Wolfgang Hoor

Ein blutiger Zahnbecher

1. Campingplatz Scube, Berlin , Columbiadamm

Es war vier Uhr am Morgen. Josef lag wach im Bett in seinem drei mal drei mal drei Meter großen Scube am Columbiadamm in Berlin. Der Lärm vor der Tür hatte ihn aufgeweckt. Es mussten fünf oder sechs sein, die durcheinander redeten. Manchmal schäumte die Redewelle hoch, dann zischte Klaus dazwischen und es wurde sofort leiser. Einmal glaubte Josef seinen Namen zu hören, danach wurde es für einen Augenblick still, dann kam Gelächter auf. Schließlich hieß es: bis morgen, und dann wurde es ruhig vor der Tür. Josef wusste, dass Klaus jetzt eine Zigarette rauchen würde. Er drehte sich zur Wand hin. Dann kam Klaus herein. Er machte das Licht an. Josef setzte sich auf. Klaus setzte sich, ihm freundlich zunickend, auf sein Bett, holte aus seinem Rucksack einen Burger und begann ihn zu essen. Josef musste sich sehr bezwingen, um nicht zu brüllen. „Mann, es ist vier Uhr in der Nacht. Du könntest ein wenig rücksichtsvoller sein. Nicht jeder mag das Berliner Nachtleben.“ – Klaus nickte. „Ich esse nur noch eben den Burger, Entschuldigung.“ Er beeilte sich nicht. Josef hasste seine freundliche Rücksichtslosigkeit. Einmal werde ich es ihm zeigen, dachte er. Er drehte sich wieder zur Wand. Jetzt ging endlich das Licht aus. „Und wie hast du so den Abend verbracht?“, fragte Klaus. „Wieder Gedichte geschrieben?“ Josef antwortete nicht. „Na ja, du wirst wissen, was du tust.“ Josef drehte sich von Klaus weg. Seine Gedichte waren sein Leben. Er wusste auswendig, was er geschrieben hatte, auch wenn seine Gedichte niemand verstand.

„Wenn der Würfel, in dem ich jetzt wohne

nicht drei mal drei mal drei Meter wäre,

wenn er vielmehr emporwüchse

zu einem Raumwürfel von jeweils dreißig Metern,

wenn er also 27000 Kubikmeter umschlösse,

wenn ihm wüchsen drei riesige Kronleuchter,

und wenn die Fensterfront bis zur Decke reichte,

und alles blendend weiß gestrichen wäre

 

und wenn jemand mich dann fragte,

was in den Raum hinein soll,

dann würde ich sagen:

hinein soll, genau in die Mitte,

 

der von Lippenstift und Blut verschmierte

Zahnbecher meiner Schwester

Mit ihrer alten Zahnbürste, deren Borsten

Nach allen Seiten abstehen

und über dessen Griff

ein sich verjüngender Blutbach fließt.“

 

Als Josef am nächsten Morgen aufwachte, saß Klaus auf seinem Bett. „Mensch Mann!“, rief er, „ich versteh ja nicht viel von Gedichten und so. Aber das da auf dem Tischchen, das ist das Verrückteste, was ich je gehört habe.“ Josef schaute Klaus fragend an. „Du willst mich auf den Arm nehmen. Mit sowas kannst DU doch nichts anfangen!“ - „Na ja, weißt du, ich hab gestern Nacht so ne Art Kulturtante kennen gelernt, die könnte sich für so was an den Haaren Herbeigezogenes interessieren. Die ist völlig abgedreht. Ich zeig‘s ihr mal. Sie wird sich bestimmt freuen.“ – Klaus griff nach dem Papier, Josef riss es ihm aus der Hand. „Irgendeiner X-Beliebigen abgefahrenen Kulturtante geb‘ ich doch nicht diesen Text. Kannst ihr ja erzählen, was drin steht.“

Josef hatte genug. Er beschloss seine Flucht. Gegen zwölf würde der letzte Zug nach Hause fahren. Er packte seine Sachen zusammen. In der Nacht die Flucht zu ergreifen war am einfachsten. Klaus würde nicht vor drei Uhr in den Scube kommen. Es war gegen elf, als er wegwollte. Da polterte Klaus in den Scube. Hinter ihm eine Frau in abgedrehten Klamotten. „Das ist er, der Jupp!“, sagte Klaus. „Und das ist die Johanna, eine junge Künstlerin, die schon in zwei Galerien ausstellt. Die war von der Idee mit dem blutigen Zahnbecher angetan, die will unbedingt mit dir darüber sprechen, Mann. Mach kein son abweisendes Gesicht. Die Johanna macht dich berühmt.“

Es war gegen halb zwölf, als Josef, oder wie Johanna ihn nannte José (am Anfang mit ach-ch ausgespro-chen), sich als Musensohn von einer echten Künstlerin in das Berliner Großstadtgewühl entführen ließ und darin versank.

2. Reihenhaus der Familie Groß, V. , Mozartstr. 6

Maria war aus der Küche in ihr Zimmer hochgelaufen, hatte ihre Handtasche in die Ecke geknallt und sich wütend aufs Bett geschmissen. Nur weil sie letzte Nacht nicht bei DER Freundin übernachtet hatte, die sie der Mutter genannt hatte! Und dann der Vorwurf der Mutter, dass man ihr, Maria, allmählich gar nichts mehr glauben könne! Maria hatte das Mittagessen stehen lassen und gebrüllt, dass sie am liebsten ganz zu Nadine ziehen würde, da werde man jedenfalls nicht wegen jedem Scheiß angemacht.

Jetzt hörte sie das Klacken ihrer Schritte auf der Treppe. Ich sollte absperren, ging es ihr durch den Kopf, aber als sie aufsprang, um es zu tun. stand die Mutter in der Tür. Sie hatte gerötete Augen. Sie hatte geweint. Sie weinte immer, wenn sie etwas durchsetzen wollte. „Lass mich bloß in Ruhe!“, schrie Maria wütend. Sie wusste: Wenn sie sich dem traurigen Blick der Mutter aussetzen würde, hätte sie verloren. Die Frau sah aus, als wäre sie eingefroren. Sie schien auf etwas zu warten. „Ich entschuldige mich nicht, wenn du das meinst“, rief Maria. „Bloß weil die Eltern der Nadine Harz vier kriegen ... das ist es doch, oder?“ – „Es ist, weil du lügst. Ich mag die Nadine nicht, aber ich hätte dir nicht verboten, bei ihr zu übernachten.“

Die Frau setzte sich auf den Stuhl, der in der Nähe des Waschbeckens stand. Sie ließ ihren Blick im Zimmer kreisen. Jetzt kommt das Thema Unordnung dran, dachte Maria. Dann blieb ihr Blick auf der Ablage über ihrem Waschbecken ruhen. „Was ist denn das?“, fragte sie jetzt nicht mehr Mitleid heischend, sondern energisch. Sie hatte den mit Lippenstift verschmierten Zahnbecher und die Zahnbürste mit den abstehenden Borsten entdeckt. „Das wollen wir mal gleich entsorgen!“ Maria sprang auf und stellte sich vor die Waschbeckenablage. „Das wirst du nicht wagen!“ – „Das gehört in den Müll.“ – „Das gehört nicht in den Müll. Das gehört mir. Das gehört zu mir.“ – „Maria!!! Das ist Abfall. Das ist widerlich!“ - „O ja, darum steht er ja auch da. Damit ich nie vergesse, was ich in diesem Haus bin: Abfall. Widerlicher Abfall!“

Vier Tage später schreibt Maria in ihr Tagebuch: „5.8.2014. Ich empfinde nichts als Schadenfreude. Josef, mein hochgelobtes Vorbild, mein angepasster Ja-Sager, ist versackt. Sein Freund hat angekündigt, dass Josef heute morgen aus Berlin zurückkommt. Aber natürlich ist er heute morgen nicht zurückgekommen.“

Am 7.8. gegen elf saß Maria in ihrem Bett, als ihr Handy musizierte. „Ja!“ – „Josef.“ – „Josef! Endlich! Wo bist du?“ – „In Berlin. Maria, ich bin so froh, dass du noch wach bist. Gibt es ihn noch, diesen schrecklich aussehenden Zahnbecher? Sag bitte ja, Schwesterherz. Es ist für mich soooo wichtig.“ – „Es gibt ihn noch.“ – „Du bist ein Engel. Du kennst dich doch mit Fotografieren aus. Ich brauche jede Menge Bilder von dem Becher, der Zahnbürste, den abstehenden Borsten, dem Blut auf dem Bürstengriff, dem Blut auf dem Becherboden, von allem allem allem Bilder. Das kannst du doch fotografieren!“

„Ich glaube schon. Und für wen brauchst du die Fotografien?“ – „Maria, ich bin völlig aus der Bahn geworfen. Es hat mich erwischt. Ne junge abgedrehte Künstlerin. Sie nennt mich ihren Musensohn. Stell dir das vor. Und für unseren blutigen Zahnbecher hat sie Feuer gefangen, ich kann kaum beschreiben wie. Sie sagt, damit kriegt sie den Durchbruch hin. Sie macht damit ne Installation. Also? Kriegen wir die Fotos?“ – „Wie denn?“ – „Du machst die Aufnahmen, kopierst sie auf den Computer und dann vom Computer auf einen USB-Stick, Maria. Das kannst du doch. Den Stick schickst du an das Postfach Berlin Scubing, Columbiadamm 160.“

„Aber erzähl mal was von dir. Sag mir was, damit die Mama nicht mehr weint.“ – „Erzähl ihr, dass es mir gut geht. Dass ich endlich jemand gefunden habe, mit dem ich über meine innersten Gefühle reden kann.“ – „Bist du denn zu unserem gemeinsamen Familienurlaub in Frankreich wieder da?“ – „Maria, ich hab jetzt ne Riesenchance, was richtig Künstlerisches auf die Beine zu stellen. Sogar nach meinen anderen Gedichten hat sie gefragt. Ich habe sie ja leider nicht mit, aber ich finde das irre. Ich muss Johanna helfen, den Durchbruch zu schaffen. Sag Mama und Papa, dass ich sehr an sie denke und dass ich hoffe, ich kann sie mit einer ganz großen Sache überraschen.“

Einen Nachmittag brauchte Maria, um den blutigen Becher samt Inhalt und Zahnbürste zu fotografieren.

Drei Tage nach dem Anruf kam Josef nach Hause. Er sah ungepflegt aus, hatte im Gesicht Bartstoppeln, erzählte nichts, aber in seinen Augen war ein Strahlen, dass er früher nie gehabt hatte.

3. Ronce les Bains, Atlantik, Strand

Es war eine helle laue Nacht. Sie lehnten sich an den Bretterzaun, der das Vordringen der Düne aufhalten sollte. „Du musst mich jetzt José nennen“, sagte Josef und blickte auf den weitläufigen feinsandigen Strand. „Und du mich Marie“, sagte Maria. Von rechts, vom unbewachten Strand her, hörten sie die schwebenden Klänge einer fröhlichen Walzermusik, sahen Feuer, rochen den Fisch, der gegrillt wurde, und hörten junge Stimmen rufen und lachen. José pfiff einige Melodiefetzen mit.

„Sie war himmlisch!“, sagte José. – „Wer?“ – „Die Berliner Künstlertussie, die mich ausgenommen hat. Ich hab‘ fast nichts mehr von meinen Ersparnissen übrig. Ich bin so gut wie pleite.“ – „Und was ist daran himmlisch.“ – „Sie hat mir die Künstlerszene gezeigt. Wir haben diskutiert und gelacht und getanzt und getrunken. Sie hat mir immer wieder gesagt: Du mit deinen sechzehn Jahren hast es riesig weit gebracht. Du bist ein Genie, weißt du das? Und in ihrer Künstlerszene hat sie mit mir geprahlt. Ich war zwei Nächte lang in sie verknallt, ich kann nicht beschreiben wie, und zwei Nächte lang bin ich bei ihr in ihrer Bude gelandet. Nicht, wie du jetzt vielleicht meinst. So weit ist es nicht gekommen. Aber ich war verliebt, Marie, ich war richtig verliebt, von Kopf bis Fuß.“

„Zwei Nächte also? Warum bist du nicht geblieben?“ – Er lachte wieder sein fröhliches Lachen. „Ich hab natürlich gemerkt, dass sie mich ausnimmt und dass sie nicht nur auf mich, sondern vor allem auf den USB-Stick mit den Bildern scharf war, den du mir geschickt hast. Mit dem wollte sie ne riesige Installation machen. In einer alten Maschinenhalle wollte sie einen Wahnsinnszylinder errichten, mit riesigen Vergrößerungen der Bilder, die du uns geschickt hast, und in den Zylinder sollte man reinkriechen können, und da sollte eine ganz kleine aus Ton geformte Nachbildung unseres blutigen Bechers stehen, in dunkelrotes Licht getaucht.“- „Abgefahren!“, sagte Marie.“ – „Und du wirst als Miterfinder dieser Installation ins Licht gerückt, sagte sie zu mir. Und dann hab ich ihr den USB-Stick gegeben. Sie ist mir um den Hals gefallen, und noch in dieser Nacht ist sie auf nimmer Wiedersehen verschwunden.“ – „Und die hast du geliebt?“ – „Ich liebe sie immer noch.“ – „Jetzt wird sie unsere Bilder vermarkten, du Dichter, du Träumer! Wie kann man so ein Miststück lieben?“

„Ich hab ihr einen leeren Stick gegeben. Den mit unseren Bildern hab ich in meiner Tasche. Komm Marie, lass uns tanzen gehen.“

Und als sie sich zu der Musette-Musik drehten, flüsterte er ihr ins Ohr: „Jetzt schmeißen wir den blutigen Zahnbecher weg. Den brauchen wir nicht mehr.“

Wie es ist, wenn man das 5. Rad am Wagen ist, das hab ich - auch ohne in Berlin zu sein - erlebt. Es fällt schwer, sich an seine eigene Pubertät zu erinnern. Du fällst und fällst und fällst und weißt, dass es noch tiefer gehen könnte. Die Marie hab ich erfunden, weil man in der Pubertät jemand braucht, der zu einem hält. Stimmt nicht: Die Marie hab ich nicht erfunden. Ich hab eine Schwester, die zu mir hältWolfgang Hoor, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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