Sonja Soller

Das Geschenk XlV

Anno 1441
XlV

Kerker – Elsbetha – Radea


Eine gefühlte Ewigkeit saß Elsbetha nun schon in diesem Verlies fest, in diesem finsteren, feuchten, modrigem Loch. Durch einen Schlitz in der Tür wurde Wasser und Brot durchgeschoben. Die Notdurft musste in einem Bottich verrichtet werden, der lange nicht ausgeleert wurde. Mit Stroh, das im Verlies verstreut auf dem Boden lag, versuchte sie die Feuchtigkeit aufzusaugen, was vergebene Mühe war, denn von den Wänden tropfte es nur so herunter. Oben in der Mauer war ein Licht- und Luftschlitz, wo zumindest ein wenig Frischluft hereinkam und ein fahler Lichtschein etwas Helligkeit spendete. Der Gestank in diesem Loch war fast nicht zu ertragen. Elsbetha hielt ihren Ärmel unter die Nase, um an diesem Geruch nicht zu ersticken. Sie hoffte auf das Eingreifen von Wetzel, und Radea würde ihre Momsa auch nicht im Stich lassen. Die heilenden Kräfte nutzten Radea in diesem Moment nichts, sie musste klug  und überlegt handeln.

                                                                          *
Elsbetha fürchtete sich in diesem Verlies, außer Wetzel und dem Kerkerknecht kam niemand.
Der Richter nicht, der Büttel nicht, und niemand hatte sich bisher gezeigt um sie vor Gericht zustellen.
Elsbetha hatte den Verdacht, hier unten sollte sie vergessen werden. Im Angesicht ihrer verzweifelten Situation, ging Elsbetha in sich, schloss die Augen, atmete durch und ließ sich fallen, nachzudenken wie sie ihrem Schicksal entkommen könnte.

Ein Neider musste dem Richter berichtet haben, er hätte sie beobachtet und könnte bezeugen, dass die Beschuldigungen zu Recht erhoben wurden. Sie konnte sich niemanden vorstellen, der sie so sehr hasste,  sie zu vernichten, denn sie hatte fast jedem im Dorf schon mit ihrer Medizin und ihrem Können als Heilerin und Hebamme beigestanden, außer dem Richter selber, er vielleicht sogar einen „Zeugen“ gedungen hat, um diese Anschuldigungen zur Anklage zubringen.

Inständig hoffte Elsbetha auf Radea, denn eine Folter würde sie nicht überstehen. Viel hatte sie davon gehört, von Wasserproben, wo der Angeklagte an Händen und Füßen zusammengebunden und im See untergetaucht wurde, Auspeitschen, Schwedentrunk – hier wurde Wasser mit Jauche vermischt und dem Deliquenten eingetrichtert, Streckbank, Verbrennen mit glühenden Eisen, Gliedmaße abschneiden.

Elsbetha mochte gar nicht weiter darüber nachdenken, es schauderte sie, nicht nur der Kälte wegen.

                                                                           *

Radea erreichte den Schweringer Hof, weit über die Mittagssonne hinaus. Noch war sie unschlüssig, wie sie auf den Gutshof gelangen sollte ohne Aufmerksamkeit zu erregen, sie dachte einen kurzen Moment an Wetzel, der hier zuhause war, nur wie sollte sie in dem Gewirr von Tieren, Wagen und Menschen ihn hier ausfindig machen.

Sie hatte von dem Fest gehört, von dem im Dorf schon jeder sprach. Mit Zorn dachten die Dorfbewohner daran, wie der Schulze in Saus und Braus lebte, und sie selber hatten kaum das Nötigste.

Die Gedanken kreisten in Radeas Kopf, sie könnte sich unter die Tänzer und Musikanten mischen, um sich dann heimlich davonzuschleichen.
Am Schweringer Hof angekommen, war es dann doch einfacher als gedacht auf den Hof zu gelangen.

Unter den eintreffenden Gästen, den Pferdegespannen, den Sängern und Musikanten, war leicht unterzutauchen.

Nach einigem Suchen hatte sie den Eingang zum Kellergewölbe gefunden, ohne dabei zu wissen, ob Elsbetha sich in diesem Teil des Gewölbes befand.
Wäre wohl besser gewesen Wetzel eine Nachricht zukommen zulassen, aber die Zeit drängte. Niemand konnte wissen, wie und wann der Richter über Elsbethas Schicksal entscheiden würde.
Gott Lob waren im Gang Talglichter angebracht, was wohl hieß, dass hier öfter jemand entlang kam. Radea ging vorsichtig weiter, plötzlich hörte sie Stimmengemurmel, verlangsamte ihre Schritte. Am Ende des Ganges flog eine Tür auf, ein Küchenjunge trat heraus und eilte in einem anderen Gang weiter. Nun konnte sie sicher sein, dieser Gang führte nicht zum Kerker. Sie wollte sich gerade zurückziehen. „He, was machst du da, hier haben Küchenmädchen nichts zu suchen,“ barsch kamen diese Worte von einem Koch, der wohl nach dem Küchenjungen Ausschau hielt, „geh wieder an den Herd, da wo du gebraucht wirst.“

Erschrocken blieb Radea stehen, sie begriff, sie wurde verwechselt. Da sie nicht auffallen wollte, fügte sie sich und betrat die Küche. Wie es hier duftete, lauter Wohlgerüche, die sie noch nie unter die Nase bekommen hatte. Es zog sie zu der wärmsten Stelle im Küchengewölbe. Kaum das die Köchin sie erspäht hatte, wurde sie zum Federn ausrupfen abgestellt. Auf dem Tisch lagen zwanzig Hühner, einige Enten, und Truthähne hier zum Rupfen bereit. Es sollte wohl wahrlich ein großes Fest werden. Überall waren Küchenmädchen am Schneiden, Raspeln, Butter stampfen, in Kesseln mit köstlich duftender Suppe rühren, alle, die Köche , Küchenjungen und Küchenmädchen hatten die Hände voll zu tun.

Hier sah Radea eine Möglichkeit sich davon zu schleichen, sie drehte sich um und sah in dem Moment Wetzel mit einer Frau sich aufgeregt unterhalten. >Ich muss irgendwie zu Wetzel hinkommen<. Sie blickte direkt in Wetzels Richtung, er spürte wohl, dass er beobachtet wurde und blickte gleichfalls auf. >Das ist doch Radea<. Wetzel konnte es nicht glauben.
Ihre Blicke trafen sich, zögerlich und doch bestimmend winkte er Radea herbei. Langsam ging sie auf Wetzel zu. Es blieb nicht ausreichend Zeit für lange Erklärungen, mit kurzen Worten erklärte er Brida, wer dieses Küchenmädchen ist. Brida war noch immer von dem, was Wetzel ihr berichtet hatte benommen, das alles war zu viel für sie, sie musste sich setzen. Ihr war bewusst geworden, den Schilderungen ihres Bruders wohl besser Glauben zu schenken. Brida musterte Radea von oben bis unten, ihr ging es ebenso wie Wetzel am Tag zuvor; die Ähnlichkeit mit der Mutter war nicht zu übersehen. Von der ganzen Situation überfordert rannen ihr Tränen über das Gesicht.

Radea ahnte, das Brida eine von ihren Schwestern war. Sie legte ihre Hand auf die von Brida, um sie ein wenig zur Ruhe zu bringen. Schnell zog sie die Hand wieder zurück, sie hatte beunruhigende Dinge gesehen. >Was hatte Momsa gesagt, keine Berührungen mit anderen Menschen<. Für einen Moment hatte Radea nicht daran gedacht. Der erste, der die Fassung wieder fand, war Wetzel, „lasst uns hinausgehen, die Zeit drängt. Kurz berichtete Radea was sie in Waidkirch erfahren hatte und wie sie in die Hofküche kam. „Wir wollen die Betriebsamkeit für das Fest nutzen, um Elsbetha aus dem Kerker zu holen,“ Wetzel war sich in diesem Moment sicher, dass es so gelingen wird. „ Den Weg dort hin kenne ich bereits, es muss nur der Kerkerknecht dazu bewegt werden, mir die Schlüssel für die Kerkertür zugeben.“ „Ein Krug Met wird dabei sicher helfen,“ meinte Brida, die sich bisher noch nicht zu den Ereignissen geäußert hatte.

Sogleich ging Wetzel über den Hof zur hofeigenen Brauerei und holte sich vom Braumeister einen Krug Met, zum Kosten für das Fest, und zu prüfen ob auch ausreichend angesetzt und es richtig süffig war.Wetzel hob den Krug und trank einen Schluck, er zeigte an, dass er sehr zufrieden war, nahm den Krug mit sich und Verlies die Brauerei.

Im Innenhof wurden Bänke und Tische aufgestellt, es sollte draußen sowie drinnen gefeiert werden. Noch war es heller lichter Tag, für den Abend und die Nacht wurden aber bereits Fackel aufgestellt, um im Dunkeln den Innenhof gut auszuleuchten. In diesem Jahr sollte es ein besonders aufwändiges und üppiges Fest werden. Der alte Schwering sah mit Freude, dass die Vorbereitungen gut vorankamen, oben von seinem Balkon hatte er einen guten Überblick über das Geschehen im Innenhof.

Trotz der guten Vorbereitung hatte Wolfhard ein flaues Gefühl in sich, dass er sich nicht erklären konnte. Es lag etwas in der Luft, er hatte nachgedacht, ob es wohl mit der alten Hebamme zu tun hatte, man sagte ihr gewisse Zauberkräfte nach.

                                                                          *

Wetzel und Brida gingen gemeinsam in die Katakomben, um Elsbetha aus dem Kerker zu befreien. Bisher hatte Brida keine Veranlassung gesehen in die untersten Gewölbe des Gutshofes hinunterzugehen. Sie schüttelte sich vor Kälte und dem stickigem und modrigem Geruch. Wetzel ging mit einer Fackel voran, die er sich vom Innenhof gegriffen hatte. Der Kerkerknecht saß auf dem einzigen Stuhl, den Kopf auf den Tisch vor ihm gelegt, er schien zu schlafen. „ He, du da,“ rief Wetzel. Sofort hob der Knecht den Kopf und sprang auf, als er sah wer vor ihm stand.

Wir kommen im Namen des Richters", reichte ihm den Krug mit Met, "zur Feier des Tages und das es dir gut schmecken solle.“ Der Kerkerknecht war sehr erstaunt über diese Freundlichkeit, er kannte den Richter sonst anders. „Wir sollen die alte Hebamme holen und dem Richter vorführen.“ Der Knecht ob der Freundlichkeit schloss sofort die Türe auf.

Elsbetha erschrak, war sie doch in Gedanken um ihr Schicksal versunken. Wetzel packte sie grob am Arm und führte sie hinaus. Als sie Brida vor der Tür sah, wusste sie, dieses war das Ende ihrer Pein, aber noch war sie nicht in Sicherheit. Der Kerkerknecht schloss die Tür und setzte sich wieder an den Tisch, nahm den Krug und lies das Met durch seine Kehle rinnen.

Wetzel, Brida und Elsbetha sprachen kein Wort solange sie sich in dem Gewölbe befanden. Am Ausgangangekommen, erklärte Wetzel Elsbetha kurz, was bisher geschehen war, und das Radea sich ebenfalls auf dem Hof befindet. Vorsichtig um sich blickend sind sie zum Unterschlupf, wo Radea sich versteckt hielt, mehr geschlichen ais gegangen.

Dort sind sich alle voller Erleichterung um den Hals gefallen. Das alles so reibungslos gelungen ist, konnten sie gar nicht glauben, aber im Nachhinein waren sie froh und glücklich darüber.

Nachdem sie sich beruhigt hatten, war es Radea, die zur Eile rief. „Trotz deiner Warnung Momsa, keine Menschen zu berühren, konnte ich es nicht lassen, Brida an den Händen zu fassen. Ich zog die Hand schnell zurück, konnte nicht allzu viel sehen, und dennoch müssen wir uns sputen. Der Schweringer Hof wird überfallen werden, wir müssen ihn sofort verlassen, sonst sind wir alle verloren.“

Alle sahen Radea sprachlos an. Brida verstand nicht, was Radea damit sagen wollte. „Wir sollen den Hof sofort verlassen, aber das Fest?“ „Radea hat die gleiche Gabe wie Mutter,“ sprach Wetzel,“sie kann Dinge sehen, sobald sie jemanden berührt. Wir sollten auf sie hören und den Hof auf dem schnellsten Wege verlassen.“

Fortsetzung folgt


30.11.2019 © Soso

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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