Johannes Köster

Mal oben mal unten (eine Randnotiz)

Mal oben mal unten (eine Randnotiz)

Kraftvoll zerschäumen die Wellen am Platja d’en Bossa am Ostrand der Insel Ibiza als wollten sie die Erinnerung an die erste vulkanische Ausstülpung des Eilands vor tausend Millionen Jahren wachhalten und das Tosen der Niagarafälle verhöhnen.

Unendlich viel Spaß macht es, auf den zwei bis drei Meter hohen Wasserkämmen hinter dieser Brandung zu schwimmen.

Ada ist glücklich.

Gerade trägt ihr Vater sie auf kräftigen Armen durch die jaulende Brandungszone hinein ins Mittelmeer, dorthin wo das Toben noch nicht beginnt und durch ein mächtiges, friedvolles Auf und Nieder leiser Wogen erst vorbereitet wird. Die Oktobersonne scheint heiß, und geborgen ist das Mädchen. „Ich bring dich hin“ hatte der Vater gesagt und sie mühelos emporgehoben. Dann war er zielsicher in die blasige Gischt geschritten.

Jetzt, da sie so ruhig dahin schwebt, Haut an Haut mit ihrem Erzeuger, einen milden Salzhauch in der Nase, das wütende Klatschen des Meeres weit unter sich, wird Ada von einer Regung tiefer Innigkeit und Wonne ergriffen. Raschelndes Stroh, warme Sahne, Küken in der Hand, die Nase an den Nüstern eines freundlichen Pferdes, ein Sechser im Lotto, Erdbeerkonfekt. Ada spürt es: Nie wird sie allein sein in dieser bösen Welt. Mit einem entspannten Seufzer atmet sie glücklich aus.

Die Welle trifft sie vollkommen unvorbereitet. Mit einem apokalyptischen Brüllen stürzt sie sich auf Vater und Kind und reißt beide mit sich fort als wären sie junge Zaunkönige, die ihre ersten Flugversuche im Windkanal der ADAC-Testanstalt in Niederau unternehmen. Das letzte, das Ada von ihrem Vater spürt, ist sein großer Zeh, der sich in ihre Achselhöhle bohrt. Dann umgibt sie atemlose, wirbelnde Dunkelheit. Einen Himmel hat es nie gegeben. Milchzähne fallen aus, der Badeanzug rutscht ihr übers Gesicht, der Magen verschlingt sich im Darm, Sand wird in alle Körperöffnungen gedrückt. Zusammen mit Steinen, Muscheln und schleimigen Meeresbewohnern kugelt das Mädchen am Ufergrund Richtung Insel. Gerade beschließen ihre leeren Lungen trotzig Salzwasser einzusaugen, da spuckt die wilde See das geschundene Kind unsanft an den Strand. Gierig schnappt es nach dem für immer verloren geglaubten Sauerstoff. Als Ada nach einer Weile die Augen öffnet, hat sie verschiedene Sorten spanischen Seetangs im Mund, ihr rechtes Bein fühlt sich taub an, eine alte Shampooflasche hängt in ihrem Haar, ein Teerklumpen verklebt ihren linken Gehörgang. Aber immerhin. Sie lebt.

Mühsam stemmt sie sich hoch, kraftlos wie eine gichtige Neunzigjährige, und krabbelt in die Richtung, in der sie ihre Mutter vermutet. Salzige Tränen brechen hervor und verdrängen das Meerwasser in ihrem Gesicht. Da hört sie ein tapsiges Platschen und ein fröhliches Lachen hinter sich. „Puh, war das ein Spaß!“, ruft Johannes. „Tut mir leid, Kleine. Die Welle hatte ich gar nicht gesehen. Alles in Ordnung?“

Ada schiebt Gedanken an Fleischwölfe und Planierraupen beiseite und ertastet vor sich einen kleinen Fuß. Er gehört ihrem Bruder, der sich nach reiflicher Überlegung endlich entschlossen hat, ebenfalls ein Bad zu wagen. Als er in schicker Badehose und Schwimmflügeln jedoch seine ehemals strahlende Schwester erblickt, die sich jetzt wie ein flügellahmes Seeungeheuer weinend und taumelnd aus dem Algenschaum erhebt, kehrt er stehenden Fußes um, um doch noch einige Stunden im warmen Sand nach Erdöl zu graben.

Abends bei Tisch erklärt Ada entschuldigend: „Ich hatte gerade ausgeatmet, deshalb musste ich weinen.“

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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