Norman Dunfield

Meine Weihnachten beim alten Fezziwig

Wohl jeder Erwachsene im mittleren Alter kennt
die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. 
Das gehört einfach zur Allgemeinbildung. Eine Episode
in dieser Geschichte handelt von der Weihnachtsfeier
beim alten Fezziwig. Der etwas kauzige Unternehmer
lädt jedes Jahr zur Weihnachtszeit seine gesamte
Belegschaft zu einer üppigen und beschwinglichen
Feier ein. Das ist so etwas wie eine Betriebsfeier mit
Adventskranz. Aber alle fühlen sich wohl. Es gibt leckere
Speisen und heißen Punsch, prickelnden Sekt und
kühles Bier. Weihnachtliche Hausmusik rundet die Sache
stimmungsvoll ab.
 
Mit 16 Jahren begann ich meine Ausbildung in einer
Großhandlung. Sie gehörte Herrn F., der allerdings nicht
wirklich Fezziwig hieß. Der Mitarbeiterstamm einschließlich
Chef und seiner Frau bestand aus lediglich 8 Personen.
Das reichte jedoch aus, um Jahr für Jahr höhere Umsätze
zu erzielen. Die Atmosphäre war etwas altbacken, aber
gemütlich. Die Büros der 1970er-Jahre machten sich noch
nicht von den Vorzügen der Elektronik abhängig. Lediglich
einige elektrische Schreibmaschinen, zwei manuelle
Rechenmaschinen und zwei Telefone mit Wählscheibe
standen zur Verfügung. Die Buchhalterin saß in einem
kleinen Gang zwischen Wohnung und Schlafzimmer des
Chefs und seiner Frau.
 
Jedes Jahr am Freitag vor Heiligabend wurde etwas
früher geschlossen und die gesamte Belegschaft tanzte
bei Herrn F. zur Weihnachtsfeier an. Draußen wurde es
bereits dunkel und die bunten Lichter in den Straßen
funkelten. Wir nahmen an dem großen altenTisch in dem
ansonsten recht kleinen Wohnzimmer Platz. Zuerst gab
es einen heißen Punsch. Bald kam das Essen. Fleisch,
Fisch und Geflügel mit vielerlei Gemüse, Knödeln und
Kartoffeln. Dazu ein kühles Bier oder ein Glas Wein.
Wir füllten uns genüsslich die Bäuche und mussten uns
anschließend mit einem Glas Sekt abkühlen. Nur kurze
Zeit später gab es Kaffee und Kuchen und einen riesigen
bunten Teller mit allerlei weihnachtlichen Köstlichkeiten.
Dieses Gaumen-Accessoire wurde direkt neben den
brennenden Adventskranz gestellt. Dann kam der nächste
heiße Punsch und der alte Herr F. setzte sich an das
Klavier und spielte Weihnachtslieder. Es begann immer
mit "O Tannenbaum", obwohl sich dieser zum Zeitpunkt
der Feier noch gar nicht in der Wohnung befand.
Aber das war egal. Sicherlich war es der Alkohol,
der uns anstachelte, laut und schief mitzusingen.
Es folgten noch weitere Weihnachtslieder. Dann wurde sich
wieder dem Punsch sowie alkoholischen Kaltgetränken
zugewendet. Als wir zu fortgeschrittener Stunde verabschiedet
wurden, gab Herr F. jedem von uns noch eine Weihnachtstüte
mit auf den Weg. Darin befanden sich stets eine Flasche
Glühwein, ein Beutel Lebkuchen, ein Taschenkalender für das
nachfolgende Jahr und ein Kugelschreiber. 
 
Der Heimweg war immer etwas beschwerlich. Alkoholisiert rollte
ich Jahr für Jahr einen kleinen Hohlweg hinunter und war unten
entweder weiß wie ein Schneeman oder verdreckt wie ein
Wildschwein. Insgesamt habe ich an elf der vorstehend genannten
Events teilgenommen, bevor ich zu einer anderen Firma wechselte.
Die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens war mir zu dieser
Zeit noch nicht bekannt. Erst einige Jahre später konnte ich die
Zusammenhänge ins richtige Verhältnis setzen. So habe ich
zumindest einen Teil davon selbst erlebt.
 

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