Maria Neumann

Still

Ich stehe hier mit meinem Zettel vor euch, spüre wie es mir den Hals zuschnürt. Mein Puls fängt an zu tanzen. Ich versuche mich nicht in meinen eigenen Worten und Gedanken zu verschanzen. Wenn ich über IHN rede, seinen Namen höre oder dieses für mich unaussprechliche Wort von außen höre, möchte ich klein werden. So klein bis ich nicht mehr zu sehen bin. Und dennoch beachtet und beschützt. Ich möchte meine kleine Stimme hören, wie sie groß wird. Ich möchte laut sein, ich möchte schreien, möchte rebellieren, ich möchte Rache, möchte Frieden. Möchte, möchte

Ich möchte, dass DU mir gegenüberstehst. Mir tief in die Augen siehst und meine Narben erkennst, Die, die du mir zum Geburtstag hast geschenkt. Ich werde deine Augen wahrscheinlich nicht erkennen können. Schwarz ist keine Farbe. Schwarz ist Schmerz. Schön und mit wallender Eleganz. Von außen leuchtend und stilvoll, von innen finster wie die nächtliche Stille, die mich umgibt. Still war auch ich als du mich festgehalten hast. Ich war still als du mein Nein nicht hören wolltest. Still als Du keine Gegenwehr haben wolltest. Du Macht wolltest. Ich bin ausgestiegen. Fassungslos aufgestiegen. Still waren meine Tränen. Still, weil sie nicht wussten, ob sie da sein dürfen. Ich hätte lauter sein müssen. Ich hätte kräftiger sein müssen und nicht vom Hungern geschwächt sein dürfen. Ich hätte deinen knapp 75 Kilo schweren Körper durch die Luft wirbeln müssen. Ich hätte dich lieben müssen. Ich darf nicht weinen.

Ich habe dich später gefragt, warum. Warum hast du das getan? Warum hast du dir genommen, was dir nicht gehört? Lernt man nicht schon als Kind, dass sich sowas nicht gehört? Ich gehörte dir nicht. Wie kann ich jemanden gehören, wenn ich meinen Atem von ganz allein atme? Wie kann ich dir gehören, wenn ich meinen Körper selber pflegen muss? Wenn ich versuchen muss, ihn am Leben zu erhalten? Wenn mein Körper eine Entschuldigung von mir braucht und sich eines Tages noch sehr an mir rächen wird? „Sei froh, dass ich dich so begehre. Sag doch einfach das nächste Mal ja“, hast du gesagt.

Also gut. Ich sage Ja zur Anzeige. Ja, er war es. Ja, ich habe mich gewehrt. Ja, Ich gebe Ihnen gerne die Nummer. Ich sage Ja zu meiner Stimme, auch wenn ich weiß, dass sie danach für lange Zeit verkümmert. Du bist weg, doch du hast einen Schatten hinterlassen. Auf meiner Seele, auf meinem Bett, auf meinem Körper, auf meiner DNA. Nun lieg ich da auf dem Untergrund. Zu Fall gebracht von dir und deinem Hass. Mir gegenüber, dir gegenüber. Ich vergesse die Farbe von deinem Herz, doch deine Augen und dein schändliches Grinsen vergesse ich nicht.

Ich sage ja zu Alkohol und zu noch mehr hungern und kotzen. Ich sage Ja zu Knochen. Ich sage ja zur Klinge. Ich sage ja zu fremden Männern. Vielen Männern. Ich sage ja zu Partys. Ganz vielen Partys. Bitte keine Pausen. Ich will keine Pausen. Ich halte es nicht aus, still auf der Couch zu hausen. Ich halte es nicht aus, mich zu spüren. Ich halte es nicht aus, Freunde zu spüren. Ich halte spüren nicht mehr aus. Ich halte es nicht mehr aus mich zu rechtfertigen. Hast du dich gewehrt? Geht das in einer Beziehung? Wart ihr nicht verlobt? Du solltest aufpassen, was für Geschichten du erzählst. Das kann seine Zukunft zerstören. Ich verstehe nicht. Ich verstehe Betäubung.

Es hat lange gedauert wieder clean zu werden. Ich habe lange Alkohol getrunken, wenn Männer in meiner Nähe waren. Dann kriege ich wenigstens nicht so viel mit. Es hat lange gedauert wieder zu essen. Es ist ein Kampf, der bis heute meine Welt regiert. Es hat lange gedauert, bis ich wieder mein Gleichgewicht gefunden habe.

Schwarze Haare, braune Haut. Ich sehe dich. Ich sehe dich 20mal am Tag. Ich sehe mich, wie ich erschrocken zu Boden gucke. In der Hoffnung ich falle hinein und bin in Sicherheit. Doch du bist es nicht. Du bist nicht alle mit schwarzen Haaren und brauner Haut. Du bist der eine mit schwarzem Haar und brauner Haut. Ich habe durch meine verschreckten Augen geschaut. Plötzlich siehst du ganz anders aus.

Ich würde dir gerne gegenüberstehen und dir sagen, dass ich dich nicht brauch. Ich brauch dich nicht als Täter und auch nicht als Geschichte.  Ich war nie klein und schwach. Ich habe nur versucht zu überleben. Dich zu überleben. Nun sieh mich an. Falls du das kannst. Ich kann alleine atmen, ich kann alleine stehen, ich kann alleine fahren, ich kann alleine gehen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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