Ali Yüce

Mit offenen Augen 1

Das erste Tageslicht blendete, stach - so mordlustig kam es daher, dass ich es mir in dem Moment meiner Geburt zum Feind machte. Licht. Verräter. Illusionist. Verderber. Meine Mutter lag mit gespreizten Beinen und tränen- und rotzverschmiertem Gesicht vor mir. Den Anblick habe ich nicht vergessen, der Kreißsaal war gut beleuchtet. Mutter. In meiner ersten Lebenssekunde diese Frau so schwach zu sehen, war schlimm, niemand brauchte mich zu schlagen, um mich zum Schreien zu bringen. Mutter. Sie schob die Hände, die mich an ihre Brust legen wollten, beiseite. „Ich hasse sie“, sagte sie. „Ich will schlafen“, sagte sie. Mutter. Schmerz ist stärker als Liebe – ist es nicht das, was du mir sagen wolltest? Drei Stunden Geburtswehen haben nur dazu gereicht, mich und diesen einen Satz ins Leben zu rufen. „Ich hasse sie.“ Drei Stunden Schmerz. Mutter. Wolltest du jemals Verständnis dafür? Verständnis ist keine gute Bezahlung für Hass. Drei Stunden sind nicht genug.

Mein Schrei soll ewig gedauert haben, erzählte mein Onkel Jahre später. Er habe sich sorgen gemacht, dabei erinnere ich mich nicht an ihn. Er sagte, ich hätte die Augen erst nach einer Woche wieder geöffnet. So leblos und zerbrechlich wie ich da lag, habe er sich nicht getraut, mich auf den Arm zu nehmen. Ich erinnere mich an diese dunkle Woche, in der ich mich weigerte, auf die verräterischen Bilder aus Licht hereinzufallen. Mutter. Manchmal spürte ich ihre pralle Brust an meiner Wange. Nie habe ich mir so sehr gewünscht, Zähne zu haben, wie in dieser Zeit. Ich habe sie gebissen, ich wollte sie zerreißen, zerfleischen – ihre Milch lief an meinem Gesicht hinab, aber ich habe nicht getrunken.

Mutter. Sie hat es drei Monate mit mir ausgehalten. Nachdem sie mich am Elbstrand zwischen leeren Grillwurstpackungen und Bierflaschen gebettet und den Mülltonnendeckel über mir zugeklappt hatte, ist sie von der Elbbrücke zwischen Harburg und Wilhelmsburg gesprungen. Die Brücke ist nicht sehr hoch, sie hätte überleben können, wenn sie sich die Zeit genommen hätte, einen Blick nach unten zu wagen. So ist sie auf einen breiten Betonpfeiler gestürzt und hat sich das Genick gebrochen. Ich fühlte mich wohl in dem Müll. Der Deckel trug viel dazu bei.

Ich habe nicht geweint und wurde trotzdem gerettet. Es war Johann, der nach Pfandflaschen suchte und mich dabei fand. Inzwischen hatte man meine Mutter von dem Pfeiler gekratzt, und als Johann mich bei der Polizei ablieferte, dauerte es nicht lange, bis jeder wusste, wer ich war. Ich war also drei Monate alt, als mein Foto zum ersten Mal in die Zeitung kam. Von einem traurigen Schicksal und einer glücklichen Rettung sprach man. Dass ich tatsächlich überleben würde, stand erst fest, als ich nach vier Monaten das Krankenhaus verließ. Scharfkantiger Müll hatte meine Haut zerkratzt und Bakterien hatten sich in den Wunden und meinen Lungen eingenistet. Als ich ein Jahr alt war, holte mich mein Onkel zu sich. An dem Tag, als er mich zum ersten Mal in seine Wohnung trug, machte er ein Foto von mir. Das sollte der Beginn meines legendären Fototagebuchs sein – es war seine Art, sich und mir zu beweisen, dass er alles versuchte, die Taten seiner Schwester wieder gutzumachen. Und tatsächlich, jeder der die Fotos sah, musste glauben, wie gut es dem Kind ging. Aber nur dieses erste Bild kam der Wahrheit nahe. Mein Onkel hatte vergessen, das Blitzlicht auszuschalten. Als er das Foto schoss und in der nächsten Sekunde meinen Gesichtsausdruck sah, packte er mich und lief mit mir zum Kinderarzt, der ihn aber schnell wieder beruhigen konnte. Als er mir später davon erzählte, verzog er aber immer noch wie unter Schmerzen das Gesicht. Ich erinnere mich an diesen Moment, in dem dieses verhasste Licht tausendfach gebündelt auf mich fiel. Ich konnte nicht anders, als meine ersten Zähne zu fletschen, die winzigen Hände zu Fäusten zu ballen und mich mit all dem Hass, den ich aufbringen konnte, gegen den Schmerz zu wehren, den es meinen Augen bereitete. Genauso sah ich auf diesem ersten Foto aus, nur dass meine Augen auch noch grellrot leuchteten. Seitdem habe ich meine Augen nie wieder davor verschlossen. Wenn man gegen einen übermächtigen und unverletzlichen Feind antritt, kommt nichts einem Sieg so nahe, als mit erhobenem Haupt und geöffneten Augen die Niederlage zu ertragen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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