Sonja Soller

Das Geschenk ll

 

15. Februar 1427

 

2.

Beata und Brida, zehn und sieben Jahre, waren auf dem Hof der Tante seit es der Mutter in der Schwangerschaft nicht so gut ging, Wetzel der erstgeborene Sohn, war auf dem Schweringer Hof geblieben, um dort bei der täglichen Arbeit zur Hand zugehen.
Die traurige Nachricht vom Tod der Mutter wurde von einem Boten überbracht, der die beiden Mädchen 
auf seinem Pferdegespann mit zurück zum Schweringer Hof nahm

                                                                                   *
Die Mutter bleich und leblos in den Kissen liegen zusehen, versetzte die Kinder in einen schockartigen Zustand. „ Was ist mit Mutter?,“ Beata sah der Mutter ängstlich in das wächserne Gesicht. Sie konnte den Blick nicht von der reglosen Gestalt wenden. „Sie wird doch wieder gesund, Vater?“ Sie wollte die Mutter berühren, sie umarmen, aber Wolfhard hielt sie zurück.
Das Kind, das eure Mutter geboren hat, hat ihr den Tod gebracht, um selber leben zu können.“  "„Wo ist das Kind“? wollte Brida wissen. Die Hebamme hat es mit sich genommen, sie wird jemanden finden, bei dem es bleiben kann. ICH will das Kind nicht auf dem Hof haben, und niemand soll es auch nur mit einem Wort erwähnen. Dieses ist mein letztes Wort .“

Von den Worten des Vaters zutiefst erschüttert, begannen die Geschwister zu weinen, sie wussten, dass der Vater streng war und wenig Herzenswärme besaß.
Die Kinder hatten keine besondere Zuneigung vom Vater erfahren. Liebe und Wärme hatten sie allein von der Mutter bekommen.
Nun wurden die wenigen glücklichen und kostbaren Augenblicke mit der Mutter, die ihr Leben so reich gemacht hatten, einfach ausgelöscht. Die Kinder wurden sehr still und trauerten, ohne zu wissen was mit ihnen geschah, für sich, auf ihre eigene kindliche Weise. Wolfhard konnte seinen Kindern, auch in diesem schmerzvollem Augenblick keinen Trost spenden.

                                                                                    *
Mechthild Brosch, die Frau des verstorbenen Müllers, kam vom Nachbarhof geeilt, um Beata, Brida und Wetzel, in dieser schweren Stunde zur Seite zustehen und tröstend die Hände über sie zuhalten.
Mechthild ging der Familie bereits seit einiger Zeit bei der Versorgung des Hauses und der Kinder zur Hand. Seit Sara durch die beschwerliche Schwangerschaft selber nicht mehr im Stande war, ihren Pflichten als Hausherrin und Mutter nachzukommen, war Mechthild eine große Stütze gewesen.

Nach dem Tod von Jacob musste Mechthild die Kornühle auf dem Grund des Schweringer Hofes verlassen. Jacob war schon fast ein Jahr tot. Der Burggraf ließ dem Verwalter und Schulze freie Hand bei der Verwaltung des Lehnguts. So bekam Mechthild eine kleine Hütte und ein kleines Stück Land auf dem Areal des Mühlengrundes zugesprochen. Mechthild war mit dieser Vereinbarung zufrieden, als Frau allein konnte sie die Mühle ohnehin nicht bewirtschaften. Dieses kleine Häuschen, eine vom Verfall bedrohte Hütte, mit dem kleinen Stück Land reichte Mechthild für ihr Auskommen. Sie war ja froh, dass der Verwalter sie nicht gänzlich fortgejagt hatte.

                                                                                   *
Nachdem Elsbetha mit dem Kind den Schweringer Hof verlassen hatte, wickelte sie es in ihren Umhang und drückte es behutsam an sich. Sie musste sich sputen, die ersten nächtlichen Schatten kündeten sich an.

>Ich muss eine Amme finden, wenigstens für kurze Zeit, bis ich eine andere Lösung gefunden habe, dachte Elsbetha : Kremers Greda hat vor zwei Monaten ihren Lorenz zur Welt gebracht. Dort klopfe ich an. <
                                                                                     *

Vor ungefähr anderthalb Jahren hatte Greda Elsbetha aus einem speziellen Grund aufgesucht; sie und ihr Gemahl wünschten sich sehnlichst einen Erben. Es wurde im Dorf, hinter ihrem Rücken, bereits getuschelt, sie sei unfruchtbar oder von Dämonen besessen, die jede Frucht ihres Leibes abtöteten.

Elsbetha kannte die Kräuter, sie war eine kräuterkundige Heilerin, die Greda zum ersehnten Mutterglück verhelfen konnte. Sie wusste genau was sie zu tun hatte. Als Greda am nächsten Tag kam, hatte sie bereits einige Kräuter zusammengestellt . Elsbetha reichte Greda einen Leinenbeutel mit dieser Kräutermischung. „Hiervon gibst du zwei Quäntchen in einen kleinen Tonkrug und gießt ihn mit heißem Wasser auf, nachdem der Sud eine Weile gezogen ist, trinkst du ihn gänzlich aus. Diesen Sud trinkst du dreimal am Tag, drei Tage lang, dann ist dein Körper gereinigt. Dann habe ich hier Geranium robertianum, das „Kindsmacherkraut „ , nach der inneren Reinigung des Körpers, kommen wir nun zu deinem eigentlichen Anliegen. „Von diesem Kraut,“ Elsbetha reichte Greda noch einen Leinenbeutel, „brühst du wieder einen Sud auf, den du und dein Gemahl trinken müsst. Diesen Sud kannst du solange trinken bis sich das freudige Ereignis einstellt“. „Elsbetha übergab Greda noch eine Rute aus zusammengebundenem Beifuß und Liebstöckel. „ Streiche mit dieser Rute zusätzlich über deinen Leib. Du wirst sehen, schon bald wirst du in guter Hoffnung sein, auch kannst du gewiss sein, die Frucht in deinem Leib nun auszutragen.“

                                                                                     *
Elsbetha, du!“ Greda wich erschrocken zurück, als sie die vermummte Gestalt vor ihrer Türe erkannte. Auch wenn sie die Hilfe von Elsbetha in Anspruch genommen hatte, fürchtete sie sich vor ihr. Niemand im Dorf durfte je von dieser speziellen Hilfe erfahren. Obwohl sich fast jeder im Dorf bei Krankheit oder anderen Beschwerden an Elsbetha wandte; als Heilerin oder Hebamme. Niemals aber durfte der Natur ins Handwerk gepfuscht werden. In früheren Zeiten war es zwar üblich bei Unfruchtbarkeit einen Zauberer oder Schamanen um Hilfe zu bitten, heutzutage duldete die Kirche weder Zauberei noch Schamanenkult.

Greda, ich bin in Not, ich brauche deine Hilfe.“ Elsbetha wickelte die kleine Doradea aus dem Umhang und reichte Greda das Kind. „Die Mutter ist bei der Geburt gestorben, ich brauche eine Amme für dieses kleine Wesen. Der Vater hat das Kind verstoßen. Er will es nicht in seinem Hause haben. Werde das Kind aber weder in ein Findelheim noch jemand anderem in Obhut geben, dass kann ich nicht über mein Herz bringen. Ich werde das kleine Menschlein zu mir nehmen und es großziehen. Deshalb stehe ich nun vor deiner Tür, in der Hoffnung, dass du mir helfen kannst. Die Kleine braucht unbedingt zu trinken“.

Elsbetha, ich bin jetzt doch erschrocken, ich habe nicht erwartet, dass wir uns sobald wiedersehen. Du weißt wie dankbar ich dir bin, für das, was du für mich getan hast, aber der Mann darf niemals erfahren, dass wir unser Glück dir zu verdanken haben.“

Dennoch war Greda von dem Schicksal des Kindes tief berührt. „ Gib mir das Mädchen, ich lege es erst einmal an die Brust, damit es etwas Milch bekommt; mein Laurenz wird nicht zu kurz kommen“. „Aber,“ gab Greda zu bedenken, „wie soll es weitergehen, ohne dass mein Oswald davon erfährt, ich kann unmöglich die Amme für dieses Kind sein.“ Doradea hatte sich satt getrunken und sah ganz zufrieden aus. Beim Abschied steckte Greda Elsbetha noch ein paar Tücher zum Wickeln für den Säugling zu.
Morgen in der Früh bringe ich eine Geiß zu dir in den Wald. Wenn du die Geiß gemolken hast, verdünnst du die Milch mit ein wenig Quellwasser. Du wirst sehen, dass das Kind zufrieden sein wird. Später dann, gibst du kleine Brotstücke in die Milch, vermenge alles zu einem Brei, ein Tropfen Honig, und der Säugling wird gesättigt sein.“ Elsbetha nahm Doradea wieder an sich, nahm das Bündel Tücher und verabschiedete sich von Greda.
Nun war sich Elsbetha sicher, es würde sich alles zum Guten wenden.
Sie schlug den Weg zu ihrer Hütte ein, die gut verborgen, im Wald lag. Der Eingang war durch reichlich Farn und Sträucher, wilden Flieder und Wildrosen verdeckt. Im Frühjahr strömten der Flieder und im Sommer die Wildrosen einen wunderbaren Duft aus. Die Waldhütte gab Elsbetha schon seit vielen Jahren Schutz vor Wind und Wetter und räuberischem Gesindel, das sich bisweilen in den Wäldern herumtrieb. Gut ein und eine halbe Stunde Fußmarsch war die Hütte vom Dorf entfernt. Riesige Eichen säumten den Weg und warfen bereits erste Schatten. Nur das Licht der Abenddämmerung wies Elsbetha den Heimweg.

Allmählich machten die Jahre sich auch bei Elsbetha bemerkbar, in jüngeren Jahren hatte sie jede Steigung, jeden Hügel ohne Mühe erklommen. Die Zeit hatte, trotz ihrer guten Gesundheit und Beweglichkeit auch an Elsbetha genagt. Der Weg führte an einem Bachlauf vorbei, über eine Wildwasserschlucht mit gefährlicher Strömung, die nur über eine sehr wacklige, hölzerne Hängebrücke, die mit dicken Seilen zusammen gehalten wurde, überquert werden konnte. Die Hütte lag nahe bei den Zwillingssteinen, ein Zeichen aus vergangener Zeit, tief im Wald verborgen. Normaler Weise genoss Elsbetha den Weg durch den Wald, der von den Römern „silva nigra“, Dunkler Wald, genannt wurde, lauschte den allzu bekannten Geräuschen des Waldes, dem Knistern und Knacken und verstohlenem Rascheln im Unterholz, horchte auf den Wind, der die Bäume wiegte und hörte dem Lied der Vögel zu, die den Nachtgesang anstimmten. Der Wald hatte etwas beschützendes, für die Tiere und die Menschen.Doch heute war ein ganz besonderer Tag, Elsbetha wollte, mit dem Bündel im Arm, so schnell wie möglich ihre Hütte, noch bevor die Nacht vollkommen hereinbrach, erreichen. So nahm sie heute den Gesang des Waldes nicht wie sonst wahr. Elsbetha schob den Farn beiseite und öffnete die Tür.
Sie nahm einen Holzspan hielt ihn an einen noch glimmenden Holzscheit in der Feuerstelle und zündete ein Licht in der Hütte an. Zunächst legte sie die schlafende Doradea in der hinteren kleinen Kammer der Hütte, auf die aus Heu und Lammfellen gepolsterte Schlafstätte. Sie deckte das Kind zärtlich mit einem kleinen, weichen Lammfell zu, um es vor der kriechenden Kälte zu schützen. Elsbetha warf noch ein paar Holzscheite in die Glut, sofort züngelten sich knisternd Flammen um die Holzscheite und verströmten Behaglichkeit.
Die einsam gelegene Hütte, die vom Berg und dem dunklen Wald fast verschlungen wurde, war zweckmäßig ausgestattet. In der Mitte des Wohnraumes, auf dem festgestampften Lehmboden stand ein Tisch; um den Tisch herum standen zwei Stühle, eine Bank und zwei Schemel, die Schlafstelle lag im hinteren Bereich der Hütte, wo beide, Elsbetha und jetzt auch Doradea, sich zur Nachtruhe legen konnten.
Im vorderen Teil der Hütte, hatten die Wände einen Kalkanstrich erhalten, Löcher und grobe Unebenheiten waren mit Lehm und Gras verputzt. Auf den Fenstersimsen und dem Kaminsims standen Binsenlichter, die den Räumen bei Dunkelheit mäßigen Lichtschein spendeten.
Sauerampfer, Bärlauch, Lavendel und Löwenzahn hingen in Büscheln zum Trocknen über der Feuerstelle. Der Duft von Wald und Wiesen schwebte im Raum, vermischt mit dem Geruch von verbranntem Talg der Lichter. Große und kleine Kessel, Schöpfkellen und vielerlei anderes Gerät hingen am Kaminsims. Dann gab es noch das Allerheiligste, die Kräuterkammer, hier wurden die verschiedensten getrockneten, teilweise giftigen und übelriechenden Kräuter, Pilze und Tinkturen, die nur Elsbetha kannte, aufbewahrt. Hier durfte niemand hinein, dieser Raum wurde immer sorgfältig verschlossen.
Die kleine Doradea schlief tief und fest.

Elsbetha war zwar traurig darüber, dass der alte Schwering sein eigen Fleisch und Blut verstoßen hatte, aber sie freute sich auch darüber, dass dieses kleine Mädchen am Leben war.
Dieses kleine Wesen würde einiges in ihrem Leben verändern. Sie nahm das Geschenk des Schicksals an. Morgen würde man weiter sehen.
Fortsetzung folgt


08.11.2019 © SoSo

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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