Claudia Savelsberg

Das kleine Schaf und der kleine Wolf

Das kleine Schaf stand einsam und verlassen auf der großen Weide. Es war sehr traurig und fühlte sich ganz allein auf der Welt. Vor einigen Tagen war seine Mutter durch ein Loch im Weidezaun geklettert und neugierig in den Wald gelaufen. Das kleine Schaf hatte nach ihr Ausschau gehalten und auf sie gewartet. Den ganzen Tag. Es wurde dunkel, aber die Mutter kam nicht mehr zurück, und das kleine Schaf bekam Angst. Dann war der Bauer plötzlich über die Wiese gerannt und hatte laut geflucht: „Bestimmt hat ein verdammter Wolf mein Schaf gerisssen. Wenn ich den vor die Flinte bekomme, dann knalle ich diese Kreatur ab.“

Jetzt wusste das kleine Schaf, dass seine Mutter tot war, und es weinte bitterliche Tränen. Am nächsten Tag jedoch siegte die Neugier, und das kleine Schaf kroch durch das Loch im Weidezaun, um diesen Wald zu erkunden. Ob sich dort wohl ein fürchterliches Geheimnis verbarg? Das kleine Schaf hatte noch nie einen Wolf gesehen und fragte sich, ob ein Wolf wirklich so eine schlimme und gefährliche Kreatur war. Furchtlos ging es immer tiefer in den Wald hinein, knabberte an saftigem Moos und frischer Baumrinde. Plötzlich hörte es hinter einem umgestürzten Baum ein langgezogenes Heulen, das fürchterlich traurig klang. Es war herzergreifend. Vorsichtig ging das kleine Schaf näher, dann sah es plötzlich einen kleinen Wolf vor sich. Ohne Angst ging es zu ihm hin und fragte: „Was hast du? Warum weinst du? Bist du traurig?“ Der kleine Wolf freute sich, die sanfte Stimme des kleinen Schafes zu hören und antwortete: „Ich fühle mich einsam und allein, deshalb weine ich. Vor einigen Tagen hat ein Jäger meine Mutter erschossen. Verstehst du?“ Das kleine Schaf konnte ihn nur zu gut verstehen, und der kleine Wolf tat ihr leid.
Es dachte nach und runzelte die Stirn: „Unsere Mütter sind tot. Deine wurde von einem Jäger erschossen. Meine wurde vermutlich von einem deiner Artgenossen gerissen. Und der Bauer will den Wolf sofort erschießen, wenn er ihn vor die Flinte bekommt.“ Der kleine Wolf heulte auf, dann schaute er das kleine Schaf mit zärtlicher Melancholie an: „Ja, kleines Schaf, das ist wohl der Lauf der Dinge.“ Das kleine Schaf überlegte ganz intensiv, dann sagte es: „Kleiner Wolf, es geht doch immer wieder um das Töten. Wo ist da der Unterschied zwischen einem Wolf und einem Menschen? Ich verstehe es einfach nicht.“ Der kleine Wolf seufzte ganz tief. Er war zwar noch jung, aber er hatte schon sehr viel von seiner Mutter gelernt. Er setzte sich zu dem kleinen Schaf und legte eine Vorderpfote um seinen Hals: „Weißt du, kleines Schaf, es ist so in der Welt der Tiere... Ein Wolf tötet, damit er sein Fressen hat und sein Überleben sichern kann. Menschen töten oft, weil sie Spaß am Töten haben! Das ist leider so...“ Das kleine Schaf war beeindruckt von der Weisheit des kleinen Wolfes. Sie beschlossen, zukünftig zusammen zu bleiben. So wanderten das kleine Schaf und der kleine Wolf gemeinsam durch den Wald – immer auf der Hut vor den Menschen …

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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