Hans Pürstner

Das Kreuz mit der Liebe

Als Katholik gehe ich noch fast jeden Sonntag „in die Kirche“, wohingegen Protestanten wohl nur noch zu ausgewählten Terminen den Gottesdienst besuchen. Oft beneide ich diese um ihren besser an die heutige Zeit angepassten Stil im Gegensatz zur strengen, schwer verständlichen Liturgie bei uns.
So passiert es häufig, dass ich bei einigen Passagen meine Ohren auf Durchzug stelle.
Deshalb schreckte ich vor kurzem auf, als unser Pfarrer nach dem Evangelium folgende Frage stellte:
„Geht es Ihnen auch so wie mir, dass im Gottesdienst ein bisschen zu häufig das Wort Liebe auftaucht?“
Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen, jahrzehntelang habe ich mich daran gestoßen, dass dieses Wort geradezu inflationär benutzt wird. Und nun schien es jemand zu geben, der mit mir einer Meinung war. Sensationell. Sofort lauschte ich seinen Worten mit einer Aufmerksamkeit, die ich bisher bei eher langweiligen Predigten hatte vermissen lassen.
Nicht dass ich den ständig vorgebrachten Sprüchen von verbitterten Menschen beipflichten möchte wie etwa „was ist denn das für eine Liebe bei all den Katastrophen und Verbrechen tagtäglich?“
Da oben sitzt halt kein alter Mann mit Rauschebart auf einer Wolke, der wie ein Marionettenspieler an Fäden zieht, um es jedem einzelnen von uns recht zu machen.
Wobei das alte Sprichwort: einem jeden recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann“ (nicht mal Gott) ohnehin schon zeigt, dass etwas was für mich gerecht erscheint, für jemand anders ungerecht sein kann. Womit sich dann die Frage von neuem stellt.
Trotzdem fallen Ausdrücke wie unendliche Liebe Gottes etc. für meinen Geschmack einfach zu oft und vor allem unkommentiert. Mehrfach begegnete ich auf belebten Plätzen Wanderpredigern, die mit extremer Lautstärke Sätze wie Jesus liebt dich brüllten, wobei der Großteil der Passanten, mich eingeschlossen, kopfschüttelnd weitergingen.
Um auf die anfangs erwähnte Predigt zurückzukommen, der Pfarrer hatte auch keine wirklich befriedigende Antwort für uns, machte aber darauf aufmerksam, dass unsere Bibel ja ursprünglich aus dem Altgriechischen übersetzt wurde. Und dort gäbe es vier, fünf Begriffe, die für unsere deutsche Ausgabe sämtlich mit Liebe übersetzt wurden.
Nachdem in unserer sexualisierten Welt dieses Wort sowieso meist eine andere Bedeutung hat, würde ich mir wünschen, dass zumindest in der Predigt häufiger darauf eingegangen und die eigentlich gemeinten Begriffe herauskristallisiert würden.
Dann würde auch ich wie viele andere wieder aufmerksamer den Worten lauschen

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