Wolfgang Hoor

1968 oder das Puzzle

Dreimal in der Woche sind mein elfjähriger Sohn Wolf und meine neunjährige Tochter Mia Schlüsselkinder. Sie müssten es nicht sein. Sie könnten nach der Schule die Straßenbahn nehmen, zu meinen Eltern nach K. fahren und darauf warten, dass ich sie am späten Nachmittag abhole. Sie haben es ein paar Mal ausprobiert, aber dann auf mich eingeredet, ich solle sie von den Großelterntagen erlösen. „Der Opa schimpft den ganzen Tag rum und in seinen Augen machen wir alles falsch”, sagt Wolf, „und das letzte Mal hab ich für nichts und wieder nichts eine Ohrfeige gekriegt.” Seitdem brauchen Wolf und Mia nicht mehr zu den Großeltern. Sie sind also jetzt dreimal in der Woche bis fünf Uhr allein im Haus, machen sich das Essen warm, das ich ihnen vorbereitet habe.

Ich selbst bin seit 1960 geschieden. Meinen Mann Helmut haben sie in der Nazizeit hart wie Krupp-Stahl gemacht, und den Kindern und mir wollte ER beweisen, dass Härte das einzige im Leben ist, was zählt. Für meine Eltern war die Scheidung ein Aufbegehren gegen geheiligte Ordnungen. „Die Ehe ist ein Sakrament!”, sagte meine Mutter. „Die beendet man nicht nach Lust und Laune.” – Trotzdem unterstützen mich meine Eltern finanziell. Und dann bekam ich 1968 eine Stelle als Buchhalterin und Sekretärin bei der SB-GmbH. So konnte ich dann endlich ohne meine Eltern unseren Lebensunterhalt bestreiten.

1968 war also für mich ein gutes Jahr. Die Nachrichten über den Auschwitz-Prozess, den Vietnamkrieg, den ersten Höhepunkt der Studentenrevolte nahm ich so wahr, wie eben Gewinner sowas wahrnehmen. Das Böse, Schreckliche gab es überall, aber es hatte um mich einen Bogen gemacht. Ich war ein Glückspilz.

Manchmal ruft meine Mutter bei uns an. Auch die Kinder freuen sich, wenn sie anruft. Sie mögen ihre Oma eigentlich ganz gerne und erzählen ihr von uns und unserem Leben. Sie fragt immer wieder, wann wir denn wieder mal bei ihr vorbeischauten. Ich sagte ihr immer: „Wir besuchen dich gerne, aber dann darf der Opa nicht im Haus sein.“ – „Ach du lieber Gott, durch die eine Ohrfeige ist dein Vater doch nicht zum Unmensch geworden. Du weißt gar nicht mehr, was für ein liebevoller Vater er war. Kannst du dich nicht an die Schlüsselbund-Geschichte erinnern? Ich hab sie dir mindestens zehnmal erzählt. Hast du sie den Kindern schon mal erzählt? Dann wüssten sie, wie zärtlich ihr Opa sein konnte.“ – Aber ich zögerte lange. Für mich war und ist mein Vater ein Mann, dem man nichts recht machen konnte und kann. Die Geschichte zu erzählen hieß, von meinen Vater ein völlig anderes Bild zeichnen, als wir alle es hatten.

„Also gut“, sagte ich eines Tages zu den Kindern, bevor sie ins Bett gehen sollten. „Ich kann mich zwar an nichts von dem erinnern, was Oma die Schlüsselbund-Geschichte nennt. Aber eure Oma, meint, ich sollte sie euch trotzdem erzählen. Also gut: So geht die Geschichte. Euer Opa soll kleine Kinder und in meiner frühen Kindheit vor allem mich besonders gemocht haben. Mit mir zusammen soll er gelacht, geschmust und rumgetobt haben. Wenn ich kam, hätte mein Vater schon mit offenen Armen dagestanden und mich erwartet. Wie ein Magnet soll er für mich gewesen sein, wenn ich die Tür geöffnet habe.

Dann hätte das Spiel begonnen, das wir sehr oft gespielt haben sollen, das Schlüsselbund-Spiel. Ich kletterte an seinem Schreibtisch auf seinen Schoß. Er klingelte demnach mit seinem Schlüsselbund und ich muss versucht haben, den Schlüsselbund zu erhaschen, was er natürlich zuließ.. Und dann hätte ich ausprobiert, was ich mit dem Schlüsselbund anfangen könnte. Schließlich hätte ich ihn in seine Hände zurückgegeben. Und jetzt hätte der Schlüsselbund-Zauber angefangen. Er hätte zuerst die kleinen Schlüssel klingeln lassen, dann hätte er den Bass mit den großen geklopft. Dann hätte er alle Schlüssel mit- oder nacheinander wie in einem richtigen Orchester bewegt. Erst, wenn sie alle zusammen geklungen hätten, wäre ich zufrieden gewesen. Dann hätte ich meinen Kopf gegen seine Brust gelehnt, und er hätte dann meine Haare gekrault, und Oma sagt am Ende immer den Satz: Dann wart ihr wie im Himmel.“

Wolf schaute mich kopfschüttelnd an. „Das kann nicht unser Großvater gewesen sein, Mama, das fühle ich, das ist ganz ausgeschlossen. Nein, das war nicht der Großvater, den wir kennen.“ – „Menschen ändern sich manchmal!“, sagte ich. Wolf schaute mich lange an, schüttelte den Kopf. „Vielleicht ein bisschen, aber nicht so.“

In der Nacht, nachdem ich die Schlüsselbund-Geschichte erzählt hatte, erwachte Wolf schweißgebadet nach einem Alptraum. Er legte sich zu mir und erzählte: „Ich saß über einem Puzzle unserer Familie. In der Mitte saß Papa, um ihn herum gruppierte sich unsere ganze Familie. Ich brauchte nur noch ein Gesicht für die Mitte des Puzzles, für Papa. Das übrig gebliebene Puzzleteil war weiß und leer. Ich versuchte es einzusetzen. Es passte nicht. Dann flogen plötzlich alle Puzzleteile durch die Luft, als wäre unter ihnen eine Granate geplatzt.“ - „Und was soll an dem Traum so schlimm gewesen sein?“ – „Unsere Familie ist zerplatzt, Mama!“

Wolfs Zweifel an der Identität meines Vaters ließen mir keine Ruhe. An einem Dienstag im Mai ließ ich mir von meinem Chef frei geben. Ich fuhr frühmorgens mit der Straßenbahn nach K. Mein Vater war bei einem Freund, wahrscheinlich für mehrere Tage. Meine Mutter war allein und freute sich aufrichtig, dass ich gekommen war, lud mich zum Mittagessen ein und ging ins Dorf, um einzukaufen.

Darauf hatte ich gewartet. Ich wusste, wo ihre Fotoalben waren. Ich lief hinauf ins Wohnzimmer. In dem Schrank standen ihre Alben schön in Reih und Glied. Jedes Album hatte seine eigene Farbe, und jetzt stand hier auch das blaue Album, von dem meine Mutter immer behauptet hatte, es sei verloren gegangen. Mit klopfendem Herzen nahm ich es in die Hand. „Meinem lieben Ernst und meiner kleinen Hilde in Dankbarkeit gewidmet“, stand auf der ersten Seite. Unter meinem Namen war ein Baby-Bildchen von mir eingeklebt. Für Ernst hatte es auch einmal ein Bildchen gegeben, aber das war rausgerissen worden. Ich hatte den Namen Ernst im Zusammenhang mit unserer Familie noch nie gehört.

Das Album zeigte mich als Baby, im Kindergarten, am ersten Schultag, zusammen mit Papa Theo, mit Mama Rita und dann am Tag der ersten Kommunion mit vielen Verwandten. Auffielen aber besonders die leeren Blätter. Die Bilder, die hier seinerzeit in die Klebeecken eingesteckt worden waren, fehlten. Die Klebeecken gab es immer noch. Sechs Bilder fehlten. Und dann gab es einen Briefumschlag, der auf der letzten Seite des Albums eingeklebt worden war. Ich öffnete den Briefumschlag. Kleine Fetzen eines zerrissenen Bildes kamen zum Vorschein.

Ich legte sie mit der Bildseite auf den Ess-tisch. Ich konnte zunächst nur wenig erkennen. Aber dann sah ich einen Bildteil, der mir sofort in die Augen sprang. Ein großer altmodischer Schlüsselbund. Aufgewühlt zog ich mich ins Fremdenzimmer zurück, in dem ich früher geschlafen hatte, und begann zu puzzeln. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, aber am Ende war das Bild wiedererstanden. Ich saß als kleines Mädchen auf dem Schoß eines fremden freundlichen Mannes, hatte meinen Kopf gegen seine Brust gedrückt und er kraulte mir in den Haaren. Durch das Zerreißen des Bildes war sein Gesicht etwas entstellt, aber es war ein Gesicht, in dem die Augen leuchteten. Das musste der Ernst sein, dem das Album ursprünglich gewidmet war. Schwarzhaarig und nicht blond, lässig gekleidet und nicht im Anzug, mit großen sanften und nicht mit kleinen misstrauischen Augen. Und der Schlüsselbund lag vor uns auf dem Schreibtisch. Mir war, als könnte ich jetzt wieder das Schlüssel-Orchester hören.

Es gab wegen dieses Bildes viele Tränen und reumütige Bekenntnisse. Als ich nach Hause fuhr, war das Bild zusammengeklebt und sah wie ein Puzzle aus. „Was würdet ihr sagen“, fragte ich am Abend Wolf und Mia, „wenn ich, eure Mutter, ein uneheliches Kind wäre? Wenn mein Vater ein anderer wäre als der Opa Theo?“ Wolf lachte. „Ich hab es gewusst. Ich HAB es gewusst. Dann ist Opa Theo nur unser Stiefopa, stimmt’s?“ Ich nickte und zeigte ihnen das Bild. Wolf und Mia freuten sich. „Der sieht wie ein richtiger Papa aus!“, sagten sie. „Für manche Leute ist es eine Schande, wenn man ein uneheliches Kind ist“, sagte ich. – „Für uns ganz bestimmt nicht“, sagte Wolf. „Jetzt hast du einen Vater, den du auch verdient hast. Und wo wohnt unser richtiger Opa jetzt? Wir wollen ihn unbedingt kennen lernen.“ - „Ja, das weiß niemand. Seit 1935 ist er ver-schwunden.“ – „Seit 33 Jahren“, rief Wolf. „Aber er ist doch nicht umgekommen, oder?“ – „Das weiß niemand!“

Es mussten erst die Schüler und Studenten kommen, die „Nazi raus“ riefen und das Haus der Großeltern mit faulen Eiern und Tomaten beschmissen. Es musste sich erst herumsprechen, dass Onkel Theo bei der SA war und zusammen mit seinem Busenfreund Thomas Züge organisiert hatte, die irgendwelche Leute in überfüllten Güterwaggon-Abteilen irgendwohin transportiert hatten. Beide waren Eisenbahnbeamte gewesen, beide mussten nicht die Soldatenuniform anziehen, weil sie an der „Heimatfront“ unabkömmlich waren. Waren das Züge nach Auschwitz gewesen? Ich hörte zum ersten Mal, was in den Auschwitz-Prozessen verhandelt wurde, ich schämte mich, und ich gestehe, es war mir mehr als flau im Magen, wenn ich jetzt annehmen musste, dass der falsche Papa Theo vielleicht an dem allen beteiligt war. Ich mochte ihn nicht, aber so was Schlimmes wollte ich nicht von ihm denken. Nachdem Schüler und Studenten sich auf das Haus meiner Eltern „eingeschossen“ hatten und unbedingt mit Theo, meinem Stiefvater, reden wollten, verschwand er auf Nimmer-Wiedersehn.

Seit diesen Ereignissen, sind zwei Jahre vergangen. Stiefvater Theo muss existieren, weil er regelmäßig auf das gemeinsame Konto zugreift. Und seit neustem weiß ich, dass er meinen Vater Ernst 1935 bei der Gestapo denunziert hat. „Und du weißt das alles und sprichst mit deiner Mutter nicht darüber“, fragte mich Wolf an seinem dreizehnten Geburtstag. „Wie kann ein Mensch wie Oma so nett und gleichzeitig so böse sein?“ – „Sie kommt zum Kaffee vorbei. Lass dir nichts anmerken.“ – „Ich will alles über meinen richtigen Opa wissen!“, rief er trotzig. „Wenn du zu feige bist, mit ihr zu reden, dann mach ich das.“ Ich schämte mich, aber ich hatte noch nie versucht, meinen Eltern kritische Fragen zu stellen.

„Opa Ernst lebt“, sagte Wolf am Abend. Er hatte bei einem Spaziergang mit seiner Oma gesprochen und gestritten. „Er ist über die französische Grenze entkommen. Ich habe seine Adresse. Oma hat es all die Jahre gewusst. Sie liebt ihn noch immer.“

„Politik ist ein schmutziges Geschäft“, pflegte Mutter zu sagen. „Bleib sauber! Keine Parteien, keine Gewerkschaften, keine politischen Äußerungen!“ Ich pflegte die Achseln zu zucken, wenn sie sowas sagte. Von Politik hatte ich ohnehin keine Ahnung. Und ich wage noch immer nicht zu fragen, wie sauber Mamas privaten „Geschäfte“ im Jahre 1935 waren, als ihr Geliebter fliehen musste und sie seinen Denunzianten heiratete.

Eines Tages wird Wolf ihr diese Frage stellen, dachte ich. Er wird sich nicht abwimmeln lassen.

In meiner Familie gab es den Eisenbahnbeamten, der Züge wahrscheinlich für Auschwitz organisieren musste. Er kämpfte Zeit seines Lebens mit einem schlechtenGewissen. Er machte seinen Frieden mit sich selber, weil er glaubte, er habe erreicht, dass nicht zu viele in einen Güterwagen gesperrt wurden. Wolfgang Hoor, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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