Sonja Soller

Das Geschenk Vlll

Anno 1441

Vlll.

Bruder Eppo hatte auch nach all den Jahren nicht wieder in die Realität zurück gefunden. Die unglaublichen Ereignisse in der Spitalkirche hatten seinen Verstand vollkommen verwirrt. Der Abt des Klosters stellte keine weiteren Nachforschungen an und ließ alles auf sich beruhen. Es konnte nicht bewiesen werden, dass an jenem Tag ein Wunder geschehen war. Er bezweifelte nicht, dass etwas außergewöhnliches vorgefallen war und Bruder Eppo die Geschehnisse in seinem Geist nicht erfassen konnte, nur fehlte dafür jedweder Beweis.
Bruder Eppo war der einzige, der um das tatsächliche Wunder wusste, er spürte es ganz tief in sich, irgendwann würde es wieder passieren, dann wollte er dafür bereit sein, dieses Wunder zu empfangen. Er nahm an den gemeinsamen Gottesdiensten und Mahlzeiten teil, ansonsten zog er sich in seine Zelle, die sich in den Katakomben unter dem Kloster befand, zurück. Der Bruder hatte diese Abgeschiedenheit des Klosters gewählt, um sich ganz seinem Glauben hinzugeben. Ein Kruzifix an der Wand, eine einfache, harte Bettstelle, eine Bibel und ein Talglicht auf einem Steinvorsprung, war alles was Bruder Eppo brauchte. Nur wenige Stunden Schlaf auf dem Bett billigte er sich zu. Die Zeit, die er nicht mit den Brüdern im gemeinsamen Gebet verbrachte, verbrachte er auf dem Steinboden liegend, die Arme weit ausgebreitet, um Buße zu tun, oder er las, ganz dem weltlichen entrückt, im Buch der Bücher. Bruder Eppo fühlte sich Jesus, seit dem Ereignis vor vielen Jahren näher als jemals zuvor, für ihn hatte die Reise ins Licht begonnen.

                                                                                  *
Beata hörte die Rufe von Reitern und das Schnauben ihrer Pferde, sie verkroch sich tiefer in das Dickicht aus Sträuchern und Farne, sie musste sehr vorsichtig sein, um nicht von den Schergen entdeckt zu werden. Sie verharrte weiter in der Erdmulde unter dem Farn versteckt, bis die Rufe der Reiter verklungen waren. Es war nicht mehr allzu weit bis zu ihrem Heimatdorf. Drei Tage und drei Nächte war sie bereits unterwegs. Es war ein Weg voller Gefahren in der Dunkelheit, Steine und Äste lagen auf dem Waldboden, Beata nutzte das fahle Mondlicht, um im Unterholz nicht zu straucheln, Tiere huschten durch den Wald, ohne gesehen zu werden. Gott Lob hatte Beata genug Proviant aus der Vorratskammer mitgenommen, so brauchte sie wenigstens keinen Hunger leiden.

Friko von Waldau hatte sicher schon ihren Vater aufgesucht, um ihm von der Schmach zu berichten; falls Brida an die Tür klopfte, sie festzuhalten und zu ihm zurückzubringen. > Nie werde ich bei meinem Vater um Aufnahme bitten.< Wilde Gedanken schwirrten in Bridas Kopf herum. > Sie dürfen mich nicht fangen.<

Nach einer weiteren Nacht; in den frühen Morgenstunden, hatte Beata das Haus von Mechthild erreicht. Die vertraute Umgebung ließ Beata trotz aller schlimmen Erinnerungen wehmütig werden. Die Zeit mit ihrer Mutter und den Geschwistern war die schönste in ihrem Leben, der Vater schwebte wie ein böser Geist über Allem.
Beata klopfte an die Türe; nichts rührte sich. Sie klopfte noch einmal, nun heftiger. „Mechthild, ich bin es Beata, öffne bitte die Tür.“ Sie hielt das Ohr an die Tür, sie hörte schlurfende Schritte. „Dem Himmel sei Dank, sie ist im Hause.“ Leise schickte Beata ein Stoßgebet zum Himmel.
Oh, mein Gott, du bist es wirklich. Mir war, als hörte ich bekannte Stimmen. Was in Gottes Namen ist geschehen. Wie bist du hierher gekommen?“ „Liebe Mechthild, lass mich bitte ein, es darf mich niemand sehen, ich bin vom Waldau Hof geflohen.“ Mechthild hielt Beata die Tür weit auf, um sie einzulassen. Bevor sie die Tür verschloss, sah sie sich um; sie konnte nichts Verdächtiges entdecken.

Im Haus fiel Beata Mechthild still weinend um den Hals. „Komm mein Kind, setz dich, und beruhige dich.“ Mechthild nahm Beata bei der Hand und zog sie in die Wohnstube. „Ich brühe uns einen Tee und dann erzählst du mir alles.“

Die Hütte sah behaglich aus, es hatte sich kaum etwas verändert, das wohlige Gefühl von Geborgenheit durchflutete Beata, ein Gefühl, das sie schon lange nicht mehr verspürt hatte. Der warme Tee tat ein Übriges. Nach so langer Zeit saßen die beiden Frauen erst einmal schweigend am Tisch. Die Zuneigung der alten Frau berührte Beata; wie hatte sie das vermisst. Sie nahm die alte, von der harten Arbeit gezeichneten Hand an ihre Wange und liebkoste sie. „Es war ein beschwerliche Weg bis hier her. Danke, dass du mich nicht fortschickst.“ Mechthild ließ Beata Zeit, über die vergangen Jahre auf dem Waldau Hof zu berichten. Wenn Mechthild eines gut konnte, dann war es zuhören. Mechthild hörte ohne Beata zu unterbrechen an, was sie zu berichten hatte. Es fiel der jungen Frau nicht leicht über die Demütigungen und Erniedrigungen zu sprechen; was Friko von Waldau ihr an Körper und Seele angetan hatte. Nach dem Beata ihre Erlebnisse geschildert hatte, blieb es eine ganze Weile still im Raum. Mechthild musste das Gehörte erst einmal verarbeiten. Sie ergriff die Hände von Beata: „Du hast Schlimmes erfahren müssen und niemand kann dir sagen, wie dein weiteres Schicksal verlaufen wird. Es ist nicht auszuschließen, dass die Waldauschen Schergen auch an meine Tür klopfen. Aber du kannst solange bei mir bleiben, solange du willst. Jetzt legst du dich erst einmal zur Ruhe, später besprechen wir , wie es weiter gehen soll.“

Mit guten Gefühlen versank Beata in einen tiefen Schlaf. Nun konnte sie schlafen ohne Angst von den Häschern ihres Gemahls entdeckt zu werden. Vorsichtig legte Mechthild eine wollene Decke über sie.

Mechthild verließ leise den Raum, sie wollte Beata die Zeit geben, die sie brauchte, um sich von den Ereignissen der letzten Tage zu erholen. Sie wollte inzwischen überlegen was zu tun sei.

Zuallererst musste sie Beata verborgen halten. Mechthild wusste, wenn Beata hier bei ihr gefunden würde, würde es den Tod für beide Frauen bedeuten. Die Ehe war ein heiliges Sakrament und die Frau war dem Mann auf ewig Untertan, ihn zu verlassen, ihn auf diese Weise zu demütigen, war das Schlimmste was eine Frau machen konnte. Frauen waren von minderem Wert und waren dem Manne nach der Heirat auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, ihn zu verlassen bedeutete eine hohe Strafe für die Frau.

                                                                                  *
Seit Brida, inzwischen einundzwanzigjährig, die zweite Tochter von Wolfhard Schwering, den Haushalt besorgte, war Mechthild nur noch selten auf dem Hof.

Brida hatte sich vehement geweigert einen Mann zu heiraten, der ihr vom Vater ausgesucht wurde. Dann wollte sie lieber ihres Vaters Haushalt führen, wo sie relativ selbstständig arbeiten konnte, als an der Seite eines Mannes, dem sie keine Achtung entgegenbringen konnte, geschweige denn Zuneigung. Es gab furchtbare Wortgefechte zwischen Vater und Tochter, Brida ließ sich dennoch nicht zu einer
abgesprochenen
Vermählung zwingen, sie setzte sich mit allen Kräften, die ihr zur Verfügung standen gegen den Vater durch. Es hatte den Anschein, als würde Wolfhard diese kräfteraubenden Auseinandersetzungen mit der Tochter leid sein. Irgendwann würde schon der Richtige erscheinen und diese widerborstige und renitente Tochter bändigen.
Brida war eine ansehnliche junge Frau geworden, es gab genug Bewerber, aber Brida sah sich nicht als Mutter inmitten schreiender Kinder und einen Mann, dem sie gehorsam sein musste . Bridas Ziel war es, entgegen aller Regeln, den Schweringer Hof zu übernehmen. Wolfhard hatte wohl bemerkt, dass Brida mehr das Zeug dazu hatte, als sein Sohn. In Wolfhard´s Augen war Wetzel ein Weichling, der sich nicht durchsetzen konnte. Wolfhard musste neben seinem Hof auch dem Amt als Schulze nachkommen. In seiner Abwesenheit übernahm Brida die Aufgaben des Vaters, soweit es ihr möglich war. Brida hatte die Kraft und den starken Willen des Vaters geerbt. Wetzel dagegen hatte nicht die Härte seines Vaters, sonder die Sensibilität der Mutter geerbt, er war mehr Sohn der Mutter, über deren Tod er bis heute nicht hinweggekommen war.
Wetzel machte seine Arbeit gut und besonnen, aber seine Liebe galt dem Wald und den Bergen; früh am Morgen oder spät am Abend nach getaner Arbeit, ging er dorthin, wo er sich am wohlsten fühlte; in die Berge und wo der Wald am dichtesten war.

Von Zeit zu Zeit stahlen sich Brida und Wetzel vom Schweringer Hof, um Mechthild zu besuchen. Sie hatten nicht vergessen wie Mechthild nach dem Tod der Mutter sie getröstet, und ihnen in der schweren Zeit der Trauer beigestanden hatte. Manchmal gingen sie gemeinsam zum Klosterfriedhof St. Peter, um frische Blumen auf Saras Grab zu legen. Hier am Grab der Mutter wurden die Erinnerungen noch einmal lebendig.Der Schmerz ließ im Laufe der Jahre nach, aber vergessen -, vergessen war die Zeit mit der geliebten Mutter nicht. Sara war für immer in ihren Herzen.

Fortsetzuntg folgt

22.11.2019 © Soso

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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