Wolfgang Hoor

Der Milchzahn

Ein Döschen lag im Flur vor der Eingangstür in einer staubigen Ecke. Ein schwarzes Döschen mit einem hellgrauen Verschluss, der ursprünglich einen Negativfilm enthalten hatte. Ich sah es zufällig, trat es aus einer Laune heraus mit dem rechten Fuß gegen den linken und dann wieder gegen den rechten. So haben wir als Kinder mit allem Fußball gespielt, was sich treten ließ. Während ich das tat, hörte ich von oben eine Kinderstimme: „Mein Zahn, mein Zahn!“, und eine Frauenstimme: „Dafür haben wir jetzt keine Zeit!“ und wieder die Kinderstimme: „Aber die Dose muss doch im Treppenhaus sein!“ Darauf die Frau: „Gut, schau mal nach. Aber wenn du sie in zwei Minuten nicht hast, müssen wir ohne deine Dose gehen.“ Ein kleiner blonder Junge kam die Treppen heruntergeflitzt. „Suchst du danach?“, fragte ich und reichte ihm das Döschen. „Danke“, hechelte er, aber dann schüttelte er es, und das Döschen war leer. Sein Gesichtchen wurde von einer schrecklicher Enttäuschung überschwermmt. Grußlos rannte er wieder nach oben, und im zweiten Stock hörte ich einen Mann knurren: „Verdammt noch mal! Der Lärm, den du machst, ist ganz ungehörig. Dass dir das deine Mama durchgehen lässt! Du hättest den Rohrstock verdient!“ Mal wieder Herr Wolter, dachte ich wütend. Wenn ich jemand in unserem Mietshaus nicht mochte, war es dieser Nörgler und Miesmacher.

Als ich zurückkam, stand Herr Wolter wie so oft vor seiner Tür, ein kleiner, etwas rundlicher Mann, dessen Gesicht ich kaum kannte. Ich kannte ihn vom Guten-Tag-Sagen. Er versteckte sich im Dunkel eines Mauervorsprungs vor seiner Tür, als habe er vor, in seine eigene Wohnung einzubrechen. Ich dachte, was ich immer denke, wenn ich an ihm vorbeigehe: er will für einen gefährlichen Mann gehalten werden, der einen Revolver in der Tasche hat. Er atmete schwer. Es war unmöglich ihn nicht zu hören. „Guten Tag, Herr Wolter“, grüßte ich. Er stöhnte auf. Als ich schon eine Treppenwindung weiter war, hörte ich ihn meinen Namen rufen. Ich wusste nicht, ob er mich zurückrufen oder grüßen wollte. Und dann wieder: „Herr Frei!“

„Ja?“ – „Ob sie mir vielleicht helfen können. Ich habe ein Problem.“ – Ja?“ – „Ich möchte nicht hier im Flur darüber reden. Kommen Sie doch zu mir rein.“ Er führte mich in sein Wohnzimmer, das wie eine Bibliothek aussah: Regale bis zu der Decke, vollgestopft mit Büchern, sorgsam gebundenen Büchern, und eine Treppenleiter. In der Mitte ein großer Tisch mit Büchern darauf, manche aufgeschlagen, manche übereinandergeschichtet, und zwei Stühle. Bibliotheksatmosphäre. Kein Radio, kein Fernseher, nichts, um die Füße hochzulegen. „Es ist wegen dem Jungen da oben. Ich glaube er heißt Jochen. Jochen Birtels. Kennen Sie ihn?“ – „Ich höre gelegentlich seine Stimme im Treppenhaus. Mehr weiß ich nicht von ihm.“ – „Er hat sich heute nach der Schule, als ich vor meiner Türe stand, mit verschränkten Armen vor mich hingestellt und mich angeglotzt. Er hat was gesagt, was ich nicht verstanden habe, und als ich ihn angebrüllt habe, hat er, glaube ich, eine unanständige Geste gemacht, mit dem Mittelfinger, sie verstehen, und ist weggelaufen.“ – „Aber er ist doch noch zu klein für sowas! Ich glaube, er geht ins erste Schuljahr. Diese Beleidigung passt doch nicht zu einem so kleinen Jungen.“ – Ich sah, dass sich seine Wangen röteten. „Wollen Sie etwa damit andeuten, dass ich lüge?“ – „Ich will gar nichts andeuten, Herr Wolter, aber im Flur ist es sehr dämmrig, da kann man leicht etwas falsch sehen und falsch verstehen. Hat er Sie denn schon einmal beleidigt?“

Er knurrte etwas, schaute mich lange intensiv an, legte dann seine Arme über den Bauch, lächelte plötzlich und sagte: „Ich kenne Sie. Sie waren einmal vor sieben acht Jahren in meiner Sprechstunde.“ Ich dachte er fantasiert. „Wegen so einem Lümmel, der mich immer mit hinterhältigen und zweideutigen Sprüchen im Unterricht beleidigt hat. Achmed hieß er. Sie sind gekommen, weil die Eltern von ihm kein Deutsch konnten.“ – „Sie sind Lehrer?“ – „Sie haben damals das Buch auf meinem Tisch als Erstausgabe des ‚Oliver Twist’ in deutscher Sprache erkannt. Ich erinnere mich gut daran.“ – Das letzte, was ich kann ist Erstausgaben erkennen. Wir schwiegen eine Weile. „Sehen Sie sich um! Was denken Sie wie viele der Bücher, die ich hier habe, Erstausgaben sind?“ – „Ich schätze 250.“ – „264. Gut geschätzt, Herr Frei!“ Und dann begann er mir Erstausgaben zu zeigen. Jetzt war er in seinem Element. Und wie er mit den Büchern umging! Als hätte er sie gerade eben aus einem Safe herausgenommen. Ich wagte ihm nicht zu sagen, dass ich Buchhalter bin und dass mich Erstausgaben nicht interessieren. Ich sah wie er aufblühte, wie er ein anderer Mensch wurde, und das sah ich gerne, und bei dieser Verwandlung wollte ich ihn nicht stören.

Aber dann stellte er ganz plötzlich die Bücher wieder weg, der grämliche Gesichtsausdruck kehrte zurück und er sagte: „Also, es ist wegen dem Jochen Birtels. Vielleicht können Sie die Eltern mal wegen seines Verhaltens ansprechen. Ich weiß, wenn ich jetzt da oben klingele und der Junge macht auf, dann explodiere ich.“ – „Vielleicht sollten Sie Folgendes wissen!“, sagte ich, um ihn zu beruhigen. „Er hat den ersten Milchzahn, der ihm ausgefallen ist, in einem Döschen aufbewahrt, und das ist ihm wohl die Treppe runtergerollt und das hat er nicht mehr gefunden. Vielleicht hat er Sie wegen des Döschens angesprochen.“ Ich sah wie er zu einem erneuten Wutausbruch ansetzte, dann aber plötzlich erstarrte. „Wegen einem Milchzahn?“, fragte er. „Ja, er hat mit seiner Mutter drüber diskutiert und die hat ihn aus dem Haus gejagt, selbst wenn er das Döschen nicht finden sollte.“

„Wegen einem Milchzahn?“, wiederholte er, und plötzlich klang seine Stimme merkwürdig belegt. „Wissen Sie, bei mir verbindet sich die Vorstellung vom ersten verlorenen Milchzahn mit dem ersten Problem, das ich allein gemeistert habe. Ich hab auch noch meinen ersten Milchzahn und das Garn mit dem ich ihn mir herausgerissen habe. Wollen Sie ihn sehen?“ Eigentlich wollte ich ihn nicht sehen, aber die erneute Veränderung dieses merkwürdigen Menschen wollte ich nicht verpassen. Er stand auf, ging in ein anderes Zimmer, vielleicht sein Schlafzimmer, und kam mit einem Döschen zurück, das so ähnlich aussah wie jenes, das ich am Morgen gefunden hatte. Er machte es auf und schüttete feierlich Zahn und Garn auf den Tisch. „Das ist er. Sehen Sie, ich habe fast alles vergessen, was meine unglückliche Kindheit ausgemacht hat, aber diesen Kampf mit dem ersten Wackelzahn und meinen Sieg über ihn, den hab ich nicht vergessen.“ Und dann sagte er schließlich: „Gehen Sie für mich zu den Birtels hoch und fragen den Jungen, ob er seinen Zahn wiedergefunden hat? Tun Sie das? Vor mir würde er wahrscheinlich erschrecken und die Türe zuschlagen.“

Ich ging. Zuerst erschien die Mutter, dann der Junge. „Ich habe heute morgen gehört, dass ihr Junge – er heißt Jochen? – dass der Jochen seinen ersten Milchzahn verloren hat.“ Der Junge strahlte. „Haben Sie das richtige Döschen doch noch gefunden?“ – „Nein, leider!“ – „Dann such doch noch mal in deinem Zimmer! Du hast das Döschen mit dem Zahn verlegt!“ – „Ich hab doch schon tausendmal gesucht.“ – „Ach ja, und Herr Wolter wollte nur wissen, ob du deinen Wackelzahn wiedergefunden hast.“ – Bei dem Namen erschauerte er. „Hast du ihn provoziert?“, fragte die Frau. Der Junge zuckte mit den Achseln. „Ich hab ihn nach dem Döschen gefragt und da hat er mich angebrüllt. Da bin ich weggelaufen.“ – „Ein unleidlicher Typ!“, sagte die Frau. „Wenn ich im Treppenhaus an ihm vorbei muss, habe ich immer ein bisschen Angst.“ – „Aber dass der Jochen sein Döschen mit dem Zahn verloren hat, das habe ich ihm erzählt, und das tut ihm jetzt doch leid. Er hat mit mir darüber gesprochen.“ Dann verabschiedeten wir uns.

Als ich in meine Wohnung gehen wollte, rief mich Herr Wolter von unten an. „Können Sie noch einmal kom-men?“ Ich ging. „Hier!“, sagte er. „Bringen Sie dem Jungen meinen ersten Milchzahn in dem Döschen hier. Ich brauche ihn nicht mehr.“ Ich wollte Einwände machen, aber er verschwand ganz rasch in seiner Wohnung. Nun habe ich ein Döschen mit einem rasselnden Milchzahn und habe meine Gewissensbisse, weil ich Herrn Wolters betrügen muss, um den Jungen nicht zu betrügen. (Im wirklichen Leben gleicht kein Zahn dem anderen.)

„Hat sich der Jochen über den Milchzahn gefreut?“, fragte mich Herr Wolters bei unserer nächsten Begegnung. „Sie hätten sein Gesicht sehen sollen. Es ist aufgeblüht“, log ich. – „Kommen Sie doch noch mal rein!“, schlug er mir vor. „Ich habe eine deutsche Erstausgabe von ‚Tom Sawyer‘ gekauft. Und hier ist eine Taschenbuchausgabe, die hab ich als Kind gelesen. Das wird doch wohl schon was für den Jungen sein.“ Das Buch hab ich Jochen gebracht, mit einem schönen Gruß von Wolter. – „Jetzt ist er manchmal sogar freundlich zu mir. Vielleicht ist er gar nicht so schlimm, wie ich gedacht habe.“

Ich schaue jetzt öfter bei Wolters vorbei. Seine Erstausgaben interessieren mich immer noch nicht, aber ich möchte immer neu das Wunder erleben, wie sich ein Griesgram und Nörgler in einen leidenschaftlichen Bücherfreund verwandelt. Manchmal erzählt er mir auch ein bisschen mehr von seiner unglücklichen Kindheit, und dann fällt ihm immer wieder ein Buch ein, das er damals gelesen hat und das ich dem Jochen zum Lesen mitnehmen soll. „Wollen Sie dem Jochen nicht selbst mal ein Buch hochbringen?“ – „Nein“, sagte er, „sowas kann ich nicht. Aber er hat mir ein Zettelchen geschrieben, dass er meine Bücher schön findet.“ Und er verbarg sein Gesicht vor mir. Er war gerührt.

Neulich, es war kurz vor Weihnachten, brachte ich dem Jungen wieder ein Buch von Wolters. „Der Wolters hat mich auf dem Flur angesprochen, ob nicht bald wieder ein Milchzahn von mir dran wäre. Er hat sich richtig interessiert, glaube ich.“ - „Und? Was hast du gesagt?“ Statt einer Antwort machte er den Mund auf und wackelte an einem oberen Schneidezahn. „Der ist bis Weihnachten draußen und den verliere ich garantiert nicht“, hab ich ihm gesagt, und da hat er zum ersten Mal mit mir gelacht.

Die Geschichte hat einen autobiographischen Hintergrund. Ein Freund von mir war ein begeisterter Sammler von Erstausgaben und gleichzeitig ein Nörgler, der an fast allem etwas auszusetzen hatte. Wolfgang Hoor, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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