Karl-Konrad Knooshood

Frosch und Prinzessin

Frosch und Prinzessin

 

 

MAGDA war ein Magermodel. In der Tat war sie wirklich und wahrhaftig eines, spindeldürr, viel zu dünn, um gesund zu sein.

Ihr Teint war entsprechend bleich, der Schimmer ihres Gesichts bestand aus günstigen Tageslichtverhältnissen und leichtenden doch melancholischen Augen, in denen Schmerz zaghaft flackerte, kleine Kristalle der Angst, der Scheu und damit verbunden unschuldiger, kindlicher Unheimlichkeit, Unnahbarkeit auf gewisse Weise. Sie war so schön, dass abgedroschene Begriffe wie "bildhübsch" ihrem Angesicht, ihrer engelsgleichen, elfenhaften Erscheinung niemals gerecht wurden.

 

So war sie mit Leichtigkeit gutverdienendes, gefragtes Supermodel geworden, man hatte sie vom Fleck weg engagiert, ein feister, geiler Lüstling war der Modelagenturinhaber, ihr erster Boss, gewesen, der durchaus übergriffig und grapschig werden konnte. Dafür war er bekannt, indirekt, in Modelkreisen, sonst aber hochprofessionell schien zu glauben, das Recht dazu zu haben, die weiblichen menschlichen "Lustobjekte" und Sehnsuchts-Idealschönheiten auch zu berühren, auch unsittlich. "Rapey" war er, wie man das neudeutsch kurz-knackig nannte, also ein Nahezu-Vergewaltiger.

 

MAGDA machte viele dieser unangenehmen, entwürdigenden Szenen mit, hielt aus, ließ sein Betatschen über sich ergehen, litt still, aß wenig, kotzte es oft wieder aus, wurde magersüchtig. Sie hasste das Essen, Nahrungsaufnahme fand nur statt, weil sie notwendig war. Meist aß sie nur Babynahrung, viel mageres Obst, die "Kalorienbombe" bestand aus einer fruktoselastigen Banane, maximal!

 

Vor der Kamera, wenn sie von der Modelagentur vermittelt wurde, war sie entsetzlich effizient, zog ihre Rolle bei den Fotoshootings professionell durch, die Verletzlichkeit ihrer Augen wich etwas Kühlem, Emotionslosem. Ihr Konterfei, das von verschiedensten renommierten Modemagazinen, Frauenzeitschriften aber auch von Pornomagazinen (sie war auch bereit, sich auszuziehen und ihren dürren aber makellosen Körper zu zeigen, schließlich war ihr ihre Rolle auch als "Lustobjekt" bewusst). Die nicht zu pässliche, vornehme Blässe, die von ihrem Mangelernährungslebensstil ebenso herrührte wie die zählbaren Rippen unter der dünnen, ebenfalls bleichen Haut, wurde natürlich gefiltert, digital retuschiert und mittels Makeup und sehr günstigem Licht aufgehübscht.

 

Dennoch kam sie auch bei den Männern an, da viele Kerle (die selbst übrigens oftmals wie die letzten CLEARASIL-Testgelände, Rübezahls oder Schlunziger aussahen, selten muskulös und sexy) auf extrem dünne Damen standen.

MAGDA wusste um ihre Wirkung, schöpfte jedoch kein übergroßes Selbstbewusstsein daraus. Eine Ikone der Emanzipation würde sie nie werden, denn sie erlaubte zu viel, ließ den Kerlen alles durchgehen, sowohl seelisch als auch körperlich alles mit sich machen, tabu- und distanzlos, wie sie es "gelernt" hatte in der Modelagentur des schmierigen Frauenbegrapschers.

Wie er es gelebt hatte, wie sie es nicht anders kannte. Ein Kokettieren mit ihrer Schönheit, das bewusste Ausnutzen, u.a. zwecks Verführung der Männer, lag ihr fern, sie konnte es einfach nicht. Freilich war dies auch nicht nötig.

 

Sie brauchte gar nicht viel zu tun, sie war wie ein Magnet. Magnet MAGDA quasi. Die Kerle, insbesondere die harten, maskulinen Typen, die Brutalen und Machos, fuhren voll ab auf die verletzliche, zarte Pflanze, suchten sich ihren Kick, vor allem sexuell, bei der kaninchenniedlichen, zierlich-dürren Frau. Auch einige Vergewaltigungen hatte sie dabei erlebt, nicht an abgelegenen Orten, sondern meistens in ihrer bescheidenen Bleibe, die sie sich leistete, bescheiden, klein, trotz ihres Spitzengehaltes + Spesen und Gewinnanteile als Model.

 

Eines Tages hatte sie einen Zusammenbruch. Ihr war übel, schwindelig, sie zitterte wie ein Zitteraal, Schüttelfrost und Engegefühle in der Brust. Panikattacken schüttelten sie, Erstickungsgefühle, sie wurde krank. Ihre Nachbarin verständigte den Notarzt, sie wurde in ein Krankenhaus gebracht, doch es konnten keine körperlichen Ursachen festgestellt werden. Zwar wurde eine katastrophale Mangelernährung festgestellt, sie wie ein kleines Vögelchen mit der auch nicht allzu üppigen, für ihre Verhältnisse aber reichhaltigen Krankenhauskost aufgepeppt. Nach ein paar Tagen hatte sie ansatzweise rotleuchtende Wangen, nahm mehrere Kilogramm zu, war immer noch mager wie Skim-Milk, aber schon viel gesünder. Sie wurde, nach circa einer Woche, wieder entlassen. Der Oberarzt riet ihr allerdings zu einem Psychiatrieaufenthalt für begrenzte Zeit, um ihre Symptome, die er als psychosomatische Reaktionen ihrer Seele auf ihren Lebenswandel interpretierte.

 

MAGDA sah ein, dass sie so nicht mehr weiterleben konnte, kündigte ihren Modeljob beim schmierigen Frauenbelästiger, dem sexuell übergriffigen Grapscher-Chef, und ließ sich freiwillig in eine geschlossene Abteilung der städtischen Psychiatrie einliefern. Es gab Tabletten für sie, Medikation gegen Depression und Angstlöser, die sie von der Angst erlösen sollten, doch die halfen kaum, denn nicht allen Menschen, die in ihrem Leben aus der Bahn geworfen werden, ist mit chemischen Substanzen (allein) geholfen.  

 

Was ihr guttat, war, dass sie auf Gleichgesinnte traf, auf andere Betroffene, andere missbrauchte, vergewaltigte oder einfach gequälte Frauen – aber auch eine andere Art von Männern als sie sie kannte.

Keine bärigen, hartherzigen Killerkerle, keine Machos, sondern empfindsame Seelen, weiche Typen, brave Buben nahezu, einige von ihnen, die als Lustknaben solchen notgeilen Schweinekerlen zu Diensten gewesen waren wie ihr Ex-Chef einer gewesen war, ein übler Lustmolch – nur dass diese Kerle, die die Jungs aus- und benutzten, schwul oder bi waren. nur nicht auf die nette, gemäßigte, gar liebevolle Art.

 

Auch die Psychotherapie – und Gruppentherapiesitzungen taten ihr gut, endlich konnte sie über alles reden, die unterdrückten Wut-, Hass- und Ekelgefühle auf die Scheißkerle, die damit verbundenen absurden Schuldgefühle, die Verzweiflung, vor allem darüber reden, dass sie von Männern nur zum Lustobjekt degradiert worden war. Wie die miesesten Kerle sich angezogen gefühlt hatten von ihrer Verletzlichkeit und Schwäche und sie auf ihr Äußeres reduzierten, ohne sich auch nur einen minimalen Dreck darum zu scheren, was sie fühlte, was ihr Inneres, ihr Seelenleben betraf.

 

Nach und nach, im Laufe einiger Monate voller schmerzhafter Erkenntnisse, an die Oberfläche tretender Traumata und nachdem sie aufgrund der appetitsteigernden Medikamente auf nahezu Normalkörpermaße zugenommen hatte, wurde sie aus der Psychiatrie wieder entlassen.

 

Natürlich musste sie einige der Medikamente weiterhin nehmen, sie besorgte sich das Nötigste aus der Apotheke, Rezepte hatte sie ja mitbekommen. Sie tätigte einen Großeinkauf, kaufte sich all die Leckereien, die sie sich viel zu lange versagt hatte: Süßigkeiten, Obst, viel Gemüse, sehr viel Fleisch und etwas Fisch.

Dazu Nudeln, Reis, Käse, Milch.

 

Wie würde sie jetzt weitermachen? Modeln, was sonst! Sie kannte nichts anderes, sie hatte nichts anderes gelernt, sie hatte mehr als üppig verdient, hatte Millionen auf dem Konto, war frei und unabhängig, stärker, selbstsicherer als je zuvor.

 

Die Verletzlichkeit war weitestgehend aus ihren Augen gewichen, der Schmerz war nur noch bei sehr genauer Betrachtung zu sehen.

Sie war geheilt, fühlte sich gut, kaum müde, fitter als je zuvor. Sie beschloss, sich bei irgendeiner Modelagentur zu bewerben, bei einer vielleicht etwas alternativen, stressfreieren, wo sie nicht jedes Angebot annehmen musste, wo kein notgeiler Grapscher-Chef sie belauerte und ihr – upps – "zufällig" in die Hose Richtung Scheide packte oder ihr unsittlich an die Brüste fasste oder "versehentlich" auf sie "stolperte". Sie bewarb sich, mit perfektem Foto, perfektem Lebenslauf mit Referenzen, einer unheimlich professionellen, seriösen Bewerbungsmappe – und hatte prompt mehrere Jobangebote im Briefkasten. Sie beschloss, die entsprechenden Agenturen abzuklappern, eine nach der anderen, sich von ihrer besten Seite zu präsentieren. Vielleicht würde sie genommen. Gleich bei der ersten war perfekt für sie. Der Chef, mit dem sie das Vorstellungsgespräch hatte, wirkte seriös und auf sympathische Weise jovial, ein kluger Künstlertyp, das merkte sie gleich. Gutaussehend, sehr gepflegt, sanft und mit Manieren, für einen Mann ungewöhnlich geschmackvoll, auch teuer, gekleidet, offen und geradlinig, mit einem enthusiastischen Charakter inklusive Humorfähigkeit.

Der perfekte Mann aus ihrer Sicht.

Sie stellte aber fest: Er war schwul. Stockschwul, mit rosa Fähnchen im Inneren, irre sympathisch. Sie hatte den Eindruck, dass er sie vermutlich niemals begrapschen würde, dazu war er zu kultiviert – und zu schwul. Schwule Männer fand sie irgendwie anziehend, "ich muss aufpassen, dass ich ihn nicht begrapsche", dachte sie belustigt, während er sie im lockeren Plauderton nach ihren Erfahrungen im Modelbusiness befragte und ihr etwas über seine Modelagentur im Speziellen erzählte. Wie es schien, war das Betriebsklima positiv, locker und stressfrei, allzu große Hektik schien hier nicht am Platze zu sein. Die Räumlichkeiten waren businessangemessen ausgestattet, eine unverkrampfte Buntheit war darüber hinaus schon zu verzeichnen.

Hoffentlich würde er sie übernehmen, dieser frauenfreundliche, liebenswürdige Chef!

 

Nachdem sie in derselben Woche noch bei verschiedenen anderen Agenturen gewesen war, die ihr alle nicht so zusagten, etwa eine mit einer gestrengen, verhärmten alten Juffer, die sichtlich keinen Spaß an ihrer Arbeit hatte und wohl auch sonst noch nie was von Humor gehört, geschweige denn selbst welchen hatte. So eine Person, die zum Lachen noch nicht mal in den Keller ging, da sie keinen hatte.

Die sich vermutlich abends heimlich kleine Gewichte in die Mundwinkel klemmte, um sie, die Erdschwerkraft ausnutzend, stets unten zu halten und weiter nach unten zu ziehen.

Die andere einzige weibliche Besitzerin einer Modelagentur, unter 20 insgesamt, war selbst ein ehemaliges Supermodel, ein weltberühmtes, das einmal eine eigenen Modelsendung auf einem Privatfernsehsender gehabt hatte. Sie galt als berüchtigt.

 

MAGDA wollte bei dieser Dame, deren Vorname an eine Figur einer Schweizer Kindergeschichte angelehnt war, ungern arbeiten, doch man nahm, was man kriegen konnte oder auch: falls die 20 Agenturen nichts für sie bereithalten sollten, musste sie den Job bei der ollen Ziege wohl nehmen.

 

Dem war aber nicht so.

 

Der schwule Modelagenturinhaber meldete sich telefonisch bei ihr und teilte ihr mit, dass er an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert sei. Ob sie bald kommen könne. Konnte sie, natürlich doch!

 

Fortan arbeitete sie für den neuen Chef, der sie ihre Aufträge frei auswählen ließ, keine Porno-Verträge annahm, sie nie begrapschte aber häufig lobte für ihre gute und professionelle Arbeit, seine Mitarbeiter überhaupt mit seiner Euphorie und seinem Tatendrang ansteckte, perfekt zu motivieren wusste und mit Fairness, Freundlichkeit und Frohsinn das Beste aus jedem herausholte.

 

MAGDA war in dieser Zeit schon so aufgeblüht, dass sie sich normal ernährte, regelmäßig aß – und auch genug. Fast zu viel, denn sie nahm noch etwas zu, bis ganz knapp über Normalgewicht. Es war dementsprechend schockierend für sie, als ihr Chef eines Tages auf sie zukam und ihr offenbarte, dass sie weit weniger Anfragen erhielte, da sie, er druckste herum, um es charmant ausdrücken zu können, "zu dick" fürs Modelbusiness geworden sei. Sie sei nicht mehr "mager" genug, die wenigen potenziellen Aufträge bezögen sich auf Übergrößen. What the fuck?! "Übergrößen"? Ja, es seien nur noch Anbieter von Übergrößenmode, einige Discounter, Supermärkte und Kaufhausketten an ihn herangetreten, um sie zu buchen. Sie nahm also die Aufträge an, unter anderem tauchte sie in einem Warenprospekt eines bekannten Discounters mit einem großen A im Namen auf, in dem sie speckige Winterkleidung für Frauen auftrug, die etwa 2-3 Nummern zu große Kleidung brauchten.

 

Ein Biomarkt-Anbieter trat auch an sie heran, sie präsentierte im Prospekt und TV-Werbespot (in letzterem wurden ihre Lippenbewegungen allerdings von einer professionellen Synchronsprecherin synchronisiert, was wohl weitestgehend gängige Praxis im Business war) diese ekelhaften Haferdrinks. In Frauenzeitschriften tauchte sie nicht mehr auf, in Modemagazinen nur für "Mollige", später gab es eine neue Frauenzeitschrift für "Rubensdamen" und "dicke" Frauen, in der sie über ihre Modelkarriere reden durfte. Auch Presseerzeugnisse feministischer Verbände nahmen Kontakt mit ihr auf. Da MAGDA aber wusste, dass es sich nicht um die sich in den 70ern für die Belange der Gleichberechtigung der Frau eingesetzt und obsiegt hatten, die Entourage von ALICE SCHWARZER, handelte, sondern um 3.- und 4.-Welle-Feministinnen, denen es darum ging, das vermeintlich noch immer herrschende Patriarchat durch eine Hegemonie der Frauen, ein Matriarchat, zu ersetzen.

Nein, für diese Ziele würde sie sich ebenso wenig einspannen lassen wie für ihren Ex-Chef, gesetzt den Fall, dass der alte, feiste Lustmolch eine Bewegung hätte gründen wollen, die sich dafür einsetzt, dass Männer zu jeder Zeit und wann immer ihnen danach ist, Frauen betatschen dürfen.

 

Der war übrigens endlich, nach Jahrzehnten liederlichen Treibens, wegen Vergewaltigung verurteilt worden. Er war bei mindestens drei Frauen zu weit gegangen, hatte sie erpresst, zum Sex genötigt – und sah nun einer saftigen Freiheitsstrafe entgegen. Er saß inzwischen im Hochsicherheitstrakt mit anderen Schweinekerlen.

 

Nein, aber sie, MAGDA, hatte keinen Bock darauf, zum Maskottchen der sozialistischen Kampflesben zu werden, die sich als Feministinnen betrachteten, obwohl sich die meisten gestandenen Frauen (insbesondere MAGDAs Schlages) für diese peinlichen Gestalten schämten und sie ablehnten.

 

Wie aus einigen Anfragen dieser Art hervorging, hofften die Feministinnen offensichtlich, sie sei lesbisch, was in deren Narrativ gepasst hätte. Im Idealfall noch vegan lebend (sie war alles andere als vegan unterwegs!) und die GRÜNEN unterstützend. Nein, das war nicht ihr Stil! Sie verachtete diese Leute, insbesondere alle Parteien, die den Islam verharmlosten und hofierten. Letzterer stand doch genau dafür: Für das Recht der Lüstlinge, aller Männer, Frauen wie Dreck zu behandeln und jederzeit zu berühren und zum Sex zu zwingen. Die ideale Ideologie für ihren Frauenbegrapscher und Vergewaltiger von Ex-Chef. Vielleicht würde er ja im Knast zum Islam konvertieren! Passen würde es ja: Er war das letzte Chauvinistenschwein!

 

Ihr ging es jetzt gut. Doch wenn sie ehrlich sich selbst gegenüber war, musste sie sich eingestehen, dass zu ihrem ultimativen Glück ein Mann fehlte. Ein lieber, netter, einfühlsamer, behutsamer Kerl, mit dem sie eine Familie gründen, über alles reden, kuscheln und streiten konnte. Einer, der sie nicht rein für ihre äußere Schönheit, sondern um ihrer selbst willen lieben konnte.

 

Wie das Leben so spielt, geschah es unverhofft, eines Tages war es soweit, unverhofft, dass sie ihren Traumprinzen traf. Zuerst erkannte sie ihn nicht als solchen, denn er sah nicht so aus und verhielt sich auch nicht so.

 

An der großen BUDDENBROOKS-Straße, die mit der steilen, charakteristischen Kurve, schlenderte sie entlang, es war kühl und winterlich, die Temperatur wenige Grad über Null, sie trug ihren Wintermantel. Vorne offen, schwarz war er wie ihr Rollkragenpullover, sie trug ein niedliches Baskenmützchen aus schwarzem Kunstleder auf ihrem Kopf, die kastanienbraun gewordenen Haare offen aber perfekt gekämmt, blass geschminkt, dunkelroter Lippenstift, ihre hellblauen Augen strahlten wie kleine Eiskristalle, nur liebevoller.

Auf der Straße, am Rande der Fahrbahn, nahte ein unbeholfen aussehender Typ, etwas dicklich, seine viel zu langen Haare, wie eine Löwenmähne, unter der Kapuze eines Kapuzenpullover gebändigt, über der er noch zwei Strickmützen übereinander trug, darauf ein stylischer Kopfhörer, der Rest des Körpers in dicker Jacke, Pullover, vermutlich T-Shirt so bullig breit eingepackt, dass er dem MICHELIN-Männchen ähnelte, auf seinem Fahrrad. Ein Damenrad. An der Stelle, wo sie die Straße überqueren wollte, achtete sie nicht auf den vor sich hin schimpfenden Kerl, der nun in großem Bogen um sie herumfahren und trotzdem bremsen musste. Ärgerlich brauste er auf und fuhr sie an: "Kannste nicht aufpassen, Fräulein? Hältst dich wohl für eine Diva, was Besseres, eine, die auf keine Verkehrsregeln achten muss, was? Bist du 'n Model oder so was?", grinste er bitter.

 

"Mit dieser stylischen Ledermütze und dem modischen Wintermantel? – Ach nee…" – sein Tonfall wurde sarkastischer, gemein und arschig: "Dafür biste nicht mager genug…"

 

Sie starrte ihn entgeistert an, für einen Moment so überrumpelt, dass ihr nichts Schlagfertiges einfiel. Dann aber konterte sie gekonnt: "Was willst du blöder Arsch? Du bist ja nicht gerade die Schönheit vor dem Herrn, du fetter Klops! Ach, und übrigens: Ich bin Model!" – Sprach 's, drehte sich auf dem Absatz um und ging, triumphierend stolzierend davon, ärgerte sich aber insgeheim eine Weile über diesen fetten Freak.

 

Doch sie vergaß den Vorfall schnell, ging weiter ihrer Arbeit nach, für mehrere Wochen ging alles seinen gewohnten Gang.

Ihr Chef war mit ihr zufrieden, sie erhielt weiterhin die witzigen oder lächerlichen Jobangebote, Anfragen von Möbeldiscountern, die, nachdem sie DIETER BOHLENs Altherrenvisage überdrüssig geworden waren aber trotzdem noch "alles rausgerollt" haben wollten, nach einem jugendlichen Frauenzimmer suchten, frischen Wind in ihren Möbelramsch zu bringen.

 

Möbelhäuser allenthalben wollten ihr Gesicht, nur die Mortadella mit Gesicht nicht. Für einen niederländischen Käsekonzern mit Frauenfigur sollte sie in die Fußstapfen derselben treten. Also machte sie sich eine Woche lang die Füße mit unbequemen Holzschuhen  kaputt und griente sich einen Wolf. Puh, war diese Woche anstrengend gewesen! Sie ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie eines Tages zwar nach wie vor als Milionärin aber für wesentlich weniger Salär, schon gar kein Honorar oder eine Werbegage und extrem unglamourös würde arbeiten müssen.

 

Sie ging jetzt auf die 30 zu, viel hatte sie schon erlebt.

 

In dieser Zeit begann sich ihr Körper massiv zu verändern, sie nahm weiter zu, aus ihr unerfindlichen Gründen. Die Anfragen, Aufträge wurden weit spärlicher, nachdem sie quantitativ seit Jahren schon zu wünschen übriggelassen hatten. Noch immer verdiente sie gut, ihr Vermögen war angewachsen, die Miete für die bescheidene Wohnung war in Relation niedrig, finanziell lief es also prächtig. Sonst nicht so.

 

Ihr Chef war nicht mehr so zufrieden, er kritisierte sie jetzt auch öfter. Ihr Verhältnis wurde eisiger.

 

Für einige Jahre folgte auf diese erste Krise, auf die blöde Flaute, ein letzter Höhepunkt: Die Auftraggeber und Kunden wollten plötzlich mehr "Authentizität", nachdem sich einige international erfolgreiche Supermodels buchstäblich zu mit "Plastikplane" überzogenen Skeletten entwickelt hatten, deren Rippen nicht nur zählbar waren, sondern penetrant hervortraten wie TATJANA GSELLs Schlauchbootlippen. Man konnte traurige Partituren auf ihren Knochen spielen – von außen. Man wollte normale, alltägliche Frauen, volksnah und echt, mit denen sich die normalen Bürgerinnen des Landes identifizieren konnten, Frauen mit ein paar Pfund zu viel an verschiedenen Stellen, deren Lächeln doppelkinnverstärkt war, die Pusteln, Pickel oder zumindest relativ unreine Haut hatten, sich nicht oder nur schlecht schminkten, sodass sie wie eine Mischung aus dem JOKER und OLIVIA JONES an einem missglückten Makeup-Tag aussahen. Ganz gewöhnliche Frauen, wie man sie beim Frauenarzt, im Pflegeheim oder bei NETTO ("Dann geh doch zu NETTO!") (an, in, auf oder unter der Kasse oder als Kundinnen) treffen konnte. Sie war wieder wer, erfolgreicher als zuvor, einmal schaffte sie es, ungeschminkt und mit einem fiesen Schokoladenpickel voller Talg mitten auf der Nase, auf das Titelblatt einer großen, bekannten, vielgelesenen Frauenzeitschrift.

 

Ihr Chef war wieder sehr zufrieden. Was er sonst so trieb, war ihr nicht bekannt, mit wem auch nicht. Es war ihr auch egal. Welche zärtlichen oder geilen Sexualpraktiken homosexuelle Männer praktizierten oder nicht, war ihr nicht wichtig.

 

Als sie aber eines Tages zur Arbeit kam, war sie wie vom Donner gerührt. Dieser dicke Freak, der auf dem Fahrrad, das "MICHELIN-Männchen", der Kerl, der sie so überaus unfreundlich angeschnauzt hatte, stand dort im verglasten Büro ihres Chefs und unterhielt sich angeregt mit diesem. Sehr vertraulich wirkte das, die beiden schienen einen Moment lang Händchen zu halten, ließen sich dann aber abrupt los. Mit einer höflichen Geste verabschiedete sich der dicke Freak, verließ das Büro ihres Chefs, sie hörte noch ein "Leb wohl" und "Mögest du mit einem anderen glücklich werden, verzeih, ich kann nicht, muss ehrlich sein." – "Nichts für ungut, mach's gut", hörte sie ihren Chef erwidern. Dann schloss er seine Bürotür und wendete sich wieder seiner Arbeit zu, sie glaubte, eine kleine Träne auf der Wange des sonst meist Gutgelaunten zu erkennen. Hatte der böse fette Freak ihren Chef verletzt? Das musste sie klären!

 

Hinter ihrer Deckung trat sie jetzt jäh hervor. Der dicke Kerl war perplex, völlig basserstaunt.

 

"Na sieh mal an, wen wir da haben", grinste sie, murmelnd in unverhohlen angriffslustigem Ton, "sind Se wieder da, in ihrer Dauermission, Leuten vor den Kopf zu stoßen?" – Er stammelte: "Was?...Ich…ich…ich ähm…wie jetzt…Wer? Ich?...Ähm…"

Jetzt tat er ihr leid, so unbeholfen und hilflos wie er jetzt wirkte. Dennoch wollte sie ihre rhetorische Waffe nicht so leicht aus der Hand legen.

Obwohl es sonst nicht ihre Art war, sich über Schwule zu mokieren, schließlich hatte sie erstens nichts gegen sie, zweitens war ihr Boss schwul, ritt sie genüsslich darauf herum: "So 'n fieser Möpp wie du – und dann noch schwul? Ich dachte immer, Schwule seien so nett und kultiviert und höflich zu Frauen. Du scheinst da die dicke Ausnahme zu sein."

Vielleicht bekamen es einige Kollegen beiderlei Geschlechts mit, es wurde immer peinlicher für den dicken Freak. Sie bemerkte jetzt, dass er, so ohne Mütze, Hoodie und dicke Jacke, gar nicht so unattraktiv war. Gut, er trug einen Bauch vor sich her, eine Abrissbirne, rundlich wie ein Schwangerschaftsbauch im 6. Monat, aber seine dunklen Augen, seine Blässe und die roten Wangen, die süße Stupsnase und der Kussmund mit vollen Lippen machten klar, dass er eigentlich recht hübsch war, wenn man den Bauch ignorieren konnte. Beinahe war sie bereit, ihm zu vergeben, doch wollte noch ein paar Augenblicke die Unerbittliche, Strenge spielen.

 

Er hub an, erneut zu sprechen, es kam aber nur hilfloses Stammeln und exzessives Luftholen dabei heraus. "Ist Ihre Schallplatte hängengeblieben?", fragte sie mit süffisantem Lächeln. "Schallplatte?" frug er, erstmalig ohne jedes Stammeln. "Ich verfüge über eine ausgeprägte Sammlung, habe zwei Plattenspieler…" Er räusperte sich, rief sich selbst innerlich zur Räson. Dann nahm er eine untertänige Haltung ein, seine Schultern fielen in sich zusammen wie vom professionellen Sprengmeister zur kontrollierten Detonation gebrachte, abrissfähige Hochhäuser, sein Blick wurde flehentlich-ängstlich, sodass sie eine Verletzlichkeit in ihm spüren konnte, eine Sanftmut, die ihr sehr sympathisch war, die sie von sich selbst kannte.

 

Nun musste er sich nur noch entschuldigen.

"Ich bitte Sie, Frau…" – er sah sie fragend an.

"MAGDA", antwortete sie. "Frau MAGDA, aufrichtig um Verzeihung für mein unhöfliches, aggressives und überaus schroffes Verhalten an diesem Tag vor ca. drei Monaten." Sie blickte ihn streng an, dann musste sie lachen, so reumütig und betroffen wie ein nasser Pudel er dastand. "Ich vergebe Ihnen, Herr…" – "MARTIN", antwortete er in verlegenem aber erleichtertem Ton.

Doch fuhr sie fort: "MAGDA ist übrigens mein Vorname, nicht Nachname!" – "Wie lautet Ihr Nachname denn?", fragte er interessiert. "GOEBBELS", gab sie zurück, in einem Anfall ziemlich derben, schrägen Humors. Auf seinen verdatterten Gesichtsausdruck, der sie noch mehr vor Lachen losprusten lassen musste, sagte sie nun: "Nein, das war ein kleiner Scherz!"

 

Als er nun seinerseits sehr liebenswürdig lächelte, vervollständigte sie: "MAGDA MAUERSCHWALBE!"

"Sehr erfreut!" Er reichte ihr die Hand zu einem festen aber lieben Händedruck, der erste einer langen, absolut glücklichen Beziehung. Sie war wie elektrisiert. Sie musste ihn wiedersehen! Das spürte sie.

 

Aber wie? War es nicht eher so, dass der Mann den ersten Schritt gehen und die Frau ansprechen musste? Zum Glück kam er ihr nun zuvor: "Darf ich Sie zur Entschuldigung und…Versöhnung zu einem Kaffee, Tee oder…was Sie gern trinken möchten, einladen?" – "Nur zu gern!", dachte sie beglückt, sagte aber: "Sicher, können wir machen! Wann wäre es Ihnen recht?" – "Wenn Sie möchten, jetzt…Also…also, wenn Sie Zeit haben!" Sie lächelte, lachte los: "Aber natürlich. Ich kann jetzt meine Mittagspause machen."

 

Wackelnder Knie ging er voran, hielt ihr, ganz Kavalier, die Tür auf, was ihr positiv auffiel. So was mochte sie bei Männern. Sie spürte, dass er sie gut behandeln würde – wie eine Königin. Nun lief er voran, der Einfachheit halber ins nahegelegene Fresstopf-Schnellrestaurant, in dem es laut und bitter war. Sie suchten sich schnurstracks eine ruhige, etwas abgelegene Nische, in der ein niedriger, ent sich an die abgenutzten, verschlissenen Lederbezüge der Sitzbänke schmiegte, reichlich verschmiert, Fett- und Glasurreste vom vorherigen Gast waren darauf, etwa mittig prangte stolz und breit ein fetter Kaffeefleck, drapiert rundherum mit Krümeln.

 

Jäh zückte der dicke Freak eine kleine Verpackung aus der Tasche, behände, routiniert zog er ein Desinfektionstüchlein hervor. Unkompliziert wischte er fix über den Tisch, knüllt es angewidert zusammen, zückte ein Papiertaschentuch, breitete es aus, wickelte das Desinfektionstüchlein hinein, zückte ein weiteres und desinfizierte sich noch seine Hände.

Belustigt schaute sie ihm zu und stellte heiter fest, dass er, dank seines Bauches, ernsthafte Schwierigkeiten hatte, sich in die Sitzbank zu quetschen, denn die Tischkante war zu nah. Sie selbst hatte dieses Problem nicht gehabt, denn sie war ja immer noch eine ranke, schlanke Frau. Nur nicht mehr dürr.

 

"Wollen Sie auch?" Er hielt ihr die Desinfektionstuchpackung hin. "Nein, danke", schmunzelte sie höflich – "und: Du. Du darfst mich duzen! Ich bin MAGDA, weißt du ja schon. Du bist also…MARTIN, richtig?" – "Ja, der bin ich, MARTIN SEMMELBRÖSEL", seufzte er. "Ich bin der Maddin, ne?", setzte er nun scherzhalber hinzu, einen altern DIETHER-KREBS-Schlager von Anfang der 1990er Jahre zitierend.

"Was…was…möchten Sie…Du essen?", fragte er weiter, um etwas zu sagen und Zeit zu gewinnen.

"Ich nehme das Gemüseallerlei, das ist 'ne gute Mischung." Eine alte, nach Fastfood-Tempel-Duft stinkende, missmutig mundwinkelhängende Trauerweide in strubbeliger Lockenhaar-Frauengestalt, faltig wie Wellblech, betrat die Szene, füllte mit ihrer Leibesfülle die ganze Nische aus. "Die wird", dachte MAGDA amüsiert, "überhaupt nicht an diesen Tisch passen, die Nische ist ja viel zu eng!"

Nun lächelte sie die alte Vogelscheuche an, obwohl sich die Nische verdüstert hatte (MARTIN überlegte bereits, ob er seine Smartphonetaschenlampe würde aktivieren müssen). "Wat woll'n Se denn ma' essen?", fragte nuschelnd die auf MAGDAs Lächeln hin keine Regung zeigende, bucklige Trauerweide. "Ich hätte gern das Gemüseallerlei", trällerte MAGDA. "Für mich…dasselbe", stammelte MARTIN. – "Also zweimal Gemüseallerlei", knurrte mürrisch die alte Vogelscheuche. Während sie auf das Essen warteten, plauderte sie munter drauflos, die liebe zierliche MAGDA. "Was machst du so? Kennst du meinen Chef schon länger? Woher kennst du ihn denn?"

 

Verlegen, ja, regelrecht betreten, schaute er zu Boden – oder eher auf den Tisch, in den er jetzt beinah gequetscht war wie in einem Kleinwagen verkeilt nach einem Unfall. "Ich hab ihn per Kontaktannonce kennengelernt. Er…er suchte halt jemanden, einen Partner vielleicht, zumindest einen Partner fürs Sexuelle." – "Ich wusste nie was über sein Privatleben. Geht mich eigentlich nichts an." – "Ja, jedenfalls…ich dachte eine Zeitlang, ich sei schwul, mir gefielen Schwänze – und ich hab mir früher mal Freude verschafft, als ich merkte, dass es sich gut anfühlt, sich was ins Hinterteil…du weißt schon…"

Er wurde puterrot, seine Augen flohen nervös rotierend hin und her. Da sie seine Offenheit etwas überraschte, sie sie aber erfrischend fand, griff sie nun nach seiner Hand. Ein wohlig warmes, elektrisierendes Gefühl durchfuhr ihn, auch zwischen seinen Beinen regte sich etwas. Da war noch Leben drin. Ihr erging es ähnlich. "Du bist also bi?", fragte sie, nun ehrlich interessiert, neugierig auf alles über ihn werdend, auch verständnisvoll. Als er dies spürte, ließ er alle inneren Hüllen fallen, er erzählte ihr alles: Wie er ihren Chef dann getroffen hatte, nachdem er, neugierig seine eigene (wahre?) Sexualität erforschend, in Schwulenclubs gewesen war, sich aber von der dortigen Atmosphäre irritiert gefühlt hatte, obwohl es ihm dort irgendwie gefiel. Wie er ihren Chef auch getroffen habe, an einem lockeren Abend, wie es zu mehr kam, er ihrem Chef 'eine Freude' gemacht hatte. "Eine Freude?", unterbrach sie ihn, "was meinst du denn damit?" – "Nun", er seufzte und stieß es dann hervor: "Ich hab ihm einen Blowjob gegeben!" – "Und wie war das? Wie fühlte sich das an?", wollte sie, neugierig, wissen, denn auch sie hatte schon Dutzenden Kerlen diese Art "Freude" bereitet. "Na ja…es war eigentlich recht…erregend. Es gefiel mir, ehrlich gesagt. Aber…wenn ich bi bin, dann eher mit der Tendenz zum Heterosexuellen."

Sie kicherte laut. "Wie du das ausdrückst! Zum Schießen! Bist ein goldiger Kerl." – "Ich gab mich ihm gänzlich hin, er hat mir meinen Po…'entjungfert'", gab er nun zu.

"Das ist doch nicht schlimm. Du bist also doch eher für Frauen zu haben?" – "Ich hab an dem Abend neulich gemerkt, als ich bei Deinem Chef war, dass ich zwar das Körperliche genieße, aber keine Liebe zu einem Mann empfinden kann!" Sie nickte ermutigend, schaute ihm in seine tiefen, liebevollen, unschuldigen Dackelaugen, treu und brav, ein Mann, der sie ehren würde, der ihr mehr aus der Hand fressen würde, als sie es von einem Mann je erwartete. Und weiter erzählte er, selbst nicht wissend warum, offenbarte sich, wie er sich noch nie einer Frau oder sonst wem geöffnet hatte, er vertraute ihr wohl, selbst mehr als früheren Freundinnen. Auch Freunde kannten nicht so viel von ihm wie jetzt diese geradezu perfekte Dame. Sie hörte zu, schmunzelte, dachte nach, stutzte, runzelte die Stirn, vor allem, als er von seinem kurzen Lebensintermezzo erzählte, als er einmal für zwei Monate wegen einer heftigen Entgleisung gegenüber zweier Polizeibeamten brummen musste, wie er wegen Depressionen und viel Liebeskummer mal suizidal geworden war, sodass er einen kurzen Abstecher in die wundersame Welt der Psychiatriestationen und des Medikamentencocktails hatte unternehmen müssen, wie er dadurch fett und aufgeschwemmt geworden war, wie er wieder abgenommen hatte, nachdem die Medikation abgesetzt worden war. Wie er wieder dicker geworden war, weil sein Stoffwechsel verlangsamt war, wie er Schulbildung zum Abi nachholte, nebenher hart körperlich arbeitete, wie er zwar strebsam war, aber dennoch großen Spaß am Ackern, Malochen hatte, wie er beschlossen hatte, dabei zu bleiben, sich eine Vollzeitstelle in seinem Job zu suchen, der ein Nebenjob gewesen war, nun der Haupt- und einzige Beruf. Wie gerne er ihn ausübte, wenn man kein kolossales Vermögen damit verdiente.

 

Als sie den Eindruck gewonnen hatte, dachte sie, sie könne ihm nun auch voll vertrauen, quid pro quo, er erzählt ihr was – und sie dann im Gegenzug ihm. So berichtete sie wahrheitsgemäß, ließ kein Detail aus, schilderte alles, beschrieb ihm ihre Erlebnisse und Leidensperioden. Er wirkte teilweise schockiert, teilweise belustigt, auf jeden Fall mitfühlend. Er griff nach ihrer Hand, tätschelte, streichelte sie – sie ließ es gern geschehen, es fühlte sich sicher, warum und vertraut an.

 

Die mürrische Alte kam mit der den Eintopfika zuzuordnenden Gemüsespeise, dem "Allerlei", einer dickflüssigen Suppe also, Eintopf mit Gemüse, Gemüse und nochmals Gemüse.

 

Sie ließen es sich schmecken, als handle es sich um ein opulentes Fünf-Gänge-Menü in einem Edelrestaurant statt dicker Pampe in einer Schnellfress-Absteige.

Es war die klarste, völlig selbstverständlichste Sache der Welt, dass sie sich wiedertreffen würden. Nummern hatten sie ausgetauscht, er hatte ihr sogar seine (bei VISTAPRINT vielleicht?) professionell gedruckte Visitenkarte gegeben, auf der stand: "MARTIN SEMMELBRÖSEL – Hobby-Poet, Musiker, Maler, Konsumist, Konformist", dazu: Handynummer, Blog-Adresse, E-Mail und YOUTUBE-Kanalname.

 

Zwei Tage vergingen, in denen sie sich nach ihm sehnte – und er sich nach ihr – beide spielten an sich selbst umso intensiver herum, sie reizte u.a. die Vorstellung seiner homosexuellen Anteile, er stellte sich ihre Zärtlichkeit vor und dass sie oben liegen würde, während er seinen mächtigen Kolben…aber das gehört ins Fach der Erotik-Autoren, das ist nicht des Autoren Metier.

 

Sie schaute sich seinen Blog an, ein politisch kritisches, bescheiden-spartanisch gestaltetes Seitchen, hörte sich seinen YOUTUBE-Kanal an, fast alle der bislang 146 Videos, sie merkte, dass er ein vielschichtiger, komplexer, …aufregender…, erregender Charakter war, den sie unbedingt wiedersehen musste.

 

Also legte sie sinnlich ihr sexy Slim-Smartphone an ihr attraktives Öhrchen und wählte seine Nummer auf der Visitenkarte. Klopfenden Herzens wartete sie sehnsüchtig, derweil das Wartesignal ertönte, seine Stimme wieder zu hören. "Ja, MARTIN SEMMELBRÖSEL?" – "High, hier ist…MAGDA…du weißt schon…" – "Hey MAGDA! Schön, von dir zu hören! Wie geht’s dir? Also…also ich, keuch, fand unseren Fastfood-Tag neulich…sehr schön…", sprach er unsicher. "Ich auch", antwortete sie erleichtert. "Ich…ich…", sie stockte. "Ich würde…dich gern wiedersehen, weil…weil…weil…weil ich dich…gern mag." – "Ich dich auch…also…ähm…sehr sogar, ich meine…also ganz gern irgendwie."

Sie war amüsiert, wie er herumdruckste, das machte es auch ihr leichter. Warum keuchte er so? "Warum keuchst du so?" – "Ach, ich war bei der Arbeit, musste heute, nach dem Urlaub, wieder hin. Bin etwas…fertig, geht gleich wieder." – Eine Pause entstand.

 

Quälend lang, gewiss 5-10 Sekunden, es kam beiden wie eine Ewigkeit vor. "Kann ich vorbeikommen?", frug sie. "Wie…jetzt gleich?", fragte er zurück, atemlos werdend. "in einer halben Stunde? Wo wohnst du?" Er gab die Adresse an, völlig perplex, dann verabschiedeten sie sich und legten auf.

 

Fieberhaft und extrem schwitzend räumte er seine Wohnung auf, hektisch, stieg dann in die Dusche, wusch sich, trocknete sich, die Haare blieben feucht, er kochte zwei kleine Fertiggerichte, etwas anderes war in der kurzen Zeitspanne nicht verfügbar und zubereitbar, zack, DING-DONG!, schon klingelte es.

 

Wie süß er aussah: Strubbeliges, noch feuchtes weil frischgeduschtes Haar, man sah ihm die jüngste Anstrengung wohl an. in einer spontanen Geste umarmte sie ihn lachend, kichernd vor übermütiger Freude. Das Fertigessen, zwar in der Pfanne, brannte prompt an, da er den Herd voll aufgedreht hatte und der Fraß entsprechend in wenigen Minuten gar war. Sie amüsierten sich gemeinsam über sein Missgeschick und aßen etwas Obst aus seiner Obstschale. Wie dieser Abend weiter verlief, bleibt unser aller Phantasie überlassen, nur so viel sei gesagt: Sie hatten jede Menge Spaß, ihren ersten, nicht allzu wilden, sondern seriösen Sex, ästhetisch und würdevoll, allerdings riskanterweise ungeschützt!

 

Liebe Kinder! An dieser Stelle sei Euch für Euer Erstes Mal, Eure Schnicki-Schnacki-Knicki-Knacki-Premiere Folgendes ans Herz gelegt: Benutzt Kondome! Keine Pille, denn die kann sehr, sehr unerwünschte Nebenwirkungen haben! Hier gilt: Selbst ist der Kerl: Er zieht sich das Tütchen über den Lümmel!

 

Gut, um es kurz zu machen: Sie wurden ein nahezu perfektes Paar, so wie es zwischen Mann und Frau, Mann und Mann, Frau und Frau und Frau und Mann, Mensch und Hund gleichermaßen sein soll: Sie ergänzten sich, er erdete sie, sie machte ihn stubenrein (wie es Frauen bei Männern seit Jahrtausenden tun), erzog ihn zur Vernunft, er arbeitete hart, das erste Kind kam 9 Monate nach dem besagten Abend, sie heirateten, ein rauschendes Fest, voller Überzeugung, etwa in ihrem 7. Monat. Sie halfen sich im Haushalt, teilten sich die Erziehung der bald darauf vier Kinder, erzogen sie zur Achtung vorm jeweils anderen Geschlecht, zu konservativen, bewährten Werten, zur Liebe zur Menschheit und Toleranz und dazu, wo die Grenzen gerade Letzterer verlaufen. Sie unternahmen viele schöne Reisen, nur in unshitholige, seriös zivilisierte Länder, sie ging arbeiten; da sie nichts anderes als Modeln gelernt hatte und sie nun nicht mehr die Modelmaße hatte und das Business sich zu einer erneuten Hackordnung (nach dem Ausflug ins "Authentische") entwickelt hatte und aus rassistischen Motiven gegenüber weißen Models man jetzt schwarze, braune und andere Hautfarben der Damen bevorzugte, schied sie aus guten Gründen aus, verabschiedete sich lieb von ihrem Chef, bedankte sich bei ihm für die vielen schönen Jahre, es war härter und kälter geworden, was auch er sehr bedauerte, denn er war doch ein warmherziger, gutgelaunter Typ. Doch auch er konnte nichts tun, er musste wohl oder übel überwiegend schwarze Models einstellen, sie wurden bei Bewerbungen klar bevorzugt, Quotenregelungen regelten das. Sicherheitshalber nahm er ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch Schwarze.

 

MAGDA arbeitete dann, trotz ihres Vermögens im Rücken, auch, um es, aus Solidarität, ihrem Manne gleichzutun, mal an der Kasse und im Warenlager eines Discounters, mal als "Raumkosmetikerin", eine Zeitlang bei einer Callcenter-Hotline, "Inbound". Sie lebten beide sehr lange, bis zuerst er starb, sie sehr um ihn trauerte, mit ihren Kindern, jetzt schon Enkel habend, ging sie selbst nach kurzer Krankheit den Weg alles Weltlichen. Nach einem glücklichen, erfüllten Leben. Falls es doch wider Erwarten einen Himmel geben sollte, leben die beiden, MARTIN und MAGDA dort in süßer Harmonie weiter…





(31.10.2019)

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