Gherkin

Eine hoffnungsfroh stimmende Weihnachtsgeschichte




Als der 59jährige Pirrill Pannekoken nachts um 2:48 Uhr barfuß und im Pyjama in seine Küche schlurfte, um sich ein Glas Wasser zu holen, wurde er plötzlich von einem grellen LED-Taschenlampen-Strahl geblendet. Verblüfft lässt er den Becher fallen. Er zerschellt auf dem kalten Fliesenboden. Es entspinnt sich dieser Dialog


„We-we-wer ist denn da?“ fragt Pannekoken, Angst erfüllt

„Einbrecher!“ schallt es prompt zurück, eine männliche, tiefe, wohlklingende, sonore Stimme

„Ein Brecher? Wie Sie ja wohl sehen können, bin auch ich sehr kompakt gebaut, mein Herr... Nun nehmen Sie doch endlich den Lichtstrahl aus meinem Gesicht!“  Macht sich ein wenig größer, als er wirklich ist. Wischt ständig vor seinem Gesicht herum, so, als müsse er eine lästige Fliege verscheuchen

„Nein, hier ist ein Einbrecher! Ich kam, um bei Ihnen einzubrechen!“ Der Eindringling setzt die Stablampe tiefer, sie ist nun auf Pannekokens Halsregion gerichtet. Schon besser

„Nun, das ist Ihnen gelungen. Sie sind bei mir eingebrochen. Jetzt, nach dieser sehr erfolgreichen Aktion, sollten Sie schnellstens wieder verschwinden, Herr.. Herr...“ Mehr erzürnt als verängstigt

„Mein Name ist Wonnehaupt, Reiner Wonnehaupt, sehr angenehm!“ Äußerst höflich

„Freut mich, ich bin der Mieter Pirrill Pannekoken.“ Reicht die Hand, die jedoch nicht ergriffen wird. Pannekoken zieht schmollend zurück

„Angenehm. Herr Pannekoken, ich ersuche Sie, mir all Ihre Wertsachen und, vor allem, auch Ihre komplette Barschaft zu überlassen. Wenn Sie so nett wären?“ Freundlich. Der 51jährige Wonnehaupt ist durchaus ein höflicher Charakter, wenngleich auch vielleicht nicht die hellste Kerze am Tannenbaum

„Aber das hat ja mit einem Einbruch rein gar nichts mehr zu schaffen... Da-da-das ist doch glatter Raub! Geplanter Raub!“ Entrüstet

„Stimmt, ich bin, nebenher, auch ein Räuber und ein Dieb! Scharfe Beobachtungsgabe“ Selbstbewusst. Die Ehre seines Standes musste verteidigt werden

„Multitasking! Recht imposant. Wenn man mehrere Talente hat, sollte man diese auch nutzen, das leuchtet ein. Aber meine Barschaft kann ich Ihnen deshalb nicht überlassen, Herr Wonnehaupt.“ Sehr bestimmt
 
„Was hindert Sie daran?“ Etwas beunruhigt. So lange hatte er sich hier gar nicht aufhalten wollen

„Ich besitze einen akademischen Grad!“ Sehr selbstsicher, mit Stolz in der Stimme. Ihm war nichts anderes zur Entgegnung eingefallen

„Nun, das befreit Sie aber noch lange nicht von der Pflicht, mir Ihre Barschaft jetzt und sofort zu überreichen, Herr Doktor!“ Unwirsch, lauter werdend

„Nein, ich habe keinen Doktortitel, ich bin ein M.A.!“ Immer noch sehr stolz. Beginnt zu tänzeln, da es mit nackten Füßen, im späten Dezember, in der ungeheizten Küche und auf diesem Fliesenboden, ungemütlich zu werden beginnt. Dabei tritt er direkt in eine der Scherben. Er stimmt ein Geheul an, das entfernt an die rituellen Gesänge der amerikanischen Ureinwohner erinnert. Hüpft auf einem Bein, während er das andere, in der Dunkelheit, hoch hält und mit der Hand die Scherbe zu entfernen sucht. Es gelingt letztlich. Er setzt den linken Fuß vorsichtig wieder auf, sehr stark gekrümmt, um seine Fußsohle nicht der Kälte der Fliesen auszusetzen. Jault immer weiter. Hält seine Hand in den Strahl der Taschenlampe, sieht, dass sie voller Blut ist. Jammernd brabbelt er irgendwas. Es ist nicht zu verstehen. Wonnehaupt hört "Schonck wempel schorffla schweebel forff knettereteng" oder ähnliches

„Was ist denn das für ein akademischer Grad?“ Unbeeindruckt von der schweren Verletzung des Mieters Pirrill Pannekoken

„Magister Artium. Ich bin ein Meister der Künste!“ Kläglich, ein hohes, dünnes Stimmchen. Der Mann hat Schmerzen, er blutet am linken Fuß, ist stark deprimiert. Dieser Weihnachtsmorgen fängt ja gut an

„Und DAS soll ein akademischer Grad sein? Das klingt eher nach einem gekauften Titel, Universität Schöllkrippen, etwa 1988, und sicherlich hängt ein entsprechendes Diplom oder so etwas in Ihrem Wohnzimmer, an der Wand!“ Spöttisch. Hat noch nie von einem M.A. gehört. So ein Aufschneider. Meister der Künste. Ha!

„Ich brauche jetzt ein blutstillendes Mittel, Herr Wonnehaupt. Ich muss ins Bad, dort befindet sich der Erste Hilfe-Koffer. Das hier (deutet, für den Einbrecher natürlich unbemerkt, auf seinen linken Fuß) muss dringlichst behandelt und verbunden werden. Jodtinktur, Gaze, Mullverband, danach gleich zum Arzt...“ Immer noch recht jammervoll, sich und sein Schicksal selbst bemitleidend und höchst entnervt bedauernd

„Um (sieht auf seine Leuchtzifferblatt-Armbanduhr) 3 Uhr 12 in der Nacht? Wirklich? Am 24.12.? Sie können gleich zu einer Notaufnahme gehen. Aber zuvor händigen Sie mir Ihre Wertsachen aus, geben mir Brieftasche und Bankkarte. Und ich bitte höflich um die Pin, por favor. Wickeln Sie sich zunächst mal das hier um den linken Huf.“ Reicht Pannekoken sein (fast sauberes) Stoff-Taschentuch

Pirrill wickelt sich das Taschentuch um die linke Fußsohle. Er hat sich dazu hinsetzen müssen, wobei er erneut in eine Scherbe gerät. Diesmal dringt sie in sein Gesäß ein. Erneutes Jaulen und Greinen, Fiepen und Jammern. Umständlich richtet er sich auf, lässt die Pyjama-Hose herunter, wobei die Scherbe abfällt. Winselnd betastet er den nackten Hintern. Wonnehaupt hält, angeekelt-fasziniert, permanent den vollen Strahl auf diese Szenerie, die grotesk genug scheint, um in einem miesen Slapstick-Film gebracht werden zu können. Die Taschenlampe tastet auch Pannekokens Geschlecht und die Testikel ab. Dies erscheint allerdings völlig unangebracht. P. Pannekoken beschwert sich auch sofort

„Würden Sie das bitte lassen, ja? Das ist ja entwürdigend. Ich bin in der schlimmsten Notsituation, und Sie demütigen mich auch noch? Das ist genau wie in meiner frühen Jugend. Dort hatte mir ein Rowdy ein blaues Auge geschlagen. Und als ich einem der Klassenkameraden, auch so einem Bully, das Auge zeigte, schlug der mir prompt erneut drauf!“ Sehr deprimiert. Diese schrecklichen Erinnerungen an die Jugend. Eine schreckliche Zeit damals

„Tja, es gibt Lämmer, und es gibt Wölfe. Sie sind eben, rein vom Karma her, ein Opfer, Herr Pirrill Pannekoken!“ Ungeduldig „Könnten wir jetzt endlich zur Übergabe der Wertsachen, der Bankkarte, der Pin und des Bargeldes kommen, ja? Si tu étais si gentil" Kommt sich sehr klug vor

Pirrill ist beeindruckt. Multilingual, dieser Einbrecher, Dieb und Räuber. Imponierend. Er darf aber jetzt nicht beeindruckt klingen. Er muss stark verärgert wirken. Es wird quasi von ihm verlangt. Das gehört sich doch so, jedenfalls in solch einer Situation. Sagt daher strikt

„Sie sind nicht gerade freundlich. Zwar danke ich für das Taschentuch. Aber ich muss Ihnen auch sagen, dass ich Ihre ganze Art, Ihr Handeln und Denken, zutiefst verabscheue. Sie sind mir wirklich äußerst unsympathisch!“ Hat immer noch Tränen in den Augen. Die Erinnerungen, die Schmerzen, sowohl im Fuß als auch im Gesäß, es ist einfach nicht sein Tag heute. Es ist der 24. Dezember 2019, gleich 3:20 Uhr.

„Und was sind Sie? Ein Hochstapler, ein Angeber, ein Fälscher und Blender. M.A.! Dass ich nicht lache!“ Lacht trotzdem laut auf, hält den Strahl wieder voll ins Gesicht des armen Pirrill, dem Blender zum Trotze. So fühlt es sich an, im gleißenden Licht der Schande... Doch da wird sein Gedankengang sehr jäh unterbrochen, die hohe Stimme des Mieters Pannekoken überschlägt sich fast

„Ich bin KEIN Hochstapler. Ich habe den M.A. an der Universität Bamberg gemacht, bei Professor Horst Enzensberger, und nein, es war nicht 1988, es war das Jahr 1989. Damit Sie es nur wissen! So!“ Dieses kategorische „So“ brachte ihm einen Schub fürs angekratzte Selbstwertgefühl. Immerhin, er hatte ja seinen M.A. in der Tasche. Er humpelt voran, ins festlich geschmückte Wohnzimmer - und schaltet die Hauptbeleuchtung an. Prompt knipst der Räuber seine Taschenlampe aus. Energie sparen, so lautet heutzutage die oberste Devise. Save the planet. Greta wäre jetzt sicherlich sehr stolz auf ihn

Wonnehaupt ist beeindruckt. Ein wunderschöner, sehr kleiner Weihnachtsbaum steht in der Ecke, in einem Jutesack, sehr nett bestückt, 4 Lichterketten,  allerlei Lametta - und der Einbrecher/Räuber kann nicht umhin, den Schalter zu betätigen. Sofort beginnen die Lichter zu tanzen, führen um den Baum herum, erleuchten die ganze Szenerie. 9 Geschenke, hübsch verpackt, sind auf dem Boden verteilt. Ein Schlitten steht daneben, davor ein niedliches Rentier, mit seiner Plüschnase, rot. Dieses Arrangement erschüttert des Räubers böse Seele zutiefst. Er fängt nun jämmerlich zu schluchzen an. Diese Erinnerungen... Nie hatte er ein richtiges Weihnachts-Fest unter einem Christbaum, mit vielen Geschenken. Er weint jetzt bitterlich. Tröstend nimmt ihn Pannekoken in den Arm. Geleitet ihn zur Couch. Er serviert seinen besten Weinbrand, einen Suau Brandy Reserva Privada 50 Anos, ein edles Tröpfchen

An der Wand, direkt über ihnen, hängt ein Zertifikat der Universität Bamberg, unterschrieben von Professor Enzensberger, das Herrn Pirrill Pannekoken als einen Meister der Freien Künste ausweist. Es ist aus dem Jahr 1989. Reiner Wonnehaupt beachtet es allerdings nicht

Wonnehaupt trinkt den edlen Cognac in einem Schluck. Lässt sich nachschenken. Bedenkt den Gastgeber mit einem Blick, der ohne Zweifel anrührend-vertraulich und äußerst empathisch ausfällt. So übel ist dieser Mensch dort gar nicht, Meister Pfannkuchen. Und wer weiß, kann ja durchaus sein, vielleicht gibt es diesen Professor Enzensberger und eine Universität in Bamberg ja wirklich... Aber einen Meister der Künste...?

Pannekoken hat sich auch einen (großen) Cognac eingeschenkt. Schwenkt ihn im bauchigen Glas, erhebt es und trinkt genüsslich. Er hat leider überhaupt nicht darauf geachtet, dass seine Pyjama-Hose hinten voller Blut ist, und das Gesäß auch noch weiterhin sanft blutet. Seine ziemlich neue Couch wird, leider, schwer in Mitleidenschaft gezogen durch das Malheur. Aber nach dem 3. Glas ist ihm das auch egal. Der linke Fuß pocht, der Gluteus maximus schmerzt erheblich, aber die Stimmung ist gut, wird sogar nach und nach immer besser und ausgelassener. Weihnachtsfreude stellt sich ein

Bald singen beide Weihnachtslieder. Plötzlich steht Pannekoken auf und überreicht Wonnehaupt eines der Pakete, die unter dem Baum lagerten. Weinend vor Freude, Reiner Wonnehaupt ist außer sich, reißt er das Geschenkpapier herunter und öffnet die große Box. Es sind hübsche Schneestiefel, Größe 48

„Ich habe Größe 44, Herr Pannekoken. Das müssen wir umtauschen gehen. Gleich nach Weihnachten... Sie leben ja auf großem Fuße.“ Streichelt den Fellbesatz seiner neuen Stiefel. Er ist glücklich. So hatte sich Wonnehaupt das immer gewünscht. Ein besinnliches Weihnachtsfest im Kreis der Lieben, unterm Christbaum, mit Präsenten - und einem guten Cognac

Tränen in den Augen, vor schierer Freude fließt ihm das Herz jetzt über, das also ist Glück! So also fühlt sich Glück an

Beide lachen. Trinken weiter. Man duzt sich. Der eine immer noch in der Goretex Winterjacke, dick verpackt, mit einer Bommelmütze auf dem Kopf, der andere im Pyjama, immer noch mit nackten Füßen. Einer schwitzt, dem anderen ist ein wenig fröstelig. Schließlich ist es sehr zapfig da draußen. Es geht auf 5 Uhr zu. Die Stadt erwacht. Hier fanden sich, am Weihnachtsmorgen, zwei Freunde. Diese Weihnachtszeit... Immer wieder anheimelnd, erfrischend besinnlich und so wunderbar Frieden stiftend. Pannekoken und Wonnehaupt. Eine herrliche, wundersame Begegnung. Sie heirateten auf dem Standesamt Mitte, in München, an einem Freitag, und zwar dem 13. März 2020. Und die Flitterwochen verbrachten sie auf den Malediven, Honeymoon im Club Noonu. Unvergesslich schön. Wundervolle 3 Wochen lang

Dem Vernehmen nach sind sie bis heute ein sehr glückliches Paar. Pannekoken ist immer noch Hausmeister an der Grundschule Berner Straße, und Reiner Wonnehaupt hat tatsächlich einen ehrbaren Beruf ergriffen, er ist jetzt MVG-Kontrolleur. Ohne jeden Pensionsanspruch. Aber mit 13. Monatsgehalt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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