Wolfgang Hoor

Loslassen - Loswerden

„Ich muss ihn loswerden“, sagte Manuela. „Was bildet er sich ein? Vor vier Monaten habe ich ihm geschrieben und ihm den Laufpass gegeben, aber er will es nicht, wahrhaben, der sture Bock.“ Wir saßen bei einer Tasse Kaffee an der Straße, beim Italiener, sahen den Flanierenden zu und ließen uns die Sonne auf den Pelz brennen. Dr. Manuela Lieb saß hochaufgerichtet da, als hätte sie einen Stab verschluckt. Sie hatte mich angerufen, um sich mit mir auszusprechen. Ich war sehr erstaunt darüber.

Wir hatten uns bei einem sogenannten Ärzte-Fortbildungskurs kennen gelernt, bei dem für ein neues Medikament zur Blutverdünnung geworben wurde. Zufällig saßen wir uns gegenüber, hatten den Weg zum Buffet ziemlich spät angetreten und uns mit Resten begnügen müssen. Wir hatten über die Gier der Ärzte geschimpft und uns sympathisch gefunden. Damals sprachen wir nur über Berufliches. Trotzdem hatte ich ihr das Du angeboten, sie hatte es freudig angenommen. Das Übliche war gefolgt: Austausch der Adressen und der Telefonnummern. „Lieb, passt das eigentlich zu dir?“, fragte ich Manuela. „Wer weiß!“, sagte sie lachend. „Und Lauer, passt das etwa?.“ – „Lassen wir die Nachnamen. Mir ist jedenfalls Manuela und Claudia lieber.“ Sie nickte, wir lachten.

Erst jetzt, im Sonnenschein eines wolkenlosen Tages, betrachtete ich sie genauer. Sie war schick gekleidet, dezent geschminkt, eine attraktive Frau, die keinen Verlobungs- oder Ehering trug. „Ja, ja die Männer“, sagte ich in scherzhaftem Ton und dachte dabei an meine Kollegen in unserer Gemeinschaftspraxis und an die gierigen Kollegen, die sich auf das Buffet gestürzt hatten. „Nichts als Scherereien hat man mit ihnen.“ Sie ließ sich mit Eifer und Wut auf dieses Thema ein. „Manche mögen ja süß sein, aber im Grunde begreifen sie nie, was Sache ist.“ Ich fand diese Verallgemeinerung dumm, ich finde meinen Mann weder stur noch begriffsstutzig, und sein Verhältnis zu meinen beiden Töchtern ist in Ordnung. Aber ich griff nicht ein. Sie hatte diese unüberlegten Verallgemeinerungen vielleicht gerade eben nötig. Ich ließ sie weiter über die Männer herziehen und fand ihre Ungerechtigkeit rührend. Wahrscheinlich ist sie unglücklich verliebt, dachte ich. „Und was willst du mit dem Typ jetzt machen, der nichts begreift?“ – „Ihn loswerden natürlich.“ „Und warum bist du sooooo sauer auf ihn? Was hat er getan?“ – „Was er getan hat? Er schreibt mir Briefe. Er erinnert mich an eine Vergangenheit, an die ich nicht erinnert werden will. Ich liebe ihn nicht mehr, verdammt. Kein Kribbeln im Bauch, wenn ich an ihn denke, keine Sehnsucht nach seinen Augen oder seinen Händen.“ Jetzt wandte sie ihr Gesicht von mir ab, stand plötzlich auf und ging zur Toilette. Ich sah ihr fasziniert nach. Sie ging, als hätte eine junge Tanne Beine bekommen. Und kein Blick nach links und rechts. Fest und sicher. So wäre ich auch gern, dachte ich. Aber die Mitmenschen nach dem Kribbeln im Bauch zu beurteilen, fand ich doch sehr übertrieben.

„Weißt du“, sagte sie, nachdem sie wieder neben mir Platz genommen hatte, „ich brauche deinen Rat. Was soll ich machen, wenn er mir wieder schreibt?“ - „Wirf seine Briefe einfach weg, ungelesen. Wenn er dich durch nichts anderes als durch seine Briefe belästigt, ist das doch kein Problem.“ – Sie sah aus, als hätte sie nicht zugehört. „Immer wenn ein Brief von ihm kommt, hoffe ich auf ein versöhnliches Ende, etwa in dem Sinn: Ich versteh dich, ich lass dich jetzt in Ruhe. Wir hatten eine schöne Zeit miteinander. Die ist jetzt vorbei. Aber dann lese ich nur Beschwörungen, Überlegungen, wie es zwischen uns wieder gut werden könnte.“ Sie stampfte mit dem Fuß auf. „Du hast ihn geliebt?“ – Sie nickte. Und dann wechselte sie unvermittelt das Thema. Wir stellten fest, dass wir das gleiche Filmgenre liebten und verabredeten und für die kommende Woche.

In der folgenden Woche sahen wir „Die Männer, die ich liebte“ mit Catherine Deneuve. Bei diesem Film ging Manuela mit, als wäre es eine religiöse Handlung. Sie war ganz andächtig, und als die Hauptdarstellerin erklärte, dass für sie eine Beziehung zu einem Mann nur in Frage komme, solange die berühmten Schmetterlinge im Bauch lebendig seien, klatschte sie in die Hände. „Der Film kommt mir wie gerufen“, seufzte sie, als wir im Kino-Café zusammensaßen und zusammen einen halben Liter Rotwein tranken. „Ich sehe, dass mein Problem ein Problem vieler Frauen ist. Warum kann der sture Bock nicht verstehen, dass ich ihn nicht mehr liebe und dass wir folglich nicht mehr zusammengehören? Gestern hat er mir wieder geschrieben.“ – „Und?“ – „Ich hab den Brief weggeschmissen.“ – „Na, gut. Dann ist ja alles in Ordnung.“ – „Nur halb. Leider weiß ich, dass der Müll erst in ein paar Tagen abgeholt wird und ich könnte den Brief immer noch herausfischen, wenn mich wieder so ein verrücktes Reuegefühl überfällt.“ - „Du musst den Brief zerreißen oder verbrennen.“ – Sie zuckte mit den Achseln und wich, in sich gekehrt, lange Zeit meinem Blick aus. Dann stand sie unvermittelt auf, um zur Toilette zu gehen. Ihr Schritt, ihr aufrechter Gang, war nicht mehr so sicher wie beim ersten Mal, als ich sie hatte weggehen sehen. Ich dachte lange darüber nach, was sich geändert hatte. Sie lief immer noch wie auf Schienen, geradewegs, aber ihre Beine waren nicht mehr die einer kerzengerade gewachsenen Tanne. Es sah so aus, als müsse sie sich an-strengen, um nicht nach links und nach rechts zu schauen.

Als sie zurückkam und sich setzte, sah sie erschöpft aus. Diesmal trug sie einen Ring, einen Verlobungs- oder Ehering. Als sie ihr Weinglas mit beiden Händen hob, sah sie, worauf sich mein Blick gerichtet hatte, und sie errötete. „Ich bin verheiratet.“ Nach einer Pause: „Seit acht Jahren.“ Nach einer weiteren Pause: „Meine beiden Jungen sind mir sehr sehr wichtig.“ Und dann: „Mein Mann ist in den USA. Wahrscheinlich für ein halbes Jahr.“ Ich sah sie etwas hilflos an. „Du musst also einen Liebhaber los werden?“ – Sie schüttelte leicht den Kopf. „Wenn es nur das wäre!“ Und dann lächelte sie ein wenig. „Irgendwie ist es aber schon so.“ Ich wartete auf weitere Erklärungen, aber es kamen keine. „Lass mal!“, sagte sie schließlich. „Irgendwann werde ich dir die ganze Geschichte erzählen, aber zur Zeit bin ich dazu noch nicht in der Lage.“ Ich nickte gehorsam. Sie lächelte. „Jetzt überschütte ich dich die ganze Zeit mit meinen Problemen. Erzähl du doch mal ein bisschen von dir.“

Ich muss gestehen, dass mich diese Frau nun ziemlich beschäftigte, anzog und abstieß. Ihre Geschichte kam wie eine Kriminalgeschichte daher. Wer mochte denn nun der geheimnisvolle Nicht-Mehr-Geliebte sein? Dass sie ihn nicht mehr brauchte und wollte, konnte ich gut verstehen. Es war klar, dass der Geliebte ihre Ehe zerstören würde, wenn sie ihn gewähren ließ. Und gerade in der Zeit, wo ihr Mann in den USA war, konnte es nur vernünftig sein, sich ihn vom Leibe zu halten. Aber wie stand es um ihre Beziehung zu ihrem Mann? Ihre Auskünfte waren lakonisch gewesen. Er arbeitete für ein halbes Jahr in den USA. Kein freundliches Wort über ihn. Wollte sie vielleicht nicht den Liebhaber, sondern den eigenen Mann loswerden? Wer fühlt noch nach vielen Jahren Ehe „Schmetterlinge“ im Bauch? Menschen, dachte ich, sind wirklich unberechenbar. Wer weiß, was sie wirklich umtreibt?

Ein paar Tage später kam ein Anruf von ihr. Sie hatte geweint. Man hörte es an ihrer Stimme. „Jetzt brauche ich dringend deine Hilfe. Er hat angekündigt, dass er kommt. Einfach so. Ohne eingeladen zu sein. Es hat in dem Brief gestanden, der schon im Müll lag und den ich nicht verbrannt habe.“- „Weißt du denn, wann er kommen will?“ – „Nein. Er hat gesagt, er klingelt einfach an.“ – „Dann machst du einfach nicht auf. Habt ihr keine Gegensprechanlage?“ – „Das schon. Ich kann ihn sogar über eine Kamera im Eingangsbereich sehen.“ – „Wo ist das Problem? Du sagst ihm, wenn er vor der Tür steht, dass er sich in die Büsche schlagen soll.“ – „Das kann ich nicht, das kann ich einfach nicht.“ – „Wieso kannst du das nicht? Du hast ihm das doch schon geschrieben.“ – „Schreiben und ihn vor mir sehen sind zwei paar Stiefel.“ – „Du bist immer noch verliebt in ihn!!!“ – „Nein, nein, wirklich nicht. Ich war das vielleicht mal, als ich so acht, neun Jahre war.“

„So lange geht eure Beziehung schon?“ – „Verdammt noch mal. Es geht nicht um einen Liebhaber. Es geht auch nicht um meinen Mann.“ – „Um wen geht es dann?

„Um meinen Vater!!!“

Und dann beendete sie das Gespräch abrupt.

Acht Tage später sahen wir uns wieder. Es war noch einmal schön, vielleicht der letzte richtig schöne Sommertag. Wir saßen wieder beim Italiener und sahen den Flanierenden nach. Viel mehr als die Begrüßung und ein paar Floskeln über das schöne Wetter hatten wir nicht hinbekommen. Wir hingen beide unseren eigenen Gedanken nach. Sie will ihren Vater loswerden, als wäre er ein Liebhaber, dachte ich. Was ist das für eine Beziehung? Sie ging zur Toilette. Sie wusste wohl nicht, was wir uns noch sagen sollten. Diesmal schaute sie sich beim Gehen um, so als suche sie jemand, den sie um Hilfe bitten könnte. Als sie zurück war, schimmerten Tränen in ihren Augen. „War er schon da“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Warum willst du ihn denn so vollständig aus deinen Leben streichen?“ – Sie zuckte mit den Schultern. – „Wenn er mir wenigstens gleichgültig wäre. Aber das ist er eben nicht.“ – „Kannst du nicht mit dem Verstand an die Sache herangehen? Er hat dir doch nichts getan, oder? Er könnte dir eines Tages doch wieder wichtig werden, weil er dein Vater ist.“ – Sie zuckte wieder mit den Schultern. Sie hatte offensichtlich nicht zugehört. „Wenn ich wenigstens richtige Gründe hätte. Die hab’ ich nicht. Ich will ihn bloß nicht mehr sehen oder hören. Ich will mein eigenes Leben führen. Ach, das kann wahrscheinlich niemand verstehen.“ – Ich schaute weg. Was für eine Frau! – „Gründe!“, sagte sie leise. „Gründe, Gründe. Die brauche ich. Das ist es. Und da kann mir keiner helfen.“

Wir waren schon dabei uns zu verabschieden, da fiel mir etwas ein. Ein fieser Rat. Ich hasse die Psychotherapeuten, die der ganzen Welt ihre eigene Moral überstülpen und die wissen, wie einer vor 30 Jahren hätte handeln müssen. „Manuela“, sagte ich, während ich sie in die Seite stieß und ironisch grinste. „Hast du schon mal an einen Psychotherapeuten gedacht?“ – Sie schaute mich verständnislos an. – „Verstehst du nicht? Die schnüffeln ein bisschen in deiner Kindheit herum, und schon erfährst du, dass dein Vater ein Scheusal war.“ – „Echt? Glaubst du?“

Ihre Augen leuchteten.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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