Sonja Soller

Das Geschenk XV

Anno 1441
XV.

Bauernaufstand

 

Von Ferne hörte man Donnergrollen. „Zieht ein Unwetter auf,“ fragend blickte Elsbetha zum Himmel empor, „sieht ganz friedlich aus.“ Das Grollen wurde stärker, es näherte sich. „das ist kein Donnergrollen, das sind stampfende Füße und schreiende Menschen, die auf uns zukommen.“ Die Frauen sahen sich an. „Jetzt kann ich es auch hören, “Brida stand das pure Entsetzen im Gesicht.
Ein leichtes Beben der Erde war zu verspüren, nun waren sich alle sicher, es waren Menschen, die da auf den Gutshof zuliefen. „Es müssen hunderte sein“, Wetzel drängte zur Eile, „es wird Zeit diesen Ort zu verlassen.“
Niemand sonst auf dem Gutshof schien etwas bemerkt zuhaben.

Immer mehr Speisen wurden aufgetragen, Met und Obst standen bereits auf den Tischen. Die Mägde und Knechte liefen wie die Ameisen umher. Für das Fest war alles bereit, es konnte beginnen.

Der kleine Gerichtssaal war ebenfalls geschmückt. Die Gäste hatten sich bereits an die Tische gesetzt. Wolfhard Schwering, heute kein Richter, heute wollte er mit seinen Gästen feiern. Er saß in seinem Richterstuhl, um das Geschehen im Saal besser beobachten zu können.

Das Grollen kam immer näher, wurde von der feiernden Gesellschaft, die aß und trank und in fröhliches Geplänkel vertieft war, noch immer nicht wahrgenommen. Man tanzte und sang, die Tänzerinnen und Musikanten zogen durch die Tischreihen, sprangen auf Tisch und Bänke, um die Gäste bei Laune zuhalten.

                                                                                    *

Auf die kleine Gruppe Menschen, die sich unauffällig zum hinteren Tor hin bewegte, achtete kaum jemand. Wetzel öffnete die Tür im Tor, um sie sofort wieder zu zuschlagen. „Hier kommen wir nicht mehr raus, eine Horde Bauern kommt direkt auf uns zu, sie haben sich mit allerlei Gerät bewaffnet .“ Brida konnte es nicht glauben, sie bangte um den Gutshof, auf dem sie eines Tages Herrin werden wollte.Kommt,“ Wetzel zog die Frauen mit sich, "wir müssen einen anderen Weg finden, ich befürchte schlimmeres."

Die Bauern hatten inzwischen den Hof umzingelt, es waren zu viele. Wetzel sah nur eine Möglichkeit. „Wir müssen durch das Gewölbe einen Weg nach draußen finden,“ sicher war er sich dessen aber längst nicht. Die Frauen folgten ihm. Nun hörte man schon die kämpferischen Schreie der Aufständischen und berstende Geräusche ganz in der Nähe. Wetzel trieb zur Eile an.
Die Bauern hatten sich mit Hacken, Forken, Sensen, Messern und Knüppeln bewaffnet und stürmten in den Innenhof. Krachen und Bersten von Holz. Tische, Bänke, Stühle und Geschirr flogen durch die Luft. Die Bauer knüppelten alles nieder, fuhren mit der Sense durch die Menschen, Messer trafen die überraschten Gäste, Mägde und Knechte. Blut floss über die vorher so sorgfältig aufgedeckten Speisen. Met vermischte sich mit dem Blut ermordeter Edelleute, alles und jeder wurde nieder gemetzelt. Die entbrannte Schlacht war wild und grausam. Der Ärger und die Wut vieler Jahre hatte sich so bei den Aufständischen aufgestaut, dass es kein Halten für sie gab.

Der Richter und die Edelleute im Saal hatten die Saaltür verbarrikadiert, in der Hoffnung, die Tür würde dem Zorn der kämpfenden Bauern standhalten, denn sie alle waren unbewaffnet zum Fest erschienen.
Die Wachen auf dem Hof setzten sich so gut sie konnten, zur Wehr. Doch die Aufständischen

waren einfach zu viele und in ihrem Zorn auf die Obrigkeit nicht mehr aufzuhalten, sie konnten die Unterdrückung und Ausbeutung nicht mehr hinnehmen. Es wurde geplündert, zerstört, gemordet.
Wie ein Fegefeuer rasten die Geknechteten über den Hof und das Gebäude hinweg. Teile der Ställe brannten lichterloh, die Pferde wieherten angsterfüllt, ergriffen die Flucht, galoppierten über die schreienden Menschen über den Hof, weiter auf die Felder.

                                                                                   *

In den Katakomben konnten die Flüchtenden den Kampflärm bis nach unten hören, berstendes Glas, zusammenfallendes Gestein, man konnte nur vermuten, wie es oben auf dem Hof zuging. „Lasst uns schnell weitergehen, wir müssen den Ausgang finden, sonst sind wir verloren.“ Wetzel zog Brida am Arm mit sich, Radea und Elbetha folgten Ihnen.

                                                                                  *

Die aufständischen Bauern hatten den Gutshof inzwischen erobert. Sie stürmten nun in den Saal, in dem sie sonst ihre Abgaben leisten mussten; konnten sie es nicht, wurden sie in diesem, jetzt herausgeputzten Saal, zu Kerkerstrafen verurteilt.

Edelleute blutend und wimmernd hier nun auf dem Boden lagen, wer dem wütendem Trupp von Aufständischen im Wege war, wurde kurzer Hand aufgespießt, aufgeschlitzt, mit Fußtritten traktiert, dieses Gemetzel hatte nichts menschliches mehr.

Der Anführer hatte erst jetzt Wolfhard Schwering auf dem Richterstuhl wahrgenommen. Voller Wut und Zorn, rachedurstig und im Blutrausch ging er ohne zu zögern auf den Richter zu, der sich seiner Gefahr nicht bewusst war, und stieß ihm die Dreizackforke mit Wucht in den Leib. Wolfhard sah erstaunt auf den Mann vor ihm, wollte etwas sagen, gab aber keinen Ton von sich. Die Forke steckte noch in ihm, wollte sie herausziehen, was ihm nicht gelang, denn sie steckte fest im Rückenteil des Richterstuhles.

                                                                                *

Im Gewölbe indes kamen plötzlich aus allen Gängen Menschen angelaufen, auf der Flucht vor dem Mob. Aus einem anderen Gang kamen ihnen freigelassene Gefangene entgegen. In dem auf einmal mit Menschen überfülltem Gewölbe, wurden die Geschwister und Elsbetha auseinandergerissen. Radea konnte sich gerade noch in einer Nische verstecken, bevor sie von der Traube flüchtender Menschen mitgerissen wurde. Sie konnte nicht mehr unterscheiden, wer Bauer, Gefangener oder Magd oder Knecht war. Sie drückte sich an die Wand, um nicht zu stürzen oder niedergetrampelt zu werden, ging mit dem Menschenstrom in eine Richtung.
Plötzlich gab die Wand hinter ihr nach, ein Mechanismus musste sich ausgelöst haben, ein Durchlass wurde sichtbar, schnell stieß sie die Tür auf, um sie geschwind von innen wieder zu zudrücken.

Überrascht von dem was Radea hier sah, blickte sie sich um, ob nicht auch hier plötzlich aufgebrachte Bauern auftauchen würden; Kampfgeräusche waren von überall her zuhören.
Der Flur, in dem sie sich befand, führte wohl zu den Gemächern des alten Schwering. Die geheime Tür führte ganz offensichtlich in die Katakomben, die Tür war durch einen Brokat Vorhang verdeckt, sodass er von außen nicht zu erkennen war. Von hieraus konnte der Richter ungesehen in die Folterkammern gelangen, um den Folterungen der Deliquenten beizuwohnen.

Vorsichtig um sich blickend ging Radea den langen Flur entlang. Gemälde der Ahnen des Schweringer Geschlechts zierten die Wände. Sie betrachtete die Gesichter genauer, ging an der Galerie entlang, entdeckte aber kein Bildnis, dass ihr auch nur entfernt ähnlich sah. Sie ging bis zu der Flügeltür am Ende des Ganges, öffnete sie, vorsichtig schob sie den Kopf durch den Türspalt, zu sehen was sich hinter dieser Tür verbarg.

Das Bild, das sich ihr bot; einem grausigen Schlachtfeld gleich. Der Fußboden voll mit Blut getränkt, überall lagen Tote, abgetrennte Gliedmaße, aufgeschlitzte Bäuche, zertrümmerte Tische und Bänke, Hier wurde blindwütig zerstört und gemordet.
Ein metallenes Geräusch ließ Radea zusammenfahren. Ein Trinkbecher rollte auf sie zu; der Hand eines getöteten Edelmannes entglitten, und blieb vor dem Richterstuhl liegen. Sie bemerkte erst jetzt, dass sie hinter einem prunkvoll geschnitztem Thron ähnlichen Stuhl stand. Sie ging eine paar Schritte nach vorn und sah eine in sich zusammengesunkene Gestalt darin sitzen.

Der Mann hatte eine merkwürdig schlaffe und auch steife Haltung angenommen, sie sah genauer hin, nun konnte sie den Dreizack, mit dem die Gestalt an den Stuhl gespießt war, in Gänze sehen. Voller Entsetzen wich Radea zurück. Ein Röcheln entsprang der Brust, des mit dem Tode kämpfenden Mannes, ein Blutschwall ergoss sich über sein Gewand . Langsam ging Radea auf ihn zu, sie wollte nicht, aber irgendetwas sagte ihr, diesen Mann musste sie berühren, sie legte ihre Hand auf die seine. Sie spürte wie das Leben langsam aus dem Richter entschwand, hatte gerade noch soviel Kraft, Bilder in ihr erscheinen zulassen, Bilder, die sie erschrecken ließen.

Kindheit, die Mutter, die Geschwister, Elsbetha, Tod, Beerdigung, Trauer, Verstoßung des Kindes, Folter, Henker, Wolfhard Schwerings Leben zog an Radea vorbei, so viele Momente aus einem herrischen, gnadenlosen und grausamen Leben. Sie musste nicht mit ihm gelebt haben, um zu erkennen, was für ein Mensch er war.

Radea war froh, dass sie von ihrer „Momsa“ aufgenommen worden war, und ein bisher so schönes und friedvolles Leben hatte.
Der Richter sah mit glasigem Blick auf Radea, einen kurzen Moment wurde der Blick verstehend, als hätte er sie erkannt. Radea ging näher zu ihm, ihr war als würde er einen Namen nennen, er war nur schwer zu verstehen, da die Stimme schon sehr schwach war.
Radea kam dem, mit dem Tode ringendem Manne ganz nah. „Sara“. Dann war alles Leben aus ihm gewichen. Große Gefühle konnte Radea dem Mann im Richterstuhl

nicht entgegenbringen, auch wenn es ihr Vater war, der dort aufgespießt vor ihr saß. Eins wollte sie dennoch tun, ihm die Augen schließen, die soviel Unheil verkündet und angerichtet hatten.

                                                                                  *

Inzwischen hatten sich Wetzel und die beiden Frauen aus dem Gewölbe, durch verschlungene Gänge bis nach draußen retten können. Elsbetha war in Sorge, was wohl mit Radea geschehen war. Nachdem sie festgestellt hatte, dass sie nicht mehr bei ihnen war. Der unterirdische Gang hatte sie nach außerhalb des Gutes geführt, hier konnten die Flüchtenden erst einmal Luft schöpfen. Nachdem die drei wieder ans Tageslicht gekommen waren, sahen sie wie Teile des Hofes in Flammen standen, noch immer war Kampfgetümmel zu hören, Schreie von Mensch und Tier.

Jetzt machte sich Elsbetha doch richtig große Sorgen um Radea. „Wie sollen wir sie finden, sie kann überall sein,“ sagte Wetzel. „Den Hof können wir nicht mehr retten, am besten ist es, ihr,“ Wetzel sah Brida und Elsbetha an, „ geht zur Waldhütte, dort seid ihr vor Aufständischen sicher. Seid aber trotzdem wachsam, ich werde zurückgehen und sehen ob ich Radea finde.“ Die Frauen machten sich auf den Weg, sobald Wetzel wieder im Untergrund verschwunden war.

                                                                                 *

Durch den Kampflärm der aufständische Bauern sind Mechthild und Beata erschrocken aus ihrem Haus in den nahen Wald geflohen. Da sich das Haus auf dem Grund des Schulzen und Richters befand, war es durchaus möglich, dass es ebenfalls zerstört werden würde. Nur im dichten Wald konnten sie sich vor dem aufrührerischen Mob in Sicherheit bringen.

                                                                                 *

Auf dem Hof herrschte ein flammendes Inferno, inzwischen brannten fast alle Gebäude. Wetzel war verzweifelt, wie sollte er hier Radea finden, er ließ seine Blicke schweifen, sein Blick fiel an den noch stehenden Mauern, den oberen Gemächern entlang, über die Balkone, er konnte sie nicht entdecken. Er ging weiter zu den Gemächern des Vaters und dem kleinen Gerichtsaal, der heute auch Festsaal gewesen war. „Radeaaa“,Wetzel rief, und wieder „Radeeaaa“, er bekam wieder keine Antwort. Er betrat gerade den Saal, da entdeckte er sie, wie sie gerade dem Vater die Augen schloss. Auch wenn Wetzel kein gutes Verhältnis zum Vater hatte, war er von Entsetzen geschüttelt, ihn so zusehen, auf seinem Richterstuhl brutal aufgespießt, das war zu viel für Wetzel, er musste sich erbrechen.
Langsam ging er auf den Vater zu, diese zusammengesunkene Gestalt,die nun nichts anderes mehr war, als eine schreckliche Erinnerung.
“Wir müssen fort, der Hof brennt an allen Ecken, es ist kaum noch ein Stein auf dem anderen.“ Wetzel packte Radea und zog sie mit sich. „Ich konnte alles sehen,“ Radea sah auf ihre Hände, „er hat mir sein ganzes Leben gezeigt. Im Grunde war er ein armer, einsamer Mensch, ein grausamer, furchteinflößender, alter Mann.“

Wetzel gab keine Ruh, „komm sonst sind auch wir verloren. Elsbetha und Brida sind auf dem Weg zur Hütte. Dort werden wir weiter sehen.“

Fortsetzung folgt


01.12.2019 © Soso

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Sonja Soller).
Der Beitrag wurde von Sonja Soller auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Der Mensch denkt, der Tod lenkt von Waltraud Wickinghoff



Ein Ruhrgebietskrimi mit Blick über den Tellerrand (Mordversuch, Mord und Kidnapping eines Kindes)

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Historie" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Sonja Soller

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das Geschenk Vll von Sonja Soller (Historie)
Der Tod des Templers von Claudia Laschinski (Historie)
Stumme Kälte von Rainer Tiemann (Trauriges / Verzweiflung)