Ingo R. Hesse

Der unsichtbare Heilige

Wenn ich mich und mein Leben zurück und in die Zukunft blickend anschaue, ohne die Gegenwart zu vernachlässigen, kann ich kaum glauben dass ich sie einmal hatte. Eine wilde Zeit.

 

Und doch gab es sie. Diese Jahre. Beginnend etwa mit meinem 19. Lebensjahr. Mit wenig Geld aber einem riesigen Lebenshunger ausgestattet, reichhaltig gelebte Jahre. Erst etwa um mein 24. Lebensjahr, irgendwie fast unmerklich aber doch unaufhaltsam, wurde meine unbedarfte Lebensfreude weitgehend auf Erwachsenen-Niveau gedrosselt.

 

In der Provinz, in der ich aufgewachsen bin, gab es nicht so viele Möglichkeiten sich aufzulehnen, sich selbst oder das Heil zu finden. Aber die, die sich mir boten, nutzte ich. Meine religiöse Phase in christlichen Jugendgruppen hatte ich gerade hinter mir gelassen. Was meine Exkursionen in die nächtliche Gastronomie und andere Genuss versprechende Erkundungen deutlich erleichterte.

 

Es gab auch Arbeit. Viel und harte Arbeit. Doch es gab auch etwas, das ich heute als Rentner oft vermisse oder gar nicht mehr wahrnehme. Feierabend und Wochenende. Auf ein Ziel hin arbeiten macht Freude, verkürzt die gefühlte Arbeitszeit und fördert die Kreativität. Und mein Ziel war, jedenfalls vom Grundgedanken, klar definiert. Spaß und Freude.

 

Kein Wunder also, dass ich die Zeiten zwischen Arbeit und Freude, ..also die Alltags-Pflichtzeiten, stets so effektiv wie möglich gestaltete. So war ich auch im Stechschritt unterwegs, von meinem Parkplatz in diesem düsteren Parkhaus. Hin zu einem Laden in dem kleinen Einkaufszentrum.

 

Aus den Augenwinkeln hatte ich den alten, bunt bemalten Bedford-Blitz wohl bemerkt. Die üblichen Gedanken an 20 Liter Spritverbrauch und ständiges Reparieren, die mir ein Kumpel irgendwann nächtens x-mal eingehämmert hatte, wollte ich gerade verdrängen. Auch die Frage, wie zum Teufel es möglich wäre, mit einem Kleinbus in dieses Parkhaus zu fahren.

 

In dem Moment passierte es. Jemand hinter mir rief auf so sanfte Weise und mit einem Hauch von einem gefährlichen Unterton meinen Vornamen, dass ich mich spontan an meinen Konfirmations-Pastor erinnerte. Aber diese Stimme war jünger. Deutlich jünger. „Hier, das schenke ich Dir!“

 

Ein fast glatzköpfiger Krishna-Jünger in orangene Tücher gehüllt, drückte mir ein buntes Buch in die Hand. „OK, danke!“ rief ich ihm zu, ohne meinen Stechschritt zu bremsen und nahm mein Geschenk höflich mit.

 

Wieder mein Vorname. Und ..“Willst Du mir nicht auch etwas schenken?“ Alles klar! Wenn mir schon einmal jemand etwas schenkt! Aber im gleichen Moment kam mir die Frage über die Lippen „Sag mal, woher weißt Du wie ich heiße?“ und ich blieb stehen.

 

Der mich an meinen ehemaligen Pastor erinnernde, gefährliche Unterton verschwand. Die Sanftheit und das wissende Lächeln, das ich aus den Jugendgruppen nur zu gut kannte, verstärkte sich. „Erinnerst Du Dich denn wirklich nicht mehr an mich? Wir waren doch vier Jahre in der gleichen Schule. In der gleichen Klasse!“ Dann zählte er mir noch drei der damaligen Lehrer auf.

 

Ich weiß nicht mehr ob ich an diesem Spätnachmittag wirklich etwas so Wichtiges vorhatte. Aber ich habe mich irgendwie aus dieser Situation gestohlen. Das Buch lag jahrelang in meiner Wohnung. So wie die Bibel. Ungelesen. Irgendwann ging es unter. Auch so wie die Bibel.

 

Bis heute habe ich keine Idee, um welchen meiner Schulkameraden es sich gehandelt hat. An sein Gesicht kann ich mich nun sowieso nicht mehr erinnern.

Aber alle paar Jahre, wenn ich mal wieder an ihn denke, zum Beispiel wenn mir ein alter Bedford-Blitz auffällt, frage ich mich was geworden wäre, wenn ich mich auf ein längeres Gespräch mit ihm eingelassen hätte.

 

Wer weiß, ..vielleicht wäre vieles völlig anders gelaufen. Vielleicht sogar besser.

 

Oder auch nicht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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