Hans K. Reiter

Die Leiche im Keller

(Egbert Schmitt, Gerd Gherkin, Hans Reiter - jeder für sich, zum selben Thema)
Hans K. Reiter – Gedanken

Die Polizei unternimmt alles Erdenkliche, um Mord und Todschlag rasch aufzuklären und die Täter der staatlichen Gerechtigkeit zuzuführen.

Wer kennt nicht die Floskel, wir ermitteln in alle Richtungen. Wir lesen es in der Zeitung, verfolgen es in Magazinen, hören es im Radio und erleben es im Fernsehen, wenn wieder einmal eine mörderische Straftat ein Leben ausgelöscht hat.

Es ist natürlich heikel und der Bevölkerung nur schwer zu vermitteln, wie jemand eines Deliktes überführt werden soll, von dem man, einem Phantom gleich, nichts weiß. Ja, noch nicht einmal eine Ahnung davon hat, wen man der polizeilichen Ermittlungsarbeit überantworten solle.


Und so ist es auch im vorliegenden Fall. Damit der geneigte Leser das eigene Urteil nicht alsbald über Bord werfen muss, sollte er die vorangegangenen Zeilen stets im Blick behalten.

Als die U-Bahn an diesem Morgen die Endstation verließ, um den gegenläufigen Turn anzutreten, war den wenigen Fahrgästen nicht bewusst, dass sie zu wichtigen Zeugen hätten werden können, wenn sie nur einen Sitzplatz im hinteren Teil das Zuges gewählt hätten, anstatt irgendwo in der Bahn zu sitzen und dem Schlaf der vergangenen Nacht nachzuhängen.

Etwa zur selben Zeit, es mochte gegen 05:15 Uhr gewesen sein, näherte sich ein schweres Gefährt der Siedlung am Rande der Stadt. Vereinzelt gingen die Lichter in der noch schlafenden Straße an. Ein Caterpillar verursacht, schon seines Gewichtes und seiner monströsen Größe wegen, einen Höllenlärm und nur ein PS-starker Motor kann ihn überhaupt in Bewegung setzen.

Zwei Männer, die Kapuzen ihrer Pullover über den Kopf gestreift, lümmelten in den Sitzen des Zuges und streckten die Beine weit von sich. Ihre Rucksäcke mit Zeug bepackt, das kantige Konturen zeichnete, lagen auf den Sitzen daneben. Die anderen Fahrgäste schienen sie zu meiden, jedenfalls blieben sie alleine.

Stille.

Ob es heute klappt?, fragte einer, das Gerumpel des Zuges übertönend.

Ich denke schon. Wir sind gut gerüstet und der Mann, der uns bezahlt, scheint mir taff, der weiß schon, was er will.

Wieder Stille.

Ich meine nur, die Stimme des ersten, wir hatten schon einen Anlauf, aus dem dann nichts geworden ist.

Ich weiß, der Mann sagte mir aber, er wisse um die Leiche des anderen im Keller und deshalb müsse der spuren, und tun, was zugesagt ist, sonst könne er ihn auffliegen lassen. Das ist unsere Garantie, verstehst du?

Der Kumpel gab keine Antwort. Sie verstanden sich auch so.


Der Caterpillar folgte indessen unbeirrt seiner Spur. Ohne einen für den Mitfahrer erkennbaren Grund schaltete der Pilot, ja, so nennen sich die Fahrer solcher Ungetüme, plötzlich einige Gänge zurück und ließ das Ungetüm beinahe im Flüstergang weiterrollen. Polizeistation, sagte er nur, sonst nichts. Eineinhalb oder zwei Kilometer noch, dann war der erste Teil geschafft.


Am Hauptbahnhof hetzten die beiden Kapuzenmänner durch das Gewirr der Hinweise und landeten tatsächlich am richtigen Bahnsteig. Noch drei Minuten für den Anschlusszug.


Was hast du eigentlich damit gemeint, unser Mann wisse etwas von einer Leiche im Keller des anderen? Sollen wir gar Hand anlegen?

Ich weiß nicht mehr, als ich dir gesagt habe. Vielleicht? Mir ist’s egal, solange er gut zahlt!

Dann soll’s mir auch recht sein. Einem Toten tut eh nix mehr weh!

 

Ein Fehler war, dass sie nicht auf ihre Umgebung achteten. Jeder Bahnhof ist lärmerfüllt und mancher Geräuschpegel überschreitet die Grenze des gerade noch Erträglichen. Entsprechend laut war ihr Wortwechsel verlaufen, sodass eine nahe bei Ihnen stehende junge Frau aufschnappte, was sie sagten.

Der Zug fuhr ein. Passagiere stiegen aus, die Wartenden ein. Die junge Frau, in der Nähe der Kapuzenträger, zog unbemerkt ein Handy aus der Tasche, schoss einige Aufnahmen und wählte schließlich eine Nummer.

Die Rucksäcke geschultert, verließen die beiden Männer gute 20 Minuten später den Zug, strebten fix dem Ausgang zu und wurden dort bereits erwartet. Sie bemerkten auch jetzt die Junge Frau nicht, die ihnen in gehörigem Abstand folgte und dabei unentwegt ins Handy sprach.

Grüße euch!, sagte die am Ausgang wartende Person. Ich bin Sandra, mein Bruder hat es nicht geschafft.

Ihr Bruder? Nun, zahlen Sie uns dann auch?, fragte einer der immer noch Kapuzentragenden. Die Hälfte sofort, den Rest nach getaner Arbeit, so ist‘s ausgemacht.

Man war sich einig und die drei fuhren im Auto der Frau ab.

Sie sind Zimmerleute?, fragte Sandra, um ein Gespräch anzuleiern.

Schreiner, wir sind Schreiner, das trifft es besser. Zimmerleute bauen eher Dachstühle.

Die weitere Fahrt verlief schweigend. Bis kurz vor dem Ziel einer der Kapuzen dann doch noch die eine Frage über die Lippen presste, die ihn schon die ganze Zeit quälte: Sagen Sie, Ihr Bruder hat etwas von einer Leiche im Keller gesagt. Was hat es damit auf sich? Wenn Sie uns hierfür benötigen, kostet es extra und das sollten wir vorher klären!

Eine Leiche? Von was reden Sie da? Ich weiß nichts von einer Leiche. Sie sollen da unten etwas, das seit Jahren verstaubt, mit Holz verschalen, sauber gehobelt und gezapft, also nicht bloß so ein Verschlag. Das ist Ihr Auftrag. Was Sie so quasseln!

 

Während Sandras Wagen übers Land flog, zogen in luftiger Höhe zwei Hubschrauber ihre Bahn. Die Fahrt endete ziemlich abrupt am Ende einer langgezogenen Anliegerstraße auf einem Grundstück, das als Baustelle zu erkennen war. Der Motor eines Caterpillars heulte auf, als er seine Position nach rechts verlagerte.

Wie lange wird es dauern, bis wir ran können?, fragte der Pilot.

Ich weiß es nicht, Sie müssen sich gedulden. Erst mal sind unsere Schreiner gefragt. Meine Herren, wenn Sie mir bitte folgen!

Okay, von mir aus, ich wollte Ihnen nur sagen, dass wir die Bude in weniger als zwei Stunden platt gemacht haben. Von uns aus also keine Eile. Mit einer kurzen Bewegung stoppte er den Motor und zog den Schlüssel. Sie geben Bescheid!, dann entschwanden Pilot und Mitfahrer irgendwo im Hintergrund.

 

In diesem Augenblick dröhnte und knatterte es aus allen Richtungen. Hubschrauber setzten auf und schwer bewaffnete Polizisten einer Spezialeinheit sprangen heraus, riegelten das Gelände ab und forderten die Versammelten über Lautsprecher auf, sich unverzüglich zu ergeben und alle Waffen auf den Boden zu legen.

Erst zögerlich, dann eifrig reckten die Leute die Arme in die Höhe.

Die Waffen, krächzte der Lautsprecher, die Waffen!

Welche Waffen, schrie Sandra, wir haben keine Waffen! Und überhaupt, was soll das?

In diesem Moment bog ein Wagen auf das Grundstück ein. Im Nu war er umringt von Polizei, die mittlerweile zahlreich mit Streifenwagen und Mannschaftswagen eingetroffen war.

So lassen Sie mich doch wenigsten aussteigen!, forderte der Fahrer des Wagens.

Steigen Sie aus, aber die Arme ganz weit nach oben gestreckt und keine Tricks, verstanden?

Der Mann tat, wie ihm geheißen, stellte sich vor und wies sich aus als Luigi Locarno, Sandras Bruder.

Warum dieser Aufmarsch?, wollte er wissen.

Im Keller dieses Hauses soll es eine Leiche geben!, sagte der Einsatzleiter und bedeutete Luigi Locarno, die Arme herunterzunehmen, es jedoch nicht zu wagen, in eine Tasche zu greifen. Das gleiche ordnete er für die Umstehenden an.

Eine Leiche in diesem Haus? Wie kommen Sie bloß darauf? Das ist doch Unsinn!

Werden wir gleich sehen, sagte der Einsatzleiter und gab einer Gruppe von Uniformierten Anweisung, in den Keller vorzudringen. Als die Leute zurückkamen, schleppten sie eine Kiste mit sich. Groß genug, um alles Mögliche darin unterzubringen, nur keine Leiche.

Lassen sie mich erklären!, sagte Locarno. Aber sagen sie mir zunächst, was sie bloß zu diesem Einsatz veranlasst hat?

Der Einsatzleiter nahm ihn zur Seite und erläuterte, wie eine zufällig am Hauptbahnhof anwesende Polizistin in Zivil ein Gespräch zwischen den beiden Männern mit der Kapuze belauscht habe, bei dem es zweifellos um eine Leiche im Keller eben dieses Hauses ging.

Aber meine Herren, legte Locarno dar, der Eigentümer will dieses Haus abreißen, um ein neues zu bauen. Sein Vater hat ihm nun, wenige Tage bevor er verstorben ist, gestanden, dass er im Keller eine Kiste, vollgestopft mit D-Mark, vergraben hat. Übrigens, ich bin der Anwalt dieses Mannes.

Der Einsatzleiter kratze sich am Kopf und sagte schließlich: Das Gespräch dieser Leute, es hat aber doch stattgefunden. Eine Leiche..., was hat es damit auf sich?

Luigi Locarno lachte. Ich werde es Ihnen sagen, und verdutzte Polizisten lauschten des Rätsels Lösung.

Eine Redewendung, es handelt sich um eine schiere Redewendung! Ich sagte sinngemäß, sie, also die beiden da drüben, bräuchten sich keine Sorgen wegen der Bezahlung zu machen, denn ich wisse um die Leiche im Keller des Eigentümers, was ihn veranlassen würde, sich an das Vereinbarte zu halten. Das Letztere war vielleicht ein wenig zu dick aufgetragen. Die sprichwörtliche Leiche im Keller ist die Kiste. Sagt man nicht so, wenn jemand etwas zu verbergen hat?

 

Die Polizei zog wieder ab und Locarno winkte die Kapuzen zu sich. Wir gehen jetzt in den Keller und ich sage euch, was zu tun ist. Nehmt euer Handwerkszeug, passende Bretter und Leisten sind bereits unten.

Gute zweieinhalb Stunden später hievten die drei einen sorgfältig gearbeiteten Gegenstand nach oben, der einem Schrein glich, und verluden das Teil in Locarnos Wagen.

Gute Arbeit, lobte er und drückte jedem noch einen ansehnlichen Betrag in die Hand. Es bleibt unter uns. Ich verlasse mich darauf und wenn nicht, dann... Weitere Worte waren nicht nötig, die Schreiner verstanden.

Der Caterpillar verrichtete ganze Arbeit und machte das Haus dem Erdboden gleich, lud den Schutt auf die bereitstehenden Lkw und planierte alles fein säuberlich. Nichts deutete mehr auf das Haus und dessen Keller hin.

 

Monate später baute Luigi Locarno, der Anwalt, ein neues Haus auf diesem Stück Land. Nein, nicht ein Haus, eine Villa. Der Eigentümer übrigens wurde niemals wieder gesehen.

 

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