Wolfgang Hoor

Weihnachten 1952

Es ist halb zwei. Ich stehe am Fenster, das zur Robert Koch Straße geht. Ich weiß, dass ich vergeblich hinausschaue. Meine elfjährige Enkeltochter Bettina muss hier vorbeikommen, wenn sie nach Hause geht. Aber sie wird nicht bei mir hereinschauen. Die ersten Monate, seit sie in die fünfte Klasse des Sophie-Scholl-Gymnasiums geht, ist sie fast täglich hereingekommen. Sie hat mir immer als erstem ihr Herz ausgeschüttet. Ich habe von allen ihren Erfolgen und Misserfolgen gehört. Was habe ichangestellt, dass sie drei Wochen lang nicht gekommen ist und nicht telefoniert hat? Ich fühle mich elend. Womit könnte ich sie verärgert haben?

Und dann das kleine Wunder eine halbe Stunde später. Das Telefon klingelt, Bettina ist dran. „Hallo Opa!” Das ist ja kaum zu glauben. Ein Lebenszeichen von meiner Bettina, meinem kleinen Liebling. „Hast du ein bisschen Zeit für mich?” – „Ja natürlich.” – „Papa und Mama und Michael sind weg und ich möchte wieder mal ein bisschen mit dir quatschen.” – „Ich dachte, du hättest mich ganz vergessen.” – „Nein, nein, ich muss zur Zeit nur an ganz viele unangenehme Sachen denken ..” – „Du hast also irgendwas verbockt?” – „Kann man so sagen.” Sie legt den Hörer zur Seite. Was hat sie vor?

„Hallo, Bettina, was ist?” – Ich bekomme keine Antwort. Dann höre ich ihre Schritte, Saiten werden gezupft. Meine alte Geige! Ich habe sie damals, nach dem Verkauf meines Hauses, Bettina geschenkt. Jetzt hat sie seit mehr als drei Jahren Geigenunterricht. Sie stimmt das Instrument, das Zusammenspiel der Quinten gelingt fehlerlos. Ich spüre, wie mir eine Gänsehaut über den Rücken läuft. Ich fühle mich wieder in meine Kindheit versetzt.

Und was bekomme ich zu hören? „Hänschen klein”, in sauberen Tönen. Ich spüre, wie Ärger in mir aufsteigt. Will sie mich auf den Arm nehmen? Will sie sich über mich lustig machen? Als sie fertig ist, nimmt sie das Telefon wieder in die Hand. „Verstehst du, warum ich dir ‚Hänschen klein‘ vorgespielt habe?” – „Weil du mich ärgern willst. Du kannst doch inzwischen hoffentlich ganz andere Sachen.“ – „Volkslieder ja. Ne Menge sogar. Die interessieren mich, die machen mir Spaß. Aber jetzt will Frau Lauer, dass ich was Richtiges spiele – sagt sie. Gavotten oder Sarabanden oder Allemanden und all son altmodisches Zeug. Ich will das blöde Zeug nicht lernen.”

Langes Schweigen. „Ich will nicht mehr Geige lernen. Seit drei Wochen schreibt mir Frau Lauer in mein Hausaufgabenheft, dass ich nicht übe. Mama hat Gott sei Dank noch nichts davon gemerkt. Ich hab’ gestern den Unterricht geschwänzt.” Wieder langes Schweigen. „Ich weiß nicht, ob Mama und Papa es schon wissen. In jedem Fall krieg ich Ärger.” – „Bettina”, sage ich, „soll ich mal bei euch vorbeikommen.” – Längeres Schweigen. „Ja, Opa, komm vorbei. Und vielleicht fällt dir was ein. Vielleicht kannst du mir aus der Patsche helfen.“

Als ich ankomme, führt sie mich wortlos in ihr Kinderzimmer. Neben dem Notenständer der Geigenkasten, offen, auf dem Notenständer das Heft mit Volksliedern. Auf ihrem Schreibtisch liegt Briefpapier. Ich werfe einen flüchtigen Blick darauf. Die Anrede steht schon da. „Liebe Frau Lauer!” Das ist ihre Geigenlehrerin. „Was willst du der Frau Lauer schreiben?“, frage ich. – „Das ist es ja“, antwortet Bettina und läuft im Zimmer hin und her. „Ich möchte ihr eine Entschuldigung schreiben und Mama bitten, dass sie sie unterschreibt. Aber ich hab keinen Grund, warum ich geschwänzt habe. Weißt du, wie es ist, wenn man keinen Grund hat und sich was aus den Fingern saugen soll?“

Sie bleibt stehen, putzt sich die Nase und wartet auf meine Antwort. Ich wage ihr nicht zu sagen, dass ich das sehr gut kennen, viel zu gut! Ich wende den Blick von ihr ab. „Sag deiner Mutter einfach die Wahrheit. Je früher du das tust, umso leichter regelt sich die Sache.“ O ja, solche Ratschläge von klugen Erwachsenen kenne ich aus meiner Kindheit auch. Bettina wendet sich von mir ab. „Heute ist nicht der richtige Tag dafür. Heute kann ich das nicht.“

Wir schweigen beide. Bettina setzt sich jetzt auf einen Stuhl, nimmt den Kopf in die Hände und schweigt. So habe ich vor Weihnachten 1952 auch viele Male da gegessen und keinen Rat gewusst. Es dauert lange, bis sie aus ihrer Erstarrung aufwacht. Sie hat gerötete Augen. Wahrscheinlich hat sie mir nicht zeigen wollen, dass sie hat weinen müssen. „Hast du mir nicht mal erzählt, dass du auch mal was Schlimmes gemacht hast, Opa?“ Darauf kann ich nicht antworten. Ich werde rot. – „Hast du es gleich deinem Papa und deiner Mama beichten können?“ – Ich schüttele den Kopf. Ich kann ihr das jetzt nicht erzählen.

Wir sitzen zehn Minuten da, ohne dass uns was einfällt. Ich kann sie jetzt nicht zur Wahrheit bekehren, das sehe ich. Und wenn ich jetzt gute Ratschläge für sie hätte, ich würde selbst nicht an sie glauben. Was ich ihr jetzt anbieten kann, ist Komplizenschaft. Sie braucht jetzt eine gute Lüge oder später sogar ein Feuerwerk von Lügen, denn wenn sie mit dem Geigenspielen aufhören will, ohne ihren Eltern reinen Wein einzuschenken, dann muss sie sich ein großes Lügengebäude einfallen lassen.

Wie gut ich das kenne. Den Tag der Entdeckung vor Augen trotzdem so leben, als wäre nichts. Was habe ich mir damals gesagt, kurz vor Weihnachten 1952? Man muss ja nicht unendlich alt werden, habe ich damals gedacht. Es genügen ein paar Wochen, in denen man noch seinen Frieden hat. Ein paar Wochen, und dann die Entdeckung und dann sollen sie mit mir machen, was sie wollen. Ich kann auch aus dem Fenster springen, habe ich damals gedacht, wenn ich nicht einschlafen konnte.

„Weißt du was?“, sage ich plötzlich, und das bricht aus mir heraus, ohne dass ich groß darüber nachgedacht hätte. „Ich lüge einmal für dich, nämlich heute. Ich erzähle deiner Mama, dass du gestern bei mir warst und dass wir die Zeit vertrödelt haben und nicht mehr an die Geigenstunde gedacht haben. Das schreiben wir auch der Frau Lauer. Und vor der nächsten Geigenstunde gehen wir zu deiner Mama und zu deinem Papa und überzeugen sie, dass das Geigenspielen nicht mehr dein Ding ist.“ Sie schaut auf. „Du bist wirklich auf meiner Seite?“ – „Ich weiß nicht. Jedenfalls bin ich heute auf deiner Seite.“ Sie nickt. Kein Wort des Dankes. Vielleicht hat sie gemerkt, dass diese Lüge eine Eintagsfliege sein wird.

Ich rufe meine Tochter Elisabeth von meiner Wohnung aus an. Sie nimmt die Sache mit der ausgefallenen Geigenstunde nicht sonderlich ernst. Es wäre schön gewesen, wenn ich ihr das früher gesagt hätte, meint sie. Der Anruf von Frau Lauer, dass Bettina nicht im Unterricht erschienen sei, wäre halt nur ein bisschen peinlich gewesen. „Aber jetzt, wo ich erfahre, dass Bettina es nicht extra gemacht hat, komme ich damit klar. Ich gebe der Bettina eine Entschuldigung mit, und damit wird sich die Sache erledigen.“

Am Tag danach klingelt Bettina nach der Schule bei mir. Sie fällt mir um den Hals. „Du warst wunderbar.“ – „Das Schlimmste steht uns aber noch bevor!“, sage ich. „Jetzt müssen wir deine Eltern davon überzeugen, dass du überhaupt keinen Geigenunterricht mehr willst.“ – „Das müssen wir nicht!“, sagt Bettina. „Du meldest mich im Auftrag meiner Eltern vom Geigenunterricht ab, und ich komme jeden Mittwoch, wenn ich Geigenstunde hätte, mit der Geige zu dir.“ Ich bin ratlos. Bettina ist auf dem Weg, sich ihr ganz großes Lügengebäude aufzubauen. Und mich will sie zu ihrem Komplizen machen, weil ich einmal schwach genug war für sie zu lügen.

„Bettina, du bist verrückt.“ Sie ist beleidigt. – „Papa und Mama erlauben es nie, dass ich aufhöre“, ruft sie. „Ich weiß keine Gründe, die Papa und Mama akzeptieren.“ – „Du sagst einfach, was du mir gesagt hast. Dass es dir genügt Volkslieder spielen zu können und dass du das kannst.“ – „Papa wird mich auslachen.“ - „Bettina, komm zur Vernunft. Das geht so nicht.“ – „Natürlich geht das. Mit dir zusammen geht das bestimmt.“ Ich werde wütend. „Geh nach Hause und denk über alles noch mal nach. Es hat keinen Sinn, jetzt schon wieder zu lügen.“ Bettina ist beleidigt. Sie verlässt mich grußlos.

Am nächsten Tag kommt Bettina wieder. Sie hat ihre Geige dabei. Ich bin erstaunt. „Du willst also bei mir üben? Das ist schön.“ Bettina schüttelt den Kopf. „Ich geb‘ dir die Geige zurück. Du hast sie mir ja sowieso nur geliehen.“ – „Aber Bettina! Die Geige war ein Geschenk. Ein Weihnachtsgeschenk. Und ich weiß noch, wie du dich darüber gefreut hast.“ – „Dann schenk‘ ich sie dir wieder zurück.“ – „Und dann?“ – „Dann hab ich keine Geige mehr, und ohne Geige kann man keinen Geigenunterricht bekommen.“ – „Und was willst du deinen Eltern sagen?“ – „Na, dass ich sie dir geschenkt habe. Und weil die Geige mir gehört, kann ich sie verschenken. Dann können Mama und Papa meinetwegen schimpfen, aber ich brauch‘ nicht mehr zu spielen, weil ich keine Geige mehr habe.“ – Ich bin sprachlos.

„Kannst du eigentlich noch Geige spielen, Opa?“ – „Ich müsste es ausprobieren.“ – „Soll ich dir mal Geige und Bogen auspacken?“ – Ich nicke. Als ich sie in den Händen habe, steigen plötzlich Empfindung in mir auf, wie ich sie in meiner Kindheit und Jugend oft gehabt habe. Dieses Instrument hat mich getröstet, von Niederlagen abgelenkt und ist meinen Empfindungen gefolgt. Ich setze die Geige ans Kinn, prüfe, ob sie richtig gestimmt ist, und dann spiele ich. Ich spiele keine Melodien, ich improvisiere. Ich beginne zu vergessen, wo ich mich befinde und dass ich eine Zuhörerin habe.

„Opa“, ruft Bettina schließlich. „Du hörst ja gar nicht mehr auf.“ – „Gefällt es dir?“ – „Ich weiß nicht. Melodien sind das nicht.“ – „Ich spiele es nur für mich.“ – Ich setze die Geige ab. Bettina scheint von meinem Spiel trotzdem gefangen, sie ist offensichtlich verblüfft. „Kannst du denn auch noch eine Melodie, ein Lied?“ – „Du musst raten!“ – Ich setze noch einmal an, spiele in sehr kräftigen Bogenstrichen „Adeste Fideles!“ DAS Weihnachtslied meines Vaters, bei dem der immer glänzende Augen bekam. „Aber ja, ‚Herbei oh ihr Gläubigen‘ ist das. Das spielst du schön. Spiel doch noch die zweite Strophe!“, ruft Bettina. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Mein Hoffnungslied! Mein Zukunftslied. Endlich gebe ich Bettina die Geige und den Bogen zurück.

„Hast du mir nicht mal gesagt, ich soll deine Fehler nicht wiederholen?“, sagt sie. „Was waren denn das für Fehler?“ – Ich werde rot. Ich kämpfe mit mir selber. Obwohl das schon so lange her ist, spreche ich nicht gerne darüber. „Ich war damals, 1952, schlecht in Latein!“, sage ich. „Ich habe die schlechten Arbeiten zu Hause nicht vorgezeigt und hab behauptet, ich hätte in den Arbeiten gute Noten. Und ich wusste, dass ich Anfang Januar ein Zeugnis bekommen würde mit einer ganz schrecklichen Lateinnote. Und dann würde alles auffliegen. Ausgerechnet in dieser Zeit der größten Angst kam die Geige. Das schönste Geschenk, das ich je von meinen Eltern bekommen habe. Na ja, und dann hab ich ihnen an Weihnachten alles gebeichtet.“

„Und dann? Hast du Schläge gekriegt? Du hast mir doch mal erzählt, dass sowas damals noch üblich war“ – „Nein. Papa war nach dem ersten Schock milde gestimmt, weil Weihnachten war. ‚Das kriegen wir schon wieder in den Griff‘, hat er gesagt. ‚Und eines Tages werden wir ‚Adeste Fideles‘ zusammen spielen, du auf der Geige und ich auf dem Harmonium.“

Bettina schaut mich nachdenklich an. Es ist ein abwägender, ungläubiger Blick. „Dein Papa hat es hingekriegt, dir auf einmal alle deine Lügen zu verzeihen? Alle zusammen?“ Sie glaubt mir nicht, und sie hat recht. Ich habe ihr ein rosarotes Ende geflunkert. Wie es wirklich war, behalte ich für mich.

„Opa, leihst du mir die Geige aus?“ – „Wozu?“ – „Ich will jetzt doch weiter Geige lernen. So schrecklich zu lügen ist nicht schön.“

 

 

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Hoor).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Hoor auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Ducko Der kleine Drache von Margit Marion Mädel



Ducko, der kleine Drache muß viele Abenteuer bewältigen und findet auf der Suche nach anderen Artgenossen viele neue Freunde auf der Welt. Ob er aber irgendwo in der Welt noch Drachen finden wird, dass erfahrt ihr in dieser kleinen Geschichte…

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Kindheit" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Hoor

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Was heißt hypnotisieren von Wolfgang Hoor (Kindheit)
Schnell wird man ein Ewald von Rainer Tiemann (Kindheit)
TINI von Christine Wolny (Tiergeschichten)