Wolfgang Hoor

Das Zimmer des Grauens, eine unglaubliche Geschichte

Emilie ist 10 Jahre alt und geht seit Ende August zum Gymnasium. Jetzt sitzt sie in ihrem Zimmer am Schreibtisch. Vor ihr liegt das Hausaufgabenheft. Sie geht noch einmal alles durch, was sie für den nächsten Tag geschafft haben muss. Es war ein anstrengender Tag. Fast eineinhalb Stunden hat sie an den Deutsch-, Mathematik- und Englischaufgaben gesessen, hat den s-Laut geübt, hat die Quadratzahlen bis 19 auswendig gelernt, hat sich mit den Englisch-Vokabeln zu Lektion 3 abgequält. Jetzt ist sie geschafft, müde, aber zufrieden. Sie reckt und streckt sich. Es stimmt, am Gymnasium wird eine Menge verlangt, aber sie kriegt es hin. Sie ist stolz auf sich. „Papa, ich bin mit den Hausaufgaben fertig. Ich geh jetzt zur Christa. Ist das o.k.?“ Ihr Vater, der die ganze Zeit im Hausflur ein Fahrrad repariert hat, antwortet nicht. Sie steht auf. Hört sie der Papa nicht? Sie steht auf und bewegt sich auf die Tür zu. „Papa, ich bin mit den Hausaufgaben fertig. Ich geh spielen.“

Emilie sucht in ihrem Schrank noch ein Springseil für draußen. Als sie zur Tür will, steht da einer. Was ist denn das? „Papa?“ Nein, das ist nicht der Papa. Das ist ein Fremder. Im Raum wird es dunkler. Sie kann das Gesicht der Person, die in der Tür steht, nicht erkennen. „Aber Kind, das ist doch nicht möglich, dass du jetzt spielen willst. Du bist doch jetzt auf dem Gymnasium. Da muss man ganz viel lernen.“ Emilie kann das Gesicht der Person, die da steht, nicht erkennen. Aber die Stimme.

Das ist doch nicht möglich. Das ist doch die Stimme ihres Mathematik-Lehrers. Was macht der denn hier? „Du musst jetzt immer ganz viel lernen“, sagt die Stimme. Emilie weicht zurück. „Aber ich bin doch fertig mit meinen Hausaufgaben. Sie können ja in mein Heft schauen. Ich bin jetzt mit meiner Freundin verabredet.“ Der Mathematiklehrer wird von hinten angestoßen. Er kommt ein bisschen weiter ins Zimmer. Hinter dem Mathematiklehrer hört sie die Stimme des Englisch-Lehrers. „Fertig?“, ruft der. „Was heißt hier fertig? Mit den Vokabeln ist man niemals fertig.“

„Papa“, ruft Emilie, „komm schnell mal in mein Zimmer. Da sind fremde Leute. Die wollen mich nicht aus dem Zimmer lassen. Die haben hier nichts verloren.“ – „Was soll das heißen, wir hätten hier nichts verloren“, ruft jetzt eine weibliche Stimme.“ – „Ich will raus!“, ruft Emilie. Sie stürmt auf die Tür zu, stößt aber auf den Bauch ihres Mathematiklehrers. „Sie sagt, sie ist fertig“, rufen der Mathematik- und der Englisch-Lehrer. „Und mit dem s-Laut ist man niemals fertig. Niemals“, ruft die Frauenstimme. Das muss Emilis Deutschlehrerin sein.

Jetzt stehen alle drei Lehrer nebeneinander und versperren den Ausgang aus dem Kinderzimmertür. Sie reden durcheinander, erst langsam und deutlich , dann immer schneller, alle durcheinander. „Mit den Vokabeln fertig? Niemals.“ – „Mit dem s-Laut fertig, niemals!“ – „Mit den Quadratzahlen fertig: Niemals.“ – „Papa, komm, hilf mir doch! Meine Lehrer wolle mich nicht rauslassen. Komm, verjag sie doch. Sie haben doch in unserer Wohnung nichts verloren.“ Aber der Papa kommt nicht. Im Zimmer wird es immer düsterer, so als stünden auch noch Leute vor ihrem Fenster. „Hilfe!!!“, schreit Emilie. „Ich brauche Hilfe.“

Jetzt sind die drei Lehrer bei Emilie. Der Englisch-Lehrer packt sie am rechten Arm, der Mathematiklehrer packt sie am linken Arm, die Deutschlehrerin fasst von hinten ihren Hals. „Jetzt gibt es keine Widerrede mehr!“, sagt die eine Stimme. „Jetzt gibt es keine Ausrede mehr!“, sagt die andere Stimme. „Jetzt gibt es kein Aber mehr“, sagt die Englisch-Lehrerin. Die Lehrer schieben und zerren das Mädchen zu ihrem Schreibtischsessel. Jetzt gehen die Stimmen alle durcheinander. „Sie hat sich uns widersetzt! Unerhört!“ – „Sie wollte fliehen! Unerhört!!“ – „Sie hat mich mit dem Fuß getreten, unerhört.“ – „Sie ist frech und uneinsichtig und hinterhältig. O, wir werden sie schon noch zur Vernunft bringen.“ Die drei Lehrer halten Emilie auf ihrem Stuhl fest.

„Wir brauchen Verstärkung!“, ruft der Englischlehrer. „Ach, ja, da sind schon die anderen am Fenster. Kommt herein, die Göre gehorcht einfach nicht. Versteht einfach nicht, dass man am Gymnasium immer nur eines muss: Lernen, lernen, lernen, lernen. Kommt rein. Wo ist die Erdkunde?“ – Die Erkunde ist weiblich. Sie tritt hinter die Deutsch-Lehrerin. „Ich sage nur: auswendig, auswendig, auswendig. Rhein, Donau, Weser, Elbe, Wupper, Isar, Lech Isar Inn. Wo ist eigentlich die Biologie geblieben. Sie ist als Beifahrer mit mir hier hergekommen.“ – Es wird im Raum immer dunkler. Der Bio-Lehrer macht sich bemerkbar. „Ich sage nur: Gattungen, Familien, Arten, Spezies, Subspezies, Fauna, Flora, alles, alles, alles muss man wissen.“ Jetzt hört man aus dem Lehrerknäuel, der sich gebildet hat, den Religionslehrer rufen: „Und das alte Testament. Und das neue Testament, und Genesis, und Exodus und Levitikus; Und Numeri. Das muss man alles wissen, alles, alles , alles!“

„Und was machen wir jetzt“, ruft die Religion. „Sie hat sich widersetzt“, rufen die Lehrer im Chor. „Sie hat es gewagt, sich uns zu widersetzen. Wir müssen sie an ihrem Stuhl festmachen, sonst läuft sie uns noch weg.“ Alle Lehrer beteiligen sich daran, Emili zu fesseln, ihr den Mund mit Klebeband zu verkleben, ihre Hände und Füße zu an den Beinen ihres Sessels festzubinden . „Jetzt ist Schluss mit dem Aufstehen, ohne dass man dafür um Erlaubnis bittet.“ – „Und jetzt ist Schluss mit frecher Widerrede. Jetzt hörst du einfach zu , was man dir sagt.“ – „Jetzt ist Schluss mit aus dem Fenster schauen. Vorne am Lehrerpult spielt die Musik. Und jetzt heißt es: Quadratzahlen – S-Laut – englische Vokabeln. Damit wird man nie fertig.“ Die Lehrer reden durcheinander, bis man nichts mehr versteht, bis es ganz dunkel geworden ist.

Und Es wäre vielleicht ewig so weiter gegangen, wenn nicht plötzlich alle Lichter in Emilis Zimmer angegangen wären. Plötzlich wird es ganz still. In der Tür erscheint noch eine Gestalt, diesmal ist es der Direktor der Schule. Er drängt die Lehrer von Emili weg, erkennt, dass ihr Mund verklebt ist, befreit sie von dem Klebeband. „Was ist denn hier los? Herr Englischlehrer?“ – „Das Kind sagt, es ist mit den Hausaufgaben fertig. Dabei muss es noch so viel lernen, lernen, lernen!“ – Er wendet sich an Emili. „Was sagst du dazu?“ - „Ich war mit den Hausaufgaben fertig und wollte rausgehen, und da kamen die.“ „Und wie lange hast du heute gearbeitet?“ – „Eineinhalb Stunden.“ - Direktor: „Aber dann warst du doch fleißig! Dann hast du doch ordentlich gearbeitet! Dann musst du doch jetzt auch noch genug Zeit haben, um spielen zu gehen. Das steht doch sogar in den Büchern, nach denen sich die Lehrer richten sollen. Los, bindet sie los.“ Emili ist glücklich. „Danke, dass sie das gesagt haben. Ich muss noch genug Zeit haben, um zu spielen.“ Sie läuft so schnell sie kann aus dem Zimmer des Schreckens.

Draußen im Flur repariert ihr Vater immer noch an seinem Fahrrad. „Papa, hast du mich nicht gehört? Ich hätte eben deine Hilfe gebraucht. Meine Lehrer haben mich überfallen, stell dir das mal vor, und haben mich gefesselt.“ Der Vater lacht. „So sind die Lehrer schon immer gewesen. Sie überfallen einen und wollen, dass man sich nicht mehr bewegen kann und nur das macht, was sie wollen. Und du bist ihnen entkommen? Da musst du aber ganz schön tapfer gewesen sein.“ – „Ja Papa, ich glaube, das war ich.“ Und sie lässt sich von ihrem Papa an die Brust drücken.

Dass dieser Papa kriegt nichts, aber auch gar nichts schnallt! Er repariert immer noch sein Fahrrad, und dabei ist der Direktor mit den Lehrern immer noch in Emilis Zimmer. Und Sie kriegen erst einmal eine Woche lang Stubenarrest und Nachsitzen, bis sie kapiert haben, dass ein Kind in der Klasse 5 höchstens für eine Stunde Hausaufgaben aufbekommen darf. Und außerdem müssen sie noch das Buch auswendig lernen, in dem drinsteht, welche Rechte die Schulkinder haben.

Aber der Papa merkt ja auch gar nichts! Die Schar der Lehrer geht mit hängenden Köpfen an ihm vorbei, glücklich, dass sie nicht gesehen werden, und der Direktor grüßt auch noch stolz, und der Papa schaut nicht mal auf. So ein undankbarer Papa aber auch! Am Abend fragt Emili: „Sind die Lehrer noch da?“ – Und der Papa sagt eine ganz doofe Antwort. Er sagt: „Die Lehrer sind immer da, auch wenn sie nicht da sind.“ Was sich der Papa wohl bei dieser Antwort gedacht hat? Jedenfalls glaubt er der Emili immer, wenn die sagt, dass sie mit ihren Hausaufgaben fertig ist, und das ist für Emili die Hauptsache.

Die Geschichte geht auf ein Theaterstück zurück, das ich in meiner Theater-AG an einem Gymnasium mit Schülern der 6. und 7. Klasse für die Begrüßung der neuen Klasse 5 geschrieben habe. Das Stück hat damals tiefen Eindruck gemacht. Wolfgang Hoor, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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