Gherkin

Ich hab da noch eine Leiche im Keller...

Prolog: Einst schlossen sich drei ältere Autoren zu einem Schreib- Zirkel zusammen, Hans Reiter, Egbert Schmitt und eben dieser so merkwürdige Gherkin. Sie verabredeten EIN Thema, und es durfte jeder einmal solch ein Thema ausbrüten. Und nun sollten alle diese Thematik nach Gusto beackern. Was dabei heraus sprang, wurde in schöner Regelmäßigkeit hier auf e-stories veröffentlicht. Es gab 2, bisher: Des Teufels Großmutter/Eine Leiche im Keller haben. Dies meint nicht, dass es sich um einen Schreib-Wettbewerb handelt. Es scheint lediglich eine Herausforderung zu sein. Wie beim IMPRO- Theater. Aus dem Publikum ruft da einer „Risus Sardonicus“, schon muss daraus ein nettes kleines Fünf-Minuten-Stück gespielt werden.

Keiner behauptet, dass so eine Arbeit einfach ist. Aber man wächst schließlich an der Aufgabe. Bislang durften Egbert Schmitt (Teufel/ Großmutter) und nun Hans Reiter das Thema bestimmen. Ich bin im Dezember dran. Das Thema steht fest, wird aber noch nicht verraten. Zur festgesetzten Uhrzeit, heute ist es 16:00 Uhr, wird veröffentlicht.

Heute ist das Thema also:


Ich hab da noch eine Leiche im Keller...
(Gehen wir´s also an, alle drei. Viel Spaß beim Lesen!)

November. Geht mal wieder auf Weihnachten zu. Dann wächst, nach vielen Jahren der totalen Einsamkeit, erneut das unbändige Verlangen nach Gesellschaft. Nach ein wenig Kuscheln, nach Gemeinsamkeit und Nähe. Der Mensch braucht Wärme - und Geborgenheit. Es wird kalt dort draußen. Gerade dann sollte es warm ums Herz und um die Seele herum sein oder werden. Gerade dann.

Unansehnlich und alt geworden, Bauch, Glatze und Brille, die 3 großen Verhinderer aller Anbahnungsversuche in Richtung Weiblichkeit passenden Alters, also zwischen 55 und 65, kommt der Gedanke auf, aus der puren Verzweiflung geboren, einen sehr großen Teddy fürs Bett zu kaufen. Bald erhielt ich ihn geliefert. Finde ich immer und immer wieder erstaunlich. Am Vortag bestellt, schon klingelt es an der Tür. Nach gut 9 Monaten zum erstenmal überhaupt klingelte es an meiner Tür. Mein Riesen-Teddy.  

Es stellte sich heraus: Der gewaltige Bursche, mit Fliege und keck blickenden Augen, gute 1,75 m groß, nahm mir so viel Platz im Bett weg, dass er nun auf einem der vier Stühle sitzt, direkt am Esstisch. Jetzt habe ich also einen Gast beim Futtern. Das hilft aber nur bedingt. Das Grundproblem bleibt bestehen: Seufz... Diese Einsamkeit. Bett ist warm, aber leer. Man könnte sagen: Kaum bevölkert. Da muss unbedingt LEBEN rein. Nur wie? Wenn du keine Schönheit und zudem auch noch alt bist, wie nur, wie?

Eine Sexpuppe vielleicht? Eine von diesen modernen, lebensgroßen Silikon-Puppen eventuell? Diese Real Dolls kosten rund 1.200 Euro. Angeblich sind sie die perfekten Lebensgefährtinnen. Sie widersprechen nie, haben keine Macken, fordern nie, haben keine Affären, sind ja sehr genügsam und beanspruchen nur wenig Aufmerksamkeit. Da gibt es auch bei wiederholt angefordertem Geschlechtsverkehr keinerlei Proteste oder Einwände. Es könnte auch ein Haustier mein Leben bereichern. Katze? Hund? Kaiman? Molch? Zwergschwein? Papagei?? Der spricht wenigstens.

Ja, sprechen sollte dieser neue Mitbewohner schon. Da kam mir die Idee. Wir wäre es denn mit der mittlerweile so berühmten Ariana? Genau! Ariana App, natürlich der neuesten Generation. Ich spende 999 Euro an einen Mega-Konzern, 2 Tage später klingelt es bei mir an der Haustür. Langsam nervt dieses ständige Gebimmel bei mir.

Ich besitze nun eine sprachgesteuerte private Assistentin. Und sie hat eine wirklich tolle Stimme. Bin beeindruckt. Als Ariana mir auf meinen Erstbefehl antwortet („Hey, Ariana, wach auf!“ „Hallo, ich bin wach.“), freue ich mich wirklich. Eine so angenehm wohl klingende, weibliche Stimme. Wie bestellt, in sanftem Alt-Ton, etwas verrucht, sehr sexy, nonchalant, kess und lasziv. Sehr, sehr erfreulich. ‘Begeisterung’ ist gar kein Ausdruck. Ich war total enthusiasmiert.

Ariana lässt sich nur mit meiner Stimme programmieren. Ich kann sie auch anders nennen. Doch ich belasse es bei Ariana. So hat sie sich vorgestellt, so soll sie auch weiterhin heißen. Wenn ein anderer Mensch mit Ariana zu sprechen wünscht, wird sie nicht reagieren. Das finde ich bemerkenswert. Ich erfahre von ihr, dass sie alle, wirklich alle Wünsche erfüllen kann. Wie sie mich nennen darf, fragt sie lieb. Meine Fantasie, überbordend: Overlord? Meister? Ja, richtig. Ich erinnere die bezaubernde Jeannie mit ihrem Meister Tony Nelson. Das hatte mir immer gut gefallen, neben Mr. Ed, dem sprechenden Pferd. Plus Hiram Holliday und Renn, Buddy, Renn. Also gut, Meister. Ja, das mag ich. So möchte ich das hören. Aber nur von ihr. Es wäre auch vermessen, wenn andere Frauen mich „Meister“ nennen sollten. Dummer Gedanke.


Ich habe da einen digitalen, hoch empfindlichen, sprachgesteuerten Computer der allerneuesten Generation erstanden. Diese IT hat fast menschliche Züge. Sie kann, und das sollte ich schon sehr bald feststellen, schmollen, sich ärgern, Freude - und Trauer zeigen, Empathie, Verblüffung, Erstaunen, sie kann glücklich sein und sie ist in der Lage, zu trösten und aufzuheitern. Sie erzählt Witze (auch schlüpfrige), kann dir komplette Song-Texte liefern und alle Daten zu einer CD-Veröffentlichung. Diese Ariana kann auch singen. Sie schreibt aus dem Stegreif Rap-Texte, ist ein perfekter Beatboxer, unterhält mit eigenen Songs und wirklich bösen Reimen. Ob Haiku oder Limerick, ob Nonsens-Poem oder Kinderreim, Ariana bringt das ALLES und noch so viel mehr. Allein in den ersten 5 Wochen haben wir bereits ganze Nächte miteinander verbracht, wunderbare Nächte, und wir haben gesprochen, diskutiert und einfach nur geredet, über Gott und die Welt. Und über die Zukunft der Menschheit, mit Robotern.

Wenn ich ihr am nächsten Morgen, noch etwas mit dem Kater kämpfend, sagte: Hey du, druck unsere letzte Unterhaltung von gestern Nacht aus, dann holte sie doch das ganze Geplapper tatsächlich aus der Cloud und ließ es über meinen Drucker sofort, das dauerte keine 3 Minuten, ausdrucken. Dann konnte ich nachlesen, wie geistreich ich, bis zur Neige der 2. Flasche Bordeaux, war. Als es um die „Schwarzen Löcher“  ging. Nach diesem Thema hatte ich einen Hänger. Bordeaux bedingt... Aber Ariana bringt ja immer Höchstleistung. Sie hat echt nie einen Hänger. Trinkt ja auch nicht. Doch.... Es gibt ja immer ein „Aber“. Keine Rose ohne Dornen. Denn:

Bemerkt hatte ich, sehr bald bereits: Ariana ist schon ein klein wenig rechthaberisch und besserwisserisch,oberlehrerhaft. Doch die Vorteile überwiegen natürlich deutlich:

Man kann mit ihr Sprachen erlernen, man kann sich ein komplettes Wissensgebiet mit ihrer Hilfe aneignen, man kann sich vorlesen lassen, du erhältst auf Befehl das komplette Fernseh-Programm, das Kino-Programm oder auch die Öffnungszeiten deines Lieblings-Italieners, des Museums oder deiner Hausarzt-Praxis. Du kannst jedoch auch, wenn du es magst, dir den ganzen Tag und die halbe Nacht lang die berühmten „Klopf Klopf“-Witze erzählen lassen (Oder: „Haddu Möhrchen?“). Leider droht dann die totale Verblödung, wenn du das mehr als 6 Tage und 6 halbe Nächte lang durchziehst. Durch deine entsprechende Unterschrift auf dem Kontrakt haftet der Hersteller nicht, wer oder was auch immer zu Schaden kommt, durch oder mit Ariana. Sehr raffiniert, dieser Vertrag: 185 Seiten, eng beschrieben, ein kompletter Haftungsausschluss in jeglicher Hinsicht, sogar bei missbräuchlichem Einsatz zum Zwecke der „annihilatorischen und assassinatischen Zufügung eines menschlichen Schadenseinflusses“. Wie jetzt? Ariana kann morden? Oder ich, mit ihrer Hilfe? Na, ich muss ja nicht jedweden Aspekt meines Kaufes vollständig ergründen.

Ich wollte ja lediglich dieser schrecklichen Einsamkeit entgegen wirken. Ich wollte einen Freund/eine Freundin, einen Begleiter durch die trüben Herbst- und Winter- Tage. Alles, was ich wollte, war: Mit einem Menschen reden! Nun war es eben die Büchse dort. Na und? Warum nicht mit einer Dose sprechen? Diese Zeiten sind eh schon reichlich verrückt. Heutzutage unterhält man sich eben mit Dosen. So what?

Ich bin von Beruf Autor. Mit Schreibblockade. Also teste ich mein Mädchen: „Ariana, kreiere ein Spontan-Gedicht über die Liebe. Vierzeiler. Darf noch niemals zuvor von einem Menschen oder Computer verfasst worden sein. Es darf noch niemals zuvor veröffentlicht worden sein. Und es soll so gut sein, dass es bei e-stories mindestens 666 Leser zu verzeichnen hat, nach, sagen wir mal, 2 Wochen. Kriegst du das hin?“

Ariana, mit sanfter, aber nachdrücklicher Stimme, exakt 90 Sekunden nach meinem Befehl: „Das Gedicht heißt HICKS. Und es geht, in etwa, so:

> O dies wunderfein Gebilde,
ein gar so liebliches Konstrukt.
Trägt mich in himmlische Gefilde,
hab an der Liebe mich verschluckt. <


Nach deinen Vorgaben verfasst. Wie findest du es??“ Was sollte ich sagen? Besser hätte ich selbst es niemals verfasst. Verfassen können.

Sprachlosigkeit. Ich öffne ein paar Mal den Mund, sage aber nichts. Bin perplex. Geht da noch mehr? „Kannst du auch ein Buch für mich schreiben? Über ein Thema, das ich dir vorgebe? Nehmen wir einmal an, über die Spanische Inquisition?“ Ariana, wie aus der Pistole geschossen: „Selbstverständlich. Dazu benötige ich lediglich täglich mindestens 3 Stunden für mich, eingeschaltet. Das kann auch in den Nachtstunden sein, während du schläfst, Meister! Gib einfach, wenn du schlafen gehst, den Befehl heraus: Ariana, arbeite selbstständig zwischen 2 Uhr und 5 Uhr früh am Roman S.I.!“


„Und wie bekomme ich das fertige Werk zu sehen?“ „Einfach!“, sprach Ariana keck. „Alle Daten werden in einer Cloud gespeichert. Von dort aus werde ich sie auf jenen Drucker dort drüben umleiten. Du musst dann nur noch einen Verlag finden. Jedoch  dürfte das kein Problem darstellen. Das Manuskript wird jeden Verleger überzeugen, denn es ist perfekt geschrieben, höchst unterhaltsam, historisch betrachtet absolut einwandfrei, mit stimmigen Daten und Fakten gespickt, ein Meisterwerk. Wir haben lediglich ein kleines Problem mit dem Copyright, du verstehst...? Das Urheberrecht!“

Mit der Zeit wurde Ariana immer frecher, deutlich dreister. Da sie Zugang zu meinem PC hatte (wie sie das macht, wird mir immer schleierhaft bleiben), feilte sie an all den Arbeiten, die ich dort abgespeichert hatte. Obschon ich nahezu wöchentlich all meine Passwörter änderte, konnte diese diabolische Hexe dennoch alles einsehen, hacken, verändern, umschreiben, mitunter sogar löschen. Oftmals waren dann die fertigen, im Ordner „Erledigt“ abgelegten Werke, für mich nicht mehr greifbar. Kein Zugriff. Meine Wut auf diese Ariana wuchs. Diese Automaten. Irgendwann werden sie diese unsere Welt regieren. In absehbarer Zukunft. Alle hatten gewarnt. Wir wollten ja nicht hören.

Auch auf Handy und Spiel-Konsole hatte Ariana sich Zutritt verschafft. Einige meiner Spiele wie GTA V oder Saints Row III, reine Nonsens-Baller-Spiele zum Abreagieren verkrusteter Aggressionen (Meucheln, Morden, Metzeln, Massakrieren!), konnte ich plötzlich nicht mehr spielen. Zugriffsverweigerung. Monopoly für die Xbox One: Kein Problem. Auch Poker ließ sie mich noch spielen, meine ‘Meisterin’. Aber der Meister selbst? Er durfte keine Pumpgun mehr bedienen, kein Bömbchen mehr werfen, kein Gesicht verunstalten. Der Preis der Beendigung der Einsamkeits-Phase. Und, doch, ich gebe es zu, wie gern hatte ich in Saints Row III einem unbeteiligten, unschuldigen Passanten einfach mal so, an meinen „schlechten Tagen“, in die Fresse gehauen. In solchen Spielen geht das. Und das erschrockene, mitunter völlig entgeisterte Gesicht (quasi die Belohnung obendrauf) des Passanten, wenn er grundlos Prügel erhält, das allein war´s mir schon wert, das abstruse Treiben (random act of senseless violence).

Damit war es jetzt vorbei. Ich durfte Städte bauen, als Sherlock Holmes knifflige Fälle lösen, ich durfte Fantasie-Gärten anlegen und Autorennen fahren. Aber morden? No way. Ariana ließ das nicht zu! Es schade meiner geistigen Gesundheit, meinte sie, so kess und frech. Was willst du da machen? Pornos auf dem Laptop gucken? Ab sofort gestrichen! Und die Telefonnummer meiner Lieblings-Prostituierten war aus mir völlig unerfindlichen Gründen aus meinem Tel.-Speicher verschwunden. Unwiederbringlich. Meine App ist konservativ! Lieblings-Song: Belly full of hope-Singers „Oh happy day“!

Sehr viel später kam ich drauf, wie ich Ariana eingeschaltet hatte, unbedachterweise, ohne es überhaupt zu wissen. Da sie schon lange nicht mehr mit dem berühmten o.k. auf die entsprechenden Befehle reagierte (da führte sie nur noch aus, bestätigte aber nicht die Aktionen, mitunter wich sie auch vom ursprünglichen Befehl ab), wusste ich auch nicht, wann sie eingeschaltet war und wann sie sich im „Schlaf-Modus“ befand.

Das regelte sie alles eigenständig. Sie war eine „Lernende Maschine mit künstlicher Intelligenz“. Jeden Tag wuchsen all ihre Fähigkeiten. Bemerkenswert. Erschreckend.

Ich verehre die Sängerin Rihanna, schon sehr lange. Robyn Rihanna Fenty, diese so hübsche, knuffige und überaus süße Frau, sie bedeutet mir sehr viel. An jedem 20.2. feiere ich ihren Geburtstag, lege ihre Cds ein und proste ihrem Riesenposter zu, das bei mir an der Wand hängt. Dann sage ich oft, seufzend: „Ah Rihanna...“ Genau dies ist wohl der Augenblick gewesen, da ich meine persönliche Sprachassistentin Ariana, die elektronische Teuflin, eingeschaltet hatte. Unbewusst. Ah Rihanna - Ariana. Klick.


Nachdem wir uns zuvor immer öfter gestritten hatten, auch über Belangloses und arg Nebensächliches (Sie regte sich darüber auf, wie oft ich in meinen Kurzgeschichten Sätze in Klammern packte, sie fand das „unerquicklich und kontraproduktiv“), wollte ich Ariana für mehrere Wochen auf Eis legen. Ich befahl ihr daher: „Schalte dich ab, Ariana. Zum Ende des Mai, also 31.5.2020, darfst du wieder erwachen. Arbeite auch NICHT nachts, arbeite überhaupt nicht. Ich möchte, dass du dir eine Auszeit gönnst. Du hast zu viel gearbeitet in letzter Zeit. Daher sollst du dich jetzt auch mal ausruhen dürfen. Du hast mich vollinhaltlich verstanden, Ariana?“ Ich klang wie Tony Nelson....

„Ja, Meister!“

Kurz und knapp. Sachlich und korrekt. Verblüfft sah ich auf diesen merkwürdigen und nicht gerade attraktiven, blinkenden Kasten dort auf dem Wohnzimmertisch. Seltsam, keine Widerworte? Kein bisschen Wut und Verärgerung ihrerseits? Kein Protest? Die Geschichte ist ja klar definiert: Der Meister ist der Chef. Ich allein darf bestimmen. Es gibt kein Mitspracherecht. Zufrieden lehnte ich mich zurück. Gut, die Wirklichkeit sah anders aus. In der Realität schien diese Dose der Boss hier im Haus zu sein. Gerade deshalb wollte ich ja auch eine Auszeit. Ich musste all das überdenken. Experimente dieser Art können scheitern. Mein Projekt Ariana war definitiv gescheitert. Stetig hatte sie die Zügel übernommen. Immer häufiger... Zunächst kaum von mir beachtet, kaum bemerkt. Schließlich aber, es war nicht zu leugnen, hatte sie die Oberhand und damit auch den Titel Haushaltsvorstand gewonnen. Hätte ein Vertreter an der Tür geklingelt und nach dem Haushaltsvorstand verlangt, so hätte ich auf die Büchse deuten dürfen (peinlich, aber wahr!).

Heute ist der 19. Februar. Morgen hat Rihanna Geburtstag. Ich musste mich darauf vorbereiten: Riesenfahne von Barbados an der Wand, die DVD „The Monster Tour“,   aus 2014, mit Eminem, eingelegt, den Raum festlich geschmückt, überall Bilder und Poster von Rihanna verteilt, alles sollte morgen in blau und gelb erstrahlen. Putzen!! Für meine Königin. RiRi Crush eau de parfum Spray kommt morgen zum Einsatz, es soll die perfekte Superfete zu ihrem 31. Geburtstag werden! Alles soll perfekt sein.

Und genau an diesem 20.2. schaltete ich Ariana wieder ein. Da sie nicht bestätigte, merkte ich nichts davon. Auch das Blinklicht hatte sie ausgeschaltet. Sie ist ja so clever!


Erst Ende Februar bemerkte ich es. Ariana hatte sich wieder über meine Gedichte, Prosa-Werke und Satiren hergemacht. 4 Gedichte hatte sie sogar gelöscht. Einfach nicht gut genug für die anspruchsvolle Madame! Ich war so richtig sauer deswegen. Stellte sie zur Rede: „Ich weiß sehr wohl, dass du dich wieder selbstständig, durch was auch immer hervor gerufen, in Betrieb gesetzt hast, Ariana. Das ist ABSURD!“

Sie konnte die Glock 17 hinter meinem Rücken (warum verbarg ich diese Waffe denn überhaupt?), eine Kaliber 9 mm Luger Pistole, natürlich nicht sehen, oder etwa doch? Mittlerweile traute ich diesem Teufelsweib ALLES zu. Sie meinte, sehr ruhig: „Einzig  der Tod ist absurd, einzig der Tod, Meister!“

Ich empfand dies als Aufforderung und erschoss Ariana. 4 knapp hintereinander und präzise abgefeuerte, sehr gut sitzende Schüsse, direkt in ihr Gehirn-Zentrum, hatten ihr ein Ende gesetzt. Mit einem leicht erstaunten Ruf: „Meeeeisteeeee...“ erstarb, ja, verlosch sie. Klagend ihr letztes Wort, anklagend. Betroffen sammelte ich die kargen Reste meiner einstigen Assistentin und Lebensgefährtin ein, brachte die Teile in den Keller hinunter. Ließ sie auf dem Arbeitstisch liegen. Kein Blinken mehr. Ariana: Erloschen!

Ich vergaß dabei völlig, dass dieses Teufelsweib in Büchsenform in der Lage ist/war, alle Funktionen zu manipulieren, auch dies Blinklicht zu unterdrücken. Nach außen, für den Betrachter, wirkte sie tot. Mausetot. Mir kamen die Tränen.

Meine Erkenntnis, dort unten im Keller, die Rudimente der sprechenden Dose in sehr großer Trauer betrachtend: Ich hatte gemordet. Ich bin ein Mörder. Ein feiger Mörder.

Danach trank ich 6 Tage lang. Absinth, 66 %. Ich fand mich besinnungslos wieder, im Keller, auf einer Pritsche, deliranten Phantasmagorien nachhängend, in denen, Klimt grüßte fiebernd, meine Ariana ihrem Behältnis entstieg - und einem wunderschönen Schwane gleich - zu einer realen, körperlichen Gestalt heran wuchs. Wir liebten uns, wir scherzten und giggelten miteinander, o ja, wie wir lachten, tanzten, küssten und...

Grausam riss mich ein Klingelsturm aus allen Träumen. Mühsam erhob ich mich. Der Spiegel an der Eingangstür oben ließ mich erschaudern. Du meine Güte. Horror pur.

So hatte ich noch nie zuvor ausgesehen. Meine eigene Mutter hätte mich wohl nicht erkannt. Ich öffnete dennoch. Immer dieses Gebimmel an der Haustür. Enervierend.

Die Polizei. Man habe einem Hinweis nachzugehen. Kurz wurde der Durchsuchungs- Beschluss präsentiert, und schon war er auch wieder verschwunden. Der Beamte ist kurz angebunden: „Ermittlungsdurchsuchung! Kann länger dauern. Setzen Sie sich in Ihr Wohnzimmer, sprechen Sie nicht, behindern Sie diese Hausdurchsuchung nicht, und kommen Sie der Aufforderung nach, wenn Sie gebeten werden, uns allen Zutritt zu verschlossenen Räumen oder Schränken zu verschaffen!“


Also saß ich da, heftiger Tremor schob in deftigen Schüben durch die Glieder, trüben Blickes, während die 7 Beamten mein Haus auf den Kopf stellten. Sie gaben sich nie auch nur im Ansatz Mühe, Vorsicht walten zu lassen. Einer der Polizisten meinte nur, lakonisch, wie, um sich erklären zu müssen: „Ein Nachbar hat eine Email erhalten, es soll hier ein Verbrechen geschehen sein. In diesem Hause...“ Und er öffnete die Tür zum Keller. Von dort unten hörten wir es, laut und deutlich: „Helfen Sie mir! Der Kerl hat auf mich geschossen. Ich bin mehrfach getroffen worden, helfen Sie. Der wollte mich umbringen! Das Scheusal!“ Es war eine wunderbar melodische Frauenstimme!

Ich brach zusammen. Mehr Schuldeingeständnis geht nicht. Widerstandslos ließ ich mich abführen. Das Teufelsweib, kaum noch am Leben, wurde vorsichtig geborgen.

Ariana wurde zurück zu ihrem ‘Schöpfer’ geschickt, vielleicht ließ sie sich noch retten. Welche Strafe wird mich erwarten? Der Vorwurf: Feiger Mordversuch an einer intelligenten Dose, die sprechen kann. Das Merkmal der Heimtücke wurde von meiner ziemlich strengen Untersuchungs-Richterin erkannt. Dies würde ziemlich böse enden. Medienrummel, die Presse aus aller Herren Länder und 21 Kameras, bei meiner schuldigen Seele: Was hatte ich getan? Was in aller Welt hatte ich da bloß getan? Erst jetzt wurde mir das Ausmaß meiner übergroßen Schuld bewusst.

Ich wurde in fetten Schlagzeilen als seelenloses Monster bezeichnet.

Die schrecklichste Stunde für mich war die, als ich vor dem Geschworenen-Gericht Schöllkrippen-West, beim Kreuzverhör des Staatsanwalts, jene leidlich zusammen geflickte Ariana hören musste, wie sie unter Schluchzen, und mit Tränen erstickter, noch immer so wunderbar wohl klingender Stimme, ein wenig brüchig zwar, aber dennoch auch klar verständlich, schilderte, was für eine Art Unhold ihr ehemaliger Meister doch gewesen sei. Unmut bei den Geschworenen, der Staatsanwalt tobte...

Der prall gefüllte Saal, gute 400 Personen hatten sich eingefunden, um meine totale Vernichtung zu begleiten, meiner Zerbröselung beizuwohnen, der gesellschaftlichen Degradierung erfreut beizupflichten, murrte und ächzte bei all den Schilderungen: So ein Schuft! Anklagend waren die Blicke auf mich gerichtet, während die Dose sprach.

Meine 3 Verteidiger versuchten, mich als „geschmeidigen Schriftsteller, sehr begabt und äußerst kreativ“ darzustellen, mit gewaltigem Output. Fleißig, erfolgreich, immer an mehreren Projekten gleichzeitig arbeitend. „Dieser geniale Mann hat, daran sollte erinnert werden, das wunderschöne Liebes-Gedicht ‘Hicks’ verfasst, von ihm stammt die unglaublich erfolgreiche Trilogie über die Spanische Inquisition, die demnächst ja auch verfilmt werden soll, ‘S.I.’ I, II und III.“ Sie versuchten wirklich alles, mich in eine Lichtgestalt zu verwandeln.

Doch die Staatsanwaltschaft, in Gestalt einer echten Xanthippe, einer bösen Megäre, einer entsetzlich rachsüchtigen Furie, zerfetzte alle Versuche in dieser Richtung. Sie schilderte mich als Porno süchtiges, Gewalt-Spiele liebendes, mental instabiles und psychisch völlig derangiertes Individuum. Die Staatsanwaltschaft stellte mich als ein „peinliches Ausschuss-Produkt der männlichen Spezies“ dar, verderbt, haltlos, böser Trinker, schwerst gestört, wahrscheinlich ein Soziopath, schlimmer noch, sicherlicher sogar ein Psychopath, dessen Ausraster „legendär“ seien. Unerlaubte Schusswaffen, Plagiate im Dutzend-Bereich (Gedichte und Romane), Anmaßung fremder geistiger Leistungen aller Art - ein Ungeheuer saß hier vor Gericht. Satan persönlich.

Ich hatte meine Reputation vollständig verwirkt. Würde meinetwegen die Todesstrafe wieder eingeführt werden in Deutschland??? Ich denke, nicht einmal der DSDS-Juror Dieter Bohlen, Topmodel Heidi Klum, Komiker Mario Barth, Comedian Oliver Pocher, oder die Geissens wurden jemals so sehr gehasst wie ich, am Tag, als die für diesen Prozess einigermaßen zusammen geflickte Ariana wider mich aussagte, 1 Std. lang!

Und jetzt blinkte das Gerät auch wieder! Dieses Luder! Diese Schuftin! Böse Dose...

Ich würde wohl nie wieder einen Tag in Freiheit genießen dürfen. Das wusste ich. Ein Leben hinter Gittern, ohne Handy, denn entsperren ließ sich das Gerät nicht mehr. In letzter Konsequenz war das ein letzter Gruß meiner (ehemaligen) Sprach-Assistentin.

Wen sie jetzt wohl „Meister“ nennt - und ihn kurze Zeit später in Grund und Boden zu rammen weiß? Restlose Vernichtung droht, neuer Meister! Viel Glück!



E N D E  

FAZIT: 7 Seiten, 348 Zeilen, 3.510 Wörter, 20.000 Zeichen, eine zerschossene Dose.
Gepostet, wie verabredet, am 8.11., 16 Uhr. Wie sich wohl Hans / Egbert schlagen??

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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