Sonja Soller

Das Geschenk XVl

Anno 1441
XVl

Neuanfang

 

Der Schweringer Hof war verloren, die Nebengebäude, die Felder geplündert, zerstört, abgebrannt. Die Tiere, die nicht geflohen oder durch das Feuer umgekommen waren, wurden von den Bauern mitgenommen.

Den Schweringer Hof gab es nicht mehr, Wolfhard Schwering gab es nicht mehr, kaum jemand wird um ihn trauern, das ganze Areal wurde dem Erdboden gleich gemacht.
Brida und Elsbetha hatten die Hütte ohne das sie jemand aufhalten wollte, erreicht. Sie bangten, was wohl mit Wetzel und Radea geworden ist, noch wollten sie sich keine großen Sorgen machen, sie konnten nur abwarten und hoffen, das Wetzel Radea in dem Kampfgetümmel finden würde.

Bei oberflächlicher Betrachtung konnte man die Hütte von Elsbetha nicht erkennen, doch waren sich die beiden Frauen nicht sicher, ob die durch den Wald streifenden Plünderer sie nicht doch entdeckten, sie bogen und stellten mehr Zweige, Farne und Sträucher vor den Eingang, um wirklich sicher vor den aufrührerischem Gesindel zu sein. Elsbetha und Brida harrten der Dinge; sie saßen in der Hütte ohne ein lautes Geräusch von sich zugeben, auch kein Feuer für Tee oder für eine Hirsesuppe zu kochen, nichts, das verriet, im Gebüsch würde sich jemand aufhalten. Gespannt nach draußen lauschend, saßen sie eng beieinander und spendeten sich Trost. Brida hatte nun alles verloren, nachdem der Schweringer Hof in Flammen aufgegangen war, konnte sicher niemand mehr dorthin zurück. Gutsherrin konnte sie nun nicht mehr werden. Das die Aufständischen auch den Schweringer Hof zerstören würden, diese Möglichkeit war undenkbar für sie gewesen.

                                                                                *

Wetzel und Radea machten sich auf den Weg zur Waldhütte. Von den Vorkommnissen auf dem Gutshof
noch ganz erschüttert, gingen sie stumm den Pfad entlang, nicht ohne sich immer wieder umzusehen.
Plünderer streiften durch den“silva nigra“, um Beute zumachen, sie verschonten niemanden. Wetzel hatte sich mit einem Messer und einem Knüppel bewaffnet, um sich und Radea, wenn es notwendig wäre, zu verteidigen. Unbeirrt gingen sie zügig weiter, das Kampfgetümmel hinter sich lassend, die Kampfgeräusche nahmen immer mehr ab, je weiter sie sich von der Kampfstätte entfernten. Aus dem Augenwinkel betrachtete Radea Wetzel, der in Gedanken vertieft schien. „Wetzel,“ Radea stupste ihn an. Wie aus tiefem schlaf erwacht, schrak er auf . „Hm, ja?“ „Dort hinten sehe ich Gestalten laufen, wir sollten vom Pfad runter gehen, lass uns näher ins Unterholz gehen.“ Die Umgebung nicht wirklich wahrnehmend, schaute er sich um. „Du hast recht, wir sollten auf dem Pfad nicht weitergehen.“

Bald haben wir die Hütte erreicht, kann nicht mehr allzu lange dauern,“ versuchte Radea Wetzel gut zuzusprechen. Der Tod seines Vaters, so einen Tod, hätte er ihm trotz allem nicht gewünscht. Der Schock saß tief und war sicher nicht so schnell zu verarbeiten. Mitunter schüttelte er den Kopf, nicht verstehend, was sich in so kurzer Zeit verändert hatte.
Ein Rascheln ließ sie aufmerksam die Bäume und das Buschwerk genauer betrachten. „Heda, kommt heraus. Solltet ihr Plünderer sein, kommt nur, ich werde euch schon zurechtstutzen.“ Wetzel gab sich mutiger, als er
es in diesem Moment war. Das Gebüsch bewegte sich, eine ängstlich schauende alte Magd und ein Jüngling traten heraus. Vorsichtig gingen sie auf Wetzel und Radea zu. „Mechthild?“ Wetzel musste zweimal hinschauen, „bist du es wirklich, wen hast du bei dir?“

Mechthild ebenso überrascht, „das ist doch nicht möglich, Wetzel, wie lange ist es her, das wir uns zuletzt begegnet sind.“ Ohne zu zögern ging Wetzel auf Mechthild zu und schloss sie in seine Arme. Tief bewegt von dieser Begegnung, bekam er feuchte Augen. Nun sah er sich den Begleiter genauer an. Es schien ihm, als würde er ihn kennen, er ging näher an ihn heran, ging um ihn herum. „Nein, es ist nicht zu fassen, du bist gar kein Mann, du bist meine Schwester Beata, ich versteh das nicht, wieso diese Maskerade?“ Dieses unverhoffte Zusammentreffen, die Ereignisse der letzten Tage, Wetzel ließ sich auf dem Waldboden nieder, ihm war ganz schwindelig, es war zu viel was auf ihn in letzter Zeit eingestürmt war.

Nun waren es Mechthild und Beata, die Radea betrachteten. Wetzel rappelte sich vom Boden auf und fasste Radea am Schürzenband. Den Blick auf Beata gerichtet, „dieses zauberhafte Wesen ist unsere Schwester Radea, die unser Vater verstoßen hatte, noch bevor wir sie kennen gelernt haben.“ Das unbegreifliche, unfassbare war geschehen, die verstoßene und für sie nicht existente Schwester, war am Leben. Beata fiel ihrer Schwester um den Hals, sie konnte die Tränen nicht zurückhalten, Mechthild konnte ebenfalls nicht an sich halten und nahm beide in die Arme. Wetzel stand gerührt daneben, er genoss es, endlich wieder Gefühle zeigen zu können, ihm liefen die Tränen in Strömen über das Gesicht.

Nachdem sich die Geschwister, Mechthild und Wetzel beruhigt hatten, gingen sie gemeinsam weiter, um im fahlen Schein des Mondes die Hütte von Elsbetha zu finden. Suchend blickte sich Wetzel um,hier muss es doch sein,“ er begann das Gebüsch auseinander zudrücken und schob einige Zweige beiseite. „Na, bitte,“ Wetzel klopfte an die freigelegte Türe. „Elsbetha, ich bin es Wetzel.“ Mit Schwung wurde die Tür von innen geöffnet. „Gott Lob, ihr seid endlich hier, wir haben uns große Sorgen gemacht.“

Elsbetha staunte nicht schlecht, als mehr Besucher eintraten, wie erwartet. „Radea,“ was bin ich froh, und das dir kein Leid geschehen ist.“ Elsbetha herzte und küsste sie, wollte sie nicht mehr loslassen. „Auf der Flucht vor dem Mob, auf dem Weg hierher, haben wir noch zwei flüchtende getroffen, die sich uns anschlossen. Brida erkannte Mechthild sofort, eine so liebe Freundin, wie es Mechthild den Kindern nach dem Tod der Mutter war, konnte man nicht vergessen. „Und wer ist dieser junge Geselle?“ „Schau genauer hin,“ Wetzel machte sich einen Spaß daraus, noch nicht preis zugeben, wer dieser „Geselle“ war.

Bist du das, Beata,“ Brida ging ohne weiter zu überlegen auf sie zu und lagen sich auch schon in den Armen. Ehe man sich versah, lagen sich alle in den Armen. An diesem Tag wurden Bäche von Tränen vergossen. Wieder war es Wetzel, der sich als erster fasste. „Die schrecklichen Ereignisse der letzten Tage haben unser aller Schicksal völlig verändert. Wir müssen beratschlagen, was wir nun tun wollen.“

                                                                                   *

Bisher wussten nur Radea und Wetzel, was weiter auf dem Schweringer Hof geschehen war, das der Richter nicht mehr am Leben war, das der Gutshof völlig niedergebrannt und ausgeplündert war, die aufständischen Bauern den Grund und die Gebäude verwüstet und zerstört haben. Alle, die sich nicht haben retten können, wurden niedergemetzelt.

Radea und Wetzel berichteten abwechselnd, von dem was noch geschehen war; wie Radea plötzlich dem Richter gegenüber stand, wie sie seine Hand berührte und sein ganzes Leben an ihr vorüberzog, dass das letzte Wort, was der Richter sprach“Sara“ war, er in dem Moment wohl glaubte, in Radea seine verstorbene Frau zu erkennen. Die Flucht aus dem brennenden Gebäude. Es war auch für Beata und Brida, genau wie für Wetzel, ein Schock zu hören, wie der Vater zu Tode gekommen war. Die Vorstellung machte sie schaudernd. Brida war wohl die einzige, die um den Schweringer Hof trauerte.Es wird nicht leicht werden, das Alte hinter sich zulassen und etwas neues aufzubauen,“ Elsbetha hatte, nachdem niemand etwas sagte, das Wort ergriffen.

Hier, in der Grafschaft zubleiben, wäre nicht gut für uns. Die Menschen vergessen nicht so schnell, man würde uns immer mit dem alten Schwering und dem Gutshof in Verbindung bringen, ganz gleich auf welche Weise, mit allem, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Ein Ortswechsel würde uns einen Neuanfang erleichtern.“ Es wunderte niemanden, das ausgerechnet Elsbetha diesen Vorschlag machte. Sie hatte jeden Grund diesen Ort zu verlassen. „ Wir sollten nichts überstürzen, jeder sollte für sich überlegen, was man tun könnte,“ Wetzel wollte sich nicht Hals über Kopf entscheiden.

Radea, Beata und Brida gaben zu verstehen, das sie nachdem sie sich wiedergefunden haben, zusammen bleiben zu wollen. Mechthild, noch unentschlossen, bat um Bedenkzeit bis zum Morgen.

                                                                                 *

Früh am Morgen hatte Elsbetha bereits Tee aufgebrüht und die noch schlafenden Geschwister und Mechthild wurde von dem Geklapper der Teebecher und dem Duft von Kamille und Fenchel aus dem Schlaf geholt. Das nach den Ereignissen am Tag zuvor überhaupt jemand schlafen konnte, grenzte an ein Wunder.

Ein Bottich mit frischem Quellwasser stand bereit um allen den Schlaf aus den Augen zu waschen. Erschöpft von dem Erlebten waren alle samt. "Heute sollten wir uns entscheiden, was wir gedenken zu tun.“ Wetzel setzte sich an den Tisch. Radea, Beata und Brida waren der Meinung, andern Orts einen Neuanfang zu wagen, „überall ist es besser als hier.“
Mechthild, bereits in die Jahre gekommen, „ ich denke, in Lehmwies gibt es sicher etwas, wo ich mich nützlich machen kann, auf meine alten Tage möchte ich nicht mehr von vorne anfangen.“
Um seine Schwestern nicht mehr aus den Augen zu verlieren, war Wetzel der Meinung der Geschwister, er würde mit ihnen an einem anderen Ort einen Neubeginn wagen. Elsbetha war sich von vornherein sicher von hier
fortzugehen. „Dann sind wir uns einig, dass das die beste Lösung ist und wir uns zusammen auf den Weg in eine neue Zukunft machen.“

 

01.12.2019 © Soso

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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