Francois Loeb

Lippen Schürzen

Beobachte seine Lippen. Die sind so sinnlich. Ich könnte mich in sie verlieben. Bin überzeugt, dass ich ihn mir angeln kann, wenn ich nur will. Immerhin bin ich hübsch. Das bezeugen mir die allermeisten meiner Freunde. Und erst meiner Bekannten und Unbekannten die sich mir annähern wollen. Erobern. Mich mit ihren männlichen Tentakeln zu packen wünschen. Mit den hunderten von Fangarmen, neben denen Tintenfische sich wie Zwerge ausmachen! Nun, ich bin nicht leicht zu fangen. Kein Leichtfang. Keine einfache Beute. Im Gegenteil. Voller Haken. Angelhaken. An denen sich Männer festbeißen können die aber nie an Land gezogen werden. Diese Lippen! So anmutig bewegen sie sich. Als würde eine überirdische Melodie den Weg auf unsere Erde suchen. Ich vernehme Worte. Doch deren Sinn wird vom Anblick und den in mir ausgelösten Gefühlen vollkommen überdeckt. Was er wortreich zum Ausdruck bringt lässt mich kalt. Hoffe einzig, dass der Redefluss nicht unterbrechen wird. Die Wortquelle nicht versiegt. Seine Lippen sich nicht plötzlich versiegeln. Ermüdet das Wortgemenge segnen werden. Stoßgebete verlassen meinen Kopf als luftige, stumme Gedanken, während ich ihn ermuntere seinen, mir bisher unverständlichen Wortfluss, unter keinen Umständen zu unterbrechen. Noch nie sah ich ein Gegenüber so gekonnt und eindrücklich seine Lippen schürzen. Ich bin einfach hin. Könnte diesen Bewegungen lebenslang zusehen. Mich in sie vertiefen. Darin versinken. Nur immer mehr davon erhaschen. Nie satt werden davon!

Und da! Ich befürchte das Schlimmste. Eine Schweigeminute, eine Schweigestunde. Gar ein Wortfastmonat? Unvermittelt sind sie stehen geblieben. Seine Lippen. Als seien sie eingefroren. Nur noch ein Strich, der mich an die Strichmännchen meiner Frühkindheit erinnern, als die Mutter bemerkte: ‚Aber nicht so, sieht ja erztraurig aus. Schwung musst du diesem Strich verpassen!“ Doch wie das heute vollbringen? War meine Mutter hellseherisch veranlagt? Wie soll ich erneut diesem Körperteil Leben einhauchen? Ist es überhaupt ein Körperteil, nicht eher eine Wulst? Eine Hautwulst die gelernt hat sich zu bewegen. Aber so anmutig. So verführerisch? Jetzt begleiten meine Augen seine Hände, die den Schweiss von den Lippen wischen der durch die Wort-Anstrengungen entstanden ist, nach unten seinem Körper entlang gleiten lassen. In seine linke Hosentasche greifen, ein Stück blauen Stoffs entnehmen, an dem zwei Enden pendeln. Diesen zu den von mir begehrten, ja vergötterten Lippen führen und gekonnt damit seine unbeweglichen Lippen beschürzen. Meinen Augapfel-Blicken entziehen. Lippen schürzen, da hast du es ja, sagt mein Verstand zu meinen Augenblicken!
Immerhin, denke ich, kann ich dadurch eine Blaupause mit in meine Träume nehmen ...

 

Soeben erschienen meine persönliche Erinnerungen an Friedrich Dürrenmatt:
https://www.cdn.ch/…/publik…/cahiers-des-cdn/cahier-n22.html

Herzlichst François

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Francois Loeb).
Der Beitrag wurde von Francois Loeb auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Fremde dämpft unseren Schrei von Garip Yildirim



Garip Yildirim ist ein Einwanderer der ersten Generation, der sein halbes Leben in Deutschland verbracht hat. Seine Gedichte leben aus den intensiven Bildern.
Während frühere Gedichte zum Teil auch sehr politisch waren, thematisiert dieser Band vor allem die Begegnung unterschiedlicher Personen und die Zerrissenheit eines Menschen zwischen den Kulturen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Hoffnung" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Francois Loeb

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

DER TAG von Francois Loeb (Skurriles)
EIN SCHIFF NAMENS HOFFNUNG von Karin Schmitz (Hoffnung)
Meine Bergmannsjahre (elfter Teil) von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)