Claudia Savelsberg

Eine Liebe in Florenz

 Anne und Sabine freuten sich auf ihren gemeinsamen Urlaub in Florenz. Die beiden Studentinnen hatten auf diese zehntägige Reise gespart und sich eifrig auf den Kunstgenuss, der sie in der Arno-Metropole erwartete, vorbereitet. Sabine, die etwas nüchterner war als Anne, hatte Stadt- und Kunstführer besorgt und schon ein Programm zusammengestellt mit den Sehenswürdigkeiten und Museen, die sie unbedingt anschauen wollten. Aber sie wollten sich auch gegenseitig Freiraum lassen, damit jede von ihnen Zeit für sich allein hätte.

Es war wieder so ein Tag. Sabine wollte bummeln und einkaufen, Anne zog es vor, nochmals zum Dom zu gehen, der sie faszinierte. Sie setzte sich auf die Treppenstufen und hing ihren Gedanken nach. Florenz war einfach überwältigend für sie. Plötzlich setzte sich ein Mann neben sie und fragte: „Wie wirken die Bauten von Brunelleschi auf Sie? Welches Gefühl vermittelt Ihnen die italienische Renaissance?“ Anne war etwas überrumpelt und schaute den Mann fragend an, der sich höflich vorstellte. Er hieß Peter, was Lehrer für Deutsch und Geschichte und lebte in München. Sie erzählte ihm, dass sie mit ihrer Freundin nach Florenz gekommen war. Die Chemie zwischen Anne und Peter stimmte sofort, und es entwickelte sich ein intensives Gespräch über Kunst und Kultur der italienischen Renaissance. Anne war beeidruckt von Peters Wissen und lauschte ihm andächtig.

Für den nächsten Tag verabredeten sie sich im Boboli-Garten. Er erzählte aus seinem Leben, seiner Vorliebe für klassische Musik. Sie sagte ihm, dass sie „Vergleichende Literaturwissenschaft“ studierte, weil Literatur ihre Passion wäre. Irgendwann vergassen sie alles um sich herum, hatten nur noch Augen füreinander, und als die untergehende Sonne ihre Strahlen über den Boboli-Garten schickte, nahm er sie in den Arm und küsste sie zärtlich. Anne war selig, ihr Herz raste, sie war verliebt. Abends im Hotel erzählte sie Sabine davon. Die Freundin warf sich kichernd auf die Matraze des quietschenden Bettes: „Mein Gott, wie romantisch. Das ist ja noch besser als Ingrid Bergmann und Hmphrey Bogart in 'Casablanca'.“ Anne und Peter trafen sich jeden Tag, er zeigte ihr im Palazzo Pitti eines seiner Lieblingsbilder - „La Bella“ von Tizian. Dabei lächelte er sie verliebt und vielsagend an. Manchmal waren sie auch zusammen mit Sabine unterwegs, die von Peters Kunstkenntniss und seinem ruhigen Wesen ebenfalls angetan war. Sie konnte verstehen, dass die Freundin sich in diesen Mann verliebt hatte.

Morgen würde Peter abreisen, also trafen sie sich auf einem Wochenmarkt; denn sie wollten noch Souvenirs besorgen. Im Gedränge verlor Anne ihre Freundin und Peter aus den Augen. Sie kaufte sich ein Eis, setzte sich auf eine Mauer und wartete. Irgendwann mussten die beiden ja wieder auftauchen. Die Zeit verging, und schließlich gab Anne schweren Herzens das Warten auf. Bedrückt schlich sie zurück ins Hotel, sie hatte weder Adresse noch Telefonnummer von Peter. Sie wusste nur, dass er in München lebte. Wie hätte sie ihn finden sollen? Wenig später kam Sabine, und Anne klagte der Freundin ihr Leid. Sabine lächelte: „Pass mal auf. Ich war mit Peter an einem Stand, und er wollte sich eine Schutzhülle für seinen Führerschein kaufen. Da hab ich seinen Nachnamen gelesen: Appelt.“ Jetzt lächelte auch Anne; denn in ihr keimte ein verwegener Plan. Am nächsten Tag, dem Tag ihrer Abreise, ging sie noch einmal zum Dom und in den Boboli-Garten, rief sich die Begegnung mit Peter und den ersten Kuß nochmals ins Gedächtnis. Abends nahmen die Freundinnen den Nachtzug nach Bonn.

Gleich am nächsten Tag ging Anne zur Hauptpost und suchte aus dem Münchener-Telefonbuch alle Teilnehmer mit dem Namen Appelt. Es waren nur zehn Stück, sie würde ihn schon finden. Wild entschlossen rief sie Nummer für Nummer an. Sie hatte Glück; denn bereits beim vierten Anruf hatte sie Peter am Apparat. Er sagte nur ganz zärtlich: „Ich habe deine Stimme gleich erkannt.“ Ihr Herz klopfte. Sie telefonierten fast täglich oder schrieben sich lange Briefe, dann fragte er sie, ob sie ihn in München besuchen wollte. Sie war glücklich. Er wohnte in einer gemütlichen Altbau-Wohnung in Schwabing, in der sie sich sofort wie zuhause fühlte. Peter war ein sehr aufmerksamer Mensch, er zeigte ihr München, sie gingen zusammen in Museen oder in kleine Programmkinos. Und er machte Anne mit klassischer Musik vertraut, für die sie sich bisher noch nicht interessiert hatte. Nach einigen Wochen fragte er sie, ob sie zu ihm ziehen wollte. Ihr Grundstudium hatte sie ja bereits in Bonn abgeschlossen, das Hauptstudium könnte sie in München machen, weil es einen Lehrstuhl für „Vergleichende Literaturwissenschaft“ gäbe. Anne war begeistert; denn offensichtlich plante Peter ernsthaft ihre gemeinsame Zukunft. Sie war gerade 21 Jahre, und Peter war ihre erste große Liebe. Ein Mann von 33 Jahren, gebildet und charmant, ein einfühlsamer Liebhaber. Ein Mann, der ihr eine starke Schulter bieten konnte. Ja, er war ihre erste große Liebe.

Als sie ihn wieder einmal in München besuchte, schlug er vor, ein Wochenende nach Venedig zu fahren. Anne war begeistert; denn sie kannte die Stadt noch nicht. Sie nahmen sich ein Zimmer in einem alten Palazzo, den die Besitzerin zu einer Pension umfunktioniert hatte. Das Gebäude hatte viel von seinem Glanz verloren, und das Zimmer war recht spartanisch, aber Anne fand es aufregend und romantisch. Peter war ein guter Cicerone und zeigte ihr alle Wunder der „Serenissima“. Anne war begeistert und sehr verliebt. Als sie wieder in Müchen waren, sagte Peter zu ihr: „Es gibt eine Sache, die ich dir noch sagen muss. Ich bin verheiratet und werde mich auch nicht scheiden lassen. Meine Frau leidet unter Depressionen und braucht mich als Freund. Eine Scheidung will ich ihr nicht antun.“ Anne schaute ihn sprachlos und ungläubig an, aber er schwieg und sagte nichts weiter. Sie packte ihre Tasche und nahm den nächsten Zug nach Bonn. Es störte sie nicht, dass er verheiratet war, und sie konnte auch verstehen, dass er für seine kranke Frau da sein wollte, weil sie selbst ein empathischer Mensch war. Aber warum hatte er nicht von Anfang an mit offenen Karten gespielt? Spätestens, als er sie fragte, ob sie zu ihm ziehen wollte, hätte er es ihr sagen müssen. Jetzt fühlte sie sich von ihm belogen und betrogen. Sie rief ihn nie mehr an. Aber auch Jahrzehnte später erinnerte sie sich an den ersten Kuß im Boboli-Garten. Es blieb für sie eine schöne und romantische Erinnerung … eine Liebe in Florenz!

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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