Wolfgang Hoor

Knecht Ruprecht und das himmlische Paddle

Es war einmal eine brave Mama namens Ute, die hatte einen Sohn namens Tom. Die Mama verdiente als Bankangestellte das Geld, das die beiden brauchten, und der Tom ging in die Schule. Er war zehn Jahre, war in der Klasse 5, wurde meistens gelobt, machte manchmal Dummheiten, bekam dafür von seiner Mama den Hintern versohlt, wie das damals noch üblich war. Weil sie sich nach einer Tracht Prügel schnell wieder versöhnten, lebten sie glücklich und zufrieden.

Manchmal gab es eine Tracht Prügel, weil sie sich versprochen hatten, nie zu lügen. So geschah es, dass Tom unter dem Tisch einen Euro fand. Er steckte ihn in die Tasche und ließ ihn in seinem Sparschwein verschwinden. Er wollte nämlich seiner Mama demnächst zum Hinter-Versohlen ein schönes hölzernes Paddle schenken. Er fand, der Kochlöffel, den seine Mama benutzte, passte nicht mehr zu einem großen Jungen, wie er einer war. Natürlich wusste seine Mama nichts mehr von dem Euro unter dem Tisch. Und als Mama wie bei jedem Abendessen fragte, ob er was zu bekennen habe, erzählte er die Geschichte von dem Euro. Die Mama lächelte ihm freundlich zu. „Was bin ich froh, dass ich einen ehrlichen Jungen habe. Machen wir es in deinem Zimmer?“ Tom nickte, und zehn Minuten später klatschte der Kochlöffel fröhlich auf Toms Hintern. Man hörte es im ganzen Haus, und die Leute in den anderen Wohnungen sagten anerkennend: „Die Ute versteht sich aber auf Erziehung, das macht sie großartig.“

Aber dann kam der Tag an dem alles anders zu werden drohte. Es war beim Abendbrot im Januar 2001. Da fragte die Mama: „Habt ihr in der Schule was gelernt, was auch ich wissen muss.“ - „Wir haben in der Schule gelernt, dass Eltern ihre Kinder nicht schlagen dürfen“, sagte Tom. „Hast du das gewusst?“ – Die Ute, die so fröhlich den Kochlöffel schwingen konnte, brauchte etwas Zeit, bis ihr was einfiel. „Natürlich weiß ich das. Aber du bist ja nicht irgendein Kind, du bist mein Tom, und das ist was ganz anderes.“ Er nickte. „Aber ich könnte dich bei der Polizei anzeigen“, sagte er. „Obwohl ich dein Tom bin. Die Lehrerin hat das gesagt und dann hat sie gefragt, wer zu Hause noch den Hintern versohlt bekommt. Da habe ich gelogen und mich nicht gemeldet. Ist das schlimm, dass ich gelogen habe?“ – „Lügen ist immer schlimm. Aber in diesem Fall vielleicht nicht so schlimm, weil du mit deiner Lüge die Mama in Schutz nehmen wolltest.“ Er atmete schwer. „Verhaust du mich jetzt, weil ich gelogen habe?“ Die Mama seufzte. „Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Was meinst du denn, Tom?“ - „Diesmal ist das schwer zu sagen. Ich habe gelogen, also musst du mich hauen. Wenn du mich jetzt verhaust, hast du aber auch unrecht, weil ich dein Kind bin und du mich nicht hauen darfst.“

Dass sie in der Schule über das Verbot der körperlichen Züchtigung gesprochen hatten, war der Frau doch peinlich. Sie hatte ihm beigebracht, die Lehrer zu respektieren und ihnen zu folgen, und er hatte schon mehrmals den Hintern versohlt bekommen, nachdem er ihr gebeichtet hatte, er sei in der Schule ungehorsam und ungezogen gewesen. Frau Ute war bisher immer auf der Seite der Lehrer gewesen. Es war für sie ein großer Zwiespalt. „Wenn du mir jetzt sagst, ich soll dich nicht hauen, weil es verboten ist und euer Lehrer euch das beigebracht hat, dann gehorche ich, weil man dem Lehrer gehorchen soll. Dann kriegst du nie mehr den Hintern versohlt. Willst du das?“ Er richtete sich auf. „Würdest du das wirklich so machen?“ – „Wenn du es so willst.“ – Er schaute die Mutter ungläubig an. „Meinst du echt, ich darf sagen, was du darfst oder nicht darfst?“ Sie nickte. Er legte seine Hand vor den Mund, schaute sie völlig verunsichert an und schüttelte den Kopf. – „Ich bin doch erst zehn. Ich kann doch nicht bestimmen, was du darfst oder nicht darfst.“ – „In diesem Fall schon. DU musst das entscheiden!“ – Tom wusste nicht, was er sagen sollte. Schließlich meinte er: „Morgen abend sag ich dir dann, wie du es machen sollst.“

Diesen Wunsch konnte sie ihm natürlich nicht abschlagen. Am nächsten Abend wusste Tom noch nicht, wie er sich entscheiden sollte. Und in den folgenden Tagen auch nicht. „Wann krieg ich denn endlich eine Antwort?“, fragte seine Mama. „So lange kannst du mich doch nicht warten lassen. Du hast eine Vier in Mathe geschrieben und hast dich mit deinem Freund Willy geprügelt. Du warst zweimal unpünktlich, und seit du nicht weißt, wie du dich entscheiden sollst, ist dein Zimmer schlecht aufgeräumt. Da muss doch endlich was passieren.“ Und kurz vor dem Nikolausabend hatte er eine Antwort. „Einerseits hätte ich, wenn ich richtig mitgezählt habe, nach den alten Regeln fünfmal eine Tracht Prügel verdient, das heißt gestern sogar zwei. Andererseits muss ich es dir erlauben. Ich erlaube es dir aber nicht mehr.“ Und er pfiff fröhlich ein Liedchen vor sich hin und seine Mama wurde bleich. Dass ihr Tom sie so im Stich lassen könnte bei ihren wichtigen Erziehungsaufgaben, das hätte sie nie gedacht.

Da saß nun die arme Frau Ute sprachlos auf dem Prügelstuhl. Der Junge kam nicht, die neue Zeit ohne die Prügelstrafe überfiel sie wie ein vermummter Räuber in der Nacht und der Junge hüpfte pfeifend in der Wohnung herum, als sei er von einem fürchterlichen Joch befreit. War seine Bereitwilligkeit, für seine Sünden zu büßen, etwa nur eine Lüge gewesen, eine hässliche Verstellung? O, was für ein schrecklicher Gedanke. Dabei liebte sie doch ihren Tom, auch wenn er nicht folgsam war. Schließlich rief sie ihn. Er kam, folgsam, wie er immer gewesen war, pfeifend, glücklich. „Kommst du ein bisschen auf meinen Schoß?“, fragte sie. Das tat er, er streichelte ihre Wange und gab ihr ein Küsschen. „Ist es nicht schön, dass du mich nicht mehr hauen musst?“, fragte er. „Du hast mir ja auch bestimmt nie gerne weh getan, oder? Ich finde es so viel schöner und dass man auch mal was machen darf, was vielleicht nicht richtig ist, aber lustig. Zum Beispiel die Klopperei mit meinem Freund Willy, die war gut für uns beide, jetzt wissen wir beide, dass wir gleich stark sind.“ Und er lachte und rieb seine Wange an der Wange seiner Mama und die fand das auch viel schöner als ihn zu versohlen.

Aber dann kam der Nikolaustag. Der Nikolaus kam in diesem Jahr entgegen seinen bisherigen Gewohnheiten mit dem Knecht Ruprecht. Mutter und Sohn sangen schön, der Nikolaus hatte eine lange lange Liste von guten Nachrichten über den guten Jungen Tom, und es gab ein paar schöne Geschenke für den braven Jungen. Der Nikolaus wusste sogar, dass Tom seit langem schon für ein schönes großes dickes Paddle für seine Mutter gespart hatte. „Jetzt kannst du dein gespartes Geld für was anderes verwenden“, sagte der Nikolaus und überreichte der Mutter das Paddle. Nach der Verteilung der Geschenke, sangen Mutter und Sohn wieder.

Da machte sich aber der Knecht Ruprecht bemerkbar. „Der andere Zettel“, fauchte er. „Du hast den anderen Zettel vergessen, mein Herr Bischof.“ Und da standen sie alle drauf, die ungesühnten Sünden aus den letzten Tagen. Tom erschrak. Das hätte er nun doch nicht gedacht, dass sich sowas so schnell bis in himmlische Höhen herumsprechen könnte. „Dann müssen wir aber handeln“., sagte der Nikolaus streng. Und der Knecht Ruprecht war einer der besten Hinternversohler der Welt. Er schnappte sich das Paddle, das die Mutter bekommen hatte, und dann wurden alle Sünden aus den letzten Tagen gesühnt, und jetzt pfiff Tom nicht mehr lustig, sondern strampelte und kämpfte und heulte, und der Hintern verwandelte sich in ein wüstes Rot, das man gar nicht mehr gerne ansah. Das empfand sogar der Nikolaus als eine Übertreibung. „Nun mach Schluss“, schimpfte er mit dem Knecht Ruprecht. „Der Junge ist meistens gut gewesen.“

Tom weinte noch lange. So etwas Schlimmes hatte er noch nie erlebt. „Aber die Prügelstrafe ist doch hier im Land seit 2000 verboten“, sagte Frau Ute, die Mitleid mit ihrem Tom hatte. Der Nikolaus strich sich den Bart, beriet sich flüsternd mit Knecht Ruprecht. Sie schüttelten die Köpfe, zuckten mit den Schultern, dann sagte der Knecht Ruprecht etwas, was den Nikolaus offensichtlich zufrieden stellte. Er lächelte. „Menschen kann man die Prügelstrafe verbieten, aber nicht dem Nikolaus und dem Knecht Ruprecht. Wir praktizieren das seit unendlichen Zeiten und werden es auch weiter praktizieren. Und wer von uns ein himmlisches Paddle bekommen hat, der darf es auch wie wir benutzen, auch dann, wenn die Prügelstrafe verboten ist.“ Als sie gingen, sang Frau Ute allein. Tom weinte noch immer.

Am nächsten Tag hatten die Frau Ute und der Tom eine Aussprache. Der Besitz des himmlischen Paddles, das musste auch Tom zugeben, berechtigte seine Mutter, ihn zu strafen, unabhängig davon, ob es verboten war. Also waren die lustigen Tage, an denen Tom pfeifend durch die Wohnung gehüpft war, vorbei? Er beichtete seiner Mutter wieder seine Sünden, es gab manchmal immer noch Vieren und Verspätungen und andere Kleinigkeiten, die Mama bestellte ihren Sohn dann wie früher auf ihren Schoß, nahm das himmlische Paddle in die Hand, holte aus, erinnerte sich dann aber daran daran, wie schrecklich sein Hintern nach der Tracht Prügel des Knecht Ruprecht ausgesehen hatte, erschrak vor dem himmlischen Paddle, legte es weg und sagte: „Ich kann es nicht mehr.“ Und nach ein paar Wochen hatte die Mama es aufgegeben, das himmlische Padde zu benutzen. Weil sie den Tom ohne das himmlische Paddle nicht schlagen durfte, wurde er wieder lustig, lachte und pfiff und setzte sich auf den Schoß seiner Mutter, um mit ihr zu schmusen. Und so wurde aus dem Märchen-Tom doch noch ein richtiger Junge, dem auch mal etwas einfiel, was nicht richtig, aber dafür lustig war.

Eine Zeitlang sehnte Tom sich manchmal noch nach einer schönen Tracht Prügel von seiner Mutter, aber die Sehnsucht wurde immer geringer. Und so zog auch bei Frau Ute und ihrem Sohn Tom die neue Zeit ein, in der man Kinder nicht mehr schlägt.

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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