Sonja Soller

Das Geschenk lV

(6 Jahre später)

Frühjahr 1433

 

lV.

Wo bist du?“

Elsbetha suchte die ganze Hütte ab, aber Radea, wie Doradea jetzt genannt wurde, war nicht zu finden.
Wo hat sich mein Herzenskind nur wieder versteckt?“ Elsbetha vernahm ein leises Kichern, ganz langsam ging sie auf die Bettstelle zu, sie riss mit einem Ruck die Decke weg und... da kauerte Radea und lachte ihre Momsa über das ganze Gesicht an „ Momsa, das war ein Spaß, - lass uns noch weiter spielen.“ „Nun ist Schluss Kind, heute ist Markttag; wenn wir rechtzeitig dort sein wollen, müssen wir gleich aufbrechen.“ Elsbetha wusste, dass der Markttag für Radea das größte Vergnügen war, gleich nach den Wanderungen durch ihren geliebten Wald. Radea klatschte vor Freude in die Hände und tanzte um ihre Momsa herum.

Elsbetha hatte bereits den Handkarren beladen, mit schmerzstillenden Kräutern, duftenden Seifen und Ölen, Salben, Kräuterwein, heilenden Elixieren und Tinkturen, das alles sollte auf dem Markt verkauft werden . In einem Leinenbeutel verstaute sie einen Apfel, ein Stück Brot; Wasser und etwas Pökelfleisch. Radea war außer Rand und Band. “Können wir jetzt gehen Momsa?“ „Ja,- nun können wir gehen.“ Elsbetha nahm Radea an die eine Hand, mit der anderen zog sie den voll beladenen Karren, so machten sie sich auf den Weg in die Stadt.
Der Wald war zu dieser Morgenstunde so friedlich; der Wind wehte eine leichte Brise ganz sanft über die Baumwipfel. Elsbetha sog den Duft des Waldes tief ein. Der weiche Waldboden war wie Samt anzusehen, hier fühlte sie sich geborgen, dieses Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit übertrug sich auf Radea, sie ging ohne jede Furcht, neugierigen Blickes auf die Umgebung gerichtet, erwartungsvoll neben ihrer Momsa her.

Elsbetha war zufrieden, wie sich das kleine Mädchen, inzwischen waren mehr als 6 Jahre vergangen seit Radea vom Vater verstoßen wurde, entwickelt hatte. Sie war so wissbegierig und interessiert an allen Dingen, die um sie herum geschahen. Dinge die ihr Elsbetha zu vermitteln vermochte. Radea wusste, dass ihre leibliche Mutter bei der Geburt gestorben war, und jetzt vom Himmel aus, auf sie herabsah und sie so auf all ihren Wegen begleitete. Angesichts der Tatsache, dass die Mutter sie niemals in die Arme schließen würde, überfiel Radea manchmal eine gewisse Traurigkeit, sie wusste nicht warum, denn sie hatte die Mutter ja nie kennengelernt. Für sie war Elsbetha ihre Mutter, an die sie sich liebevoll schmiegte: „Ich habe dich lieb Momsa.“

Heute auf dem Markt wollte Elsbetha Bruder Adam vom Benediktiner Kloster Sankt Peter treffen. Ein langjähriger Austausch neuer und traditioneller Heilmethoden verband die beiden Menschen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Sie hatte heute ein besonderes Anliegen, und war gespannt, was Bruder Adam wohl dazu sagen würde. Er kannte die Geschichte von Radea und war dem kleinen Mädchen von Herzen zugetan, er hatte vor über sechs Jahren der Mutter des Mädchens die Sterbesakramente gespendet.
Im Kloster St. Peter unterwies er Jungen ab 10 Jahren in Naturwissenschaften und Mathematik. Dieses Privileg des Studiums war, ganz besonders in den ländlichen Regionen, den männlichen Nachkommen vorbehalten. In den Familien, höheren Standes war es im Ausnahmefall möglich, die weiblichen Nachkommen in einem Nonnenkloster, studieren zulassen.
Im allgemeinen aber, waren die Aufgaben der Mädchen und Frauen ganz klar vorgezeichnet; Frauen sind für den Mann erschaffen worden und von Natur aus minderwertig, sie müssen erst vom Vater und dann von dem Ehemann erzogen werden, um Demut und Gehorsam zu lernen. Die Frau war ausschließlich für den Mann, die Kinder und den häuslichen Bereich zuständig. Die Mädchen und Frauen fügten sich in ihr Schicksal und träumten von einem Ehemann, der sie gut behandelte und nicht körperlich züchtigte, so wie es der Vater häufig tat.
Elsbetha wollte Radea vor so einem Leben bewahren. Sie musste eine Möglichkeit finden, um Radea ein gewisses Maß an Bildung zu ermöglichen.
Elsbetha und Bruder Adam waren, gerade was die Fragen der Kirche betraf, sehr unterschiedlicher Ansicht.

Der Mönch war ein sehr gläubiger Mönch und würde Elsbetha gern zum „rechten“ Glauben bekehren, er wusste aber auch, dass sie trotz ihrer ganz „speziellen“ Fähigkeiten eine rechtschaffene Frau war.

Ganz in ihren Gedanken versunken, spürte Elsbetha ein Zerren an ihrem Umhang. „Momsa, “ Radea hatte sie wieder ins Hier und Jetzt zurückgeholt.

Waidkirch war eine kleine Stadt, die nicht mehr als 900 Bürger zählte, sie lag auf einer Anhöhe, wie viele andere kleine Städte. Ein schmaler Wasserlauf umgab sie, durch eine meterhohe Stadtmauer geschützt. Jeder Reisende musste eines der zwei Stadttore passieren, um in die Stadt zu gelangen,
wo Stadtknechte die Wagenladungen der Handwerker und Händle kontrolliertenr, um einen angemessen Torzoll zu bestimmen. Vor Einlass in die Stadt musste jeder Händler und Marktbeschicker diesen Torzoll entrichten.
Liebes, wir gehen erst einmal den Marktplatz aufsuchen, dann kannst du laufen und dich umsehen.“ Radea wusste, dass der Markttag nicht nur Vergnügen war, - obwohl – für sie schon.

Das Rathaus stand im Zentrum der kleinen Stadt, ein einfaches, schlichtes Gebäude, aus rotem Backstein erbaut. Der Eingang,- das Portal aber, war von einem kunstvoll, aus edlem Holz geschnitzten Rundbogen umgeben, links und rechts wurde der Bogen von zwei prunkvollen mit Goldlettern verzierten Säulen getragen. Vor dem Rathaus erstreckte sich ein großer Platz, der an Gerichtstagen für öffentliche Verhandlungen als Schauplatz diente. Einmal im Monat war er Marktplatz, mit all dem bunten, fröhlichen Treiben und Handeln der Bauern und Handwerker und reisende Händler. Eine rote Fahne am Rathaus, zeigte am Markttag das Marktrecht der Händler und Markttreibenden an, bis eine Glocke das Ende des Markttages ankündigte. Radea war ganz aufgeregt und konnte kaum an Momsa`s Seite bleiben. Am liebsten wäre sie losgestürmt, um sich sogleich in dieses bunte Treiben zu stürzen. Händler, Bäcker und Metzger kamen Teils von Weit her, Teils aus der näheren Umgebung, alle wollten ihre mitgebrachten Waren in harte Münzen umtauschen. Schweine, Gänse, Hühner und Schafe, sowie Kohl und Rüben wurden feilgeboten. Beutelmacher boten für vornehmen Damen feine Handschuhe und Lederbeutel an. Kramhändler zeigten eine große Auswahl an Bänder und Spangen für das Haar, eine Vielfalt an Tüchern und Schnürwerk und Hauben. Bänkelsänger gaben ihr Können zum Besten. Schuster und Sattler zeigten Schuhwerk und Riemen. Holzhändler und Leineweber boten ihre Waren feil. Das Markttreiben wurde von dem Klang lärmender Kinder, vom Hämmern und Klappern der Handwerker, fast rhythmisch begleitet. Kesselflicker klapperten mit ihren Töpfen und Pfannen. Männer und Frauen in feinen Kleidern schritten an den Ständen entlang; Dienstmägde eilten hinter ihrer Herrschaft her, um die eingekauften Waren in Empfang zu nehmen. Kinder in Lumpen gekleidet, huschten zwischen den Ständen, kreuz und quer und hofften auf Almosen.

Radea konnte sich gar nicht satt sehen, am meisten aber hatte sie Freude an den Gauklern in ihren bunten Gewändern, die den gaffenden Zuschauern mit kleinen Zaubertricks das Geld aus der Tasche zogen.
- Da kam wie durch ein Wunder eine Münze hinter einem Ohr zum Vorschein, oder eine Taube verschwand unter einem Tuch, oder aber, ein kleines Kaninchen wurde aus einen Zylinder gezogen, den Trick mit den beiden Holzreifen, die links und rechts am Arm des Gauklers hingen und beim Zusammenschlagen plötzlich so miteinander verbunden waren, als wären sie eins, konnte Radea nicht durchschauen. Das war wirklich Zauberei. -

Diese Aufregung, dieser Trubel, einfach herrlich.
Radea schlenderte durch die Gänge, zwischen den Marktständen und blieb mal hier, mal dort stehen. Sie konnte sich an dieser Vielfalt gar nicht satt sehen. Berge von Kohl und Rüben, das Schimpfen und Gegacker der Hühner in ihren Verschlägen, das Meckern der Ziegen und die sich im Schlamm suhlenden Schweine. Für Radea war der Markttag immer etwas ganz Besonderes.

Der Weg führte Radea vom Marktplatz fort, in schmale, enge, übelriechende Gassen. Grunzende Schweine liefen ihr über den Weg von der einen Seite, und Federvieh schabend und pickend von der anderen Seite.
Weiter ging es direkt zur Stadtkirche. Es ging bergauf, die Kirche lag auf dem höchsten Punkt der Stadt. Der Kirchturm ragte weit über die Häuser der kleinen Stadt hinaus; er war schon von weitem zu sehen.

Bruder Adam hatte Radea die Geschichte von Jesus Christus erzählt und von seinen furchtbaren Erlebnissen. Alle Menschen die daran glaubten, dass er der Erlöser sei, beteten in den Gotteshäusern, die für ihn gebaut wurden. Sie erhofften sich dadurch Vergebung aller Sünden und dass ihnen kein Unheil geschehe. Neugierig, wie es in so einer Kirche wohl aussah, ging sie weiter. Ein paar Stufen führten hinauf zum Eingangsportal. Sie blickte hinauf und kam sich dabei so winzig klein vor. Das Tor aus schweren Holzbalken mit Eisenbeschlägen, die reich verziert waren, beeindruckte das kleine Mädchen sehr. Links, neben dem Eingang, in einer Nische, so groß, dass ein Mann darin hätte stehen können, erhob ein Engel aus Marmor gemeißelt, schützend die Arme über Waidkirch.
Radea war unschlüssig, ob sie hinein gehen sollte, ein leichter Schauer lief über ihren Rücken, aber das Gemäuer strahlte eine Magie aus, der sie sich nicht entziehen konnte. In ihrer Brust pflanzte sich ein unbehagliches Gefühl ein.
Gerade wollte Radea sich, nach mehrmaligem Klopfen, gegen das Tor stemmen, als es von innen geöffnet wurde. Sie stand da, mit großen Augen und offenem Mund. Eine in schwarz gekleidete Gestalt stand vor ihr. „Mädchen, was hast du vor, willst du das Tor einschlagen?“ „Oh, nein - niemals würde ich so etwas tun, ich möchte mir nur dieses Gotteshaus ansehen, von dem mir Bruder Adam erzählt hat,“ versuchte Radea mit zittriger Stimme zu erklären. „ So, so, Bruder Adam.“ Der Mönch verunsicherte sie und jagte ihr Furcht ein, er blickte sie nicht sehr freundlich an. Sein Gesicht war mit dünnen roten Äderchen überzogen, dicke buschige, eng zusammenstehende Augenbrauen, die das halbe Augenlid verdeckten, die Nase war so unwirklich groß und rot, als wäre sie, irgendwann, nachträglich in dieses Gesicht eingesetzt worden.
Dann komm schon ,“ sagte er mit barscher Stimme, als er zur Seite trat, um Radea einzulassen.

Von diesem ersten Anblick auf das Kirchenschiff mit den riesigen Fenstern aus buntem Glas, war Radea so sehr beeindruckt, dass sie einen Kloß im Hals verspürte. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Ganz andächtig ging sie den Mittelgang entlang. Der Kerzenleuchter mit den brennenden Kerzen auf dem Altar und ein goldener Kelch strahlten einen flirrenden unwirklichen Glanz aus, der Radea gefangen nahm. Langsam ging sie weiter zum vorderen Teil des Kirchenschiffes, auf den Altar zu. Der mit aufwändigen Schnitzereien und goldenen Inschriften verzierte Altar übte eine bedrückende Anziehung auf das Kind aus. Dann nahm es das Kreuz wahr, dass über dem Altar ragte.
Für Radea war das, was Bruder Adam erzählt hatte, eine Geschichte von vielen gewesen. - Hier aber, schien es so wirklich zu sein -. Der Mann sah so traurig aus, den Kopf kraftlos gesenkt, nach unten blickend, direkt auf Radea. Das Gesicht war von Schmerz gezeichnet. Aus mehreren Wunden des geschundenen Körpers schien Blut zu fließen. Es fröstelte sie, ein kalter Schauer durchfuhr ihren kleinen Körper, sie fühlte eine unglaubliche Traurigkeit. Leise, fast flüsternd fragte sie: „ Ist er das?“ „Wenn du damit unseren Herrn Jesus Christus meinst. Ja, das ist er,“ antwortete der Mönch voller Ehrfurcht, als er niederkniete und sich bekreuzigte. Er hatte wohl bemerkt, dass Radea sich fürchtete. Um sie zu beruhigen zitierte er aus der Bibel: „Josua sagt : Lass dich nicht erschrecken und fürchte dich nicht, denn der Herr, dein Gott, ist mit dir, er beschützt dich, wohin du auch gehst.“
Die große Nase, die bei jedem Wort mit wippte, schien die Worte zu bestätigen.

Radea blickte in das Gesicht des Gekreuzigten, auf dessen Kopf eine Dornenkrone saß und um den Leib ein blutgetränktes Tuch geschlungen war. Sie ging um den Altar herum und stellte sich auf die Zehenspitzen, ganz vorsichtig berührte sie die Heilige Figur; Blut tropfte aus den scheinbar offenen Wunden.

Wie ein Keulenschlag traf sie die unverhoffte Woge von verzerrten Bildern, die -, wie durch einen Nebel durchwobenen Vorhang vor ihr aufflammten: Ein Kreuz, ein Mann, der auf seinem wunden Rücken das Kreuz trug, Soldaten, die ihn auspeitschten, Menschen, die schrien vor Schmerz, eine Frau, in einen dunklen Umhang gehüllt, gab ihm etwas Wasser, ein Berg, und noch mehr Kreuze, Menschen, Soldaten. Radea war wie erstarrt, sie sank vor dem Altar in sich zusammen. Tränen liefen über das Gesicht. Es war als ob sie leibhaftig dabei gewesen wäre, und den Schmerz und das Leid genauso wie der Gekreuzigte selbst, miterlebte.
Die Beine waren schwer und der Rücken schmerzte, das Gesicht nass von Tränen. Bruder Eppo, ein Mann im fortgeschrittenen Alter, Küster der Stadtkirche, glaubte einen sanften Lichtschein gesehen zu haben, von dem das Mädchen umgeben war. Verunsichert streckte der Mönch die Hand nach dem Mädchen aus, er konnte dieses merkwürdige Verhalten des Kindes nicht erfassen: „Komm Kleine, beruhige dich, versuchte Bruder Eppo Radea zu trösten. Du musst etwas ganz besonderes sein, wenn der Anblick des Herrn solche Gefühlsregung in dir auslöst.“ Die Wahrnehmung der Situation des Bruders aber, war eine ganz andere, als die von Radea. Als sich Radea schließlich nach einer Weile der Besinnung, das Gesicht von den Tränen trocknete, versuchte sie das Erlebte in ihrem Kopf zu ordnen. Was war gerade passiert? Sie erhob sich vorsichtig mit zitternden Beinen, um sich dem Ausgang der Kirche zu zuwenden.

Sie verließ das Gotteshaus ohne sich noch einmal umzublicken. Sie ließ einen verwirrten Mann Gottes zurück.

Fortsetzung folgt


12.11.2019 © Soso

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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