Aylin

Weihnachtsbaum

Weihnachtsbaum

 

Vom Balkon aus sehe ich, wie der Baumlieferant auf dem Parkplatz seinen Laster rangiert. Da kommen die Weihnachtsbäume.

Eigentlich hatte ich mich entschlossen, diesmal nur Zweige in die neue Bodenvase zu stellen und keinen Baum zu kaufen. Nicht wegen Greta Thumberg, nicht wegen des Preises. Ja, warum eigentlich?

Nun schaue ich, wie der Verkäufer sorgfältig jedes einzelne Bäumchen aus seinem Fadengitter befreit und ausbreitet. Schon bald ist der Parkplatz eingerahmt von Grün, der graue Beton der Häuser schimmert heller im Licht der Lichterkette. Sanft spiegeln die Tannen das Licht. Weihnachtlich.

Solange mein Mann noch einen Baum schleppen kann, warum sollte ich dann keinen haben? rebelliert es in mir.

Ich beobachte vom Balkon aus, wie die ersten Kunden die sehr großen Bäume holen. Solche sind immer rasch weg. Und in mir kommen Bilder hoch. Bilder von Harmonie und Tradition, wie Vater und ich jedes Jahr unseren Baum schmückten, den riesigen, der kaum durch die Tür passte. Wie der Duft nach Harz und Nadeln den Raum erfüllte, wie die alten roten Kugeln vorsichtig aus dem Papier gewickelt wurden, dass ja keine zerbräche. Bilder, wie ich mit den goldenen Lamettaschlangen kämpfte und Vater und ich lachten. Bilder, wie der Baum hoheitsvoll am Ende unserer Bemühungen die gute Stube zu dem besonderen Zimmer des ganzen Jahres machte. Wie am heiligen Abend alle unserer großen Familie am Tisch saßen, der viel zu klein war, schmausten und später spielten, Bowle tranken, plauderten und Spaß hatten. So war es immer, auch bei Oma, zu der wir alle am ersten Weihnachtstag durch weite, verschneite Felder stapfen mussten. Der erste Blick ging immer zu dem Weihnachtsbaum, den auch sie selbstverständlich hatte. Einen schönen Baum hast du, sagte man und alle grinsten.

 

Plätzchenduft und der Geruch von Knickebein in Schokolade meinen meine Nerven nun zu erspüren, obwohl nichts da ist. Ich schließe die Augen.Sehe mich mit Töchterchen den Weihnachtsbaum schmücken, jedes Jahr. Damals kauften wir Bäume im Topf, die dann im Garten ausgepflanzt werden konnten. Irgendwann waren die Zaunränder mit Tannen zugepflanzt und doch hatten wir jedes Jahr einen Baum. Das glückliche Lächeln unserer Tochter, die heimelige Tradition, etwas fortzuführen, was Bilder in einem erschafft, ließ mich nie zweifeln. Schließlich werden die Bäume ja extra dafür gepflanzt. So oft sind wir mit den Hunden an den Tannenschonungen gelaufen.

Der entsetzte Blick meiner erwachsenen Tochter auf meine Aussage hin: Ich mach dieses Jahr nur Zweige, ließ mich schwanken.

Irgendwo in einem polnischen Laden habe ich Knickebeinkugeln erstanden und alle aufgekauft. Ich schnuppere daran und wieder kommen diese Bilder. Von großen Papptellern, die voller Süßigkeiten waren, Nüssen, Plätzchen, voll von all dem, was man sich sonst nicht leisten konnte.

Unser Enkelchen, soll der keine Bilder haben? frage ich mich. Diese Bilder sind ein Geschenk, ein Halt in einem hektischen Leben in der heutigen kalten und organisierten Welt. Ich habe es meiner Tochter ermöglicht, diese Bilder in sich zu tragen. Meine Familie hat es mir ermöglicht: Omas Gulasch, Omas Lebkuchenhäuschen, Omas viel zu kleine, viel zu warme Wohnstube mit dem riesigen Kachelofen und dem noch riesigeren Weihnachtsbaum. Heute noch seh ich ihn, und heute bin ich zweiundsechzig. Soll der Kleine keine Weihnachtsbilder von Oma haben?

Gestern schon habe ich den Lebkuchenteig vorbereitet für die Knusperhäuschen für Töchterchen und Enkelchen. Es duftet nach Honigkuchen, als ich in den Flur gehe, um meinem Mann zuzurufen: Komm, wir gehen einen Weihnachtsbaum kaufen. Der Parkplatz steht voller Bäume. Fragend sieht er mich an. Wolltet du nicht dieses Jahr…? Nein wollte ich nicht, antworte ich bestimmt. Der Kleine braucht Bilder. Mein Mann zieht eine Augenbraue hoch: Bilder…? Aber nicht so einen großen.

Ich winke ab. Hab die Jacke schon an.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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