Sonja Soller

Das Geschenk X

Anno 1441
X.

Wetzel

Eigentlich war es wie immer gewesen: Wetzel hatte am Abend zuvor zum wiederholten Male eine Auseinandersetzung mit dem Vater. Das gleiche Szenario, fast die gleichen Worte, wie schon hunderte Male vorher: „ Wie kannst du es wagen, dich gegen meine Anordnungen zu stellen, du wirst eines Tages den Hof übernehmen. Du wirst die Aufgaben eines Gutsherren übernehmen und dich auch so verhalten.

Wir verbrüdern uns nicht mit den Bauern und dem Gesinde. Du musst lernen dich mit harter Hand durchzusetzen.“ Vom Zorn vollkommen aus der Fassung gebracht, wandte er sich noch einmal an seinen Sohn: „Was ist nur aus dir geworden. Nur durch hartes Durchgreifen konnte ich das erreichen, was ich bis heute geschaffen habe.“

Wetzel sah den Vater an: „Was ist denn aus dir geworden? Ein harter, alter Mann, von dem sich langsam alle zurückziehen,“ sprach's und verließ den Raum, ohne sich noch einmal umzublicken. Es war das erste Mal, dass Wetzel so mit dem Vater sprach

Diese Auseinandersetzungen waren die schlimmste Demütigung für Wetzel. Er litt darunter, dass der Vater ihn nicht so akzeptierte, wie er war. - Er wollte den Hof gar nicht.- Der Druck, der dadurch auf ihn lastete, ließ ihn stiller und stiller werden. Sein Inneres lehnte sich täglich gegen die Macht des Vaters auf. Auch die Angst am Vater zu zerbrechen, wie die geliebte Mutter, ließ ihn nachts schon lange nicht mehr schlafen. Der Vater duldete keine andere Meinung, als die eigene.

Wolfhard war nach dem Tod seiner Frau noch härter geworden, zum Leidwesen aller, die mit ihm zu tun hatten. Die Vorwürfe von allen Seiten, er sei Schuld am Tod seiner Frau, prallten nicht so einfach von ihm ab, wie es nach Außen hin aussah, nur vermochte er esnicht zu zeigen wie nahe ihm der verlust von Sara ging.

Ohne Zweifel war Wolfhard ein kluger Mann, der streng nach Recht und Gesetz lebte.
Wo er aber den Raum betrat, wurde es still. Er war ein stattlicher Mann, der allein durch seine Statur und sein Auftreten die Menschen, die gerade noch in fröhlicher Runde beisammen saßen, verstummen ließ.

Es war nicht Ehrfurcht die ihm entgegen gebracht wurde, es war Furcht, die nackte Angst, die man in den angespannten Gesichtern erkennen konnte. Wolfhard war sich dessen bewusst, und er genoss es Furcht und Schrecken zu verbreiten, im Dorf und in der eigenen Familie.

Wetzel, inzwischen 26 Jahre, hatte einen Entschluss gefasst, er musste sich von der Übermacht des Vaters befreien. Um sich über alles klar zu werden, wollte er in den Bergen Kraft schöpfen. Dort würde er, wie schon so oft, Klarheit finden. Tief in seinen Gedanken versunken, stieg er immer höher die Berge hinauf. Er nahm erst wieder seine Umgebung wahr, als er glaubte ein Geräusch zuhören. Er blickte um sich, Geröll hatte sich von einem Felsen gelöst und dröhnte mit aller Kraft den Abhang hinunter. Inmitten des Gerölls sah er Tierkörper, die mit den Steinbrocken in die Tiefe stürzten.

Ein Schrei ließ ihn herum fahren, ein Mädchen mit leuchtendem Haar ließ erschrocken ihren Korb fallen, und lief auf die, nicht weit von ihm, herabgestürzten Felsbrocken zu.

Wetzel stand starr, ganz im Banne des Mädchens, ihr leuchtendes Haar wehte im Wind, er konnte den Blick gar nicht von dieser Erscheinung abwenden.

Mit fließenden Bewegungen, ohne Furcht, strebte das Mädchen der Unglücksstelle zu. Wetzel konnte nicht genau sehen was dort vor sich ging, er hielt sich im

Verborgenen, hinter dicht gewachsenem Unterholz. Er beobachtete das Geschehen lieber unbemerkt aus der Ferne. Der Geiß war offensichtlich nicht mehr zu helfen. Plötzlich sprang das fremde Mädchen auf, es drehte den Kopf in eine andere Richtung. Es sah sich suchend um, es schien etwas zu suchen. Es hangelte sich etwas weiter vor, in das herabgestürzte Geröll, bis hin zu einem Dornenbusch, der aus dem Felsen ragte. Das Jungtier hatte sich darin verfangen. Es schien noch zu leben. Behutsam wurde es befreit und auf den Waldboden niedergelegt.

Was dann geschah konnte Wetzel aus der Ferne nicht wahrlich erkennen. Das Mädchen riss einen Stofffetzen aus ihrem Kleid und wollte offensichtlich einen Verband auflegen. Plötzlich warf es Wetzel zurück, ein heller, gleißender Schein umhüllte Mensch und Tier. Wetzel stockte der Atem, was ging dort vor sich? Das Mädchen warf den Kopf nach hinten, die Hände auf dem Tier liegend, wurde es in diesem Augenblick sehr still. Kein Geräusch war zu hören. Kein Vogel zwitscherte, kein Blatt bewegte sich in den Bäumen, ja, selbst das Gras hielt inne, kein Halm wiegte sich im Wind. Die Stille, die über diesem Geschehen lag, war beruhigend, aber auch beängstigend. Eine magische Aura legte sich über dam Areal. Der Kopf des Mädchens fiel von einer Sekunde zur anderen nach vorn. Der Körper fiel kraftlos in sich zusammen.

Was geschah hier? Hier waren Kräfte am Werk, die nichts menschliches hatten, wie war so etwas möglich? Das ganze Szenario war so unwirklich als würde Wetzel sich in einem Traum befinden.

Er war von Natur aus kein Held, unschlüssig, was er tun sollte, bewegte er sich langsam auf den zusammen gesunkenen Körper zu. Plötzlich sprang das Kitz auf und begann am Waldboden zu äsen. Wie war so etwas möglich? Konnte das Mädchen Wunder vollbringen? Hatte es übersinnliche Kräfte? War dieses wunderbare Geschöpf womöglich eine Hexe? Immer noch unschlüssig berührte Wetzel das Haar des Mädchens, das sich wie schützend über den kleinen, zarten Körper gelegt hatte. Eine kaum zu spürende Bewegung ließ seine Hand zurückschrecken. Dieses unglaubliche Geschöpf war Gott Lob am Leben. Wetzel atmete erleichtert auf. Er konnte sich das Gefühl nicht erklären, aber es schien ihm, als wäre er dem Mädchen schon einmal begegnet.

Schnell entfernte er sich, um von seinem aus Versteck zu beobachten, was weiter geschehen würde.
Das Mädchen, von dem er glaubte, ihm schon einmal
begegnet zu sein, erhob sich langsam, sie besah sich das äsende Jungtier und schien verwirrt zu sein, sie sprang plötzlich auf und hielt suchend nach etwas Ausschau. Nach wenigen Augenblicken hatte sie gefunden, was sie suchte. Sie strauchelte und wäre beinahe selber gestürzt. Sie machte einen sehr verwirrten Eindruck. Im Gehen nahm sie ihr Haar zusammen und versteckte es unter ihrer Haube. Sie nahm ihren Korb auf, den sie hat fallen lassen, klaubte die verschütteten Früchte zusammen und entfernte sich von diesem mystischen Ort. Das Kitz folgte ihr.

Um das Mädchen nicht aus den Augen zu verlieren, beschloss Wetzel ihm zu folgen, darauf bedacht genügend Abstand zu halten, aus Angst vor Entdeckung.

Fortsetzung folgt


26.11.2019 © Soso

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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