ihr Recht. Sara aber war zu schwach, sie konnte das Kind nicht stillen. Elsbetha bereitete einen Tee , der den Säugling beruhigen sollte.

Der Schulze stürmte herein. „Sara,“ Wolfhard beugte sich über seine Frau, er sah ihren kraftlosen Körper, ihr bleiches, wächsernes Gesicht, die halb geschlossenen Augen.

Sara rührte sich nicht mehr, sie konnte ihn nicht mehr hören. Eine bedrückende, lähmende Stille erfüllte den Raum. Unverständnis war in des Mannes Augen zu sehen. Man konnte die Fassungslosigkeit körperlich spüren. Der Schock stand Wolfhard ins Gesicht geschrieben. „Sara“, Verzweiflung schwang in der Stimme. Wolfhard nahm das bleiche Gesicht, das aufeinmal wie das Gesicht eines Kindes, so rein -, so zart -, so zerbrechlich war, in seine Hände. Er wollte so ihre Lebenskraft wieder erwecken.
Sara ist nun in einer anderen, friedvolleren Welt.“
Verständnislos drehte sich Wolfhard zu Elsbetha um: „Was hast du getan, heute in der Früh war die Frau noch wohlauf und jetzt liegt sie reglos in den Kissen.“
Herr, Eure Frau war schon sehr geschwächt, es war eine schwere Geburt, sie hat viel Blut verloren. Ich versichere Euch, ich habe alles was in meiner Macht lag getan, um Eurer Frau zu helfen.“ Elsbetha sah dem Mann direkt ins Gesicht; „Das Kind, ein Mädchen - , es lebt. Eure Frau hat ihr noch einen Namen geben können, sie soll Doradea heißen. „

Wolfhard war außer sich, man konnte sagen er war wie von Sinnen, seine Bewegungen waren die eines Wahnsinnigen, er gestikulierte wild um sich. Elsbetha holte das Kind aus der Wiege und wollte es Wolfhard zeigen. Noch mehr Zorn stieg in ihm auf: „Ich will dieses Kind nicht sehen, geh, nimm dieses Unglückskind mit fort, in meinem Haus werden für dieses Todeskind die Türen verschlossen bleiben.“

Elsbetha, völlig überrascht von diesem Ausbruch der Verzweifelung, versuchte noch einmal den alten Schwering umzustimmen. “Dieses kleine Wesen ist so unschuldig am Tod Eurer Frau, wie ein neugeborenes nur sein kann.“ Liebevoll sah Elsbetha Doradea an. Wolfhard aber wandte sich seiner reglos, daliegenden Frau zu; vielleicht schlug sie die Augen wieder auf und alles war nur ein böser Traum. Sara`s Augen aber blieben geschlossen.

Gut, wenn Ihr es so wünscht werde ich die Kleine vorerst mit mir nehmen. Vielleicht ändert ihr Eure Meinung noch.“ Bevor Elsbetha noch weiter sprechen konnte, unterbrach der Wolfhard Schwering Elsbetha schroff „Ich will dieses Kind jetzt nicht sehen und auch später nicht, niemals mehr. Geh !“ Ohne Elsbetha oder den Säugling noch eines Blickes zu würdigen versank er in Trauer um seine Frau.

Elsbetha war verwirrt über diesen Gefühlsausbruch, er war zweifellos verwirrt über den plötzlichen Verlust, der ihn diese harten Worte aussprechen ließ. Elsbetha nahm die Kleine und verließ den Schweringer Hof.

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass sie dieses Haus betrat.
Fortsetzung folgt

06.11.2019 © Soso

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Sonja Soller).
Der Beitrag wurde von Sonja Soller auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Sex für Motorradfahrer von Klaus-D. Heid



Warum kann 69 bei 200 gefährlich sein? Was ist der Unterschied zwischen Kawasaki und Kamasutra? Wie kommt man am besten auf 18000 Touren? Was hat ein überfälliger Orgasmus mit kostenlosen Ersatzteilen für eine BMW zu tun? Die Welt der heißen Öfen steckt voller Fragen, auf die Ihnen Klaus-D. Heid und Cartoonistin Regina Vetter amüsant erotische Antworten geben.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Historie" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Sonja Soller

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Leserbrief von Sonja Soller (Gesellschaftskritisches)
Der Tod des Templers von Claudia Laschinski (Historie)
Spiegelscherbe von Katja Ruhland (Sucht)