Christa Astl

Abschiede vom Leben

 

 

Es ist der Lauf der Zeit, der Jahre, dass wir uns hin und wieder von einer persönlichen Zeitepoche verabschieden müssen. Anfangs geschieht das nicht so bewusst, das Leben steht einem ja offen und überall wartet Neues, das erlebt werden soll.

In späteren Jahren, wenn man bereits fast alles ausprobiert hat, seine Grenzen zu kennen glaubt, wird man plötzlich eines anderen belehrt. Nicht nur dass man Abschiede von Menschen zu nehmen hat, auch Abschiede vom Leben gibt es jetzt zu bestehen. Die Grenzen, auch wenn sie früher noch so hoch gesteckt, aber gemeistert wurden, sind plötzlich viel weiter nach unten gerutscht.

Seit Jugend war Bergsteigen mein Hobby, jedes Wochenende, manchmal sogar noch nach Feierabend oder vor Dienstbeginn, war ich in den Bergen. Natürlich steigerte sich meine Kondition, ich konnte mit jedem mithalten, umgekehrt konnte ich viele, wenn ich wollte, abhängen.

Die erste Veränderung erfolgte natürlich nach der Hochzeit, als sich fast jedes Jahr Kinder einstellten. Es dauerte Jahre, bis ich im Kleinkind-Schritttempo wieder aufsteigen konnte. Die Kleinsten zu tragen war nun mein Konditionstraining.  Allzu rasch wurden sie größer, sie entwickelten ihre Kräfte schneller als ich meine erhalten konnte, die Jahre machten sich schon bemerkbar. Doch ich wollte es wissen, wollte mir und den Kindern beweisen, dass ich noch mithalten konnte.

Einmal beim Abstieg auf schmalem Weg näherten wir uns rasch einer Gruppe, die zwar laut, aber langsam unterwegs war, die uns aber nicht freiwillig vorbei ließ. Ein Sohn versuchte das Überholmanöver, die anderen, auch ich, hinten nach. Quer durchs Gelände, über Stock und Stein, springend, rutschend, laufend ging es bergab. Ob danach nur meine Knie gezittert haben, steht außer Frage. Ich hatte natürlich auch schwereres Gewicht abzufangen und zu bremsen als Jugendliche. Aber ich hielt durch, konnte mithalten. Gemeinsam freuten wir uns!

Den nächsten Versuch, meine Bergkondition noch unter Beweis zu stellen, konnte ich in Ermangelung der Begleiter nicht mehr durchführen, es wäre ein Klettersteig im Kaiser gewesen, den ich früher wohl 50 Mal durchstiegen bin, einmal sogar zweimal nacheinander an einem Tag.

Viele, viele Jahre später, es war 2017, kam die nächste Herausforderung. Eine Erinnerungstour, vor 40 Jahren das erste Mal erstiegen. Am Rotspitz war wie damals die Bergmesse. Um die Tour etwas zu erleichtern, fuhr ich das erste Stück mit der Seilbahn. Dann wählte ich diesmal den leichteren Weg, - aber der fiel mir nun schwer genug. Die erste Stunde ging es noch, etwas langsamer zwar, aber ich gewann an Höhe. Ober der Baumgrenze, der Pfad wurde auch immer steiler, blieb mir immer öfter die Luft weg und ich musste rasten. Jeder der meist jüngeren Vorbeigehenden hatte einen gut gemeinten, tröstlichen Spruch auf Lager, der aber meine Situation nicht ändern konnte. Ich musste ja steigen, ich musste ja atmen. Müde, einigermaßen fertig gelangte ich noch rechtzeitig auf den Gipfel, streckte erst mal alle Viere von mir, um mich zu erholen. Erst dann war ich auch fähig etwas zu essen. Die Bergmesse feierte ich im Sitzen mit, auf den kurzen, aber ausgesetzten Weg zum Hauptgipfel verzichtete ich. Ich traute meinen Beinen nicht mehr, und ein Straucheln wäre an dieser Stelle tödlich gewesen.

Irgendwann musste man an den Abstieg denken. Mit schweren, steifen Beinen startete ich, es ging einigermaßen, ich hatte ja Hilfe und Halt an den Stöcken. Doch das steile Stück, das mir bergauf schon zu schaffen gemacht hatte, überforderte mich abwärts fast. Da konnte mir niemand helfen, für einen starken Arm war der Weg zu schmal, die Stöcke verfingen sich nicht nur einmal in den Latschen, ich brauchte sie aber um zu bremsen. Oberschenkel und Knie begannen zu zittern, verkrampften sich, mit Aufbietung aller Kräfte konnte ich jeden Schritt abbremsen. Ein Niedersitzen und Abrutschen, wie ich gerne erträumte, durfte ich mir hier nicht leisten. Und ich musste durchhalten, konnte nicht rasten, die Muskeln lockern, der Weg war schmal, andere wollten auch bergab steigen, mich überholen. Am schlimmsten waren die mitleidsvollen Blicke, und natürlich die guten Ratschläge. –

„Geht doch zum Teufel…“ hätte ich ihnen am liebsten zugerufen. Wäre ich allein besser zurechtgekommen? Wahrscheinlich, ich hätte eine Rastpause einlegen können. So wurde ich unbarmherzig getrieben. Es war eine Höllenqual! Doch ich musste hinunter, und es war immer noch so weit! Aber ein Schritt nach dem andern, so endet auch der längste Weg. Wie froh war ich, endlich fast ebenen Boden unter den Füßen zu spüren. Kräfte kehrten zurück, ich schritt wieder leichter aus, und endlich erreichte ich die Bergstation der Seilbahn. Körperlich geschafft, ich hatte die Tour zwar auch geschafft, doch die Seele hatte ihre Niederlage einstecken müssen. Die Ermahnung: Du wirst alt! – musste ich erst verkraften.

 

 

ChA 10.11.19   Letzte Bergtour 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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