Wolfgang Hoor

Alptraum

Vor seinen Augen wuchs eine Uhr, die an der Wand hing und auf die er immer wieder schaute. Er verstand nicht, wie die Uhr wachsen konnte, aber am Ende war sie riesig. Du träumst, dachte er, so groß ist die Uhr doch nicht in Wirklichkeit, aber die Uhr hing wie immer an der Wand über seinem Schreibtisch; ich sehe sie wirklich, dachte er, und wahrscheinlich wirkt sie nur so groß, weil ich so angestrengt hinschaue. Er kannte das aus dem Film: Je genauer der Regisseur auf etwas den Blick lenkt, um so größer wird dieses Etwas. Er wollte den Blick von der Uhr weg auf seinen Schreibtisch lenken, aber das gelang ihm nicht. Er sah nichts anderes als diese Uhr, die ihm Angst zu machen begann. Du träumst, dachte er und versuchte seine Augen aufzureißen, aber sie öffneten sich nicht. Das war doch nicht möglich! Er schrie auf, und als er aufwachte, hörte er seinen Schrei noch. Der Alptraum war vorbei.

Er schaute auf seine Armbanduhr. 18:06 Uhr. Er hatte geschlafen, am Nachmittag. Das verstand er nicht. Er hatte doch auf seiner Couch damit begonnen, alte Stundenvorbereitungen durchzusehen. Er würde am nächsten Tag in einer 8. Klasse unterrichten, eine der wenigen Stunden halten, die er als Schulleiter noch gab. Er freute sich auf diese Stunde. Die Schüler waren manierlich, standen auf, wenn er die Klasse betrat, und zeigten den Respekt, den er sich von allen wünschte, mit denen er zu tun hatte. Vor dieser Klasse konnte er auch einmal ganz locker werden und eine Anekdote erzählen.

Er galt als Pedant, das wusste er, aber jetzt zum Beispiel profitierte er von seiner Pedanterie. Er hatte alle seine Stundenvorbereitungen sorgfältig aufbewahrt und geordnet und es war ihm ein Leichtes, sich wieder in sie zu vertiefen. Und da lagen auch die Blätter, die ihm helfen würden, die Stunde, die er morgen geben durfte, vorzubereiten. Wahrscheinlich hatte er sich für einen Augenblick auf seiner Couch hingelegt, mit Blick auf die Uhr, damit es bei diesem einem Augenblick bliebe, und dann war er eingeschlafen. So musste es gewesen sein. Ich werde alt, dachte er.

Der Schlaf auf dem Sofa erinnerte ihn an den Kollegen Fredde, diesen linken Agitator, der seinen Oberstufenschülern das Du angeboten hatte. Das war an seiner Schule der erste Fall gewesen! Fredde war fachlich hervorragend, er war ein Schwergewicht im Kollegium und war in den Lehrerrat gewählt worden. Aber er hatte eine Fachkonferenz in Geschichte geschwänzt und heute morgen hatte er ihn zu sich in sein Büro bestellt. Wenn er, der Chef, nicht so pedantisch gewesen wäre und die Liste der Geschichtslehrer nicht so sorgfältig mit den Unterschriften im Anwesenheitsverzeichnis verglichen hätte, er wäre nicht darauf gekommen.

Heute morgen hatte er den Kollegen Fredde vorgeladen. Dieser hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, die Verletzung seiner Dienstpflicht zu vertuschen. Er hatte sie mit der größten Freimütigkeit zugegeben, und zwar mit der Begründung, er sei am Nachmittag eingeschlafen und habe darum die Konferenz versäumt. Er verstand noch immer nicht, wie dieser noch junge Mensch eine solche Erklärung hatte abgeben können. Wie ein Staatsanwalt hatte er seine Ausrede überprüft. Ob er mittags immer schlafe? Wie lange? Ob er glaube, dass das für einen jungen Mensch wie ihn gut sei? Ob er keinen Wecker habe? Ob er sich inzwischen über die Beschlüsse der Konferenz unterrichtet habe? Ob er nicht auf den Gedanken gekommen wäre, sich bei ihm, dem Schulleiter, zu entschuldigen? Ob er nicht wisse, dass er diese Pflichtvergessenheit eigentlich in die Personalakte aufnehmen müsste. Mit rotem Kopf war dieser Mensch aus seinem Zimmer gegangen. Mit Freude und Elan führte er jetzt seine Unterrichtsvorbereitung zu Ende, ging in die Küche und aß dort eine Kleinigkeit. Dabei bemerkte er zu seiner großen Verwunderung, dass sein Urteil über Fredde nachsichtiger zu werden begann. Dass man auch einmal am Nachmittag auf dem Sofa einschläft, ist ja keine Todsünde.

Auf dem Rückweg in sein Arbeitszimmer fiel sein Blick auf das Telefon. Das Lämpchen am Kopf des Gerätes brannte nicht. Das Licht des Anrufbeantworters brannte auch nicht. Er stutzte, nahm das Telefon in die Hand. Es tat sich nichts. Die Leitung war tot. Muss ich morgen melden, dachte er. Er schaute auf die Uhr. Es war inzwischen 19:43 Uhr. Er schrieb sich die Zeit auf. Vielleicht war es für die Post wichtig, eine genaue Zeitangabe zu bekommen.

In seinem Arbeitszimmer trübten sich seine Gedanken ein. Er hatte heute Mittag auf die Uhr geschaut, um etwas nicht zu vergessen, er wusste nicht mehr was. Was hatte er nicht vergessen wollen? Hatte das, was er nicht hatte vergessen wollen, etwas mit der Uhrzeit zu tun? Sein Ärger wuchs wie die Uhr im Traum. Das durfte doch nicht sein, dass er nicht mehr wusste, was er nicht hatte vergessen wollen. Was war das gewesen? Unmerklich wurde aus Furcht Entsetzen. Was war mit ihm los? War er überhaupt noch zurechnungsfähig? Vielleicht konnten ihm seine Uhren in seinem Uhrenzimmer einen Anhaltspunkt geben, was er nicht hatte vergessen wollen. Er stellte die Uhren, aber er kam nicht weiter. Begann so Alzheimer?

Er spekulierte: Vielleicht hatte er irgend jemand anrufen wollen. Er war geschieden, sprach aber hin und wieder mit seiner Ex. Das Entsetzen, dass er nicht mehr wusste, was er hatte behalten wollen, machte jetzt auch seine Bewegungen unkontrolliert. Er stieß eine alte Pendeluhr an, es gelang ihm gerade eben noch, sie zu halten. Ich komme nicht mehr alleine zurecht, lärmte es in seinem Kopf. Aus, Ende, abtreten.

Er ging wieder in sein Arbeitszimmer, setzte sich auf den Sofaplatz, an dem er seine alten Vorbereitungen durchgesehen hatte und legte sich wieder wie heute Mittag. Aber dann schoss er hoch. Das durfte ihm nicht noch einmal passieren, dass er hier unkontrolliert einschlief. 20.10 Uhr. Jetzt war er fast eine halbe Stunde unterwegs zu einem Gedanken, den es offensichtlich nicht mehr gab, weil er ihm entschwunden war. Allmählich wurde der ganze Abend zu einem Alptraum. Er schaute auf seine Uhr. In ihr musste das Geheimnis stecken. Aber die Uhr ging getreulich ihren Gang, Sekunde um Sekunde. Alles bewegte sich vor seinen Augen, nur etwas stand, würde lange Zeit weiter feststehen, das Datum.

Und dann las er: 3. November. 3. November! Um Gottes willen. Er hatte die Konferenz vergessen, die er für den dritten November einberufen hatte, die Lehrerkonferenz. Für 15.30 Uhr hatte er sie einberufen! Und niemand hatte ihn erreichen können wegen des defekten Telefons. Das Blut schoss in sein Gesicht. Seine Augendeckel zuckten nervös. Um Himmels willen! Er stürmte zur Haustür. Er würde ... Aber es war ganz überflüssig nach draußen zu rasen. Er schlug sich mit der Hand vor den Kopf, er floh ins Wohnzimmer, warf sich in einen Sessel, sah schon, wie sie ihn morgen empfangen würden, wie sie sich gegen ihn verschwören würden, wie sie ihn aus der Schule treiben würden, Fredde an der Spitze. Und sie hätten die Uhr aus seinem Arbeitszimmer dabei. Die große, die niemand übersehen kann, und sie würden auf die Uhr tippen und schreien: „Wo sind Sie gewesen?“

Er war verloren! Er lief in sein Uhrenzimmer. Er wusste nicht, was er suchte oder suchen sollte. Er ging von Uhr zu Uhr. Keine zeigte 15 Uhr. Keine entschuldigte ihn. Mit keiner konnte er argumentieren, dass seine Uhr stehen geblieben sei. Eine alte, die besonders stark vorging, zeigte als einzige im Uhrenzimmer das Datum an. Er stand wie eine Salzsäule vor der Uhr. Sie zeigte an: 2. November. Nur langsam begriff er: diese Uhr war seine Rettung. Auf sie hatte er sich verlassen, das würde er sagen. Dann fand er seine Tageszeitung. 2. November!! Er hatte die Konferenz nicht verschlafen, er hatte bei der Uhrenumstellung am 31.10. einen Fehler gemacht, er hatte bei seiner Armbanduhr das Datum falsch eingestellt.

Es dauerte sehr lange, bis er herausfand, was er eigentlich nicht hatte vergessen wollen. Er hatte seine Mutter anrufen wollen, die in einem Altenheim lebte, und hatte ihr sagen wollen, dass er am Wochenende nicht käme.

Ich werde nicht anrufen. Ich werde hingehen, dachte er - und er schämte sich.

 

Die Idee des Uhrenraumes stammt von Michael Ende. DenOberstudiendirektor, der in dieser Geschichte vorkommt, hat es wirklich gegeben. Wolfgang Hoor, Anmerkung zur Geschichte

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Hoor).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Hoor auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Friedas Hunger - Erinnerungspassagen und Reflexionen von Gertrud Hug-Suhner



Was bedeutete es für ein Kind in den 1960er Jahren mit fünfeinhalb Jahren den Vater an der Folge eines Unfalles zu verlieren? Wie schaffte es seine Mutter – ohne Berufsausbildung und ohne Bezug von Sozialhilfe – vier kleine Kinder grosszuziehen? Wie prägend war der Verlust des Vaters für das Weiterleben der Familie, insbesondere für die Schreibende? Wie entwickelte sie sich zu der Frau, als die sie heute im Leben steht?

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Phantastische Prosa" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Hoor

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Milchzahn von Wolfgang Hoor (Leben mit Kindern)
Der Fall der Berliner Mauer- Berlin Text 2 von Kerstin Köppel (Erinnerungen)