Christiane Mielck-Retzdorff

Herbststurm und Frühlingserwachen

Herbststurm und Frühlingserwachen

 

Früher hätten die Leute Estelle vielleicht als schüchternes Mauerblümchen bezeichnet, doch das wäre ihr nicht gerecht geworden. Es gab durchaus junge Männer, die ihre Gesellschaft suchten, doch die 18jährige hatte sich noch nie verliebt und wollte für einen näheren Kontakt zum anderen Geschlecht unbedingt auf dieses Gefühl warten.

Zwar war Estelle auch in den sozialen Netzwerken präsent, aber sie hasste es, mit ständigen Nachrichten aus ihrem Privatleben die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie stand nicht gern im Mittelpunkt. Das zeigte sich auch darin, dass sie die Vorzüge ihres Aussehens weder durch Makeup noch mit auffälliger Kleidung unterstrich. Sie empfand sich selbst als durchschnittliche Erscheinung. Während die anderen jungen Frauen, auch ihre Freundinnen, jedem modischen Trend nachjagten, nie ungeschminkt ihr Zuhause verließen, die Haare färbten und ihren Körper im Fitnessstudio in die gewünschte Form brachten, lebte Estelle zufrieden mit ihrem Aussehen.

Die junge Frau war sehr schlank, ihr Gesicht harmonisch geschnitten und ihre Haare kräuselten sich in Naturblond. Oft wurde sie mit freundlichen Ratschlägen behelligt, ihre Augen mehr mit Makeup zu betonen, den Lippen mehr Farbe zu geben, Ihr Haare zu glätten oder ihrer Oberweite mit BHs mehr Fülle zu verliehen. Estelle sah wenig Sinn darin, doch wollte auch niemanden beleidigen, weswegen sie gestattete, dass die Anregungen mit der Hilfe der Erfahrenen an ihr umgesetzt wurden. Das Ergebnis nahm sie dann mit geheuchelter Freude zu Kenntnis, doch erkannte sich selbst nicht mehr.

Sie besuchte das Gymnasium und war eine durchschnittliche Schülerin. Das schriftliche Abitur lag gerade hinter ihr und es wurde langsam Zeit, sich über die zukünftige Entwicklung Gedanken zu machen. Doch Estelle hatte überhaupt keinen Plan, fühlte sich noch nicht reif genug, eine so tiefgreifende Entscheidung zu treffen, auch wenn ihr deren Dringlichkeit bewusst war.

Die meisten ihrer Bekannten träumten von einem satten Einkommen als Influencer im Internet. So ging es auch ihrer besten Freundin Ann-Sophie, aber sie hatte noch einen Plan B. Sie wollte Schauspielerin werden. Bei zwei entsprechenden Schulen hatte sie sich schon beworben. Doch plötzlich winkte ihr eine Möglichkeit, ohne Umweg in den Beruf einsteigen zu können.

Vor zwei Jahren war der Roman “Frühlingserwachen und Herbststurm” erschienen und ein internationaler Bestseller geworden. Das Buch beschrieb ein Jahr im Leben einer 18jährigen Abiturientin in der modernen Welt. Estelle hatte das Buch damals gelesen und war von den feinfühligen Betrachtungen, den teilweise rebellischen Gedanken und den Schilderungen des Gemütszustands der Protagonistin gefesselt gewesen. Dabei ging es um die Einsamkeit in Gruppen, die Verwirrung angesichts der Entwicklungen auf der Erde, den Kampf der Ideale anderer zu entsprechen, die Liebe und deren Verlust. Als Estelle das Buch beendet hatte, fühlte sie sich so leer, als hätte sie eine Freundin verloren.

Ihre Versuche, mit Freundinnen über den Inhalt des Buches zu sprechen, blieben erfolglos, denn diese beschränkten sich darauf, das Werk in den sozialen Netzwerken zu loben, ohne es je gelesen zu haben. Lieber beschäftigten sich diese damit, banale Neuigkeiten im Netz oder Fotos zu kommentieren. Sie fürchteten geradezu einen Trend zu verpassen.

Schon damals fragte sich Estelle, wie es einem Mann gelingen konnte, sich so überzeugend und glaubhaft in eine junge Frau hineinzuversetzen. Der Autor war Mitte dreißig und vorher nie als Schriftsteller in Erscheinung getreten. Seltsamerweise mied er trotz seines Erfolges die Öffentlichkeit. In den sozialen Netzwerken wurde allerlei gemutmaßt. War der Autor vielleicht grottenhässlich, barg er ein düsteres Geheimnis, war vielleicht sogar ein Krimineller, der im Gefängnis saß oder hatte den Bestseller gar nicht selbst geschrieben? Stellung bezog der Mann, der das Pseudonym Paul Anders benutzte und seine wahre Identität noch nicht preisgegeben hatte, zu den verschiedenen Gerüchten nie. Vermutlich war es dem großen Erfolg des Buches zu verdanken, dass die Medien seinen Wunsch nach Anonymität respektierten.

Nun sollte dieser Roman verfilmt werden. Dabei hatte der Autor darauf bestanden, dass die Protagonistin seines Buches von einer als Schauspielerin noch nicht in Erscheinung getretenen Person dargestellt werden sollte. Er hatte sich vorbehalten, selbst über die Besetzung der Rolle zu entscheiden. Deswegen wurden in verschiedenen Großstädten Casting-Veranstaltungen durchgeführt, bei denen zuerst eine professionelle Agentur die Vorauswahl traf. Darin sah Ann-Sophie ihre Chance.

Also hatte sie sich mit Fotos und einem Lebenslauf beworben und sogar einen Termin bekommen, sich bei so einer Veranstaltung vorzustellen. Sie war natürlich sehr aufgeregt und bat Estelle darum, sie zu dem Termin zu begleiten. Das wäre zwar nicht nötig gewesen, denn ihre Freundin würde sich kaum einsam fühlen, weil auch andere junge Frauen aus ihrem Bekanntenkreis dort vorsprechen würden, aber plötzlich waren die Vertrauten Konkurrentinnen und Ann-Sophie sehnte sich nach dem Beistand einer Person, die ihr ohne Vorbehalte zugetan war.

Der Tag war gekommen, die Kandidatin voller Hoffnung hatte ihre Kleidung sorgfältig ausgewählt, ihre Haare sogar blond gefärbt, weil die Protagonistin im Buch blond war. Schwarze Wimpern, rote Lippen und ein makelloser Teint unterstrichen ihre bildschöne Erscheinung. Estelle verkniff sich anzumerken, dass die junge Frau im Buch eher unscheinbar daherkam. Und warum bloß hatte ihre Freundin nicht den Rat befolgt, den Roman vorher zu lesen?

Das Casting fand in einem Nobelhotel statt. Vom Foyer aus wurden die Kandidatinnen in das erste Obergeschoss geleitet. Dort registrierte eine Mitarbeiterin der Agentur diese und bat sie in einem Zimmer auf ihren Einsatz zu warten. Dorthin durfte Estelle ihre Freundin nicht begleiten. Diese war sehr kleinlaut geworden, nachdem sie ihre Konkurrentinnen gesehen hatte. Diese Ansammlung von jungen Schönheiten erschreckte sie. Ermunternd umarmten sich beide, dann schritt Ann-Sophie auf wackeligen Beinen in den Warteraum.

Estelle ging über den Flur und betrachtete die dort ausgestellten Bilder. Die Wände waren in einem blassen Gelb getüncht. Unter ihren Füßen der weiche Teppichboden dämpfte ihre Schritte. Je weiter sie sich von dem Ort des Castings fortbewegte, desto stiller wurde es, bis keine menschlichen Stimmen mehr zu hören waren. Auch die Geräusche der umtriebigen Großstadt drangen nicht mehr zu der jungen Frau. Sie war von Einsamkeit und Stille umgeben, was sie schätzte. Ihre Freundinnen hingegen, fühlten sich stets unwohl, wenn sie keine Geräusche umgaben, keine Musik und das Handy nicht piepte, um ihnen anzuzeigen, dass irgendeine Nachricht ihre Aufmerksamkeit erforderte. Estelle aber schaltete ihr Handy, wie auch jetzt, gern aus.

Niemals vorher hatte sie die Räume des edlen, teuren Hotels betreten. In diesen Mauern nächtigten jene, die es geschafft hatten, viel Geld und Ansehen zu erwerben. Oder auch jene, die sich bequem auf dem ausruhen konnten, was ihre Vorfahren ihnen hinterlassen hatten. Oder jene, die bereits die Sprossen zu einer leitenden Position in einem großen Unternehmen erklommen hatten, dessen Erfolg sich auch in der Beherbergung ihrer Angestellten in einem Luxushotel widerspiegeln sollte. Für Estelle war es eine fremde Welt, doch sie konnte den Kampf der Menschen, um das Bestehen des Scheins, ihr Ringen um Ansehen und die Langeweile des Überflusses atmen.

Am Ende des Flurs erreichte sie ein Fenster, vor dem eine mächtige Eiche stand. Zuerst blickte sie hinauf zu deren Wipfel, suchte die im frühen April noch kahlen Äste nach den ersten Blattknospen ab. Tatsächlich entdeckten ihre scharfen Augen den Ansatz grüner Triebe.

Dann schaute sie auf den Boden unter dem Baum und bemerkte zu ihrem Erstaunen, dass er auf einer ungepflegten Grünfläche stand. Das stand in krassem Widerspruch zu den Anlagen, die sie vor dem Hotel gesehen hatte. Vor den Augen der Gäste verborgen, schien sich niemand für diese Stück Erde zu interessieren. So lag unter dem Baum auch reichlich Laub, erinnerte Estelle an die herbstliche Zeit des Vergehens und die winterliche Kältestarre.

Zwischen den alten Blättern entdeckte sie plötzlich erblühte Krokusse und Osterglocken. Wer mochte deren Zwiebeln an diesem unscheinbaren, vergessenen Ort gepflanzt haben? Oder hatte jemand die verblühten Blumen in einem Topf einfach dort entsorgt und sie ihrem weiteren Leben selbst überlassen?

Schon seit einiger Zeit verfolgte ein Mann Estelle. Dieser hielt immer Abstand zu ihr, blieb stehen, wenn sie zum Beispiel eines der Bilder an der Wand anschaute. In die Betrachtung des Baumes und den Blüten zu seinen Füßen versunken, bemerkte sie nicht, dass er plötzlich neben ihr stand. Er sprach sie an.

„Haben Sie sich verirrt? Das Casting findet in Raum 137 statt.“

Die junge Frau erschrak nicht, denn die Stimme des Mannes war leise, freundlich und melodisch. Sie wendete sich ihm zu und schaute in strahlend blaue Augen, die lächelten, obwohl sich sein Mund nicht verzogen hatte.

„Ich habe mich nicht verirrt.“, antwortete sie gut gelaunt. „Ich habe eine Freundin zu dem Casting begleitet und vertreibe mir nur die Zeit.“

„Wollen Sie denn nicht in einem Film mitspielen, der Ihnen Ansehen und Berühmtheit verspricht?“, fragte der Mann mit leichtem Schmunzeln.

„Nein, ich habe keine Lust auf Rampenlicht.“

Beide blickten einander tief in die Augen. Der Mann war nur wenig größer als Estelle, glattrasiert, mit einem fein geschwundenen Mund und etwas zottigen braunen Locken. Plötzlich durchfuhr Estelle ein ihr unbekanntes Gefühl. Es begann in ihrem Körper zu brodeln. Spürte sie etwa die viel zitierten Schmetterlinge im Bauch? Unsicher schaute sie wieder aus dem Fenster. Der Mann folgte ihrem Blick auf die kleinen Blumen, die sich wacker zwischen dem Herbstlaub der Eiche hervorgekämpft hatten. Versonnen sprach er:

„Das Frühlingserwachen besiegt die Vergänglichkeit…“

Sie ergänzte:

„…und die Stürme des Herbstes, das Eis des Winters verblassen in der Erinnerung, machen Platz für Hoffnung in die Kraft des Lebens.“

Estelle kannte diesen Satz aus dem Roman „Frühlingserwachen und Herbststurm“. Sie schaute den Fremden an und wieder trafen sich ihre Blicke. Nun wusste sie, wer vor ihr stand. Das Erkennen spiegelte sich in ihren Augen. Der Mann schenkte ihr ein bezauberndes Lächeln.

Paul Anders fragte sich in diesem Augenblick, ob er eine Verfilmung seines Buches nicht ablehnen sollte. Nur diese junge Frau könnte dessen Protagonistin verkörpern, denn auch sie suchte nicht das Rampenlicht, sondern entdeckte die Welt lieber im Stillen. Doch würde er sie für diese Rolle auswählen, zerstörte er damit den Zauber dieses liebreizenden Wesens und verleugnete damit die Aussage seines Buches.

„Wie ist ihr Name?“, fragte er zärtlich.

„Ich heiße Estelle.“

„Mein Name ist Viktor. Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee oder Tee einladen?“

„Sie wissen doch, dass ich Kräutertee bevorzuge und ich nehme ihre Einladung gern an.“, antwortete sie mit einem Lächeln in dem Bewusstsein des gegenseitigen Verstehens.

Wie selbstverständlich schlenderten beide dicht nebeneinander den Flur entlang und Estelle war zum ersten Mal verliebt.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Die Töchter der Elemente: Teil 1 - Der Aufbruch von Christiane Mielck-Retzdorff



Der Fantasie-Roman „Die Töchter der Elemente“ handelt von den Erlebnissen der vier jungen Magierinnen auf einer fernen Planetin. Die jungen Frauen müssen sich nach Jahren der Isolation zwischen den menschenähnlichen Mapas und anderen Wesen erst zurecht finden. Doch das Böse greift nach ihnen und ihren neuen Freunden. Sie müssen ihre Kräfte bündeln, um das Böse zu vertreiben. Das wird ein Abenteuer voller Gefahren, Herausforderungen und verwirrten Gefühlen.

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