Sonja Soller

Das Geschenk Xlll

Anno 1441
Xlll

Wetzel – Radea - Elsbetha

 

Wetzel hatte sich inzwischen auf den Heimweg gemacht, von dem, was er erfahren hatte, war er immer noch ganz benommen. Dieses merkwürdige Mädchen, Radea, seine Schwester. Er schüttelte mit dem Kopf, konnte es nicht fassen. Wenn man diese, ja junge Frau, genauer betrachtete, war ihr eine Ähnlichkeit mit der verstorbenen Mutter nicht abzusprechen, besonders die Augen, so grün schimmernde Augen hatte Wetzel noch nie gesehen. So klar und so sonderbar.
Wetzel ging diesen Pfad nicht das erste Mal, eine Hütte war ihm hier aber noch nie ins Auge gefallen.

Bei einem nur flüchtigem Blick war sie, da gut von Sträucher und Farne bedeckt, nicht zuerkennen.

Der silberne Mondschein veränderte die Wahrnehmung des Waldes, die Bäume warfen bizarre Schatten auf den Weg. Plötzlich strauchelte er über eine Baumwurzel, die sich quer über den Pfad schlängelte, konnte sich gerade noch an einem Strauch halten, bevor er stürzte . Dort wo der Mondschein nur mäßig durch die Bäume sickerte, war es teils sehr finster. Wetzel ging weiter einem Bachlauf folgend entlang, nun konnte es nicht mehr weit sein, bis er auf freies Feld kam. Hier wies ihm das Mondlicht ungehindert den Weg zum Schweringer Hof.

                                                                        *
Eng umschlungen saßen Elsbetha und Radea am Feuer.

Nachdem Wetzel die Hütte verlassen hatte, haben die beiden Frauen noch lange gesprochen, über die verstorbene Mutter , den Vater und die Geschwister.Und es weiß niemand wer ich bin?“Du warst mein Mündel. Jemand hätte dich in einem Korb vor meiner Hütte abgelegt; so erzählte ich, von da an habe ich dich aufgezogen. Niemand hat sich darüber gewundert, es gab viele ungewollte Geburten von Kebsweibern und Huren, die sich mit Kindern nicht abgeben wollten.“

Hast du das gehört?“ Elsbetha lauschte nach draußen,hört sich an als ob ein Rudel Rehe durch den Wald läuft.“ Jetzt hörte Radea auch etwas. „Ob es Wetzel ist, der den Pfad nachhause nicht gefunden hat?“
Es pochte an Tür. Die beiden Frauen zuckten zusammen. Wieder pochte es.
Elsbetha Kolmar öffne die Tür.“ Elsbetha und Radea sahen sich an.
Elsbetha öffnete, „ Hebamme und Heilerin Elsbetha Kolmar,“ es war mehr eine Feststellung, als eine Frage.“Ja.“ Der Stadtbüttel mit Schergen der Grafschaft standen vor ihr. „Im Namen des Gerichts muss ich dich mitnehmen und dem Richter vorführen.“ Stumm und verwundert sah Elsbetha den Büttel an.
Sag, was wird mir vorgeworfen, ich bin mir keiner Schuld bewusst .“ „ Genaueres wirst du vom Richter erfahren. „Hier“, er zog ein Papier aus seiner Tasche und reichte es Elsbetha, „habe ich ein Dokument, dass ausweist, dich hier an Ort und Stelle festzunehmen.“

Elsbetha sah auf die Schergen die bereit waren, sie notfalls mit Gewalt dem Richter vorzuführen.
Elbetha fügte sich, den Blick auf Radea gerichtet, die entsetzt auf das Geschehen starrte. Die beiden Frauen sahen sich an und verstanden auch ohne Worte, dass Radea ruhig bleiben sollte, was ihr mit Blick auf den Büttel und die Schergen, die Elsbethea grob an den Armen packten und auf dem Rücken zusammenbanden, sehr schwer fiel.

Den Weg zum Gerichtsort in der Dunkelheit zu finden wahr beschwerlich, denn der fahle Mondschein spendete nur mäßig Licht, aber um der Beschuldigten keine Möglichkeit zur Flucht zugeben, sollte die Festnahme unerwartet und überraschend vollzogen werden.

                                                                                *
Mechthild die gute Seele, hatte rote Rüben mit ganzen Zwiebeln auf der Feuerstelle zu einem Brei kochen lassen, die harten Zwiebelschalen schöpfte sie aus dem Kessel heraus, gab die Masse in eine Schüssel, darunter mischte sie reichlich Blaubeeren, das Gemisch wurde noch einmal ordentlich durch gemengt, eine handvoll Lehm kam noch dazu und wieder wurde intensiv durch gemengt.

Beata beobachtete das Wirken der Freundin mit skeptischen Blicken. „Wir müssen das Gesicht, den Oberkörper, die Arme und die Hände grobschlächtig wirken lassen. Dazu werde ich dir die Masse auftragen und ordentlich einreiben, um die Haut dunkler werden zulassen.“ Mechthild war von dieser Methode überzeugt. „ Keine Sorge, die Masse muss einige Zeit einwirken, dann waschen wir sie wieder ab, sie soll nicht auf der Haut bleiben.“ nach der Erklärung atmete Beata erleichtert auf, sie hatte so ihre Bedenken gehabt. „Jetzt werden wir dir das Haar schneiden, ich werde es ziemlich kurz schneiden müssen, damit du auch wie ein Jüngling aussiehst.“ Mechthild hielt die Schere schon bereit. Beata sah nicht sehr glücklich aus, „gut, dann soll es so sein.

                                                                               *
Radea noch ganz fassungslos. Das ihre Momsa eines Verbrechens beschuldigt wurde, >das konnte doch nur ein Irrtum sein<. >Ich muss herausbekommen, wo man sie hinbringt, in welches Verlies sie gebracht wird <.Jetzt in dieser finsteren Nacht konnte sie nichts mehr unternehmen. Sobald der Morgen dämmerte wollte sie sich auf den Weg nach Waidkirch machen, dem Gerichtsstand der Grafschaft.

An der Gabelung zwischen Lehmwies und Waidkirch angekommen, schritt Radea schnellen Schrittes am frühen Morgen in Richtung Waidkirch. Äste und Gestrüpp vom letzten Sturm hinderten teilweise das zügige Vorankommen.

                                                                               *
Elsbetha wurde entgegen des üblichen Vorgehens nicht nach Waidkirch zum Gericht gebracht, sonder direkt zum Schweringer Hof, wo sie dem Richter sofort vorgeführt werden sollte.
Als der Stadtbüttel mit Elsbetha, von den Stadtschergen eingerahmt, auf dem Hof eintraf, trat Wetzel gerade ans Fenster seines Schlafraumes und traute seinen Augen nicht. Das konnte doch gar nicht sein. Elsbetha vom Stadtbüttel gefesselt auf den Hof gebracht. > Was ging hier vor <. Wetzel trat schnell einen Schritt vom Fenster zurück, das musste er genauer wissen. Elsbetha wurde in den Saal geführt, in dem kleinere Strafvergehen verhandelt wurden. Der Richter saß am Kopf des Raumes, erhöht auf einem Podest und schaute auf Elsbetha hinunter.Elsbetha Kolmer, Hebamme und Heilerin aus Lehmwies, du wirst beschuldigt der Verschwörung, der Blasphemie, der Zauberei und der Teufelsanbetung.
Bekennst du deine Schuld ? Du kannst der Folter entgehen, wenn du die hier gegen dich vorgebrachten Verbrechen gestehst.“ Grob wurde Elsbetha in die Knie gezwungen. „ Ihr wisst, dass diese Beschuldigungen nicht der Wahrheit entsprechen, warum also soll ich etwas gestehen, was ich nicht getan habe. Ich bin unschuldig.“ Elsbetha versuchte stark zubleiben, der Richter flößte ihr mit den Anschuldigungen einen gehörigen Schrecken ein, doch das wollte sie ihm nicht zeigen.

Für Wolfhard Schwering war es eine Genugtuung, sein Amt als Richter zu benutzen, um endlich der Hebamme, die den Tod seiner Frau, seiner Meinung nach, mit verschuldet hatte, zu bestrafen. „Vorerst wirst du hier im Kerker festgesetzt, über dein weiteres Schicksal entscheide ich zu einem späteren Zeitpunkt“.
Von den Schergen hochgerissen, wurde sie
fortgebracht.

                                                                                *
Wetzel war dem Trupp in geduckter Haltung gefolgt und konnte so die Anklage mit eigenen Ohren hören. Ein Held war er nie gewesen, konnte das Vorgehen des Vaters dennoch nicht begreifen. Er musste etwas unternehmen, er hatte Elsbetha als eine unbescholtene Frau kennengelernt, die Kindheitserinnerungen an sie waren zwar schon sehr verblasst, konnte sich aber trotzdem nicht vorstellen, dass sie die Verbrechen, die ihr zur Last gelegt wurden, begangen hatte. Er konnte nicht fassen, was gerade geschehen war. Um sich im Klaren zu werden, was zu tun sei, begab er sich in sein Schlafgemach. Sollte er mit Brida, seiner Schwester über die Vorfälle des letzten Tages sprechen? Er war sich nicht sicher was er tun sollte.

                                                                                *
Der einfallende Sonnenschein weckte Wetzel schon am frühen Morgen, in der Nacht hatte er sich überlegt, erst einmal herauszubekommen, wohin genau man Elsbetha gebracht hatte.

Da es noch sehr früh war, hoffte er ungehindert in den unteren Trakt des Gebäudes zu gelangen. Zu dieser Stunde war es noch ruhig auf dem Hof . Er drückte sich an den Wänden entlang in den unterirdischen Gang, um zu den Katakomben, dem Verlies zu gelangen. Das Talklicht spendete gerade soviel Licht, dass er den Gang erkennen konnte. Hier unten war es moderig und stickig, kein Windzug zog durch die Gänge. Wetzel fröstelte, er schlang seinen Umhang enger um sich und tastete sich weiter vorwärts. Von irgendwo kamen menschliche Geräusche. Stöhnen, Husten, Rufe nach Wasser. Wetzel erreichte nun einen Gang, wo Tür an Tür gereiht war. Die Menschen, die in diesem Trakt eingekerkert waren, waren Diebe und aufständische Bauern, die nach einer gewissen Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt wurden.
Er ging weiter auf eine etwas abgelegene Tür zu und sah durch den Blickschlitz, zusammengesunken und in sich gekehrt saß Elsbetha auf dem mit Stroh bedecktem Boden. >Gott Lob, ich habe sie gefunden< .Elsbetha umhüllte sich gerade mit ihrem Umhang, denn hier unten war es bitter kalt.

Wetzel klopfte an die Tür. „Elsbetha“, leise versuchte er sich bemerkbar zumachen. „Elsbetha“, „Ja, wer ist da?“ „Ich bin es, Wetzel, was ist geschehen, was wirft man dir vor, ich begreif das nicht.“ Er machte keine langen Worte, denn die Zeit war knapp. „ Wetzel, es ist eine alte Geschichte zwischen dem Richter und mir, er will mich bestrafen für den Tod von Sara, deiner Mutter, er will mich durch fadenscheinige Beschuldigungen zum Tode verurteilen.“ Elsbetha stand dicht an der Kerkertür, um nicht so laut sprechen zu müssen. „Bleib ruhig und halte eine Weile durch.“ Wetzel wollte sie beruhigen, falls es in dieser Situation überhaupt möglich war. „Ich muss jetzt gehen, aber ich komme wieder .“ Sprachs und machte sich auf den Rückweg.

                                                                                *
Inzwischen hatte Radea in Waidkirch erfahren, dass heute niemand dem Gericht vorgeführt worden war. Sie überlegte, dann konnte man Elsbetha nur direkt zum Richter gebracht haben. Ohne weiter zu überlegen, trat sie den Rückweg an, um so schnell wie möglich zum Schweringer Hof zu gelangen.

                                                                                *
Wetzel hatte kaum die Katakomben des burgähnlichen Hofes verlassen, als auch schon die ersten Mägde und Knechte den Hof bevölkerten. Auf dem Gutshof gab es viel zu tun. Die Schmiede, die Ställe, das Backhaus, die Küche, das Badehaus, überall zeigte sich Betriebsamkeit. Auf dem Hof mussten viele Menschen versorgt werden, es waren ständig Gäste zugegen.
Wetzel schlich sich in die Räumlichkeiten der Schwester. Er klopfte, nichts rührte sich, er öffnete die Tür zu den Gemächern, nichts, >Brida war wohl schon in der Küche, um Anweisungen für den heutigen Tag zu geben<. Ein Fest musste vorbereitet werden; es gab viele Feste auf dem Schweringer Hof, der Schulze und Richter feierte und die Bauern hungerten, sie wurden eingekerkert sobald sie den Zehnten nicht abgeben konnten. Unmut machte sich unter den Unfreien breit, andern Orts hörte man von Plünderungen und Ermordungen.
Brida hoffte, dass dieses Unheil nicht auf ihren Hof hereinbrechen würde. „Brida“. Wetzel hatte seine Schwester in der Küche vorgefunden. „Es ist etwas furchtbares passiert, wir müssen über einige Dinge sprechen die in den letzten Tagen geschehen sind, es ist sehr wichtig.“ Brida ungehalten, von der unerwarteten Störung, fuhr Wetzel unwirsch an, „was gibt es, du weißt die Zeit reicht nie bei Festvorbereitungen; Schlachten, Backen, Kochen, es müssen Anweisungen gegeben werden, sodass vom Vater später keine Klagen kommen., du weißt wie ungnädig er ist.“
Es ist von großer Wichtigkeit, sonst hätte ich dich nicht gestört. Es geht um unsere Mutter, unseren Vater und unsere Schwester, die wir nicht kennen gelernt haben und Elsbetha, die Hebamme.“
Brida erstaunt über diesen Redefluss, den sie so von ihrem Bruder nicht gewohnt war, horchte auf. „ Wem ?“ „Wenn es so wichtig ist, dann lass uns nach draußen gehen, dort sind wir ungestört." Sie nahmen auf der Lieblingsbank der Mutter platz, die geschützt von einer kleinen Baumgruppe etwas im Abseits stand.

Brida sah Wetzel gespannt an. Er berichtete von den Ereignissen in den Bergen, von dem merkwürdigem Mädchen, von dem Steinschlag, dem Kitz, das von Radea auf diese ungewöhnliche Weise geheilt wurde, von diesem grellen Lichtschein der beide umhüllte,  er erzählte, wie er dieses wundersame Mädchen bis zur Hütte verfolgte und schlussendlich von Elsbetha, die die Geschichte von der Mutter und Radea erzählte.

Weiter berichtete er, dass er beobachtet hatte, wie Elsbetha vom Richter angeklagt und in den Kerker verbracht wurde. Wetzel wieder völlig aufgewühlt von den Ereignissen, aber auch erleichtert, Brida davon berichtet zuhaben, sackte in sich zusammen, fragend blickte er nun auf Brida, hoffend darauf, dass Brida eine Möglichkeit sah, was zu tun sei.

Wir können das nicht zulassen, wir müssen etwas unternehmen, müssen etwas tun. Vater ist ein engstirniger, rachsüchtiger, alter Mann geworden, endlich muss etwas geschehen,“ brach es aus Wetzel heraus. Brida stumm und kopfschüttelnd, fasste Wetzel am Arm, „es hört sich so unglaublich, so unfassbar an, dass es mir schwerfällt wahrhaftig zu glauben, was ich gerade gehört habe. Elsbetha, die Hebamme hat unsere Schwester damals mitgenommen, das erinner ich noch, aber mehr weiß ich nicht darüber, wir haben auch gar nichts mehr gehört von dem Mädchen, und Elsbetha hat es bei sich aufgenommen und aufgezogen? Unbegreiflich, dass niemand auch nur die kleinste Ahnung hatte, was aus dem Kind geworden ist.“

Fortsetzung folgt

 

 

29.11.2019 © Soso

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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