Wolfgang Hoor

Ein Kamm

Heiner ist ein Duz-Freund aus der Zeit des Studiums. Damals, als wir uns regelmäßig sahen, war er korpulent, hellwach und mir immer um ein paar Schritte voraus. Er schloss sein Studium nach 10 statt nach 12 Halbjahren ab. Er konnte alles, wusste alles, behielt alles und sein Gesicht strahlte eine leichte Ironie aus, die wohl ein Zeichen von Selbstzufriedenheit war. Ich musste mich immer sehr anstrengen ihn nicht zu beneiden. Allerdings: Er lachte selten und verstand keinen Spaß, und die Ironie, die sich in seinem Gesicht spiegelte, kam mir immer etwas künstlich vor.

Und dann kam der Tag, an dem ich ihm meine Freundin Christine vorstellte, meine erste Freundin. Ich sah gleich, dass er sie mir ausspannen wollte. Wenn wir zu dritt etwas unternahmen, führte er das große Wort und machte ihr pausenlos Komplimente. Aber auf Christine machte er keinen Eindruck. „Was ist das für ein sonderbarer Typ?“, fragte sie mich. – „Mein Freund.“ – „Hast du gemerkt, wie er versucht hat dich auszustechen?“ Ich zuckte mit den Achseln, sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube, selbst wenn er mir Komplimente macht, denkt er nur an sich selbst. Und lachen kann er auch nicht.“

Als ich fast 50 war, sah ich ihn wieder. Wir waren von unseren Schulen zu einer Fortbildung über Drogen delegiert, und wie es der Zufall wollte, saßen wir im Vortragsraum nebeneinander. Er war inzwischen stellvertretender Direktor. Erst als er sich mit seinem Namen vorstellte, wurde mir klar, wer neben mir saß. Natürlich! Wie hatte ich das übersehen können? Immer noch die alte Korpulenz und die sanfte Ironie, als er sich vorstellte. Und seine immer noch hellwachen Augen. Neu war an ihm eine Art Spleen: Er kämmte sich ständig mit der Rechten durch seinen wilden braunen Haarschopf und sah ein bisschen verwegen aus.

Als ich mich vorstellte und meinen Namen sagte, schaute er kaum auf, fing aber sofort an zu reden, so als hätten wir uns gestern zuletzt getroffen. „Was macht deine Christine?“ – „Weiß nicht. Ich lebe solo.“ – Jetzt lachte er, als habe er endlich den Zweikampf gewonnen, den er mit seinen Komplimenten für Christine vor Jahren begonnen hatte. „Und du?“ – Er zeigte auf seinen Ehering. „Seit 20 Jahren verheiratet. Drei Kinder.“ – „Und du bist glücklich?“ – Er nickte, fuhr sich durchs Haar und fragte, einen triumphierenden Unterton unterdrückend: „Du warst auch verheiratet, stimmt’s? Und sie ist dir ...“ Weggelaufen - wollte er sagen. Aber er zögerte, fuhr sich durchs Haar und sagte „nicht erhalten geblieben.“

Wir schwiegen eine Weile. Obwohl ich inzwischen eine Glatze hatte und eine Brille trug, sagte er: „Du hast dich kaum verändert.“ Also hatte er mich noch nicht einmal richtig angesehen. Und dann sprachen wir ein bisschen darüber, was wir von der Fortbildung erwarteten und schließlich konzentrierten wir uns auf den Vortrag und er kämmte sich bei jeder Unterbrechung mit den Fingern.

Später tranken wir zusammen einen Kaffee. Weder er noch ich wollten die gute alte Zeit heraufbeschwören. Darum kritisierten wir ein bisschen den Vortrag, den wir gehört hatten, und die ganze Planung der Fortbildung. Er sagte schließlich, dass er für den Rest der Fortbildung keine Zeit habe und dass er an seiner Schule dringend gebraucht werde. So verabschiedeten wir uns denn, ohne unsere Adressen auszutauschen. Er wühlte wieder in seinen Haaren, als wir uns alles Gute wünschten.

Ich blieb noch eine Weile am Stehtisch der Cafeteria und sah ihm nach. Er suchte die Toilette, ließ sich den Weg zeigen und kam nach ziemlich langer Zeit wieder. Statt nun zum Ausgang zu gehen, schaute er sich um, entdeckte mich an meinen Stehtisch und kam zu mir zurück. „Was ist los?“ – Ich glaube, er hat mir jetzt bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal einen Blick gegönnt. Es war ein kurzer, oberflächlicher Blick. Merkwürdiger Weise wühlte er nicht mehr in seinen Haaren. „Kannst du mir mal einen Kamm leihen?“, fragte er. Ich war ziemlich überrascht über seine Anfrage. Man musste doch sehen können, dass ich kein Haar mehr auf dem Kopf hatte und dass ich darum keinen Kamm brauchte. Hatte er mich denn immer noch nicht richtig angeschaut?

„Du weißt doch, dass ich immer ein bisschen eitel war“, meinte er in der Laune eines Menschen, der etwas zugeben kann. „Ich kann jedenfalls so nicht rumlaufen. Ich muss mich kämmen.“ Ich sagte: „Aber guck mich doch mal richtig an!“ Er realisierte jetzt erst wie ich wirklich aussah. „Entschuldige!“, sagte er. „Es ist, weil ich von jemand erwartet werde da vor der Tür. Und mit meinem Wuschelkopf kann ich doch nicht gehen.“

Ach darum, dachte ich, darum verschwindet er und hat kein Interesse mehr an der Fortbildung. „Eine Frau?“ - Er nickte nur, blieb vor einem Spiegel stehen, schüttelte den Kopf, schaute sich Hilfe suchend um und lief noch einmal zur Toilette. Als er wieder herauskam, war er ordentlich gekämmt. Es schien mir, als wäre er durch das Kämmen zu einem anderen Mensch geworden. Er sah mich wieder an, kam noch einmal in meine Nähe, jetzt beschwingt und ganz Kavalier, und sagte: „Nichts für ungut. Schön, dass wir uns wieder mal gesehen haben.“ Und dann verließ er mit langen Schritten und in dem sicheren Gefühl, ein zweites Mal gegen mich gewonnen zu haben, das Schulungszentrum.

Ich starrte ihm nach. Also doch kein treuer Ehemann, dachte ich. Ein Verführer – er? Ausgerechnet er? Ich musste lachen. Mein alter korpulenter Kumpel und ein Kamm, der ihn verwandelt! Und dann wird er ihr artig von seinen vielen Vorzügen erzählen, denen alles Mittelmäßige fremd ist. Jetzt überfiel mich ein Hauch Traurigkeit. Immerhin versuchte er es bei den Frauen, im Gegensatz zu mir, und vielleicht war es ihm sogar schon längst gelungen, ein kleiner schwerfällig-wendiger Casanova zu werden, der gerade eben einen neuen Erfahrungshorizont erforscht. Eben hatte ich noch über ihn gelacht, jetzt bewunderte ich ihn voller Neid. Immer, wenn wir uns sehen, überholt er mich gerade, dachte ich. Es ist gut, dass wir uns nicht täglich sehen und ich nicht täglich sehen muss, wie ich hinter ihm zurückbleibe.

Und dann kam Heiner wieder, die Haare wieder zerwühlt, mit einem Handy am Ohr. Er rief ein paar derbe Ausdrücke hinein, die ich bis zu meinem Stehtisch hörte, und schaltete das Handy dann aus. Er sah jetzt nicht mehr wie einer aus, der alle Situationen meistert. Und als ich nach seinen Augen suchte, entdeckte ich nur zwei Lichter, die ausgegangen waren. Ich stand noch immer an dem Stehtisch. Er lief an mir vorbei, übersah mich, diesmal wahrscheinlich aus Scham, und eilte in Richtung Seminarraum, wo unsere Fortbildung weitergehen sollte. Er ist versetzt worden, dachte ich, so sieht kein Casanova aus, und jetzt hatte ich plötzlich wieder Christine vor Augen, wie sie mir leicht zuzwinkerte, kaum merklich den Kopf schüttelte und mir dann zuflüsterte . „Und der ist dein Freund? Dieser komische Heini dein Freund? Selbst wenn er Komplimente macht, denkt er nur an sich selbst, und lachen kann er auch nicht.“

Bevor er im Vortragssaal verschwand, sah ich mit Erleichterung, wie er wieder mit seinen Händen in seinen Haaren wühlte. Später saß er nicht mehr neben mir. Er konnte nicht lachen und nicht verlieren.

Wr waren viel zusammen. Ich brauchte ihn. Aber ich wusste immer, dass er besser war als ich. Diese Begegnung hat so nicht stattgefunden, ich habe mir ausgedacht, wie eine Begegnung stattinden würde.Wolfgang Hoor, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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