Gherkin

Der freundliche Herr Sonnenschein






„Er heißt nicht nur so, er trägt ihn auch im Herzen!“ So spricht man allgemein über den freundlichen Herrn Eike Sonnenschein. Ein alleinstehender Herr, Endvierziger, stets korrekt gekleidet, immer ein Lächeln auf den Lippen, nach links und rechts grüßend, ein Mann mit Stil und Klasse, den man im Viertel sehr gut kennt.

Wir befinden uns bei Meppen, Niedersachsen. Ein kleiner Ort, man kennt sich hier. Zur Nachbarschaft hat man generell ein enges Verhältnis. Man hilft sich, Meppen selbst ist nah, Einkaufsmöglichkeiten sind also gegeben. Die Einwohner scheinen alle recht nett zu sein. Man hat keine Vorurteile oder versucht jedenfalls, sie in den vertretbaren Grenzen zu halten, und so ein Klönsnack auf der Straße ist eine feste Größe im Verlauf eines Tages. Hier begegnet man vor allem einem Menschen gern.

Er trägt stets einige Süßigkeiten bei sich, um sie, bei Bedarf und Gelegenheit, an die Kinder der Nachbarschaft zu verteilen. Die sind in der linken Tasche. In der rechten trägt er die Leckerlis für die Hunde. Alle mögen den netten Mann. Mal trägt er die schwere Einkaufstasche der alten Frau Scheinveld in den 2. Stock, mal hievt er den Rollator des bärbeißigen alten Käptns in den 3. Stock, kein Mensch könnte auch nur im Ansatz etwas Schlechtes über Herrn Sonnenschein sagen. Wenn sich die Leute auf der Straße trafen, und die Rede auf Herrn Eike Sonnenschein kam, fielen Begriffe wie Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und „Kiez-Engel“. Er selbst wohnt unterm Dach, im 5. Stock. Man hört nie etwas von dort oben. Niemals laute Musik, keine störenden Geräusche, mitunter waren sich die Nachbarn gar nicht so sicher, ob er überhaupt zuhause ist. Er schien den Beruf des Reisevertreters auszuüben. Niemand wusste Genaueres. Mit einem Köfferchen verließ er das Haus, kam Tage später zurück. Die alte Frau Scheinveld meinte, der Mann würde sie an Pan Tau erinnern, diesen Mann mit der Zauber-Melone, aus einer tschechischen Fernseh-Serie. Immer liebenswert und sehr nett.

Er ist ein sehr akkurater Mensch, dieser Eike Sonnenschein. Auf dem Ehebett, exakt vorbereitet für den nächsten Tag, liegen alle Kleidungsstücke parat, penibel, sauber und glatt angeordnet. Es sind genau 9 Teile, die auf der rechten Seite des Ehebettes aufgereiht bereit liegen. Im linken Bett schläft Herr Sonnenschein. Offensichtlich gibt es hier keine Frau Sonnenschein (mehr). O ja, falls Sie gerade in Gedanken all diese Kleidungsstücke durchgegangen sind - sicherlich sind Sie nur auf 7 Teile gekommen. Ich gebe zu bedenken: Die Jacke hängt ordentlich am Kleiderbügel, neben dem Schrank, die Schuhe sind, selbstverständlich, vor dem Bett zu finden, blank gewienert. Das Köfferchen, was mag es nur bergen?, direkt neben den Schuhen.

Was also liegt da, auf dem Bett, an 8. und 9. Stelle? Es ist das Einstecktuch für das Jackett (täglich neu), außerdem liegt der Hut bereit. Man kann das für ein wenig bis mittelstark exzentrisch halten. Aber es ist einfach nur ein Ritual, an dem er seit Jahren festhält. Rituale bestimmen sein Leben. Er muss, zwangsgesteuert, den Schlüssel im Schloss zwei mal nach links und dann zwei mal nach rechts drehen. Er muss stets mit seiner linken Hand zuerst einen Gegenstand berühren, bevor er ihn mit der rechten dann  aufnimmt. All das kompliziert sein Leben ungemein. Zwangsneurosen kreieren 1000 Rituale, Marotten, Spleens und Tics. Eine besonders ausgeprägte Neurose dieser Art finden wir bei jenem möblierten Herrn unterm Dach.

Herrn Eike Sonnenscheins Hobby ist die Fotografie. Er liebt es sehr, ins benachbarte Holland zu fahren und dort, besonders im Frühjahr, ab Mitte April, Noordoostpolder, östlich vom IJsselmeer bei Emmeloord, zu besuchen. Ein Tulpen-Meer erwartet ihn hier, das sein Herz jedes Jahr aufs Neue deutlich höher schlagen lässt. Auch sein Lieblings-Park ist im grenznahen Bereich, in Holland, zu finden, keine 60 Autominuten entfernt. Heute, gerade heute, sollte er dort sein, denkt Eike Sonnenschein. Die Sonne scheint schön, die Vögel zwitschern, alle Menschen sind gut gelaunt und fröhlich. Ab nach Giethoorn (Provinz Overijssel), denkt er und schließt seine Haustür ab, zwei mal nach links und zwei mal nach rechts. Dann tritt er seine teuren Schuhe auf der Eingangsschmutzfangmatte ab, ob er nun kommt oder geht, das ist immer das gleiche Ritual, links 3 x und rechts auch 3 x. Erst dann kann er starten.

In het koninklijke Sluipschutters Park (Im königlichen Scharfschützenpark) Giethoorn, den man nur mit einem Boot erreichen kann, denn Straßen sucht man im „Venedig Hollands“ (oder Venedig des Nordens) vergebens, zückt Sonnenschein die Kamera, eine 20 MP Neck Strap YI Technology M1 95013 spiegellose System-Digitalkamera, um diverse Momentaufnahmen einzufangen. Schwirrende Frisbees, verspielte Kinder und verliebte Pärchen. Dazu die Flora und Fauna. Eike schoss etwa 20 Fotos, sein geschultes Auge nimmt ein besonders lohnendes Objekt wahr. Er nimmt die nur 281 Gramm schwere Kamera mit der rechten hoch, nachdem er sie mit der linken Hand kurz angetippt hatte, tritt einen Schritt zurück, und schrickt zusammen, weil da unter ihm ein entsetzliches Jaulen und Fiepen zu hören ist.

Sofort entsteht Tumult. Ein wütender Mann zieht seinen Dackel von E. Sonnenschein weg. Dieser war dem armen Tier auf die rechte Vorderpfote getreten. Der Hund jault noch immer, hält die Pfote hoch, sieht jammernd sein Herrchen an. Es gibt wohl keinen herzzereißenderen Anblick als ein gequälter und tief verletzter Dackelblick. Eike ist sehr bestürzt, beschwichtigt den Dackelbesitzer in bestem Niederländisch, kniet neben dem Hund auf den Boden nieder, streichelt ihn sehr vorsichtig und flüstert ihm zu, wie leid es ihm doch täte, ihn verletzt zu haben. Aus der rechten Jackett-Tasche zieht er ein besonders gutes Leckerli heraus, muss dabei aber sehr umständlich, was den holl. Dackelbesitzer etwas irritiert, mit der linken Hand in seine rechte Jackentasche greifen, gibt es dem Hund, streichelt die verletzte Pfote, sieht zum Herrchen hoch und meint: „Je arme hond moet naar een dierenarts gaan...“  Und, nach einer nur kurzen Pause: „Ik zal alle kosten betalen, het spijt me zo zeer, Mijnheer!“

Der Dackelbesitzer ist versöhnlich gestimmt, nimmt seinen Hund hoch, betrachtet die Pfote und meint dann: „ Naa, het was geen bedoeling. Denk na, dat komt weer goed. Dank je wel.“ Den 50-Euro-Schein, den Sonnenschein ihm zuschieben möchte, den nimmt das Dackel-Herrchen nicht an: „Laat maar. Je bent een goede kerel.“ Und Eike bleibt noch stehen, um den beiden zuzusehen, wie sie langsam um die Wegbiegung verschwinden. Der Dackel liegt über der Schulter seines Herrchens und blickt diesen seltsamen Menschen dort hinten an, der ihm erst Schmerzen verursachte, und dann plötzlich so nett war. Im Takt schwingend, leicht hüpfend, hält er Blickkontakt zu dem Dackelpfotentreter, bis dieser dann entschwunden ist.

Eike Sonnenschein wäscht sich am nahen Wasser lange und ausgiebig die Hände. Dann ist es Zeit, die Heimreise anzutreten. Er hatte gute Aufnahmen gemacht. Die würde er zuhause alle in Ruhe betrachten. Einer der vielen Ballon-Verkäufer hatte einem entzückenden kleinen Mädchen einen knallroten Helium-Ballon mit der Aufschrift: >Is deze wereld niet suikerzoet?< verkauft. Der Mutter erzählte es nun unter Tränen, ganz aufgelöst, dass es, vor lauter Schrecken, als der Dackel doch so gejault hatte, den Ballon losgelassen habe. Die Kleine konnte nur noch, fassungslos, hinterher sehen, wie ihr geliebter Ballon in die Wolken entschwand. Sofort ging Eike hinüber zu Mutter und Kind. „Dat was waarschijnlijk mijn fout.“ Und reichte der erfreuten Mutter 30 Euro, damit sie einen neuen Ballon für die Kleine kaufen konnte, und dem Kind prompt einige Süßigkeiten aus der linken Tasche seines Jacketts. Die Aussicht auf einen neuen Ballon, zudem all diese Süßigkeiten, im Grunde genommen stellte sich für die Kleine die Situation nun sogar besser dar als kurz nach dem Kauf des roten Ballons. Jetzt wollte sie unbedingt einen grünen haben. Freundlich seinen Hut lupfend, froh verabschiedete sich der so sympathische Herr Sonnenschein, erfrischend herzlich winkt er dem knuffigen, süßen kleinen Mädchen noch zu, das sich jetzt hüpfend vor lauter Freude entfernt, an der Hand seiner Mutter. "Maar dat was een aardige oom", hörte Sonnenschein das Mädchen noch zu seiner Mutter sagen, quietschvergnügt.

Zurück in Deutschland, achtete Sonnenschein sehr genau darauf, Kopfsteinpflaster zu meiden, denn das ist Stress pur. Hier durfte er mit dem linken Fuß auf keinen Fall einen hellen Stein betreten, der rechte durfte keinen schwarzen Stein berühren. Es kam schon mal vor, dass er sich völlig übernommen hatte und, mitten in einer Altstadt, plötzlich stehen blieb, sinnend, etwas hilflos wirkend. Dann hatte er meist, direkt vor sich, nichts als schwarze Steine - oder aber nur weiße. In der Regel drehte er sich um und lief, wie lange das auch dauern mochte, den ganzen Weg zurück. So geschah es auch, sollte vor ihm eine schwarze Katze, von links kommend, die Straße zu überqueren die freche Stirn zeigen. Und es gibt noch sehr viel mehr Regeln im sehr komplizierten Leben des Zwangsneurotikers.

Wieder einmal ist Sonnenschein mit seinem Köfferchen und der umgehängten YI M1 95013 Kamera unterwegs. Aus der Innentasche des Jacketts nimmt der permanent extrem gut gelaunte Mann einen Umschlag, wobei er mit der linken Hand ziemlich umständlich in die linke Innentasche fassen muss, reißt ihn auf und studiert dann sehr genau das inliegende Blatt Papier, nachdem er es entfaltet hat:

„Termin: 11 Uhr 40, in der Hamburger Altstadt. Unweit des Hamburger Hafens, am Nikolaifleet, findest du jene Deichstraße. Es ist die Hausnummer 49. Du findest sie jenseits von der Cremon Insel und Grimm. Sie verläuft von der Willy-Brandt-Straße zur einer Straße namens Kajen. Die Postleitzahl: 20459. Diese Maisonette-Wohnung liegt in einem Haus, das an der Rückseite direkt an den Nikolaifleet grenzt. Das schöne Haus hat vier Etagen und ist in die Denkmalliste eingetragen. Die komplette Deichstraße steht unter Milieuschutz. Also ein denkmalgeschütztes Kontorhaus, 1984 nach alten Plänen neu erstellt, 89 erneuert. Wenige Schritte vom Neuen Wall entfernt respektive Speicherstadt/HafenCity, der Rathaus-Markt ist ganz in der Nähe. Du solltest auf gar keinen Fall ein Problem haben, die Haus-Nr. 49 zu finden. Es ist der Name Holger F. Luerssen. Grünes Schild.

Ungefähre Größe der einzelnen Räume, 3 Zimmer, Küche, Diele und Bad:
Wohnraum 25,14
Schlafzimmer 14,95
Küche 6,50
Diele 9,08
Flur 1,64
Bad 2,18 (mit Wanne)
Abstellfläche 2,18
Galerie 24,41
Gesamt ca. 90 qm

Balkon zum Fleet hinaus, Parkettboden oben (eine Wendeltreppe führt hinauf in den oberen Bereich), schwarz-weißer Mosaik-Fliesenboden unten.“ Hier schreckte Eike ein wenig zusammen. Schwarz-weißer Mosaik-Fliesenboden? Das könnte durchaus ein paar gewichtige Probleme geben. Er liest weiter: „Der Fahrstuhl fährt nur bis zur 3. Etage!“ Auch das noch.

Sonnenschein hat ein fotografisches Gedächtnis. Er hat dies Blatt Papier eben zum ersten Male überhaupt zu Gesicht bekommen, nun zerfetzt er es in kleine Teile. Er verteilt die Schnipsel auf insgesamt 9 diverse Abfallbehälter in Hamburgs Altstadtnähe.

Dann ist er angekommen. Die Fassade ist in zartem Rosa sehr nett gestaltet worden. Mit links tippt er die Kamera an, dann nimmt er sie mit der rechten Hand hoch. Sechs Fotos macht Sonnenschein. Er schaut auf seine Uhr. Es ist exakt 11:36 Uhr. Er wartet genau 4 Minuten, dann klingelt er, das grüne Schild zeigt den Namen „H. Luerssen“. Eine Stimme meldet sich: „Luerssen“. Mit fragendem Unterton. Eike sagt: „Denkmalpflege, Dr. Küsters hier. Ich komme, um Ihnen die Prämie für vorbildliches Verhalten vom Denkmalschutzamt der Stadt persönlich zu überbringen!“ Eine kurze Pause entsteht. Knistern.

Luerssen: „Welches vorbildliche Verhalten?“ „Nun, sie bewohnen ein historisches und gern von Touristen bestauntes, oft fotografiertes, denkmalgeschütztes Haus in dieser wohl berühmtesten Hamburger Straße überhaupt, neben der Reeperbahn. Und es ist mir hier, warten Sie...“ (lässt jetzt ein paar Sekunden verstreichen) „übermittelt worden, es steht hier doch irgendwo... warten Sie, ja, da, (knistert mit Papier) dass Sie aktiv bei der Renovierung im Jahr 1989...“

Sonnenschein wird unterbrochen: „Da wohnte ich noch gar nicht hier!“ „O, ist das so? Dann habe ich hier falsche Informationen. Ich sollte Herrn Holger F. Luerssen eben den Scheck hier überreichen, ausgestellt auf einen Betrag von Euro 1.200.“ H. Luerssen, nach einer kurzen Pause: „Kommen Sie rauf!“ Die Tür ließ sich öffnen. Konnte ja sonst keiner wissen, dass er Holger F. hieß. So etwas wissen nur die Behörden. Warnsignale ausgeschaltet. Das geht wohl in Ordnung mit diesem Dr. Küsters.

Da Eike Sonnenschein sehr seriös wirkt, zudem korrekt gekleidet erscheint, lässt ihn Herr Luerssen ein. Horror pur. Eike weicht hier instinktiv zurück. Die großen Steinfliesen, schwarz-weiß, dieser Mosaik-Fliesenboden, stellt ihn vor ein Problem. Nachdem die Wohnungstür geschlossen ist, geht der Hausherr voran. Worauf wartet der Gast? „So kommen Sie doch, das können wir am besten im Wohnbereich bereden!“ Eike denkt: Dann muss ich es von hier aus machen. Er zieht mit links aus seiner rechten Jackett-Innentasche eine Pistole, montiert in Ruhe einen Mündungssignaturreduzierer mit der rechten Hand, nimmt dann die Waffe auf rechts, zielt nur kurz, und drückt viermal ab. Luerssen hatte versucht, über die Wendeltreppe nach oben zu gelangen. Die letzten drei Schüsse hatten ihn getroffen, zwei davon sind tödlich. Zufrieden blickt S. auf den leblosen, grotesk schief auf der Wendeltreppe langsam nach unten gleitenden Körper der Zielperson. Auftrag erledigt. Und nicht eine dieser verdammten Mosaik-Fliesen im unteren Bereich auch nur berührt. Gut gemacht, Sonnenscheinchen. So spricht der Kontraktor zu sich selbst. Äußerst zufrieden.

Wieder auf der Straße, Sonnenschein hatte von seinem Opfer noch 3 Aufnahmen in perfekter Qualität gemacht, für seinen Auftraggeber, ohne die Mosaik-Fliesen überhaupt betreten zu haben, will er noch ein wenig Hamburgs Flair in sich aufnehmen. Er setzt sich am Rathausmarkt, bei herrlichstem Wetter, an einen Tisch eines Cafés, bestellt einen großen Cappuccino, ist zufrieden mit sich und der Welt. Wieder ein perfekt erledigter Auftrag. Der 29. übrigens. Eike weiß, dass mit dem Erreichen der 30 sein Lebensabend beginnen wird. Er hat dann genug Geld mit all diesen Auftrags-Morden verdient. Ein Vermögen. Er wird hernach für immer nach Holland ziehen. Nur noch ein verdammter Mord. Dann der Ruhestand. In der Branche nennen sie ihn respektvoll, flüsternd, The always good-humored accountant (also den immerzu gut gelaunten Buchhalter). Man fürchtet den Kontraktor. So bieder und so freundlich er auch wirken mag, jeder in der Branche weiß: Wenn der Buchhalter klingelt, ist´s vorbei mit deinem Leben. Akkurat und sauber erledigt er jeden Job. Keine Zeugen!

Von hinten trennt ein flinker junger Bursche den Kamera-Tragegurt mit einem extrem scharfen Messer durch und entreißt Sonnenschein das teure Gerät. Eike S. ist außer sich, verständlicherweise. Er rennt hinter dem jungen Mann her, der, wieselflink, in eine der vielen Gassen abbiegt. Ein Cafeteria-Besitzer wettert: „Der Kerl hat seine Zeche geprellt!“ Doch Sonnenschein hat andere Sorgen. Ganz andere.

Er muss diesen Dieb erwischen. Seine Rente ist in Gefahr! Er rennt so schnell wie ein Endvierziger nur rennen kann. Und tatsächlich, er bleibt in sehr aussichtsreicher Entfernung zu diesem Burschen, der deutlich langsamer zu werden beginnt, da er sich unausgesetzt zu seinem Verfolger umdreht, und dadurch Zeit verliert.

Über den Schopenstehl keucht er sich zum Kattrepel, Eike weiß, bald kann er nicht mehr. Doch da taucht ein Polizist auf, und der begreift es sofort. Ein Bestohlener jagt den Dieb. Der junge Kerl ist ratlos. Bleibt kurz stehen, keuchend. Die Kamera hat er noch. Vor ihm ist der Bulle, hinter ihm der penetrante Typ, dem er die Kamera vom Nacken geschnitten hat. Was soll er tun? Der Polizist legt die Hand an das Holster.

Das ist der Augenblick, da der junge Dieb frustriert aufgibt. Er legt die Kamera hin und nimmt die Arme hoch. Der Polizist legt ihm hinter dem Rücken die Handschellen an. Eike ist mittlerweile auch angekommen, nimmt seine Kamera hoch. „Die ist erst mal, tut mir leid für Sie, beschlagnahmt. Das ist doch Ihre, ja?“ Eike ist unsicher, nickt kurz, und schüttelt dann energisch den Kopf. „Ist ausgeliehen!“ „Kommen Sie bitte mit auf die Wache, Grüner Deich 1, ist ganz in der Nähe. Wir klären dort alle Fragen. Wie lautet Ihr Name? Aha, Eike Sonnenschein. Mit so einem Namen haben Sie ja wohl immer Glück. Ihre geliehene Kamera ist gerettet. Wir nehmen die Aussage auf und können Ihnen hernach, nach der Begutachtung, die Kamera wieder aushändigen. Wir brauchen da auch noch den Namen des rechtmäßigen Besitzers. Kommen Sie bitte mit! Vielen Dank für Ihre Kooperation.“ Und zum Dieb gewandt: "Ist dieser Herr hier der Mann, dem Sie die Kamera gestohlen haben?" Der junge Mann nickt.

Routinemäßig wurden die aufgenommenen Fotografien gesichtet. Zeitgleich wurde dem Morddezernat des Landeskriminalamtes Hamburg, Bruno-Georges-Platz 1, ein Mord in der Deichstraße 49 gemeldet. Die Putzfrau hatte ihren Auftraggeber, sie ist völlig aufgelöst, erschossen am Fuße der Wendeltreppe aufgefunden. Diese arme Frau musste sofort psychologisch betreut werden. Der Tote heißt Holger Luerssen. Seine Verlobte, Mimo Brechwurtz, wurde verständigt. Sie bricht zusammen, als sie die schreckliche Nachricht erhält. Tot? Holger ist tot? Sie kann es nicht fassen. Im neuen Jahr wollten sie doch heiraten... In wenigen Monaten bereits...

Kommissar Blumensaat sitzt bald darauf Eike Sonnenschein gegenüber. „Nun, Herr Sonnenschein, ich hab da eine Frage an Sie. Ihnen wurde die YI Kamera gestohlen, das ist richtig, ja?“ Eike nickt bedächtig. „Hören Sie, wir haben alle gespeicherten Fotos gesichert. Drei Aufnahmen haben unser besonderes Interesse geweckt, die machen Sie, Herr Sonnenschein, zu einem Verdächtigen in einem Mordfall, heute entdeckt, Deichstr., sagt Ihnen das etwas?“ Der Kopf des freundlichen Herrn Eike Sonnenschein beugt sich so stark herab, dass sein Kinn fast die Brust berührt. Der Kommissar sagt: „Leeren Sie alle Ihre Taschen, ganz langsam, hören Sie, langsam!“

Mit der linken Hand, mit spitzen Fingern, zieht Sonnenschein eine kurzläufige Waffe heraus, die SIG Sauer Mosquito, Kaliber .22, und danach noch einen Recknagel ERA Silencer SOB 1, mit Neopren-Überzug von Niggeloh, ebenso im Innenteil der Jackett Tasche sorgsam befestigt (Klettverschluss). Die wilde Jagd durch die Rathausmarkt-Gassen hatte nicht einmal für ein Verrutschen der beiden Teile gesorgt. Kommissar: „Tatwaffe?“  Eike bestätigt. „Nun, Sie sind festgenommen, Herr Sonnenschein. Sie haben das Recht zu schweigen. Alles was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht, zu jeder Vernehmung einen Verteidiger hinzuzuziehen. Wenn Sie sich keinen Verteidiger leisten können, wird Ihnen einer gestellt. Haben Sie das verstanden, Eike Sonnenschein?“ Nicken. „Ich beschuldige Sie des Mordes an Holger F. Luerssen, Deichstr. 49, Hamburg. Möchten Sie sich zu diesem Vorwurf jetzt äußern?“

Doch Sonnenschein antwortet nicht. Er ist in Gedanken im Ruhestand, streift durch endlose niederländische Tulpenfelder, Noordoostpolder... Aaah. Sein kleines, sehr schönes, malerisches Farm-Häuschen aus dem 18. Jahrhundert, an einer der vielen kleinen Grachten in Giethoorn liegend, Reet gedeckt... Aaah. Das Boot direkt vorm Häuschen, freundlich winkende Touristen in den Flüsterbooten. Einfach wunderbar. Acht Kilometer Kanal, mehr als 180 Brücken. Wie viel Glück kann ein Mensch denn überhaupt verkraften? Das ist fast schon zu viel, denkt Eike Sonnenschein, zu viel. Der Nationalpark Weerribben-Wieden, das größte Flachmoor von Nordwest-Europa, Holland, das IJsselmeer, die Tulpenfelder... Aaah...   

Und was ist nun in diesem mysteriösen schwarzen Köfferchen, das er bei sich trägt, dieser Auftrags-Killer Sonnenschein? Bei seiner Verhaftung hatte er es nicht dabei, es war noch im Hotel. Dort öffnete man das Köfferchen. Die Polizei fand Antihypertensiva, die wohl, in gewisser Dosis, tödlich wirken würden. Ohne Zweifel eine Art "Ausweg" für den Killer, falls er erwischt wird. Im Hamburger Fall konnte Sonnenschein diese "Notbremse" nicht ziehen. Er wurde vorzeitig in Gewahrsam genommen, ehe er das Hotelzimmer hatte aufsuchen können. Man konnte sonst nur noch einen Stadtplan von Hamburg finden.







 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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