Claudia Savelsberg

Der Verrat

Annemarie kam gerade aus dem Krankenhaus. Sie hatte sich einer OP am Ohr unterziehen müssen. Der Eingriff war kompliziert gewesen, aber in Vollnarkose hatte sie ja nichts davon mitbekommen. Jetzt war sie wieder zuhause, hatte ihren alten Hund, den sie schweren Herzens während ihres Krankenhausaufenthaltes in einer Hundepension untergebracht hatte, wieder bei sich. Sie fühlte sich einfach nur schlapp und müde. Das tamponierte Ohr, bedeckt mit einer Klappe, schmerzte immer noch. Im Krankenhaus hatte man ihr gesagt, dass sie körperliche Anstrengungen vermeiden sollte. Nur wenig Hausarbeit, keine Gartenarbeit. Nichts, bei dem sie sich bücken musste. Sie musste sich schonen.

Jetzt war Annemarie wieder zuhause. Im Briefkasten lag eine Karte ihrer Freundin Sabine. Sie freute sich, aber dann las sie den Inhalt. Sabine kündigte ihr die Freundschaft im schönsten Beamtendeutsch: „Ich bitte dich, von weiteren Kontakten abzusehen.“ Nüchtern und lieblos. Annemarie war schockiert, es traf sie sehr. Sie hatten sich während des Studiums kennengelernt, und jetzt, nach 44 Jahren, kündigte Sabine einfach ihre Freundschaft. Ohne einen plausiblen Grund. Nur mit dem lapidaren Hinweis, es wäre ihr alles zuviel. Sabine war Lehrerin für Deutsch und Geschichte, sie war eine verdammt gute Lehrerin und Annemarie bewunderte sie dafür. Dieser Beruf erforderte vollen Einsatz, und Sabine klang am Telefon oft abgespannt und müde. Es war ihr einfach zu viel, wie sie jetzt schrieb. Offensichtlich war ihr jetzt auch die Freundschaft mit Annemarie zuviel. Annemarie überlegte, und wie es ihre Art war, suchte sie den Fehler erst einmal bei sich selbst. Hatte sie sich Sabine gegenüber falsch benommen, sie eventuell sogar mit einer unbedachten Äußerung beleidigt?

In den letzten zwei Jahren hatten sie auf Sabines Wunsch den Telefonkontakt eingeschränkt, sprachen nur noch einmal im Vierteljahr miteinander. Annemarie sah sich gezwungen, Sabines Entscheidung hin zu nehmen. Sie schenkten sich auch gegenseitig nichts mehr zum Geburtstag was sie sonst immer getan hatten. Auch das war Sabines Entscheidung; es wäre ihr einfach zu viel. Auch damit hatte sie Annemarie verletzt; denn sie liebte es, anderen Menschen Geschenke zu machen. Aber sie musste Sabines Wunsch akzeptieren, auch wenn dieser sehr plötzlich kam. Annemarie erinnerte sich an Sabines letzten Geburtstag. Sie hatten sich nett unterhalten, über Kunst und Kultur und über Sabine geplanten Urlaub. Und sie hatten viel gelacht. Annemarie hatte nichts von ihren Sorgen und der bevorstehenden OP gesagt, um die Freundin nicht zu belasten. Und jetzt diese nüchterne Karte, Annemarie fühlte sich grundlos verraten und konnte ihre Gefühle nicht in Worte fassen.

Vierundvierzig Jahre waren sie befreundet, hatten sich im ersten Semester bei der „EinführunGermanistikik I“ kennen gelernt. Später witzelten sie darüber: damit niemand Rückschlüsse auf ihr Alter ziehen könnte, würden sie lieber sagen, dass sie sich beim Baby-Schwimmen kennengelernt hätten. Das blieb über all die Zeit ein geflügeltes Wort. Sie waren Freundinnen in guten wie schlechten Zeiten, trösteten sich in Krisen gegenseitig, teilten aber auch Glück und Freude miteinander. Sie lebten einige hundert Kilometer voneinander entfernt und sahen sich nur sehr selten; denn beide führten ihr eigenes Leben, aber der Kontakt brach nie ab. Annemarie freute sich immer, die Stimme ihrer Freundin am Telefon zu hören, und Sabine freute sich, wenn Annemarie sie mit ihrem etwas skurrilen Humor zu Lachen brachte. Auch dies gehörte zu ihren Ritaulen.

Vor neun Jahren hatten sie sich das letzte Mal gesehen. Sabine machte Urlaub in der Gegend, und sie verabredeten sich spontan, wollten sich im „Alten Fährhaus“ treffen. Annemarie war aufgeregt und freute sich wahnsinnig. Sie putzte und wienerte ihr Auto, überlegte, was sie anziehen sollte. Für ihre Freundin machte sie sich richtig hübsch. Sie verbrachten schöne Stunden im „Alten Fährhaus“ mit Blick auf einen Elbe-Arm. Sie unterhielten sich über vergangene Zeiten, ihre zwei schönen gemeinsamen Reisen, die Ballettaufführungen, die sie zusammen gesehen hatte. Dann gingen sie zum Ufer, setzten sich schweigend auf eine Bank und schauten aufs Wasser. Sie verstanden sich auch ohne Worte. Sabine sagte: „Mit dir kann ich auch schweigen … wir sitzen hier auf der Bank wie ein altes Ehepaar.“

Es dauerte einige Zeit bis Annemarie ihren Schock über die Absage der Freundin überwunden hatte. Sabine würde ihr fehlen. Sie tat das, was sie gut konnte – sie schrieb eine Geschichte über ihre außergewöhnliche Freundschaft. Diese würde sie Sabine zu Weihnachten schicken. Annemarie erwartete keine Antwort, aber Sabine sollte wissen, dass sie immer noch an sie dachte ...

 

 

 

 

 

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Claudia Savelsberg).
Der Beitrag wurde von Claudia Savelsberg auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Zwergenaufstand! Rebellion von Zwerg acht... von Torsten Jäger



…ein Seelenkrimi über den Weg des achten Zwerges, der loszieht, um den Angstgeistern den Schrecken zu nehmen, Licht in den dunklen Lebenswald zu bringen, die Sümpfe der Depression hinter sich zu lassen und letztlich den Gipfel aller Gipfel zu erreichen...
Torsten Jäger zeichnet eine Wegbeschreibung über seinen geglückten Ausweg aus einer Angsterkrankung.

Humorvoll, mitreißend, poetisch, phantasievoll. Sie ist spannende Lektüre und Ratgeber für Betroffene und deren Mitmenschen zugleich.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wahre Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Claudia Savelsberg

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Aus Liebe zu Dir! von Claudia Savelsberg (Tiergeschichten)
Eine Reise ins Ungewisse (Fortsetzung) von Karl-Heinz Fricke (Wahre Geschichten)
Gott schüttelt den Kopf von Gabriela Erber (Spirituelles)