Katja Baumgärtner

Der Tannenbaum

 

 

 

Dieses Weihnachten holten wir unseren Tannenbaum aus dem Garten.

Wir freuten uns sehr darüber, weil dieser Baum viel schöner war als ein gekaufter Baum ist. Seine Spitze war abgebrochen. Doch das war nicht weiter schlimm, denn die Spitze konnten wir wieder befestigen.

Einen Tag vor Heilig Abend stellten wir den Weihnachtsbaum in das Wohnzimmer, und es war ein wunderbares Gefühl, ihn an zu blicken. Das Schönste an dem Baum war, dass dieser Baum nicht so gewöhnlich wie so manch anderen Weihnachtsbaum war, sondern er war mit echten Tannenzapfen bestückt.

Auch sonst war er prächtiger und voller gewachsen als die Bäume, die wir kauften. Der Baum war voll mit Tannenzweigen bewachsen, so dass wir kaum seinen Stamm sehen konnten. Dann kam Heilig Abend.

Der Abend verlief ruhig und still.

Nachdem wir in die Kirche gegangen waren, gegessen und gesungen hatten, erfolgte die Bescherung. Jeder freute sich über die erhaltenden Geschenke.

Später fotografierte uns unsere Mutter samt geschmückten Weihnachtsbaum. Sie knipste und wir lachten.

Der Tannenbaum stand in unserem Wohnzimmer in vollem Glanz, und es brannten echte Wachskerzen auf dem Baum. Die zündeten wir jedes Jahr zusätzlich zu den elektronischen Kerzen an. Es waren rote Wachskerzen, und sie schmückten den Weihnachtsbaum noch prachtvoller als vorher. Heilig Abend ging vorbei.

Wir gingen schlafen. Der nächste Tag würde wie die vorangegangenen Jahre verlaufen. Es wird zu Mittag Gans geben und später wird gemütlich Kaffee getrunken. Abends werden wir wie immer zusammen sitzen und erzählen uns etwas oder schauen fern.

Am nächsten Morgen saß mein Bruder Roman und ich vor dem Fernseher und hörten dem Gesang der drei Welttenöre Pavarotti, Carras und Domingo zu.

Da hörte ich es knistern. Es klang so, als ob ein Eichhörnchen Eicheln und Nüsse knackte.

Ich dachte, dass das Knistern mein Bruder verursachte, da er mit lustiger Stimme nachfragte, ob ich das Geräusch gehört habe. Ich solle, weil ich aufgestanden war und gehen wollte, stehen bleiben und noch einmal lauschen.

Kurz bevor ich dann gehen wollte, weil ich nichts vernahm, knackste es wieder.

Roman sagte „Hör!“ und ich lachte und sagte zu ihm, er habe es gut imitiert. Er sah mich an und schließlich schauten wir uns den Baum doch genauer an, entdeckten aber nichts.

Am Mittagstisch sprachen wir noch einmal über das Knacksen im Baum. Mein großer Bruder Roger vermutete, es seien die Tannenzapfen, die in der Wärme aufgingen. Auch er hatte das Knacksen schon wahrgenommen - nur meine Mutter hatte nichts gehört. So knackste es gelegentlich. Das kümmerte uns jedoch wenig, weil wir die Erklärung mit den Tannenzapfen hatten. Jedes Familienmitglied war mit sich selbst beschäftigt. Der eine beschäftigte sich mit seinen Weihnachtsgeschenk, der andere schaute fern oder las in irgendeinem Buch, und ich nahm mir Zeit für mein Fotoalbum mit den Vogelbildern Zeit. Ich frischte meine Kindheit ein bisschen auf, in der ich mich eingehend mit den Vögeln beschäftigt hatte.
Auf einem der Bilder entdeckte ich meine Pippi, ein Wellensittichweibchen. Sie hatte auf dem Foto eine Feder im Schnabel und balancierte die Feder dann immer solange im Schnabel bis sie schließlich herab fiel. Das Federknabbern war ein Kunststück, und sie konnte von allen Vögeln die Feder am längsten im Schnabel halten. Es knackste dann genauso wie in unserem Tannenbaum.

Pippi war ein sehr aufgeweckter Vogel gewesen. Sie spielte oft mit dem Ball Fußball, zumindest sah es so aus.

Als sie damals krank wurde, wusch ich ihr das Hinterteil. Sie wehrte sich nicht, wie sie es vorher immer getan hatte. Vermutlich merkte sie wie schlecht es um ihr stand. Sie starb.
Am Kaffeetisch erinnerte ich meine Geschwister an Pippis Knabberkünste, dass das Knacksen der Feder dem Knacksen des Baumes ähnele. Sie nickten einstimmig.

Mitte Januar fielen vermehrt die Nadeln vom Baum. Ich malte mir aus, ein Eichhörnchen aus dem Baum hüpfen zu sehen. Es hatte sich, so dachte ich mir, die ganze Zeit über im Baum versteckt und überwinterte bei uns, war jedoch froh wieder in freier Wildbahn zu sein. Oder, so stellte ich mir vor, Pippi den Himmel empor fliegen zu sehen und dabei die zerknabberte Feder hinunter fielen ließ. Aber nichts dergleichen ereignete sich.

Das Knistern rührte doch von den Tannenzapfen her, die sich in der Wärme ausgedehnt hatten. So wäre alles so wunderbar, wenn meine fixen Phantasien wenigstens einmal eine Form des Wirklichen annehmen würden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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