Sonja Soller

Das Geschenk V

Anno 1433

 

V.

Bruder Eppo war ein sehr frommer Mann, er war tief berührt von dem kleinen Mädchen. Nachdenklich ging er zum Altar zurück, er wollte für das kleine, furchtsame Geschöpf beten. Ehrfurchtsvoll sah er auf zum gekreuzigten Jesus. Der Atem stockte ihm von dem was er sah. Er konnte es nicht fassen. Blut floss aus den Wundmalen. Er berührte vorsichtig die heilige Figur; die Fingerspitzen waren feucht und rot von Blut. Dem Mönch war das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, .....das konnte doch nicht möglich sein. -
War dies ein Fluch oder war es ein göttliches Zeichen? Hatte das merkwürdige Mädchen etwas damit
zutun?

Verwirrt sah er sich um, er war in diesem Moment nicht in der Lage einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Bruder Eppo, ebenso wie Bruder Adam ein Benediktiner Mönch, drehte sich um und lief aus der Kirche hinaus und schrie wie von Dämonen besessen: „ Er blutet, er blutet !  Ein Wunder!“

Vor der Kirche war niemand zusehen, er lief die Gasse entlang, ohne den Gestank und den Schmutz zu bemerken, auf den Marktplatz zu. Er war so durcheinander, dass er einige Leute auf dem Platz anstieß, ohne es selber zu bemerken. „Er blutet, er blutet!“ Mehr konnte er nicht mehr sagen, dann verließen ihn seine Sinne und er sank auf das Straßenpflaster.

Elsbetha kramte gerade in dem Vorrat von Kräutern, als sie aus dem Augenwinkel wahrnahm, wie der Mönch besinnungslos auf dem Platz hinstürzte. Sie steckte ein braunes Glasfläschchen in die Falte ihres Umhanges und eilte auf den Mönch zu. „ Geht aus dem Weg, lasst mich sehen, “ Elsbetha bahnte sich den Weg frei, durch die gaffenden Menschen, die sensationslüstern darauf warteten, ob hier wohl schlimmeres geschah. „ Elsbetha nahm die Phiole aus dem Umhang und hielt es dem Mönch unter die Nase. Nach kurzer Zeit schlug er die Augen auf und schüttelte angewidert den Kopf. „Er blutet,“ hauchte Bruder Eppo, sodass es nur Elsbetha hören konnte. Schweißperlen rannen ihm von der Stirn. „Beruhigt Euch“. Elsbetha half dem Mönch auf. „Kommt,- ich werde Euch eine Medizin geben, die Euren Kreislauf stärkt. Ihr werdet sehen, gleich wird es Euch besser gehen.“

Elsbetha nahm den Mönch am Arm und zog ihn einfach mit sich. Bruder Eppo ließ sich auf einen Schemel sinken, seine Glieder waren immer noch nicht ganz in seiner Gewalt. „Hier, schluckt das. Ihr müsstet gleich spüren, wie die Kräfte zu Euch zurückkehren.“ „Gute Frau, es geht mir wirklich besser, Ihr habt mir sehr geholfen, aber nun muss ich weiter, ich muss meinem Vater Abt berichten. Ich bin Euch wirklich sehr dankbar,“ er drehte sich um und wollte gehen. „ Bruder, Ihr hattet das blanke Entsetzen in den Augen, wollt Ihr mir nicht sagen, was geschehen ist.“ Bruder Eppo erzählte von der Begegnung mit dem kleinen Mädchen und wollte gerade von der, aus den Wundmalen blutenden Christusfigur erzählen, als er stockte. „Frau, ich kann darüber nicht sprechen,“ und fort war er.

Kleines Mädchen? Radea !?! Wo war Radea? Schon eine geraume Zeit hatte Elsbetha Radea nicht mehr gesehen, sie hatte ein wahrlich ungutes Gefühl. Sie hoffte bei allem was ihr wichtig war, dass Radea nichts geschehen war. Es wäre sinnlos, sie in diesem Trubel des Markttreibens zu suchen, geschweige zu finden. Sie musste Geduld haben, Radea war ein gutes Kind, sie würde schon kommen, spätestens wenn die Glocke das Ende des Marktes ankündigte.

Nachdem sich hinter Radea das Kirchenportal geschlossen hatte, stürzte sie die Stufen hinunter, sie lief einfach los, durch die schmutzigen, mit Unrat übersäten Gassen. Die eng aneinander gereihten Häuser, es waren eher Holzhütten, ließen kaum Sonnenlicht herein. Die Schmutzwasserrinnen strömten einen beißenden Geruch aus. Sie lief immer weiter ohne zu wissen wohin. Radea konnte das eben Geschehene nicht begreifen; die Bilder, das Leid, das Blut, nur fort von diesem Ort. Sie lief und lief, bis sich ihre Schritte verlangsamten und sie an einem abgeschiedenen Platz, nahe der Stadtmauer, zur Ruhe kam.

Hätte sie nur auf Momsa gehört und wäre nicht allein in das Gotteshaus gegangen. Radea wusste, sie durfte durch auffälliges Verhalten keine Aufmerksamkeit erregen. Momsa hatte ihr immer wieder gesagt, sie sei etwas besonders. War dass das Besondere?
Sie musste an etwas anderes denken, obwohl es ihr sehr schwer fiel.
Momsa würde sich bestimmt schon sorgen. Radea war von dem Erlebnis immer noch benommen, doch das Gefühl von Furcht wich der kindlichen Unwissenheit. - Ich bin plötzlich eingeschlafen und habe sicher nur geträumt -.
Sie dachte sich; am besten ich erzähle Momsa nichts von alledem, vielleicht ........irgendwann.

Radea, Himmel, da bist du ja, ich habe mir schon Sorgen gemacht, ist etwas geschehen?“ Elsbetha konnte die Erregung in ihrer Stimme nicht verbergen. Was soll schon geschehen sein, Momsa?“ Radea nahm das alte Gesicht ihrer Momsa in die kleinen Hände: „Es gab soviel zu sehen, Markttag ist Abenteuertag und die Stadt mit ihren vielen Gassen, ich habe mich zu weit von hier entfernt und habe den Weg zurück nicht sofort gefunden.“ Elsbetha fragte nicht weiter nach, sie war zufrieden, dass ihrem Mündel kein Leid geschehen war.
An einer Krambude hatte sie für Radea eine Haarspange erstanden. Sie wollte gerade die Spange aus ihrem Umhang ziehen, um Radea damit zu überraschen, als sie Bruder Adam auf sich zukommen sah.
Gott zum Gruße, Elsbetha.“
Bruder Adam, welch eine Freude Euch zusehen.“

Fortsetzung folgt



14.11.2019 © Soso

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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