Sonja Soller

Das Geschenk Xll

Anno 1441
Xll

Beata – Radea - Elsbetha

Nachdem Beata Unterschlupf bei Mechthild gefunden hatte und ohne Angst ein paar Stunden behütet Schlaf fand, erholten sich ihre Lebensgeister recht schnell. Als sie erwachte, hatte sie ein gutes Gefühl. Bis hierher hatte sie es geschafft und sie würde es auch weiter schaffen, mit Mechthilds Hilfe. Die gerade eine kräftige Hirsesuppe für die Abendmahlzeit kochte.Du siehst schon viel besser aus,“ bemerkte sie , als Beata aus der Schlafkammer trat. „Das duftet ja herrlich.“ Man sah es Beata an, dass sie sich in Mechthilds Haus wohl fühlte.
Es wird nicht ganz einfach sein, deinen Aufenthalt zu erklären. Nachbarn können sehr neugierig sein. Deshalb habe ich mir etwas überlegt. Du bist ein entfernter Verwandter, der auf der Durchreise ist und einige Zeit bei mir verbringt, um mich zu unterstützen.“

Beata rollte mit den Augen: „ Ein Verwandter??“ „Ja, wir müssen dich total verwandeln, nur so können wir sicher sein, nicht entdeckt zu werden. Du wirst zu einem jungen Mann werden. Was hältst du davon?“
Von dieser Idee war Beata gar nicht begeistert und ließ sich vor Überraschung auf einen Schemel fallen. „Mechthild!!!“ Es wahr wie ein Aufschrei, es verschlug Beata einfach die Sprache. „Du willst sicher nicht für immer auf der Flucht sein vor den Schergen deines Gatten, oder den neugierigen Nachbarn, immer Angst zu haben vor Entdeckung.
Wir müssen dich so verändern, dass nicht einmal deine Geschwister dich erkennen würden.“ Langsam nahm die Idee Raum in Beata`s Kopf ein. „ Wahrscheinlich hast du Recht.“

Seit mein lieber Mann, Gott hab ihn selig, Mechthild bekreuzigte sich, gestorben ist, bewahre ich noch immer seine Kleidung, Hemden und Hosen, auf. Es sollte sich dort sicher etwas für dich finden lassen.
Deine weiblichen Merkmale müssen wir unter der Kleidung verschwinden lassen; ich glaube das wird schon irgendwie zumachen sein, wir wollen nicht mit dem Schicksal hadern.“ Mechthild war in ihrem Element. „ Die Haare müssen geschnitten werden, das Gesicht mit Schweinefett und Lehm grobschlächtig hergerichtet. Du wirst dich selber nicht wieder erkennen.“

Verschmitzt lächelt Mechthild Beata an. Deine Vergangenheit ist ab heute beendet. Jetzt schaust du nur noch in die Zukunft.“ Mechthild ergriff Beata's Hand und zog sie mit in die Schlafkammer, um die Kleidertruhe zu plündern.
Es war deutlich zu erkennen, dass Mechthild Freude an dem hatte, was nun folgte. Sie öffnete die Truhe mit Wehmut, aber die Zeit der Trauer ist der Zeit eines Neubeginns gewichen. Mechthild nahm alle Kleidungsstücke heraus und breitete sie auf dem Boden aus. Beata half ihr dabei. Sie hielt einen Kittel hoch:“Das Gewand könnte passen.“ Die beiden Frauen suchten Hose und Hemd heraus, nach Passform und Tragbarkeit. Eitelkeit war hier nicht gefragt. Beata stieg in Hose und Hemd. „Jacob war wohl etwas fülliger“, diese Bemerkung konnte sie sich nicht verkneifen. „Hier und da etwas enger zumachen, sollte zu schaffen sein. Jetzt den Kittel noch“. Mechthild nahm Maß. „Breite die Arme aus“, sie konnte ein Lachen nicht unterdrücken. „Du gäbest eine wunderbare Vogelscheuche ab“. Sie kramte in einer anderen Truhe herum, fand eine Kordel, „binde das um die Hüfte“, hm, hm, das könnte gehn“.
So, das wär' das, nun müssen wir deine Haare und das Gesicht verändern, da haben wir noch ein gutes Stück Arbeit vor uns“.

                                                                           *
Als Radea mit Wetzel die Hütte betrat, stockte Elsbetha der Atem. Hatte sie Wetzel doch zuletzt am Totenbett von Sara gesehen. Wetzel nun als jungen Mann wiederzusehen überraschte sie doch sehr.
Fragend sah sie auf die beiden Eintretenden. Radea stellte sich in die Mitte des Raumes.Momsa, dieser Mann verfolgt mich seit dem Vorfall in den Bergen.“Wetzel, lange ist es her, seit wir und das letzte Mal sahen.“
Radea blickte von einem zum anderen, sie begriff nicht was gerade geschah. „ Liebes Kind,“ sprach Elsbetha, niemand ist erstaunter als ich, Wetzel hier in unserer Hütte zu begegnen.“ Elsbetha versuchte die richtigen Worte zu finden. Wetzel war ebenfalls mit dieser Situation überfordert, ganz still hatte er sich auf einen Stuhl am Feuer niedergesetzt.
Radea war sehr verunsichert und ein unruhiges Gefühl schlich sich ein, sie schaute ihrer Momsa direkt ins Gesicht. Elsbetha atmete schwer. „ Nun ist der Moment gekommen, vor dem ich mich schon lange gefürchtet habe. Der Moment an dem ihr euch begegnet. Wetzel und du, meine liebe Radea, ihr seid Geschwister.“ Elsbetha ließ diese Neuigkeit erst mal im Raum stehen. Wetzel und Radea sahen sich fassungslos an, sie sagten kein Wort.
Nach dem Tod der Mutter, wollte der alte Schwering das Neugeborene nicht bei sich im Hause haben, also nahm ich das Kind, Radea, in meine Obhut,“ an Radea gewandt, „ das ist der Bruder, von dem ich erzählt habe.“ Radea war nicht in der Lage etwas zusagen, sie ließ sich auf einen Schemel fallen, konnte keine Worte finden.
Elsbetha schaute nun genauer auf Wetzel. Eine gewisse Vertrautheit aus den vergangenen Jahren war immer noch zu spüren und doch stand ein Fremder vor ihr. Überwältigt von dem eben Gehörten sah Wetzel zu Radea hinüber, diese sonderbare Mädchen sollte seine Schwester sein? Wetzel sah Elsbetha an, er zuckte mit den Schultern,was soll nun geschehen?“
Ich muss nachdenken, lass mir ein wenig Zeit. Wir dürfen jetzt nicht unbedacht handeln, es darf nichts ans Licht der Öffentlichkeit gelangen, wir müssen vorerst Stillschweigen bewahren. Wetzel gib mir die Hand darauf, niemand darf von den Geschehnissen heute erfahren, sonst müssen wir um das Leben von Radea fürchten.“

Elsbetha musste vorsichtig sein, die Zeiten habe sich in den letzten Jahren sehr verändert. Im ganzen Land waren es nicht die Giftmischer, Mörder und Verschwörer, die vorrangig angeklagt wurden, es waren die heilkundigen Frauen und Hebammen,ebenfalls Wahrsager, Magier, weise Männer und weise Frauen, die nicht Schaden anrichteten, sondern halfen und heilten, besonders die wohltätigen Hexen sollten den Tod erleiden. Die Kirche hatte erklärt, dass eine Frau, die heilt ohne studiert zu haben, eine Hexe sei und darum sterben müsse.
Die einzigen Ärzte, für die von bitterer Not geplagten Bevölkerung waren heilkundige Frauen und Hebammen. Ärzte hatten beim Volk kein gutes Ansehen, da ihr Wissen um den Körper einer Frau um einiges geringer war, und es den Männern von der Kirche strikt untersagt war, sich näher mit dem weiblichen Körper zu befassen. Der Klerus und die Ärzteschaft wollten es nun nicht weiter dulden, dass diese Frauen, die Autorität der Ärzte weiter untergruben.  Der Klerus schürte mit frauenfeindlichen Unterstellungen: Von dem Weibe gehe das Böse aus, Frauen hätten magische Kräfte und würden die Männer verhexen. Die Frauenfeindlichkeit der Kirche ging soweit die Frauen zu beschuldigen mit dem Teufel im Bunde zusein. Der Klerus setzte die Frau mit Sexualität gleich. Vergnügen beim Beischlaf wurde vom Klerus verdammt, das konnte nur vom Teufel kommen.

                                                                               *
Wolfhard Schwering war nach dem Gesetz nicht nur Schulze sondern auch oberster Richter in der Grafschaft, vom Grundherren bestimmt. Er konnte sich keine großen Gefühle leisten, er war ausschließlich dem Gesetz der Kirche verpflichtet, was sich auch auf Heim und Hof auswirkte.
Die Kinder des Schulzen sind nun keine Kinder mehr, sie sind zu einer jungen Frau und einem jungen Mann herangewachsen. Der Vater hätte es lieber gesehen, wenn Brida sich auf eine Ehe mit einem stattlichen und vermögendem Mann eingelassen hätte und Wetzel der Mann aus ihm geworden wäre, wie der Schulze sich einen richtigen Mann vorstellte, sich ein gehorsames Mädchen zur Frau genommen hätte und so für den Fortbestand des Schweringer Geschlechts gesorgt hätte. Nur Beata konnte gut verheiratet werden und somit war der Schulze wenigstens hier zufrieden.

Brida hatte sich vehement dagegen gewehrt, sich von dem Vater in eine Ehe drängen zulassen. Sie hatte die Stärke und Kraft des Vaters geerbt und fürchtete sich nicht vor ihm. Sie sah sich eines Tages als Herrin auf dem Schweringer Hof. Der alte Schwering hatte es aufgegeben, sich mit Brida deswegen zu streiten, war sie doch schon über das Alter einer begehrenswerten Jungfer hinaus.

Längst hatte die Zeit sich im Laufe der Jahre im ganzen Land verändert. Bauernaufstände, Hexenverfolgung, Verbrechen, die geahndet werden mussten, machten den Richter Schwering in seinem Amt unentbehrlich. In der Grafschaft gab es mehr Verschwörer, Hexen und Aufständische abzuurteilen, als jemals in den Jahren zuvor.

So sind ihm Vorfälle zugetragen worden, über eine ihm wohlbekannte Person, der er Jahre schon keine Beachtung mehr geschenkt hatte. Sie wurde bei einem Beschwörungsritual beobachtet, verspottete die heilige Kirche , was allein schon die Todesstrafe forderte. Des Weiteren wurde sie beschuldigt, Abtreibungen vorgenommen, Zaubertränke verabreicht zuhaben, die die Zeugungskraft des Mannes lähmen. Für jedes einzelne Vergehen allein, musste bereits die Todesstrafe verhängt werden.

Wolfhard Schwering hatte keine Not dem Stadtbüttel zu befehlen, die Hebamme und Heilerin Elsbetha Kolmar vorzuführen.

Fortsetzung folgt


28.11.2019 © Soso

 

 

 

 

 

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