Bastian Schmitz

Lebensweisheiten

Man liest etwas und es leuchtet einem ein. Da steht sie für uns, in der Regel bündig, einen Satz umfassend - eine Lebensweisheit.
Der Verfasser, Goethe vielleicht, Nietzsche, Sartre; bekannt ist er, klug muss er gewesen sein, diese Person hat etwas begriffen, eine fundamentale Einsicht gehabt und wollte sie teilen und in die Welt hinausposaunen. Er ist intelligenter, bei weitem intelligenter als sein durchschnittlicher Leser, das ist ihm bewusst, deshalb muss er sich zugänglich machen, sich selbst vereinfachen. Um eine gewisse Nachhaltigkeit zu erzeugen, muss er diese eigene persönliche Einsicht in einen allgemeineren menschlich-verständlichen Satz umformen, dafür bedarf es keiner Weisheit, sonderlich es braucht lediglich rhetorisches Geschick. Der Autor hat ein originelles Gefühl wahrgenommen, aber da es offensichtlich so subtil gewesen ist, dass er es niemandem vortanzen konnte, musste er dieses Gefühl in Sprache übersetzen; es wird, so simpel es auch später erscheinen mag, rhetorisch intellektualisiert, dabei ist Weisheit in ihrem tiefsten Kern nicht gänzlich mitteilbar, sie funktioniert nicht durch den Verstand. Und wir lesen diese Weisheiten und verstehen sie. Verstehen wir? Ein Autor ist darauf angewiesen verstanden zu werden. Deshalb hilft er uns. Wir verstehen kaum, verwechseln es mit dem Gefühl verstanden zu werden.

Wir sind also in einer passiven Rolle; da das für sich selbst stehend äußerst unbefriedigend wäre, schafft unsere Selbstgerechtigkeit Abhilfe; wir verstehen den Satz schließlich, wir werden also kognitiv etwas geleistet haben, irgendwie auf Augenhöhe sein, na gut, vielleicht ein wenig darunter, aber der Autor war ja ein Genie und wir sind es also damit fast auch. Wir haben einen Gedanken konsumiert und nicht geschaffen, wir wurden mehr gedacht, als das wir selbst gedacht hätten, wir sind geistig etwas befriedigt, obwohl wir es geistig nicht getrieben haben. Lebensweisheiten simulieren Erkenntnis, sind die Pornographie des Intellektes. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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