René Oberholzer

Wieder einmal

Wieder einmal Weihnachten. Beim Vater. Hunderte von Kilometern gefahren, um ihn zu sehen. Der Vater krank und desinteressiert. Wenigstens eine schöne Unterkunft. Und brave Kinder. Und viele DVDs. Vielleicht ist es das letzte Mal. Hier geboren, von hier weggezogen. An der Landschaft hatte es nicht gelegen, schöne Hügel, pittoreske Berge, nicht hoch, aber schön, eine verschlafene Gegend, etwas abseits. Seit Mutters Tod hätte sich etwas entwickeln können, eine Art Annäherung, eine Art Versöhnung. Hatte Vater doch immer unter ihrer Knute gestanden. Doch einmal im Jahr genügte nicht. Die Distanz war geblieben, wurde nicht kleiner, trotz der Medien. Ihn zu sich zu holen, war einmal eine Option gewesen, doch Vater hatte im letzten Moment vor Jahren abgesagt, wollte dort bleiben, wo er geboren wurde, wo seine Wurzeln waren, im Tal der Ahnungslosen. Das Wetter war nass, trüb und kalt. Alles hier war fremd geworden. Auch der Vater und die Hügel der Jugend. Durchhalten diese Tage, einfach durchhalten, schlafen, aufstehen, ein wenig essen, zum Vater gehen, ein wenig spazieren, mit den Kindern, denen der Grossvater auch fremd geworden war. Immerhin hatte Vater die Unterkunft bezahlt, eine Art kostenloser Urlaub. Doch Vater, obwohl im gleichen Ort wohnhaft, war meilenweit entfernt, er wolle uns heute nicht sehen, vielleicht auch morgen und übermorgen nicht. Was würde übrigbleiben von ihm, von dieser Reise, bei ihm, bei uns, nach unserer Abreise? Vermutlich verzerrte Bilder einer verregneten und kalten Landschaft. Wieder einmal Weihnachten. Am Tag unserer Abreise fragte Vater noch: "Wann kommt ihr wieder?"

 

 © René Oberholzer

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