Hans Fritz

Reise nach Peking


«Möchten Sie den Kartoffelsalat mit den Sojawürsteln mit oder ohne Vegisahne?» fragt mit erstaunlich menschenähnlicher Stimme der Roboter den Reisenden Ken Korlingh. «Natürlich mit», antwortet der Gast. «Dazu möchte ich ein Buchweizenbier». «Es gibt hier an Bord aber nur alkoholfreies», sagt die Bedienung. «Na gut». Der Roboter entnimmt mit noch ausbaufähigen Handbewegungen das Gewünschte einem Servierwagen mit grossen grünen Rädern. Korlingh fallen die üppigen Konturen der Bedienung auf. Die schwarze Latexkleidung tut ihr Übriges. Ein Roboter in Frauengestalt? Könnte ja sein. Über dem Schild der weissen Mütze ist eine Aufschrift angebracht: Kira. Korlingh kann sich eine Anmache nicht verkneifen und sagt: «Kira, wie wäre es mit uns beiden heute nach Dienstschluss?» Eine etwas rauchig klingende Stimme antwortet: «Ihre Anfrage wird bearbeitet. Rufen Sie bitte in einer Stunde die Nummer 8-3-7-4 an, falls Sie dann noch an Bord sind».

Herr Korlingh wird noch gut vier Stunden an Bord sein. Er befindet sich im wasserstoffbetriebenen Hochbahnexpress Paris – Peking. Das sind 10'600 Kilometer Trasse, zurückzulegen in knapp 27 Stunden bei einem Durchschnittstempo von 400 km/h. Auf den ersten viertausend Kilometern tragen stählerne 20 bis 30 Meter hohe Türme aus Edelstahl den Einschienenstrang. Dann folgen aus Beton gegossene Kegelstümpfe von ebenfalls beachtlicher Höhe.

Zugestiegen in Berlin, reist Korlingh bis Peking, um in seiner Eigenschaft als Elektroniker an einem Kongress teilzunehmen. Es gibt auch noch Flüge nach China, aber das Angebot ist spärlich. Schliesslich verkehrt die Hochbahn umweltschonender. Und darauf kommt es heute noch an. Wir schreiben – ach Unsinn, wer schreibt denn noch – wir haben das Jahr 2065, nach Christus.

Inzwischen ist die Stunde angespannten Wartens vorüber. Korlingh wählt die 8-3-7-4 und erhält als Antwort: «Begeben Sie sich bitte in Richtung Zugende zum Dienstabteil K-U-P-T». ‘Dienstabteil - das bedeutet nichts Gutes’ vermutet Korlingh. Doch schliesslich siegt die Neugierde sowie die Hoffnung auf ein zünftiges Techtelmechtel. Minuten später klopft er an. «Kommen Sie nur herein», ruft eine angenehm tönende Frauenstimme durch den Türspalt. Korlingh tritt näher und steht vor einer attraktiven, ganz in Grün gekleideten Dame, die es sich an einem kleinen runden Tisch bequem gemacht hat. «Wie, Sie sind – ich meine Sie sind –« «Ja, ich bin Ihre Bedienung von heute Mittag, jetzt normal gekleidet, ohne dieses fürchterliche Lateximitat. Nun erklären Sie mir bitte, was Sie wünschen». «Ja, ich wünschte eigentlich –« «Hören Sie doch auf, so herumzudrucksen. Sie dachten wohl, eine Roboterfrau ist für jede plumpe Anmache gut». «Sie waren also tatsächlich –« «Ja, ich war - und bin Ihnen eine Erklärung schuldig. In unserem Roboterheer arbeitete ich drei Wochen lang als ein menschliches Wesen aus Fleisch und Blut 'under cover' für ein soziologisch ausgerichtetes Forum. Meine Aufgabe war, herauszufinden, auf welche Weise die Fahrgäste unseres Paris-Peking-Express unsere Roboter belästigen. Meist bleibt es bei anzüglichen Worten. Es gab jedoch besonders im Fall der feminin betonten Kollegen Versuche des Betatschens, nicht nur von Männern. Für meinen Fall konnte ich allzu krasse Angriffe mit einer ostasiatischen Kampfsportart spielend abwehren. Möchten Sie eine Kostprobe?» «Nein nein, vielen Dank. Können sich die Maschinen nicht wehren?» «Mit Worten ist es so eine Sache. Das funktioniert nur bedingt. Physische Reaktionen, im wahrsten Sinn mit eiserner Hand, könnten allzu heftig ausfallen, fürchten die Programmierer». «Hatten Sie auch lustige, ich meine aufheiternde Erlebnisse, auch nachdenklich machende?» «Ja, hatte ich. Ein Mann im blauen Overall überreichte mir, linkisch wie ein Roboter, ein Ölkännchen. ‘Zum alsbaldigen Gebrauch’, flüsterte er mir zu. Ein kleines Mädchen fragte: ‘Bist du ein richtiger Mensch?’ Was ich mit einem entschiedenen ‘Nein, ich bin eine Maschine’ beantwortete, ich möchte sagen aus politischer Notwendigkeit. Denn schliesslich ist Lüge in der Politik keine Sünde, wie ich meine». «Da haben Sie völlig Recht», sagt Ken. Kira spricht weiter: «Heute ist mein letzter Arbeitstag an Bord. Ich möchte den Rest der Reise und ein paar Tage später die Rückfahrt nach Berlin als Passagier geniessen. Kostet mich ja nichts».

Ken und Kira verbringen ein paar unbeschwerte Tage in Peking. In einem Nobelrestaurant, das gerne von Europäern heimgesucht wird, überrascht Ken Kira mit der Frage: «Wie wäre es mit uns? So nach der Ankunft in Berlin?» Darauf Kira mit letztmals verstellter Stimme: «Ihre Anfrage wird bearbeitet. Ich weiss schon die Antwort und die lautet ja!»

Im Brandenburgischen finden Ken und Kira eine Heimat, die sie hin und wieder zwecks Reise mit der Hochbahn nach irgendwo verlassen.

Eines Tages fragt die kleine Jasmine ihre Mutter Kira: «Mutti, warst du früher wirklich so etwas wie eine Maschine?»
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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