Karl-Konrad Knooshood

Der Mann, der Tomatensuppe mochte

(04.11.2019)

 

Unsere Kurzgeschichte spielt in Italien, in der fruchtigen, fruchtbaren Toskana, dem bei Besserverdienern bis heute beliebten Urlaubsparadies. Apropos Paradies: Diese Gegend ist beliebt, berühmt auch für ihre "Paradeiser", so nennt sie der Österreicher - wir kennen sie als Tomaten.

 

Tomaten sind superlecker, in jedweder Darreichungsform. Sie sind übrigens kein Gemüse, sondern eine Frucht. Der Autor dieser Geschichte ist bekennender Tomaterist, Tomatenfetischist, Tomatenfan, Liebhaber alles Tomatigen, ein Freak. Er speist Tomaten bevorzugt pur, in Scheiben geschnitten, akkurat, das glibberige Fruchtfleisch bleibt drin, er isst es mit. Gern mit Mozzarella gemischt, in Scheiben, abwechselnd aneinandergelegt, mit Basilikumblättern gelegentlich. Noch lieber mit dicken Gemüsezwiebelscheiben. Die Gemüsezwiebelscheiben müssen zwingend unten liegen, die ätherischen Dünste der Zwiebel sollen ihm nicht in seine empfindlichen Augen ziehen. Er würzt die Tomatenscheiben intensiv, das gehört für ihn dazu. Ohne Würzung will er sie nicht (so gerne).

 

Tomatensoße,

Tomatenscheiben,

Tomatenmark,

getrocknete Tomaten,

getrocknete Tomaten in Öl zu anderen Antipasti,

Tomaten als Pulver zum Streuen,

holländische Wassertomaten,

italienische,

spanische,

knallleuchtendrote,

fast orange in billiger Discounterqualität – ihm ist keine Sorte zu exotisch, keine Sorte fremd, selbst grüne oder schwarze nicht.

 

Tomaten sind sein Leben, enthalten Lycopin, einen krebshemmenden Stoff, passen zu fast allem, man kann in sie wie in einen Apfel herzhaft hineinbeißen. Allerdings war unser tomatenaffiner Autor noch niemals in New York, wandelte nie durch San Francisco in zerschlissenen Stonewashed-Jeans, erst recht nicht auf dem großen Tomatenfest, wo Tomaten sinnlos verschwendet werden, da sich die Feiernden der sog. "Tomatina" gegenseitig mit Tomaten bewerfen und vollständig einsauen, Kleidung und Frisur sich ruinieren inbegriffen.

 

Nein, diese Festivität hielt er stets für erbärmlich. Es ist barbarisch, diese gottgegebene Frucht (obwohl er nicht an Gott glaubt) zu verschwenden.

Landet sie nicht im menschlichen Mund, in irgendeinem Aggregatzustand, ist sie wertlos.

 

Dieser Autor ist super unschuldig. Er ist an nichts beteiligt. Er würde nie für Tomaten morden, das lohnte sich nicht. Tomaten sind überall verfügbar. Hatte er schon einmal jemanden getötet? Kein Kommentar! Er war wohl etwas windig, aber im Großen, Ganzen ein unschuldiger, braver Bube.

 

Das Verbrechen, das sich zugetragen hat, wurde ihm aus dritter Hand überliefert, wurde ihm mehr oder minder zugetragen. Er kann daran nicht beteiligt gewesen sein, denn das, auf dem seine Geschichte basiert, geschah immerhin 5 Jahre vor seiner Geburt – und in einem anderen Land.

 

Er erzählt die Geschichte nur.

 

 

Es begab sich aber zu der Zeit, dass alle Tomaten sich schätzen lassen sollten, eine jede an ihrem Strunk… Es begab sich aber im Jahre des Grünkernbratlings, Deutschen Herbstes und der allgemeinen Trauer, 1977, als der Vogel des Jahres "Schleiereule" und das Wort des Jahres "Szene" (das Unwort wurde erst 1991 erfunden, geile 90er wieder einmal! 90s rulez!) – um ELVIS (PRESLEY), den King, der verstorben war, auf dem Scheißhaus, welch schmachvoller Tod!, dass ein älterer, distinguierter und sehr gepflegter Herr in eine winzige, gemütlich-dörfliche Idylle-Ortschaft gelangte, ein Mann mit Geheimnissen.

 

Ob es wilde oder pikante waren, ist unbekannt. Wird es im Verlaufe der Geschichte herauskommen? Das Tarot dafür liegt günstig.

 

Wollen wir deshalb ans Ende der Geschichte vorspulen (heutzutage würde man sagen: skippen, vom Englischen "to skip", was so viel wie "überspringen" bedeutet, bei CD-Geräten dransteht, auch bei DVD und BLURAY gibt es diese Funktionen für bequem ansteuerbare Kapitel, einer der zahllosen Vorteile von DVD und BLURAY gegenüber der VHS; Spulen gab es nur bei dieser – und bei der Audiokassette; bei letzterer behalf man sich gern mit sog. Zählwerken)? Um direkt übelst zu spoilern: Jeder muss eines Tages sterben, auch alte Herren. Die Frage ist nur: Wie und woran – und warum?

 

Das idyllische, abgelegene Dorf im Dürre-Grünen, im warmen Süden des Kontinents Europa, im Norden des Landes, dessen Landmasse wie ein großer Stiefel aussieht, ist in der besagten Toskana, Italien. Es gibt besondere Spezialitäten dort, die der Autor mehr schätzt als alle Käsesorten. Wie wir bereits wissen, muss es etwas Tomaten Beinhaltendes sein. Heutzutage gibt es von MAGGI und KNORR Pulversuppen in Tüten, die man sich mit etwas Wasser zubereitet.

Eine davon heißt: "Tomatensuppe Toscana".

Es gibt auch konzentrierte Tomatensuppe in Dosen: Man gibt den Doseninhalt in einen großen Topf – und gießt mit einigen Litern Wasser auf. Diese Tütensuppen wie die Dosenpampe sind kein Vergleich zu authentischer, selbstzubereiteter Tomatensuppe aus der Toskana. Das weiß der Autor genau!

 

Er reist in die Toskana, auf den Spuren des Geschehenen. Ihm geht’s nicht um Gerechtigkeit, jedenfalls keine ausgleichende, Rache lag ihm immer fern. Persönlich war er auch gar nicht betroffen. Seiner Meinung nach hatte das Opfer in der Geschichte das bekommen, was es verdiente, hatte es doch untilgbare Schuld auf sich geladen. Wer das Opfer ist, wird sich zeigen.

 

Wer italienische Dörfer betritt, verliebt sich vielleicht in sie, in die Landschaft, die alten, altehrwürdigen Steinhäuser, bröckelig, spröde, rissig, trocken, in deren Zwischenräumen und Spalten ganze Insektenstaaten Platz finden. Die sich all-überall Raum verschaffenden Gewächse. Es ist traumhaft. Hier ist die Welt noch in Ordnung, die Zeit scheint, so sie nicht stillzustehen scheint, scheinbar langsamer im Verlauf. Ein Jungbrunnen der Ruhe und Einfachheit.

 

Hier ließ sich also ein älterer Mann nieder, jener gepflegte Gentleman, von dem kürzlich die Rede war. Ältere Leser entsinnen sich möglicherweise. Wie alt ist der Mann? 1977? Circa 80 Jahre alt, wohl etwas älter, noch unter 90, hier weiß es niemand so genau, hier kennt ihn keiner.

 

Katapultieren wir uns also ins Jahr 1977. Der Autor ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ein geiler Gedanke im Hirne seines Vaters, ein schwanzgesteuerter Denkvorgang, der im Endeffekt zu des Autoren Zeugung führt.

 

1977. Der alte, leicht gebeugte, sich auf einen typischen Altherrenstock stützende aber agile, sehr saubere, manierierte Herr kam im August 1977 in dem Dörfchen an. Er verfügte über ausreichende pekuniäre Mittel, hatte genügend in die Landeswährung, damals noch Lire, gewechselt, hier fühlte er sich sicher. Hier würde er Geborgenheit finden. Dieses Dörfchen war ein Ort, in dem man verschwinden konnte. Untertauchen, als habe man niemals existiert. Es schien einen zu verschlucken, mitsamt seinem Namen und Leben.

 

Es war wie geschaffen für menschliche Individuen, die nicht gefunden werden wollten.

Wollte dieser ältere Herr denn nicht gefunden werden?

 

Eine kleine Cantina, eine Trattoria am Straßenrand der ruhigen Hauptstraße des Dorfes. Am Tag fuhren hier vielleicht 10 Autos durch, eher noch Eselkarren, Pferde, Kutschen, auch im dritten Drittel des 20. Jahrhunderts. Bei einem Vergleichsquartettkartenspiel hätte man mit dieser Straße nicht punkten können:

 

Straße kleines Toskana-Dorf:   

 

Frequentierung, Verkehrsaufkommen: ca. 10 Fahrzeuge;

 

Straße Berlin, Hauptstraße Tempelhof-Schöneberg: rund 15.000 Fahrzeuge täglich.

 

Stich! Nein, Stich gibt es nur bei identischen Werten, etwa:

 

- Bruttoregistertonnen: 25

- Bruttoregistertonnen: 25

- STICH!

 

In dieser Trattoria, einem "Bordsteinrestaurant" quasi, vergleichen wir's mit einem amerikanischen Diner, wenngleich dieser Vergleich hinkt wie ein Fluch-der-Karibik-Pirat, nur mit herzlicheren Bediensteten statt gefakt freundlicher oder missgelaunter Kellnerinnen, die einem ungesunden Ami-Fraß zur Förderung des "Tödlichen Quartetts" (eine gänzlich andere Form des Quartetts als harmlose Spielkarten!) servieren, stattdessen feinste italienische Küche, mit Liebe selbstgemacht in familiärer Atmosphäre. Die Besitzerin dieser speziellen Trattoria war eine wettergegerbte, vernarbte aber verschmitzt gewitzte, lebenslustige und pantherhaft agile Frau jenseits der 80, hieß "MAMA MANCINI". Sie war wohl jemandes Mama geworden, nicht Mamma Mia, denn ich bin der Autor und habe eine wesentlich jüngere Mutter, die mich auch später geboren hat! Mein ist die Gnade der späten aber keineswegs verspäteten Geburt.

 

Kann ich jetzt weitermachen? Très bien!

 

Übrigens spreche ich kein einziges Wort Italienisch. Als ich im Jahr 2000 mal in Roma war, für eine Woche, lernte ich spaßeshalber ein paar Fetzen, verständigte mich dann aber mittels einer krausen Mischung aus Englisch, rudimentärstem Französisch und Deutsch. Unser älterer Herr, der gern in MAMA MANCINIs Trattoria zu speisen begann, kann aus unerfindlichen Gründen perfekt Italienisch, so wie ich meine Mamasprache Deutsch.

Da mir Untertitel zuwider sind (wenn ich was lesen will, nehme ich mir einen dicken Roman, eine Bedienungsanleitung für den Thermomix oder Artikel auf ACHGUT vor) und sowieso nur ca. ein Drittel des Gesamtgesprochenen abbilden können, allein, was die Sprechzeit  und das Sprechtempo anbelangt, mache ich's anders. Entsprechend habe ich eine Synchronfassung anfertigen lassen, von des Italienischen bestens Mächtigen.

Stellen wir uns den alten Mann vor, wie er von einem der besten deutschen Synchronsprecher gesprochen wird, von CHRISTIAN BRÜCKNER, RONALD NITSCHKE, eventuell auch LUTZ MACKENSY oder NORBERT LANGER. Vielleicht auch JOACHIM KERZEL. MAMA MANCINI wird entweder von SUSANNE VON MEDVEY, ANKE REITZENSTEIN oder REGINE LEMNITZ oder DANIELA KAUFMANN, gerne auch HANSI JOCHMANN gesprochen.

Die anderen Rollen jeweils von anderen brillanten Stimmen. Vielleicht hat ANDREAS FRÖHLICH Zeit und Bock dazu, vielleicht sein Kollege JENS WAWRCZECK oder OLIVER ROHRBECK.

 

Der ältere, gepflegte Herr speiste jeden Tag bei MAMA MANCINI. Über Jahre hinweg. Er liebte ihre Tomatensuppe. Sie war so voller Liebe selbstgemacht, dass er gar nicht genug davon bekommen konnte.

 

MAMA MANCINI liebte es geradezu, Tomatensuppe zuzubereiten. Das war ihre Spezialität, dafür war sie im ganzen Dorf beliebt. Viele, wenn nicht die meisten ihrer Kunden waren Ortskundige und Ortsansässige. Touristen, die höchst selten den Weg in das Dorf fanden (weder war der Weg dorthin besonders spannend ausgeschildert noch gab es damals etwas wie Wikipedia und GOOGLE MAPS und in Geheimtipp-Reiseführern, mithilfe derer man überlaufene Touristenfallen meiden konnte [bis es eines Tages keine Geheimtipps mehr waren, denn das haben Geheimtipps so an sich, dass sie temporär sind], kam es auch nicht vor), speisten gern bei MAMA MANCINI, denn ihre Trattoria war eines von drei lokalen Restaurants, das des einzigen örtlichen Hotels nicht mitgezählt, das andere war ein sündhaft teurer Edelschuppen, das weitere eher das italienische Äquivalent einer Pommesbude und weniger einladend als der SUBWAY am Hauptbahnhof einer Großstadt, mit ranzigem Fraß. Wer das Besondere, typisch, authentisch Italienische wollte, ging zu MAMA MANCINI. Wer so klug war, die geniale Tomatensuppe zu probieren, hatte das höchste kulinarische Glück auf Erden – und das gleichzeitige Pech, dieses Geschmackserlebnis nie wieder vergessen zu können. Und fortan sämtliche anderen Tomatensuppen, selbst eigenhändig selbstgemachte, insbesondere aber die Dosen- und Tütenpampe von MAGGI, KNORR und ERASCO verschmähte, ja, regelrechten Ekel vor ihnen entwickelte.

 

Dennoch fanden die meisten zahlungskräftigen, hier wie die Armen günstig wegkommenden (denn MAMA MANCINI setzte nicht auf allzu großen persönlichen Profit), Touristen selten ein zweites Mal den Weg in das Dorf, denn es war kompliziert und schwer zu finden. Schon Mancher hatte sich so sehr verfahren beim Versuch, es wiederzufinden, sich verirrt im toskanischen Hinterland, dass er fortan lieber auf den bestens befestigten Straßen fuhr, in die großen italienischen Städte, die Hotspots der Toskana – oder weiter ins Süditalienische.

 

Wie schon erwähnt, war es auch kaum ausgeschildert, die Frage aber ist: Gab es überhaupt Schilder, die das Dorf anzeigten? Gab es das Dorf überhaupt?

Wie zum Henker hieß es denn? Nicht mal den Namen weiß ich, der Herr Autor, sehr erfreut, Leute!, zu sagen!

 

Dieser ältere Herr jedenfalls war regelrecht süchtig nach MAMA MANCINIs Tomatensuppe! Er konnte gar nicht mehr anders, als jeden Tag zur Mittagszeit MAMA MANCINIs Trattoria aufzusuchen. Sonst lebte er sehr zurückgezogen, hielt wenig, nur den nötigsten Kontakt zu den Dorfbewohnern, galt schnell als Sonderling, der seinen Ruhestand hier verbrachte, seine letzten Jahre hier verleben wollte. Manche meinten sarkastisch: "Er will seine letzten Jahre aufbrauchen". Es gab Hörensagen, er sei ein berühmter Frachterkapitän gewesen, andere wiederum wollten ihn als letzten Überlebenden des Raumschiffs NOSTROMO ausgemacht haben, andere wiederum glaubten, er sei ein ehemaliger Showmaster, der in der unmittelbaren Nachkriegszeit, als das Land Deutschland sich 1949 in BRD und DDR teilte, den Westen der neuen demokratischen Republik mit Stand-up und allerlei Blödsinn unterhalten habe.

Wenn ihn jemand fragte, was er mache, womit er seinen Tag verbringe, antwortete er stets: "Ich schreibe meine Memoiren". Da dies jahrelang so lief, munkelte man, musste er ein Mann sein, der viel erlebt hatte.

 

MAMA MANCINI hingegen erzählte er alles Mögliche, manchen Schwank aus seinem Leben, fing seine Erzählungen meist mit: "Denken Sie nur, MAMA MANCINI, einmal war ich in…" oder "Wissen Sie, Frau MANCINI, wie das damals 19… war, als ich ein kleiner Bub/junger Angestellter war? Da habe ich…" an.

 

MAMA MANCINI hörte oft stundenlang zu, antwortete patent aber maulfaul: "Dann lassen Sie mal hören"!" oder "Weihen Sie mich ein, Herr PIIIEP!" oder "Was mag das wohl gewesen sein, Herr PIIIEP!?" Wenn sie ihm die Tomatensuppe servierte, bedankte er sich artig: "Vielen lieben Dank, verehrte Frau MANCINI! Mmh, das sieht ja wie immer bezaubernd lecker aus!" oder auch "Mensch, Frau MANCINI, da haben Sie sich mal wieder selbst übertroffen!" oder "Bin wirklich gespannt, hochgeschätzte Frau MANCINI, ob diese heutige Suppe eine neue Offenbarung werden wird". "Ich hoffe, sie mundet Ihnen vorzüglich, Herr PIIIEP!", kam es meist aus ihrem stolzen, faltigen Munde zurück.

 

Eines Tages, es mag bereits um das Jahr 1983 gewesen sein (der Autor war gerade ein Jahr alt), da stellte MAMA MANCINI dem alten Herrn die wohl offensichtlichste aller sich aufdrängenden Fragen:

"Ich hoffe zwar immer, dass es Ihnen schmecken möge, lieber Herr PIIIEP!, doch frage ich mich seit jeher: Wollen Sie nicht mal etwas anderes speisen als immer meine Tomatensuppe? Es gibt so viele Speisen in diesem Lokal zu entdecken! Denken Sie nur, wenn Sie in meinem bescheidenen Etablissement zu Gast sind! Warum probieren Sie nicht mal meine Pizza? Thunfisch/Tonno hätte ich da, Salami, Pilze, Fungi, Peperoni, Sardellen, Oliven, Spinat – oder eine klassische Margarita? Oder die Quatro-Formaggi? Oder die Vier-Jahreszeiten-Pizza, nicht die Vier Jahreszeiten von ANTONIO VIVALDI. Die Tomatensoße auf allen ist aus denselben Tomaten wie meine berühmte Tomatensuppe. Glauben Sie es mir! Da sind ganz deftige, aromatische Speisen dabei; Nudeln könnte ich auch machen, es gibt nach Köhler-Art, mit Gorgonzola, überbacken, als Auflauf, als Nudelsuppe mit Tomaten und Gemüse. Es ist doch doof, immer dasselbe Gericht zu essen!" – "Aber die Suppe ist nicht so mächtig und schön bekömmlich. Ich will nicht allzu arg zunehmen!", antwortete Herr PIIIEP! bescheiden.

"Ich bin ein Gewohnheitstier, ein etwas schrulliges vielleicht, aber ich mag meine tradierten Routinen", setzte er hinzu.  

 

"Also wirklich, Herr PIIIEP!, sagen Sie mir bitte nicht, dass Sie in Ihrem hohen Alter noch auf Ihre schlanke Linie achten müssen! Außerdem ist das italienische Essen das gesündeste der Welt! Sind Sie unflexibel geworden infolge hohen Alters? Das ist schade, man sollte immer mal wieder was anderes probieren…"

 

Der höfliche Herr älteren Semesters wusste nicht, ob dies wahr war, sie neigte dazu, zu übertreiben, "das gesündeste der Welt", pah! Die gute alte Mutter, das Mütterchen THERES…äh MAMA MANCINI. Denn nun erinnerte er sich an das Essen in seiner alten Heimat, diese Mischung aus leichter und schwerer Kost. Reichlich Weißkohl hatte es gegeben, "Sauerkraut" hatte man dieses Quasi-Nationalgemüse der Deutschen genannt, genannt wurden die Deutschen entsprechend "Krauts", von ihren Feinden, den Briten, auch den US-Amis später, während des schrecklichen Weltkrieges. Zum Glück hatte er nicht an die Front gemusst, weder zur Massenerfrierung der eisigen Hölle von Stalingrad, noch zum sandig-staubigen Himmelfahrtskommando des alten Wüstenfuchses ROMMEL. Auch dessen undankbarer Job, später die Normandie gegen die anlangenden Alliierten zu verteidigen, war ihm erspart geblieben. Er war "davongekommen", sein Job war gemütlicher. Er hatte viel Zeit in Büros, an Schreibtischen, in Schreibstuben verbracht: Gelegentlich hatte er an Rampen gestanden oder im Bahnhof auf die Ankunft von Zügen gewartet.

 

Diese Erinnerung stieg unheilvoll in ihm hoch wie Kohlensäure im GEROLSTEINER, drohte, ihn zu bersten wie ein MENTHOS eine volle Cola-Flasche. Er dachte an Kartoffelbrei (der noch nicht in Pulverform in Tüten existierte, das man mit etwas Wasser, Milch, wahlweise etwas Butter respektive Margarine sowie Muskatnuss zu einer Art Püree zubereiten konnte), Grünkohl und Mettendchen, an Spinat und Steckrübenmarmelade (was anderes gab's bald nicht mehr, der Krieg forderte den Mangel an allen Ecken, an allem Luxus, der aus sämtlichen Dingen wurde, die in Friedenszeiten selbstverständlich waren), gute, rustikale, deftige deutsche Kost.

Wehmut überflutete ihn. Sein selbstgewähltes Exil setzte ihm zu. Er war so lange Zeit glücklich gewesen, in diesem nahezu unbekannten, kaum oder gar nicht erreichbaren Dorf, hatte genüsslich seine Memoiren aufgeschrieben. Voller Selbstbeweihräucherung, Selbstgerechtigkeit, die Vergangenheit verklärend.

 

>>Halt, AUGENBLICK MAL! Woher kennt der Autor die inneren Vorgänge der in dieser seltsamen Geschichte handelnden Personen? Ist er etwa ein auktorialer Erzähler? Weiß er schon alles? Oder vermutet er nur -  das wäre rein spekulativ! Er kann doch gar nicht wissen, ob der Protagonist in Wehmut verfällt auf die Worte MAMA MANCINIs hin, die angeblich Erinnerungen erweckenden. Überhaupt: Hat sie das je genau so gesagt, waren das ihre exakt gesprochenen Worte? Oder liefen irgendwelche Aufnahmegeräte mit, etwa Kassettenrecorder (in den 70ern, frühen 80ern) – oder hatte einer der anwesenden Gäste etwa ein Dialoggedächtnis wie ein Kassettenrecorder?<<

>>Was spielt das für eine Rolle? Die Geschichte wurde frei erfunden, ist frei erzählt, aber alles nach einer wahren Begebenheit! Es ist ein bisschen wie bei AKTENZEICHEN: Man stellt die Fälle als Filmchen nach, ungefähr wie es gewesen ist. Die genauen Dialoge denkt man sich dabei aus.<<

>>Also erfunden? Oder ein Gleichnis?<<

>>Bullshit, diese Geschichte ist wirklich passiert, von Zeugen verbürgt…Krass! Das REIMT sich ja!<<

>>Ja, Hammer, Tollomaterius, dann erzähl mal weiter, was der Autor aus dubiosen Quellen erfahren oder sich ausgedacht haben will!<<

 

Nun brach es hervor: Eine fatale Sehnsucht ergriff ihn, nach der Rückkehr in seine Heimat. Die er so lang verdrängt, verschmäht hatte. Er beendete seine Tomatensuppe, diesmal hastig, nicht schwelgerisch schwärmend und genussvoll Löffel für Löffel, wie sonst immer. Er hatte die Angewohnheit, nach dem leichten Pusten, um die Suppe auf dem Löffel abzukühlen, erst immer zu schnuppern, das volle Aroma in seine Nüstern aufzunehmen, eh er zunächst nur die Hälfte vom Löffel schlürfte. Diese ließ er dann durch seinen gesamten Mund kreisen, mit der Zunge überall aufnehmen, bis in die hintersten Geschmacksknospenwinkel, genoss sekundenlang, eh die zweite Suppenhälfte vom Löffel den Weg in den Mund fand. So ging das immer weiter. Mitunter eine Stunde lang.

 

Das Brot, das MAMA MANCINI dazu buk, war knusprig, würzig und herzhaft, einfach traumhaft.

 

Diesmal nicht. Er schlang so, dass er sich aufgrund der nach dem Kochen hohen Hitze des Süppchens partiell den Rachen verbrannte. Er bezahlte und wankte nach Hause, in die Wohnung in dem alten, gemütlichen Stadt- bzw. Dorfrandhaus, umgeben von filigranen, fein geschwungenen Ziergitterzäunen aus schwarzlackiertem Metall, freilich stellenweise etwas abgesprungen, alt, porös. Der wilde Garten innen lud zum Verweilen ein, einfache Drahtsitzmöbel. Jetzt nicht. Der Mittag war glutheiß, er schwitzte, kämpfte sich die Treppe hoch, ließ sich auf sein Bett fallen, nachdem er die Wohnungstür aufgeschlüsselt hatte.

 

Düstere Gedanken kommen immer wieder hoch, Scham, Trauer, Wut auf sich selbst, Schuldgefühle. Ja, Schuldgefühle, tonnenschwere, kilometerdicke Schuldgefühle. Er. Ausgerechnet er! Begann nun die Abrechnung mit sich selbst, mit Versäumnissen, Taten?

 

Indessen zog sich die Schlinge um seinen faltigen alten Hals immer weiter zu. Es wurde eng, ein Gefühl der Panik im Brustraum.

 

Doch auch um ihn herum begann allmählich alles zu zerfallen. Ganze Lügengebäude? Wir werden sehen.

 

Er hatte sich versteckt, ein ungerecht ausgezeichnetes Leben im Wohlstand geführt. Es war ihm lange gut ergangen. Diese Tomaten! Diese vollaromatischen Dolce-Vita-Supertomaten!

Für dieses Geschmackserlebnis hatte es sich gelohnt, in diesem abgelegenen, mysteriös unauffindbaren Dorf voll herzlicher, netter aber geheimnisvoller Personen zu leben.

"Aber zu welchem Preis", sprach nun sein Gewissen zu ihm, "wie viele Menschen mussten vorher leiden. Für dich, durch dich, unter dir!"

Es ließ sich nicht abschalten. Gellend lauter wurde es. Doch auch seine Umgebung nahm jetzt Witterung auf.

 

Der alte, höflich-distinguierte Herr fiel, Schweißperlen auf der Stirn, in einen tiefen aber unruhigen, alptraumhaften Schlaf, am frühen Abend erwachte er schweißgebadet. Kaum erholt. So gar nicht.

 

MAMA MANCINI und ihre über 40-jähriger Söhne machten sich Gedanken. Und zwar über den alten Tomatensuppenfan, ihren Stammkunden zu jeder Mittagszeit. Im Fernsehen waren Nachrichten zu empfangen. Noch immer, man schrieb inzwischen das Jahr 1984, war von gesuchten Kriegsverbrechern die Rede, häufiger sogar als über das, was im heutigen Deutschland, Westdeutschland zwischen 1977 und 1982 abging. Die RAF war Dauerthema, die grassierende Arbeitslosigkeit, ein Krisenjahr war 1982 gewesen, der Deutsche Herbst war mit mehr blauen Augen als je zuvor zu Ende gegangen. Auf beiden Seiten. Hierzulande war all das nicht von Bedeutung. In diesem zwar abgelegenen aber nicht völlig vom Geschehen der Außenwelt abgeschnittenen Dorf im Niemandsland sogar, gab es keine linken Terroristenschweine, es hatte jedoch Schweine hier gegeben, und damit war nicht Signore PICCOLOs Schweinezucht gemeint.

 

Es waren Schweine aus Deutschland gewesen, denn zu gewissen Zeiten war der Tod ein Meister aus Deutschland. MAMA MANCINI war keine Italienerin. Sie war vor sehr vielen Jahren in dieses verwunschene, ländlich-ruhige Kaff, das schlecht oder gar nicht ausgeschildert und in keiner noch so seriösen, exakten Straßenkarte verzeichnet war, gekommen und hatte sich gleich in es verliebt. Eine eigenartige Magie lag über ihm. Die Sprache hatte sie schon lange gekonnt, perfektioniert, da sie früher mit dem Ausland korrespondiert hatte, als sie, in jungen Jahren, als kaum 16-jähriges Mädchen nach einer kurzen Schulbildung bei einer Firma als Sekretärin gearbeitet hatte, die deutsche Qualitätsprodukte unter anderem nach Italien verkaufte.

 

Im Büro war sie tätig gewesen, ein junges Mädchen von 16 Jahren, das war sogar noch zu Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg, zur deutschen Kaiserzeit, Anfang des 20. Jahrhunderts. Noch vor der Weimarer Republik, noch vor dem dunklen Zeitalter von 1939 bis 1945, lange vor ihrem Martyrium, den Demütigungen, der Qual, der sie ausgesetzt gewesen war.

Fast wäre sie gestorben, in dem Vernichtungslager, es gab viele Peiniger, skrupellose Beiläufigkeits- und Gelegenheitsmörder, Schweine eben allesamt. Es war eines der kleineren Lager gewesen, doch man hatte sich dort perverserweise sehr bemüht, den Großen in nichts nachzustehen, was Grausamkeit, Unmenschlichkeit und Mordquoten anbelangte.

Es war da damals ein ganz bestimmter Typus Mensch, gewesen, einer, den sie nie wieder seitdem erlebt hatte. Ein Mann, der sehr manieriert und perfekt manikürt, charmant gewinnend war und nicht manipulierend, kultiviert noch dazu, war der Lagerleiter gewesen. Ein Schlächter auch er, ganz klar, der aber den Anschein erwecken und wahren wollte, nicht einfach ein mörderisches Dreckschwein zu sein, sondern ein humaner, im Zweifelsfalle fairer Mensch, der gelegentlich huldvolle Reden vor versammelter Mannschaft schwang, manchen Tötungsbefehl wieder aufhob und mit seinen Häftlingen/Lagerinsassen gern sanft und liebevoll sprach, versuchte, auch mal einen lockeren Plausch zu halten und so viel Normalität (wenn man von solcher an einem solchen Höllenort überhaupt reden konnte) zu vermitteln wie nur möglich.

 

Er hatte sogar einen gewissen Humor bewahrt.

 

Ein Engel war er freilich nicht gewesen, dazu hätte er auf das gelegentliche Warten an der Rampe, wo der Zug mit Neuankömmlingen an Lagerinsassen ab und zu ankam, das direkte Erschießen der ersten 13 entkräftet aus dem Zug steigenden Passagiere verzichten müssen. Immer genau 13. Ein perfider Tick von ihm. Auspeitschungen und auch andere Züchtigungen nahm er durchaus selber vor, auch MAMA MANCINI, die zu der Zeit ganz anders hieß, war ihm zum Opfer gefallen. Sie hatte bei ihrer Deportation "Glück gehabt", da sie zum Glück nicht zu den ersten 13 Aussteigenden zählte, sondern völlig verängstigt, schon da traumatisiert, später aus dem Zug stolperte. Dieses Erlebnis hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, eingestanzt wie ihre Häftlingsnummer, die man ihr gewaltsam eintätowiert hatte. Auch eine körperliche Züchtigung erlitt sie, so viele Demütigungen durch Wärter, Soldaten, die im Lager stationiert waren.

Ab und zu imitierte der ach so kultivierte, hochgebildete Lagerkommandant auch AMON GÖTH, wenn er sich auf einen der zentralen Wachtürme stellte und, noch vor dem Frühstück, Lagerinsassen abknallte. Einfach so. Aus Lust am Morden. Danach konnte es durchaus vorkommen, dass er seelenruhig und ohne größere Gemütsregung vom Turm stieg und sich in seinem Lagerbüro im Hauptgebäude hinsetzte und las – was ihm so vor Augen und Geist kam, ideologisch trennte er nicht zwischen "entarteter" und NS-Approved-Literatur. Man konnte ihm durch das Panoramafenster aus Panzerglas, nur durch zwei Stacheldrahtzäune getrennt, dabei zusehen. Da er ein sexuell eher promiskuitiver Mann war, ließ er sich Lagerinsassinnen, die ihm gefielen, die nicht allzu abgemagert und (noch) nicht sehr ausgehungert waren, in seine Räumlichkeiten des Hauptgebäudes bringen, die er, mehr oder weniger gewaltsam, zum Beischlaf zwang, inklusive auch sehr erniedrigender Praktiken, wobei er immer der Mächtige, der dominante Part, blieb. MAMA MANCINI hatte so gut ausgesehen, dass auch sie leider in sein Beuteschema passte. Man kann es nicht anders beschreiben: Er vergewaltigte sie. Sie erholte sich nie mehr ganz von diesem Erlebnis. Zum Glück wurde sie nicht schwanger, schließlich hatte sie bereits ihre drei Kinder vor ihrer Deportation in Sicherheit gebracht, kleine Babys noch, versteckt von Verwandten in der damals neutralen Schweiz. Die Verwandten kümmerten sich. Wenigstens hatte sie Gewissheit, dass sie in Sicherheit waren.

 

Ihr ging es unterdessen immer miserabler. Sie war traumatisiert, seelisch wie körperlich baute sie mehr und mehr ab, ein Wrack war sie, voller Angst, Schwäche, Müdigkeit, Resignation. Aber das Grauen dieser Hölle war unmittelbar und intensiv. Die karge Lagerkost ließ sie so abmagern, dass sie quasi, man verzeihe diesen abgedroschenen Vergleich, wie ein dünner Strich in der Landschaft aussah. Im Prinzip war ihr klar: Unter Umständen würde dies ihr Leben beenden, sie diese Dauerqual nicht überleben. Irgendwie schaffte sie es.

 

Der Krieg war eines Tages vorbei, Anfang 1945 war der Spuk vorüber, zumindest unter anderem für das Lager, in dem sie inhaftiert und drangsaliert worden war. Der Rest dauerte bis Mai des Jahres.

Der mysteriöse Lagerkommandant wurde jetzt selbst zum Gejagten, Flüchtigen. Er wurde zu einem Phantom. Trotz intensiver Bemühungen, etwa vonseiten des SIMON-WIESENTHAL-Zentrums, ihn aufzuspüren, von Behörden, seiner habhaft zu werden, verlief die Fahndung ergebnislos. Man vermutete ihn, wie viele alte Nazis, in Argentinien, Brasilien oder Ecuador, jedenfalls Meso- oder Südamerika. Mithilfe der sog. "Rattenlinien" musste er entkommen sein. Tatsächlich jedoch war er zunächst in Frankreich, Spanien und dann auf Malta untergetaucht, seine Fluchtodyssee aufgrund seiner Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wegen derer man seiner habhaft werden wollte, führte ihn auch nach Sardinien.

 

Irgendwo auf dem Weg durch Seilschaften alter Nazis, anderer Faschisten und Sympathisanten sowie anderen Unterstützern vor allem aus der arabischen Welt, hatte er sich chirurgisch verändern lassen: Die Nase wurde begradigt und verschmälert, das Kinn verschönert, die Haut gestrafft und gegebenenfalls geglättet, charakteristische Muttermale entfernt oder versteckt. Der Chirurg war ein Meister seines Fachs gewesen, selbst langjähriger Nazianführer. Die Frisur hingegen änderte der Altnazi, Ex-Lagerkommandant selbst, ein Mittelsmann besorgte ihm, für etwas von dem Geld, das er sich bei konspirativen Banken in Sicherheit hatte horten lassen, eine komplett neue Identität inklusive sämtlicher Papiere. Er hieß jetzt WILFRIED SCHULZ, ein Allerwelts-Name, war laut Papieren auch über 80 (nur 2-3 Jahre jünger als tatsächlich, zwischen der 80 und 90), geboren am 4. Juli in Hamburg, was nicht ganz den Fakten entsprach. So überhaupt nicht!

 

Sein wahrer Name war ALOIS BOCKLEITNER, ein weltweit dringend gesuchter Kriegsverbrecher. Ihm wurden mehrere Hundert Morde und andere Grausamkeiten, kurz Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Geboren war er in Wirklichkeit am 22. April, wie er zu seinen aktiven Zeiten als überzeugter Nationalsozialist und williger Vollstrecker von des Führers Befehlen stets stolz betont hatte: "Nur zwei Tage später als unser Führer!"

 

MAMA MANCINI war klargeworden, wer der höfliche, zuvorkommende Kavalier alter Schule, der kultivierte alte Knacker wirklich war. Sie war erschrocken: Wie hatte sie ihn nicht wiedererkennen können? Wie hatte sie ihm, jahrelang, ihre mit Liebe und Leidenschaft gekochte Tomatensuppe, ihr Geschenk an die Menschheit, das voller kulinarisch konnotierter Menschlichkeit und Herzlichkeit steckte, zubereiten und servieren können?

 

"Sein Gesicht war wohl verändert worden", schlussfolgerte ihr Sohn LUIGI (der noch niemanden "sehr enttäuscht" hatte, erst recht keinen Mafiaboss – und der deshalb nicht baden musste mit einem Betonklotz an den Füßen), dann erklärte er, fast dozierend, denn er war ein gelehrter Mann, der renommierte Universitäten besucht hatte: "Mutter, du kannst nichts dafür! Er hat dir geschmeichelt, gestreichelt dir deine Seele, du warst so glücklich, dass ein Kerl aus einem anderen Land so perfekt Italienisch konnte, du mochtest ihn, er war sehr charmant. Er ist Deutscher, wie du es einmal warst. Er mochte, nein liebte gar exzentrisch und exzessiv deine in der Tat vorzügliche, deine kulinarische Offenbarung von Tomatensuppe, diese magische, dieses lukullischen Genusses Meisterwerk, deine schöne, cremige, vollaromatische, echte Tomatensuppe – und das blendete dich, verlieh dir Glücksgefühle, ließ dich alles Misstrauen und alle natürliche Vorsicht vergessen. Zudem, liebste Mutter, musst du mal so sehen: Wir Menschen sehen oft nur das, das wir sehen wollen. Wir sind so sehr damit beschäftigt, uns schmeicheln zu lassen. Unser Ego ist derartig bedürftig danach, dass es unsre Vorsicht erlahmen lässt, gar überlagert. Dass unsere Instinkte nicht mehr funktionieren, unser Misstrauen nicht geweckt wird und selig schlummert. Das kann gut sein, oftmals ist es jedoch fatal…"

 

"Jaja, wunderbar, tolle Rede, Mann!", unterbrach ihn MIRCO, MAMA MANCINIs zweiter Sohn abrupt. "Geliebter Bruder, LUIGI", fuhr er fort, LUIGI liebevoll umarmend, "du neigst zum Vielschwafeln. Was machen wir jetzt, das ist hier die Frage! Eine Lösung muss her! Verpfeifen wir ihn? Übergeben wir ihn an die Behörden? Melden wir sein Versteck dem SIMON-WIESENTHAL-CENTER oder den Amerikanern?"

MAMA MANCINI machte ein verzweifelt hilfloses Gesicht, auch Wut zuckte in ihren Mundwinkeln: "Was würde das nützen? Die schleppen ihn vor ein Kriegsverbrechertribunal, aber…zum Tode werden sie ihn wohl nicht mehr verurteilen. Das wäre die einzig für mich denkbare Gerechtigkeit, ehrlich gesagt! Er ist eh ein alter Mann, seine Gesundheit lässt gewiss bald nach, sie verschonen ihn vielleicht sogar vor der Haft – oder verhängen eine geringe Haftstrafe!"

 

"Für all das von ihm erzeugte Leid, Mutter? Kaum vorstellbar!", gab LUIGI zu bedenken.

"Mutter hat recht, die haben schon lange keine Kriegsverbrecher mehr zum Tode verurteilt, wenn sie sie geschnappt haben", bemerkte MIRCO daraufhin. "Also muss er weg…", murmelte er, verwegen blickend, derweil er mit seinem Klappmesser spielte.  "Ich will ihn bestrafen", ingrimmte MAMA MANCINI, "ich will, dass er leidet und stirbt, ich will meine Rache, meine Vendetta, was auch immer, all das Leid ihm heimzahlen!"

 

"Mutter!", stieß LUIGI brüskiert-schockiert in atemlosem Ton hervor, "das ist zwar sehr verständlich, aber ziehe mich da bitte nicht mit hinein, ich bin nicht der Typ dafür! Und du, MIRCO, solltest mit dem albernen Mafia-Babykiller-Gehabe aufhören, du bist ja lächerlich! Es wäre ethisch wie moralisch bedenklich, wenn wir uns selbst zu Richtern eines solchen Scheusals aufschwängen und es liquidierten!"

 

MIRCO blickte seinen geliebten Bruder nun zornig an: "Ich will, dass dieser Bastard, verdammt nochmal, ins Gras beißt! Und dazu verhelf ich ihm gerne!" – "Und wie stellst du dir das vor, mein brüderlicher Heißsporn Zornesmirco? Du kannst nicht einfach jemanden umbringen, auch keinen Vielfachmörder und Kriegsverbrecher!"

- "Doch, Mord für Mord, Auge um Auge, Strafe für Menschlichkeitsverbrechen!" – "Wohin willst du denn, gesetzt den Fall, du schaffst es, ihn erst abmurksen, die Leiche bringen? Willst du ihn der Forschung zur Verfügung stellen – oder an Nazijäger weltweit verschicken? Vielleicht beim SIMON-WIESENTHAL-Zentrum aufschlagen und dem netten Herrn WIESENTHAL den Leichnam triumphierend auf den Schreibtisch knallen oder was?"

- "Nein", schaltete MAMA MANCINI sich jetzt wieder ein, "ich will ihn umbringen, irgendwo im Dorf oder gleich, sicherer, auf unserem Grundstück verscharren, ohne Namen, ohne Grabstein. Endstation: Vergessenheit!"

 

LUIGI dachte einen kurzen Augenblick nach, antwortete dann aber: "Was ist mit den anderen noch lebenden Opfern? Haben sie nicht ein Anrecht darauf, zu erfahren, dass ihr Peiniger endlich tot ist, dass er an einem bestimmten Ort begraben ist, so sie mit dem Kapitel abschließen können? Vor allen Dingen darf er – und damit seine Verbrechen – eben nicht vergessen werden! Es muss ans Licht der Öffentlichkeit, dass er in einem Dorf in Italien, etwas abgelegen, schlecht ausgeschildert, noch jahrelang unerkannt gelebt hat, bis er von einem Nazijäger aufgespürt, erkannt, verhaftet, vor Gericht gestellt, verurteilt wurde und im Gefängnis isoliert verstorben ist?" – "Da hast du einen Punkt, mein lieber Sohn", antwortete MAMA MANCINI dankbar. Auch MIRCO hielt einen Moment lang inne und grübelte: "Wir…äh…könnten ihn…umbringen", begann er dann zögernd, "und ihn irgendwo begraben. Zur Sicherheit bewahren wir ein paar Knochen irgendwo auf, etwa Teile des Gebisses, um später beweisen zu können, dass er tot ist. Wir lassen die Knochenfragmente dann anonym entsprechenden Stellen zukommen."

 

"Herzallerliebst, geschätzter Bruder, aber: Wo soll er begraben liegen? Sollte das nicht ein bekannterer Ort sein als unser kleines, abgelegenes Dorf? Und: Wie simuliert man eine Gerichtsverhandlung, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, bei der das Schwein verurteilt wird und dann in einem unbekannten Gefängnis in Isolationshaft endet? Insbesondere, wenn sich die Weltpresse wie gierige Heringe in 'ner Heringsaufzuchtfarm auf ihr Futter, auf die Sache stürzen wird?" LUIGI hatte mit seiner Rede wiederum einen Punkt.

 

MIRCO fiel das Nachdenken nicht zu schwer, denn auch er war ein kluger Kopf: "Ganz einfach: Wir lassen es nach einer anderen, erweiterten Gerechtigkeit aussehen!"

LUIGI rollte seine Augenbälle, seufzend: "Wie das bitte?" – "Wir schalten die Mafia ein!" Huch! Was? MAMA MANCINIs Gesichtszüge schienen von links und rechts mittig volle Kanne frontal zusammenzustoßen: "Ach du Schreck, Junge! Sagtest du 'Mafia'? Die…die…sind gefährlich, verdammt! Die tun dir einen scheiß Gefallen – und du stehst ein Leben lang in ihrer Schuld! Wenn du ihnen dann keinen Gegengefallen auf Anfrage tun willst, liquidieren sie dich!" – "Mutter, Mutter! Beruhige dich!", grinste MIRCO, "ich mach das schon. Ich kenne Leute an meiner Hochschule, die sind keine solchen Musterschüler wie LUIGIs Kollegen und Kommilitonen…" – mit einem entschuldigenden Blick in Richtung seines Bruders: "Nichts für ungut." MIRCO stand auf, steckte sein Klappmesser endlich ein und setzte fort: "Ich kenn jedenfalls Leute, die Leute kennen, die einen großen sizilianischen Don kennen, nämlich DON CORLEONE vom CORLEONE-Clan. Vielleicht können die erreichen, dass ich bei ihm vorsprechen kann! Bald ist die Hochzeit seiner Tochter. An dem Tag, so ist es üblich in diesen Kreisen, kann er keinen erbetenen Gefallen abschlagen. Er hat da so 'ne Art 'Sprechstunde'." – "Sprechstunde, das kenn ich", gab LUIGI belustigt hinzu, "die haben meine Dozentenkollegen an der Uni auch immer. Unterschied ist nur, dass die einem so gut wie jeden Gefallen abschla…na egal. Sag du, MIRCO: Was machen wir also?"

 

"Stimmen wir jetzt fair nach Mehrheit ab, wir 'sauberen Demokraten'?", scherzte MIRCO. "Ja", sagte MAMA MANCINI ernst. "Es ist beschlossene Sache: Wir bringen ihn um, die Mafia lässt es, zum Beispiel mit einem eingeweihten Double, nach einer Entführung aussehen, am besten vor möglichst vielen Zeugen, wir entnehmen die Zähne, schicken sie anonym an ein Labor, das dann zweifelsfrei feststellt, dass die Zähne von ihm, diesem Affenarsch, sind, dann sehen wir weiter. Also wir begraben ihn hier", beschloss MAMA MANCINI nun.

 

Die Dunkelheit der Nacht legte sich wie ein unheilvoller Schleier gespenstisch über das kleine Kaff, das so weit ab vom Schuss war, dass es 40 Jahre später nicht mal auf GOOGLE MAPS zu finden war. Es war so geheimnisvoll. Und was konnte hinter den Kulissen, den Häuserwänden innerhalb, abgehen?

Der alte Mann namens ALOIS BOCKLEITNER spürte, diffus, dass sein Ende nahte. Er wusste nur nicht, auf welche Weise. Hatte man ihn erkannt, sein gestriges Verhalten entsprechend irritiert zur Kenntnis genommen und interpretiert? Hatte man sich Gedanken gemacht?

 

Was er nicht wusste, war, dass MAMA MANCINI einst ganz anders geheißen hatte, wie er  unter neuem Pseudonym lebte, ihr wahrer Name war ERNA SAUERBAUER gewesen, bis vor ca. 20 Jahren, eh sie beschlossen hatte, in Italien ein neues Leben zu beginnen, mit ihrem alten Leid abzuschließen (bis es ja jetzt wieder hervorgebrochen war), fortan kein Wort Deutsch mehr zu sprechen.

 

Er hatte sie nicht erkannt. Selbst mit gutem Gesichtergedächtnis: Wann erinnert man sich schon sämtlicher Personenbegegnungen im Leben? Vor allem: Er, der Hunderte, wenn nicht Tausende exekutiert, ermordet, gemeuchelt, gefoltert, gequält und vergewaltigt hatte und hatte umbringen lassen, konnte sich nun wirklich nicht an jedes Gesicht erinnern, für ihn waren seine entmenschlichten Opfer eben nur noch Nummern oder  weniger. Es war eine gigantische Todesmaschinerie ohne Mitgefühl oder Schuldempfinden gewesen. Er hatte sich als Teil davon begriffen.

 

Nachdem er im Garten seines jetzigen Wohnhauses im italienischen Toskana-Dorf, in dem er eine bescheidene Bleibe bezog, lustgewandelt war, etwas im Dorfladen besorgt hatte (alles schien ganz normal, die Leute waren wie immer, wenn er dort ab und zu mal auftauchte, freundlich gewesen), wurde ihm alles mit einem Schlag klar:

Er kannte MAMA MANCINI, nicht vom jahrelangen Tomatensuppen-Abusus in ihrer Trattoria in diesem Dorf, das auf keiner ADAC-Straßenkarte je eingezeichnet sein würde, sondern schon vorher.

 

Aus dem Lager…So lange Zeit hatte er alles verdrängt, doch nun… Ob sie ihn auch erkannte? Ein kribbelndes Prickelgefühl der Aufregung ergriff von ihm Besitz. Er fühlte sich jetzt ausgesprochen gut, wie erfrischt, neugeboren nahezu. Erleichtert und sicher. Er wusste, was zu tun war oder wie sich sein Schicksal entwickeln würde. Ihm war alles glasklar, also eher wie Kloßbrühe statt der undurchsichtigen Tomatensuppe.

 

Es würde zum Showdown kommen müssen. 12 Uhr mittags. Zeit für seine Henkersmalzeit, eine ausgezeichnete Tomatensuppe, die beste der Welt, selbstgemacht, made by MAMA MANCINI.

 

Er betrat ihre Trattoria, liebe Leser: Wir könnten uns jetzt alle vorstellen, wie Westernmusik à la "Spiel' mir das Lied vom Tod" erklingt, müssen es aber nicht.

 

MAMA MANCINI strahlte ihn an wie einen alten Freund, den man seit 25 Jahren nicht mehr gesehen hat: "Wilfried! Da bist du ja wieder! Hast du dich von gestern wieder gut erholt? Warte einen kurzen Augenblick, deine Tomatensuppe ist bald fertig!" – "MAMA MANCINI", antwortete er beschwingt, "das freut mich überaus! Dann servieren Sie mir Ihr Meistergericht, ich habe großen Hunger!" Sie reichte ihm einen Teller mit dampfende, kräftig-roter, wohlduftender Tomatensuppe, dazu das winzige Kuchentellerchen mit dem würzigen selbstgebackenen Brot…Irgendwas war anders.

 

>>Es kommt doch jetzt nicht zum tödlichen Pistolenduell, oder?<<

>>Nein, jetzt warte doch mal ab, großer Nörgler!<<

 

Im hinteren Teil, am letzten Tisch in der Ecke, saßen zwei Herren von etwa Mitte 40, die WILFRIED alias ALOIS, den alten, distinguierten, noblen Herrn, unverwandt anstarrten.

Einer von ihnen sah so aus, als schnitte er ihm am liebsten die Kehle durch. "Lass es dir schmecken, ALOIS!", flötete MAMA MANCINI jetzt.

 

Wie vom Donner gerührt oder als habe ihm jemand einen Pfahl ungespitzt durchs Rektum bis zum Sternum hinterrücks in den Körper gerannt, schreckte er hoch. Als habe er sich, wie es 40 Jahre später zum Internetphänomen werden sollte, einen Eimer Eiswasser über die Rübe schütten lassen, bei der "Ice Bucket Challenge".

 

Als habe er aus Jux und Übermut einen Zitteraal angefasst. Elektrisiert. Paralysiert. Seine gesunde Gesichtsfarbe musste wohl einer vornehmen Blässe gewichen sein, denn MAMA MANCINI kommentierte: "Was wirst du denn plötzlich so bleich, ALOIS? Erkennst du mich denn nicht wieder? Ich bin es", [sie wechselte übergangslos ins Deutsche] "ERNA SAUERBAUER ist mein Name, bin eine Dame. Überrascht, mich lebendig wiederzusehen?!"

Ihr Deutsch war perfekt, als hätte sie keinen Tag etwas anderes gesprochen.

"Ich jedenfalls", fuhr sie triumphierend auf, "erinnere mich natürlich ganz genau an alles, all die Qualen, das gesamte Martyrium, das du mir aufgebürdet hast. Ich erinnere mich sehr genau an dich. Ich vergesse nie ein Gesicht, selbst wenn du deins verändert hast, du alter Mörder! Erinnerst du dich nicht, ALOIS? Erinnerst du dich wirklich nicht? Wirklich nicht? Du warst der Lagerkommandant damals, mit der speziellen Marotte: Immer die ersten 13 erschießen, nicht wahr? Erinnerst du dich? Ich war die Nummer 14! Erinnerst du dich?!" – Jetzt schrie sie fast.

 

In diesem Moment dämmerte es ihm, dass er diese Trattoria nicht mehr lebend verlassen würde.

 

Drum bemühte er sich, seine Fassung wiederzufinden. "Wie bist…du…äh…Sie…ERNA, drauf gekommen?", fragte er nun, resigniert aber schicksalsergeben, zeitgewinnend, zitternd.

 

"Es fiel mir gestern wie Mühlsteine von den Augen! Es war so einfach – und ich war zu blind. Ich wollte in dir das absolut Gute sehen, den liebsten Fan, den meine Tomatensuppe je hatte! Ich war geschmeichelt. Du hast dich chirurgisch verändern lassen, nicht wahr? Deine alte, blitzförmige Narbe auf der Stirn ist verschwunden, nicht wahr?" – "Alle Achtung", lächelte er, "du hast mich durchschaut, entlarvt. Du bist eine starke, mutige und schlaue Frau, das sei dir unbenommen."

 

"Danke", griente MAMA MANCINI glücklich wie ein bekiffter Delfin. "Doch alles hat ein Ende…" – "…nur die Wurst hat zwei", warf von hinten LUIGI ein, einer der beiden grimmigen Männer, der sich nun dem Ex-Schlächter näherte, in seiner Hand ein länglicher Gegenstand, womöglich eine Pistole. MAMA MANCINI fixierte ihren Sohn mit strengem, ungehaltenem Blick.

 

"Dein Leben, lieber ALOIS, findet jetzt, nach so vielen guten Jahren, die du ungerechterweise noch hattest, ein endgültiges Ende!" – "Ich weiß", seufzte Herr ALOIS BOCKLEITNER, der Schlächter und Lagerkommandant früherer Tage.

 

"Ich hätte es immer schon ahnen können, dass mich meine Schuld nochmal einholt. Wie konnte ich Tor annehmen, dass ich davonkäme?"

 

Sein Eingeständnis ließ ihn jetzt beinahe sympathisch, jedenfalls menschlich, nicht monströs, wirken.

 

"Nun muss ich wohl büßen. Wie, verehrte Frau SAUERBAUER alias MAMA MANCINI geht’s jetzt weiter? Wie wollen Sie es machen? Werden Sie mich martern und foltern?"

"Ich gewähre Ihnen, mörderischer Schweinehund ALOIS BOCKLEITNER, einen weitaus gnädigeren, würdevolleren Tod, als Sie den meisten ihrer Opfer gewährten", höhnte MAMA MANCINI. Der ältere, höfliche Herr namens ALOIS spürte in seinem Rücken ein hartes Metallstück, eine Mündung, ein Pistolenlauf, er kannte dieses Gefühl. Er, der so oft ein Gewehr oder seinen Revolver angesetzt und ohne Wimpernzucken und Gewissensbisse abgedrückt hatte, spürte nun den bleiernen Tod in Spe im Rücken.

 

Doch es kam anders. Er bat verzweifelt: "Darf ich Ihre wunderbare Tomatensuppe als Henkersmalzeit noch essen? ich muss Ihnen das größte Lob für sie aussprechen! Ich bin froh, dass ich Sie damals nicht erschossen habe, ERNA. So konnten Sie [jetzt traten ihm, dem ehemals harten Hund, Tränen in die Augen] "Ihre exquisite, exklusive, lukullisch höchstgenüssliche beste Tomatensuppe der Welt zubereiten."

 

- "Jaja, tolle Rede, Mann! Du hattest genug zu sagen! Jetzt bin ich mal dran!", reimte MIRCO, der nun, sarkastisch schmunzelnd, neben ihn getreten war. "Iss deine Suppe ruhig auf…"

 

Der alte Mann, ALOIS, nun ein nervöses Wrack, nachdem er Dekaden zuvor keine großen Probleme gehabt hatte, täglich Dutzende zu töten, begann, die Suppe zu schlürfen. Das war es! Sie schmeckte heute eigenartig, seltsam anders als je zuvor. Langsam ließ er den Löffel sinken. Blitzschnell hatte MIRCO sein Klappmesser an des alten Herrn faltige Kehle gesetzt: "Iss weiter! die beste Tomatensuppe der Welt, schon vergessen? Also…"

 

Widerstandslos speiste der alte Mann, halben Löffel voll für halben Löffel voll die Suppe aus. Ein geschmacksarmes Gift befand sich in ihr, in fünffach tödlicher Dosis. Der Pistolenlauf von LUIGIs Waffe bohrte sich schmerzhaft in seinen Rücken, MIRCO blieb mit gezücktem Messer neben ihm sitzen.

 

Der alte Bastard, Schlächter und Massenmörder wurde schläfrig, begann, Flecken zu sehen, Lähmungserscheinungen machten sich in den Körpergliedmaßen bemerkbar.

Als seine Hand verkrampfte, er nicht mehr selbst seine Arme bewegen und löffeln konnte, übernahm MAMA MANCINI dies, ihn liebevoll umarmend, flößte ihm Löffel um Löffel in den Rachen, bis die Suppe leer war. Dabei juxte sie hämisch: "Einen für den scheiß Führer, einen für Hinkebein GOEBBELS, einen für den Dickwanst GÖRING, einen für PAPI, einen für MAMA MANCINI, einen für jedes Opfer…"

 

Was die Todesqual, die reine Agonie betraf, war MAMA MANCINI alias ERNA SAUERBAUER nicht ganz ehrlich gewesen, denn er spürte sehr wohl noch etwas.

 

Soweit es sein delirierender Geist noch zuließ, erlitt er die fürchterlichsten Qualen; es war, als wüteten Dämonen in seinen Eingeweiden, die sie zu sprengen drohten, grässliche Krämpfe, Zittern und Schüttelfrost schüttelten ihn, mit seinen letzten klaren Gedanken dachte er: "Ich hab's verdient…all der Schmerz…Es ist die Hölle…jetzt muss ich nur noch durchgehen…"

 

MAMA MANCINI streichelte ihn sanft, Tränen flossen aus ihren Augen, der Wut, Trauer, der Gewissensbisse aber auch Erleichterung, Genugtuung, schließlich Vergebung.

Sie war jetzt gelöster, leichter. Ihre beiden Söhne wohnten dem bei. Vorbei war der Spuk jäh, der alte Schlächter zeigte keine Lebenszeichen mehr.

MIRCO sperrte fachmännisch den Kiefer auf und rupfte dessen unteren Teil heraus. Blut, Speichel und Eiter, die ausgetreten waren, wurden von LUIGI weggewischt, die weiteren sterblichen Überreste wurden auf eine Bahre gehoben, die zwei Brüder trugen sie hinaus, durch den Hinterausgang, auf MAMA MANCINIs Grundstück, ein weitläufiger, blühender Garten, in dem Kräuter wie Basilikum, Thymian und Majoran wuchsen. In der Mitte des blühenden Mini-Paradieses verlief ein Pfad, leicht schlängelnd, über ein paar felsige Erhebungen in den hinteren Gartenteil, in dem, mittig auf dem Pfad, der sich dort in zwei kleinere Wege aufteilte, nur von hüfthohen Buchsbaumhecken getrennt, ein Brunnen stand. Weiter hinten, etwa 500 Meter weiter, war dürres, ausgetrocknetes Busch- und Grasland, staubig und öd. Jenseits dieses Gestrüpps, links, in nordwestlicher Richtung, befand sich ein Tomatenfeld, bestehend aus gepflegten, mit Gerüsten stabilisierten Stauden, an denen die rotesten, saftigsten Tomaten in ihrem Grünzeug hingen. Edle, große, fleischige, feste Tomaten mit saftigem Fruchtfleisch. Üppig und gut. Der Grundstoff für die wohl beste Tomatensuppe der Welt!

 

Das ganze Gelände war umgeben von einer weißen Mauer, leicht schlängelnd, wie die Chinesische Mauer, nur nicht so imposant.

Hinter dem Ende der Mauer des riesigen Gartens, schloss sich ein ödes, verlassenes Niemandsland an, der Rand des Dorfes, höchstens 100 Meter vom Ende der Mauer aus gezählt. Dort befanden sich Überreste eines komplizierten Bauwerks, mit einer Stahlbetonkuppel in der Mitte, die halbverfallen als bröckelige Ruine wie ein einäugiger Pirat in den Himmel zu glotzen schien. Technische Armaturen faulten und vergammelten vor sich hin, dem Verschleiß ausgesetzt, Schalt- und Steuerpulte, schon lang nicht mehr funktional.

 

Seit vielleicht 10 oder 20 Jahren nicht mehr, keiner wusste es genau, das Gelände wurde nie genutzt, nicht mal die Dorfkinder spielten in der Ruine.

So weit gingen MAMA MANCINI und ihre Söhne nicht hinaus, im Schutze ihrer Mauer, auf dem staubigen, öden Teil des Geländes hatte MIRCO noch in der vorherigen Nacht ein tiefes Loch gegraben, ca. 7,5 Fuß tief. Sie warfen den Leichnam hinein und MIRCO schüttete zu, was er zuvor ausgehoben hatte. Sie pflanzten einen neuen Holunderbusch darauf, den sie nie zu gießen beschlossen.

 

MAMA MANCINI hatte ihren Frieden gefunden. LUIGI hatte bei DON CORLEONE vorgesprochen und dieser hatte einen Verräter aus den eigenen Reihen, den er ohnehin noch liquidieren wollte, unter einem Vorwand als ALOIS BOCKLEITNER verkleidet, so, wie dieser ausgesehen hatte, als er noch auf der Flucht vor seinen Taten war, inklusive der charakteristischen blitzförmig gezackten Narbe, die dem Delinquenten/Verräter eingeritzt wurde. Die fingierte Entführung klappte reibungslos, vor vielen Zeugen, quasi in aller Öffentlichkeit. Der Verräter wurde heimlich hingerichtet. In einer abgelegenen Gruft der Mafia wurden seine Überreste vergraben.

 

Wenig später wurde durch die weltweiten Massenmedien die Nachricht verbreitet, der Kriegsverbrecher und Nazi ALOIS BOCKLEITNER, sei wegen irgendeiner Schuld von der Mafia zunächst entführt und dann wohl liquidiert worden. Der Gerechtigkeit war Genüge getan, obschon italienische Behörden und idealistische Staatsanwälte nach diesem neuerlichen, schändlichen Mafiamord daraufhin damit begannen, ihren Kampf gegen die Mafia zu intensivieren.

 

LUIGI und MIRCO waren weiterhin Gelehrte, unterrichteten Romanistik, Geschichte und Philosophie an ihren Universitäten, MAMA MANCINI betrieb weiter ihre Trattoria, die Dorfbewohner behaupteten, dass seit dem Tag, als der distinguierte ältere Herr verschwunden war, MAMA MANCINIs Speisen, allen voran die vorzügliche Tomatensuppe, noch um ein Vielfaches besser schmeckten.

 

Doch das halte ich für ein Gericht…äh Gerücht.

Das "Gericht" hatte "getagt" und das Schwein gerichtet.

 

Die Dorfbewohner fragten nie wieder nach dem alten Herrn namens ALOIS…

 

Ich (der Autor, kuckuck!) war in dem Dorf, habe es fix gefunden, denn es ist mir in meinen Träumen erschienen. Ich war bei MAMA MANCINI und habe die Tomatensuppe probiert. Sie ist deliziös, wirklich vorzüglich. Ich habe nie mehr in meinem Leben Vergleichbares gespeist. Mit MAMA MANCINI habe ich auch gesprochen, sie war eine reizende alte Dame, charmant und liebenswürdig.

 

Sie erzählte mir die ganze Geschichte. Ich behielt sie für mich. Keiner kann MAMA MANCINI alias ERNA SAUERBAUER mehr etwas anhaben, denn kurz nach meinem Aufenthalt im Dorf, verstarb sie friedlich und selig. Die Trattoria wird von einer entfernten Verwandten, MAMA LUCINI, weitergeführt, der Garten ist längst verwildert wie ein militärisches Testgelände. Die Mauer steht noch vollständig, das Tomatenfeld ist auch noch da. Ob die Tomatensuppe noch so gut schmeckt, vermag ich nicht zu beurteilen. MAMA MANCINI vertraute mir, dem Autoren, ihr Geheimrezept für die Tomatensuppe an, kurz bevor sie starb.

 

>>Er hat sie umgebracht, der Autor, wie?<<

>>Nein, zum Schluckauf, wie kommst du denn darauf?<<

>>Weil er erwähnt, dass sie wenig später starb!<<

>>Nein, du Idiot!<<

>>Wieso nicht? Das verliehe der Geschichte den nötigen MAGGI-Brühwürfel als Würze!<<

>>Du Bullshiteristik-Professor, du! Sie wurde am letzten Tag des Autorenaufenthalts noch von vielen Zeugen gesehen, nachdem der Autor nachweislich das Dorf längst verlassen hatte. Sie hatte schon Tage zuvor, bevor der Autor vorbeikam und sie ihm die Story erzählte, sich nicht so perfekt gefühlt. Sie spürte wohl, dass es mit ihr zu Ende geht. Als alter Mensch bemerkt man sowas!<<

>>Hat sie dem Autoren deshalb ihr Geheimrezept mitgegeben?<<

>>Ja, eben! So war's! Übrigens bestehen Gerüchte, dass die Tomatensuppe u.a. deshalb so genial schmeckte, weil in der Nähe des Gartens der MAMA MANCINI ein altes, aufgegebenes Atomkraftwerk stand, das den Boden leicht verstrahlte und die Tomaten prächtig gedeihen ließ. Der Reaktor hatte einen GAU gehabt…<<

>>Echt jetzt?<<

>>Ist, wie gesagt, nur so ein Gerücht…<<

 

Liebe Leser, ich könnte es mir nie verzeihen, Euch das von mir ergatterte Tomatensuppengeheimrezept vorzuenthalten.

Aus diesem Grunde habe ich beschlossen, es der Weltöffentlichkeit zu offenbaren: LUIGI und MIRCO haben nichts dagegen, vermute ich, MAMA MANCINI hätte es sicher so gewollt. Fraglich ist, ob es, von Euch, mir, uns nachgekocht, genauso genial und deliziös schmeckt. Hier also das Rezept, schreibt eifrig mit:

 

Rezept Mama Mancinis Tomatensuppe:

 

Man nehme: Für eine Portion für zwei Personen:

 

- 400g Tomaten (je nach Größe 4-6 Tomaten)

- 1 Gemüsezwiebel

- 1 wenig Sonnenblumenöl,

- 1 wenig Olivenöl

- 2 Knoblauchzehen

- 1 TL Oregano

- 1 Kräutermischung zu je 1 TL: Majoran, Basilikum, Thymian, Kerbel

- 1 Glas Rotwein (am besten aus der Toskana, sonst italienischen)

- 1 EL Salz

- 1 Prise Pfeffer

- ½ TL Balsam-Essig

- 1 EL Sahne (Vollfettstufe, 40% Fett i.Tr.)

- ½ TL Mehl

- 1 Fläschchen (30ml) Strychnin

 

 

Die Tomaten mit heißem Wasser überbrühen, mit kaltem Wasser abschrecken, häuten, halbieren, das Fruchtfleisch dann in Würfel schneiden.

 

Die Gemüsezwiebel schälen, den Knoblauch ebenfalls – und dann beides feinhacken (heutzutage gern mittels THERMOMIX).

 

1 Esslöffel Sonnenblumenöl in einem Topf erhitzen, darin Zwiebel und Knoblauch glasig dünsten. Oregano und Kräutermischung dazugeben, Tomaten mitsamt Fruchtfleisch unterrühren, mit Salz würzen, das Mehl mit ein wenig Wasser (Mehlmische) verrühren, Pfeffer, Rotwein sowie Sahne hinzugeben.

 

Die Suppe aufkochen lassen, für 5-10 Minuten bei reduzierter Temperatur (mittlere) köcheln lassen.

 

Nun mit dem Stabmixer oder einem Kartoffelstampfer, notfalls mit einer dicken Gabel, die Suppe pürieren.

 

Balsam-Essig dazugeben. Ein wenig Olivenöl (1 Esslöffel) draufgießen (ein Ideechen!) und zu guter Letzt den Inhalt des Strychnin-Fläschchens komplett dazu schütten, alles gründlich umrühren und bald darauf servieren.

 

Guten Appetit!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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