Daniela Hoppaus

der Stern

Der Stern

Heiligabend.
Was an diesem Tag ist eigentlich genau heilig?, stöhnt Frida, als sie mit Mühe einem Stapel Geschenke für die Kinder ausweicht, der das ganze elterliche Schlafzimmer in Besitz zu nehmen droht. Im Geiste geht sie zum wiederholten Mal ihre To-Do-Liste durch: Aufräumen. Gänsebraten und Kartoffelknödel zubereiten. Tisch decken. Dafür sorgen, dass alle ein unvergessliches Weihnachtsfest erleben. Wie immer. Die Frida, die macht das schon, – was ist sie nur für eine wunderbare Gastgeberin! Stets freundlich, gut gelaunt – ganz die perfekte Ehefrau und Mutter.
Den ganzen Vormittag ist sie schon allein in ihrem Häuschen am Stadtrand von Berlin, das Jan für sie beide ausgesucht hatte. Sie erinnert sich noch genau an seine Worte, fünf Jahre müsste das jetzt auf den Tag genau her sein: «Jetzt, wo du schwanger bist, brauchen wir etwas Größeres.»
Sie hat zugestimmt. Vielleicht hat sie in letzter Zeit etwas zu oft ‹ja› gesagt. Ja, geh nur vormittags mit den Kindern auf den Weihnachtsmarkt, ich schaffe das hier schon. Ja, laden wir doch Oma Anita und Opa Bernd an Weihnachten zu uns ein. Klar kann dein Bruder David auch kommen. David, der sich hier wie jedes Jahr einnistet, keine Geschenke für die Kinder dabei hat und das ganze Haus durch seine arrogante Art einzunehmen scheint. Sie fröstelt bei dem Gedanken an ihren Schwager …
Ihr Blick bleibt an der roten Küchenuhr hängen, die ihre besten Tage hinter sich hat. Im Grunde bin ich wie diese Küchenuhr, sagt Frida laut und erschrickt, als ihre Stimme im leeren Haus hallt. Sie streicht sich mit der Hand über die Stirn, ganz so als könnte sie die Gedanken einfach fortwischen.
Das laute Schrillen der Türglocke holt sie abrupt in die Realität zurück. Ausgeschlossen, dass es schon die Familie ist. Hierhin verirrt sich doch eigentlich keiner – schon gar nicht an Heiligabend, seufzt Frida und öffnet langsam die Tür.
Ein leuchtender Blitz fährt durch den Flur, die Stiegen hinauf ins obere Geschoss. Frida stürmt hinterher nach oben. Die Tür zum Schlafzimmer ist offen. Geschenke liegen überall verstreut. Vorsichtig schleicht sie näher und späht hinein. Eine Gestalt erhebt sich. Frida beobachtet, wie sie sich das Gewand abklopft. Frida räuspert sich. Die Gestalt dreht sich mit einem geschäftsmäßigen Ausdruck um. „Frida Maier?“ Frida, die gerade losschimpfen wollte, richtet sich ihrerseits gerade auf und nickt.
“Ich habe einen Brief von einer Lisa Maier. An das Christkind“ Frida kann es nicht fassen. Da hat sich jemand einen Scherz erlaubt! Frida spielt mit. „Also, Sie sind das Christkind?“ “Nein. Ich bin Wega aus dem Sternbild der Leier.“ Das war sicher Jans Idee, denkt Frida. „Oke, Wega, aus dem Sternbild Leier. Du klaust also anderer Leute Post. Und was tust du sonst noch?“
Wegas Gesichtszüge entgleisen. „Ich klaue keine Post. Alle Briefe an Fantasiegestalten kommen zu den Sternen.“ Entrüstet holt Wega mit einer graziösen Bewegung einen zerknitterten Brief hervor, streicht ihn demonstrativ glatt. „Ich verlese.“ Wega holt tief Luft:

 „Liebes Christkind! Mach, dass meine Mama zu Weihnachten nicht mehr traurig ist. Sie glaubt, wir merken das nicht, aber ich merke es doch. Lisa“

Frida seufzt. Die kleine Lisa. „Ist ja auch kein Wunder! Alles bleibt an mir hängen, während sich alle anderen einen schönen Tag machen und sich auf meiner Arbeit ausruhen. Ich weiß kaum, wo mir der Kopf steht, und dann kommst auch noch du daher und hältst mich von der Arbeit ab!“ Wega zieht ein Gesicht, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen. „Wenn Gaia auch nur halb so empfindlich wäre wie du, dann wäre die Menschheit längst ausgestorben. Und die hat weit mehr zu beklagen als Du.“ Wega legt Frida die Hand auf die Schulter. „Ihr nennt sie auch Erde. Nur selten erinnert sich ein Kind daran, dass seine Mutter auch ein Wesen mit Gefühlen ist.“ “Und was willst du jetzt tun?“, fragt sie den Stern. Wega kichert verschwörerisch. „Pass auf.“

Der Weihnachtsmarkt ist gerappelt voll. Jan lehnt an einem Punschstand und gönnt sich einen Glühwein, während die Kinder irgendwo an den Ständen stöbern. Aus den Augenwinkeln sieht er Max, Lisa ist sicher bei der Krippe, den Esel streicheln. Er schaut auf die Uhr Wo bleibt David bloß? Frida wird nicht gefallen, wenn er seinetwegen zu spät kommt. Sie hat zwar zugestimmt, ihn einzuladen, aber wirklich erfreut war sie darüber nicht. Ob er noch ein Geschenk für Frida kaufen soll? Vielleicht Parfum?
Ein Licht erregt seine Aufmerksamkeit. Irgendetwas glänzt im Sonnenlicht, sticht in seine Augen, so dass er blinzeln muss. Es kitzelt in seiner Nase, er niest.
Jemand zupft ihn an der Jacke. Max hüpft  fast um seinen Vater. “Papa, Papa“. Doch bevor Jan auch nur fragen kann, kommt Lisa angerannt. „Papa, Papa!“


David lehnt an der Mauer des Parks, der den Weihnachtsmarkt von der Strasse trennt und schaut auf die Uhr. Jan wollte sich hier mit ihm treffen. Gelangweilt schaut er über die Menschen, die sich an den Ständen drängen. Diese Masse der hirnlosen Konsumenten. Die so tun als hätten sie nicht seit Wochen gewusst, dass dieser Tag kommt. Jedes Jahr dasselbe. Und das Zeug landet am nächsten Tag auf dem Müll. Das verdreckt den Planeten, beutet die Ressourcen aus und vernichtet auch noch gute, alte Handwerksarbeit.
Was war aus Frieden und Stille geworden. aus Demut und Verzicht? Ein Licht blitzte auf und bringt ihn zum Blinzeln. Plötzlich denkt David an Frida. Frida, die Frau seines Bruders, die das Weihnachtsessen ausrichtet und dabei die ganze Palette des Weihnachtsramsches bedient.
Wieder flackert ein Lichtstrahl über seine Augen und er muss niesen.


“Ich seh gar nichts.“, sagt Frida und schaut zweifelnd zu Wega. „Alles in Ordnung.“, sagt der Stern mit einem Lächeln. „Am Besten entspannst du dich.“ Frida macht eine abwehrende Handbewegung. „Ich hab noch so viel zu tun…“, fängt sie an. „Lass dich einfach ins Vertrauen fallen“ Frida seufzt. Wie lässt man sich ins Vertrauen fallen? Sie beschließt, noch eine Tasse Kaffee zu trinken, und darüber nachzudenken, während im Schlafzimmer Wega das Fenster öffnet und in einem Lichtblitz verschwindet.

 

Lisa platzt heraus: „Der Mann, dem der Esel gehört, hat gesagt, es gibt heute Abend eine Feier, wo ganz viele Tiere sind. Und dass jeder kommen soll, damit sie Futter bekommen!“ „Die armen Tiere sollen auch was zu essen haben an Weihnachten!“, ruft Max. Jan meint: „Wir müssen ohnehin erst euren Onkel David finden. Der sollte längst hier sein.“ „Da!“, ruft Max und zeigt auf einen Mann mit einer dunklen Jacke zu. David winkt ihnen zu. Jan nimmt seine Kinder an der Hand und navigiert die beiden durch die Menge. Er deutet auf die Kinder „Wir wollen ein ganz besonderes Weihnachtsfest. Und Frida war die letzten Tage sehr gestresst, dass haben die beiden mitbekommen.“, erklärt er.
 „Ich  hab das da gesehen.“ David deutet auf ein Plakat neben ihm. „Ich wollte euch auch fragen, ob das nicht nett wäre. Vorausgesetzt, Frida ist einverstanden.“ Max mault. „Aber wir haben Hunger!“ „Die haben doch dort auch was zu essen.“, will David ihn beruhigen, als Jans Handy klingelt. Während David Max „vegan“ erklärt, spricht Jan mit Anita.
„Das war Mutti“, erklärt er. „Rate mal, was sie vorgeschlagen hat.“, fügt er, an David gewandt, hinzu.
Frida ist noch beim Kaffee, als es erneut an der Tür klingelt. Wie aus einem Tagtraum schreckt sie auf und geht zur Tür. Erleichtert erkennt sie Anita und Bernd. Beide schleppen Pakete und Taschen. Anita sprudelt los. „Stell Dir vor, Kleines, was passiert ist.“ Sie windet sich an Frida vorbei in Richtung Wohnzimmer. Bernd folgt ihr schweigend.
“Wir machen den Weihnachtsbaum und alles für die Bescherung fertig und du gehst mit Jan und den Kindern. Ich hab ihn angerufen, er ist einverstanden.“ Anita nimmt ihre Hände und schaut Frida in die Augen. „Natürlich nur, wenn du auch einverstanden bist; Liebes.“ Hatte Wega etwas damit zu tun? Doch zum Nachdenken kommt Frida nicht, denn Bernd ruft aus dem Wohnzimmer. „Ist das der Stern?“ Frida stürzt ins Wohnzimmer. Doch Opa Bernd hält nur eine gewöhnliche Spitze in der Hand. „Alles in Ordnung, Liebes?“ Anita legt Frida die Hand auf die Schulter. Frida nickt. Natürlich ist sie einverstanden. Es läutet an der Tür.

“Mami, Mami!“ Lisa stürzt ihr in die Arme. „Wir fahren zum Gnadenhof!“ Hinter ihr kommt Max herein und ruft: „Mami, ich will keinen Gänsebraten!“ Jan folgt den beiden und hinter ihm sieht sie David. In ihre Verwirrung mischt sich Ärger. Sie richtet sich auf: „Kann mir bitte mal einer erklären, was hier los ist? Jan?“ „Schatz, ich hoffe, es ist in Ordnung, aber wir, die Kinder, und Oma und Opa – und auch David“, dabei dreht er sich kurz zu seinem Bruder. „schenken dir heuer ein besonderes Weihnachten. Komm, steig ins Auto.“

 

Am nächsten Morgen,  findet Frida beim Aufräumen eine Karte für alle Spender, die am Abend zuvor mit den Tieren gefeiert hatten. Auf der Rückseite steht:

„Jeden Tag geschehen Wunder. Weil sie jeden Tag geschehen, sehen wir sie nicht mehr. Sie sind selbstverständlich geworden. Denken wir heute daran, dass jeder Tag einzigartig ist, so wie jedes Lebewesen einzigartig ist. Wir sind alle Wunder. Und Wunder sind etwa Heiliges.“

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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