Wolfgang Hoor

Die Muttergottesmedaille

Maria Feeth betrieb in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen kleinen Lebensmittelladen in I. Das Stadtviertel, in dem sie damals ihr sehr eingeschränktes Warenangebot präsentierte, war kleinbürgerlich. Damals waren nur wenige Leute motorisiert, man war auf den Lebensmittelhändler von nebenan angewiesen. Ich war damals 30, noch nicht fest gebunden, arbeitete als freier Journalist, lebte bei meiner Mutter, die inzwischen Witwe war, und kümmerte mich um sie. Da sie herzkrank war, brauchte sie jemand, auf den sie bei schwereren Arbeiten oder bei Behördengängen zurückgreifen konnte.

Was meine Muter sich nie nehmen ließ, war das Einkaufen bei Frau Feeth. In dem kleinen Geschäftchen hatte sie ihren Stuhl, auf den sie sich schwer atmend setzte. Meine Mutter schrieb sich nie auf, was sie brauchte. Sie fing den Einkauf beispielsweise mit dem Mehl und den Eiern an, wusste dann nicht weiter. Aber wenn sie anderen Frauen beim Einkaufen zugesehen hatte, fiel ihr ein, was sie sonst noch brauchte. Sobald es in dem Laden eine Verkaufspause gab, tratschte meine Mutter mit „ihrer“ Geschäftsfrau. Mich nahm sie mit, damit ich ihr später die Tasche tragen könnte. Da Frau Feeth bald merkte, dass die Einkäufe meiner Mutter sich endlos hinzogen, bot sie mir an, mich in dem kleinen Zimmerchen hinter dem Laden einzunisten.

Und dann, eines Tages, als ich mir vorgenommen hatte, nach spätestens einer Stunde zu gehen, tauchte ER auf. Ein groß gewachsener, gut aussehender Mann mit herrischen Gesten, gekleidet in feinstes dunkelgraues Tuch und mit maßgeschneiderten weißen Schuhen. An seinem Handgelenk glitzerte es silbrig. Ich sah ihn durch die halboffene Tür meines Zimmerchens in das Geschäft eintreten und ging an die Tür, um die Situation besser beobachten zu können.

Im Laden waren ein paar Frauen, die ich schon lange kannte, dazu meine Mutter, die immer noch auf ihrem Stuhl saß. Die blendende Erscheinung des jungen Mannes hatte alle Gespräche im Laden verstummen lassen. Und es war auch selbstverständlich, dass er, ohne einen Augenblick warten zu müssen, seine Wünsche vortragen durfte.

Im Gegensatz zu seinem Erscheinungsbild waren seine Wünsche bescheiden. Er ließ sich eine Schachtel Pralinen geben, dazu zwei Stücke Streuselkuchen und ein Döschen Sahne. Dann schaute er sich im Geschäft um. Während meine Mutter den Mann wie gebannt anstarrte, warf der ihr nur einen anerkennenden Blick zu und sagte: „Ich bin das erste Mal in der Gegend hier. Da muss ich dich natürlich sehen.“ Mit einer billigen Einkaufstüte verließ er das Geschäft. Vor dem Geschäft stand ein Porsche. Er ließ sich in den Wagen hineingleiten und summte davon. Ich schaute ihm bewundernd nach. Inzwischen stand meine Mutter von ihrem Stuhl auf, ließ sich in die Tasche packen, was sie gekauft hatte, und stieß mich an. „Mach schon!“.

Als wir zu Hause ankamen, wollte ich von Mutter wissen, woher sie den Fremden gekannt habe. Sie lächelte „Auch eine Frau wie deine Mutter hat so ihre kleinen Geheimnisse.“ Und dann bat sie mich, am Nachmittag mit dem Zug nach S. zu fahren und ihr für ihren Sesselplatz im Wohnzimmer eine neue Stehlampe zu besorgen. Sie gab mir Geld, und drängte mich, möglichst früh zu fahren. „Kannst dir meinetwegen auch auf meine Kosten ein paar neue Schallplatte besorgen. Mach dir einen schönen Tag.“

Wie meine Mutter mich aus dem Haus drängte, machte mich misstrauisch. Und so fuhr ich nicht nach S., sondern fuhr in die Redaktion, erkundigte mich nach neuen Aufträgen und bummelte gegen halb vier zu unserem Haus zurück. Und da stand der Porsche vor der Haustür, ein Wagen mit Frankfurter Nummer, und um den Wagen die Kinder aus der Nachbarschaft, die so ein Gefährt noch nie gesehen hatten. Ich schloss die Haustür auf. Es roch nach Kaffee und Kuchen. Im Wohnzimmer saßen meine Mutter und der vornehme Herr am hübsch gedeckten Tisch. Auf ihren Tellern erkannte man noch die Überreste der Kuchenstücke, die er gekauft hatte. Die Pralinen lagen auf einer Kommode.

Mein Auftritt überraschte sie sehr. Der vornehme Herr zog die Hand von der Hand meiner Mutter weg und versteifte sich in seinem Anzug. Mutter räusperte sich. „Das ist mein Sohn Christian und das ist Leopold, Herr Leopold von Harden, der Sohn eines großen Weingutbesitzers an der Mosel.“ Der Herr von Harden erhob sich sehr langsam, knöpfte sein Sakko zu, trat zu nahe an mich heran, als müsse er mich inspizieren, betrachtete mich mit einem kleinen, schwer zu deutenden Lächeln von oben herab und sagte dann: „Schön, dich zu sehen. Deine Mutter hat mir schon viel von dir erzählt.“ Dann setzte er sich wieder, ohne mir die Hand gegeben zu haben.

Mutter sagte: „Seinen Vater habe ich kennen gelernt, als ich in Baden-Baden kochen lernte. Von ihm hat mir der Leopold schöne Grüße ausgerichtet.“ – „In Baden-Baden hast du kochen gelernt? Davon weiß ich ja gar nichts.“ An ihrem Blick sah ich, dass ihr meine Äußerung sehr unangenehm war. Sie drehte sich sofort wieder dem feinen Herrn zu. „Und sag’ deinem Herrn Vater, dass ich mich noch sehr gut an ihn erinnere. Der Herr Amadeus von Harden war in unserem Hotel ein gern gesehener Gast, ein Mann mit Manieren, die man heute nur noch bei wenigen findet.“ Jetzt erhob sich der junge Herr von Harden. „Es war mir ein Vergnügen! Ich muss jetzt weiter. Ich lasse von mir hören.“ Mutter begleitete ihn zur Tür und winkte, als er in seinen Wagen glitt. Als Mutter ins Wohnzimmer zurückkam, hatte sie feuchte Augen.

Wir räumten stumm den Tisch ab und wuschen das Geschirr. Mutter strahlte. „Ist er nicht ein feiner Herr? Ein wirklich feiner Herr? Und hast du seine Hände gesehen? Ich sehe immer zuerst auf die Hände, wenn ich jemand kennen lerne. Ein feiner und zutiefst anständiger Mensch.“ - „Er hat uns geduzt. Ist das nicht komisch?“ – „Ja wer sind wir denn ihm gegenüber? Kleine Leute sind wir. Wenn die wichtigen Leute vertraulich mit den kleinen Leuten reden und sie duzen, ist das eine Art Kompliment.“ – „Wann hast du übrigens seinen Vater, der dir die Grüße ausrichten lässt, kennen gelernt?“ – „Das muss so um 1920 herum gewesen sein.“ Ihre Augen glänzten. – „Vor 52 Jahren? Und da lässt er dir jetzt Grüße übermitteln?“ – „Ach Christian, so sind halt die feinen Leute. Einen anständigen Menschen vergessen sie nicht.“

Für mich war von diesem Augenblick an klar, dass sich hinter dem Auftauchen des feinen Herrn mehr verbarg als die Grußbotschaft eines ehemaligen Gastes an eine Frau, die vor 52 Jahren in einem Restaurant in Baden-Baden kochen gelernt hatte. Die Erinnerungen meiner Mutter an den feinen Herrn beschäftigten sie noch immer. „Und wie er bei der Feeth aufgetreten ist. Kommt wie ein Prinz hereingeschwebt, und jetzt wissen es alle, dass er wegen mir gekommen ist.“ – Am Abend suchte ich in dem Kasten mit Bildern, den sie im Wohnzimmerschrank verwahrte, nach Spuren ihrer Lehrzeit in Baden-Baden. Es war nichts zu finden.

An Weihnachten kam ein Päckchen ins Haus. Von Leopold von Harden. Es enthielt sehr teure Pralinen und einen kleinen Brief. „Die besten Weihnachtsgrüße. Leider kann ich dich in diesem Winter nicht besuchen. Aber sei sicher, jetzt werde ich dich nicht mehr vergessen. Leopold.“ Und ein Bild war beigelegt, das vor einem noblen Hotel einen Mann in Fellmantel zeigte, der eine Treppe hinunter ging, während oben, im Hintergrund, an der Eingangstür, eine junge Frau in einem schicken Kostüm und mit einem Häubchen auf dem Kopf stand. Auf den Kopf des Mädchens zeigte ein Pfeil. „Du“, stand daneben. Mutter war über das Bild außer sich vor Freude. „Das ist er. Schau doch! Wie er leibt und lebt. Amadeus. Ich hab’ ihn zur Tür geleitet damals.“ – „Im Frühjahr kommt Leopold bestimmt wieder“, träumte meine Mutter. Im Frühjahr kam er nicht und im Sommer auch nicht.

Im August hatte ich in Frankfurt zu tun. Ich sollte eine Ausstellung im Museum „Frankfurter Kunstverein“ in unserer Zeitung besprechen. Der Weg führte mich dabei auch zu einer Schwester meiner Mutter, die hier als Nonne in einem Heim ihres Ordens ihren Ruhestand verbrachte. Natürlich erzählte ich ihr auch die merkwürdige Geschichte vom Auftauchen und vom Verschwinden des Leopold von Harden.

Als sein Name fiel, horchte sie auf. „Leopold von Harden? War das der Name?“ – „Ja, was ist mit ihm?“ – „Feinste Anzüge, weiße Schuhe vom Schuhmacher, ein silbernes Kettchen am Handgelenk und fährt einen Porsche?“ Ich nickte. „Was ist denn mit ihm? Woher kennst du ihn?“ – „Ich kenne ihn von damals, als ich in einem Heim für gefallene Mädchen arbeitete. Da ist er nicht selten vorgefahren, wenn wir ein Mädchen entlassen haben.“ – „Und?“ – „Er hat sich als Onkel oder Beauftragter eines Verwandten ausgegeben. Dann hat er das Mädchen mitgenommen.“ Ich verstand immer noch nicht recht. „Er ist ein Zuhälter“, sagte die Tante. „Und ich habe gehört, dass sie ihn jetzt für ein Jahr eingebuchtet haben. Nun erzähl! “

Ich erzählte alles, was ich wusste, auch von dem Bild aus Baden-Baden und dass Mutter da den Amadeus von Harden kennen gelernt hatte. „Amadeus von Harden, sagst du? Du lieber Himmel!“, sagte sie nur. „Gott vergebe ihr.“ - „Wem?“ Sie wurde rot. Man sah, dass sie sich verplappert hatte.

Und so erfuhr ich nach zähem Fragen und Ringen die Wahrheit. Mutter war in ihrer Baden-Badener Zeit schwanger geworden. Entgegen den Gewohnheiten, die in solchen Fällen herrschten, war sie nicht entlassen worden; sie hatte einen Sohn zur Welt gebracht. Der Vater Amadeus bekannte sich zu seiner Vaterschaft, nahm den Jungen mit und ließ ihn von einer Gouvernante erziehen. „Wenn dieser Amadeus tatsächlich von Harden heißt, dann könnte Leopold der Sohn von Amadeus Harden und von deiner Mutter sein. Und dann hast du jetzt einen hochadligen Stiefbruder.“

Mutter zitterte vor Aufregung, als ich nach Hause kam. „Hast du was über Leopold und über Amadeus herausbekommen?“ – „Leopold ist in Frankfurt ein berühmter Mann!“, sagte ich. „Alle bewundern seine Vornehmheit.“ – „Und? Kommt er wieder?“ – „Ich habe ihn nicht sprechen können, aber ich bin sicher, er wird dich nie vergessen. Ein Mann mit solchen Händen ...“ Sie nickte traurig. „Er ist ein guter Mensch, nicht wahr? Er ist doch ein guter Mensch. Nicht nur fein, sondern auch gut.“ – „Das weiß nur der liebe Gott!“, sagte ich.

Meine Antwort verwirrte sie. Sie setzte sich auf einen Stuhl und starrte lange an mir vorbei. Dann ging sie in ihr Schlafzimmer und kam mit einer kleinen Muttergottesmedaille zurück. „Die schicke ich ihm. Die wird ihn beschützen. Wie gut seine Hand war! Wie gut!“ Ich bot mich an, Mutters kleine Sendung zur Post zu bringen. Sie sollte an die Adresse gehen, die Leopold in seinem Päckchen angegeben hatte. Es war seine Zuhälteradresse.

Ich legte die Medaille in ein Kästchen mit Erinnerungsstücken und ließ den Brief verschwinden. Mutter hat noch lange danach von seinen guten Händen gesprochen. Gemeldet hat sich Leopold, mein Halbbruder, nicht mehr. Vielleicht hatte dieser Mann mit den guten Händen ein einziges Mal in seinem Leben eine gute Eingebung, nämlich, als er, zum ersten und zum letzten Mal, seine und meine Mutter besuchte.

Diese Geschichte hat starke autobiographische Züge. Ein bisschen so habe ich meine Mutter erlebt. Die Idee mit dem unehelichen Sohn ist eine reine Erfindung. Keine Erfindung ist, dass sie die Menschen nach ihren Händen beurteilte.Wolfgang Hoor, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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