Wolfgang Hoor

Ochs und Esel und der kleine Hirtenjunge

Ochs und Esel und der kleine Hirtenjunge

Der Held unserer Geschichte heißt Joshua. Er ist 11 Jahre, gehört zu den Hirten auf dem Felde, denen die Engel vor ein paar Stunden den Frieden auf Erden verkündet haben, hat Sommerkleider an, weil seine Eltern nicht an den Winter glauben. Jetzt sitzt Joshua vor dem Zelt seiner Eltern, in dem es wenigstens ein bisschen wärmer ist als hier draußen. In das Zelt würde er gerne rein und sich zwischen seine Eltern kuscheln, aber das darf er nicht, weil er ja abgehärtet werden muss. Und dabei haben die Engel so schön mit ihnen vom Frieden und von dem kleinen, neugeborenen Jungen in der Krippe geredet, da ist unserem Joshua richtig das Herz warm geworden. Er wollte sofort los. Aber nein, den Eltern und den anderen Hirten war es zu dunkel, die wollen erst in der Frühe gehen. Und so sitzt unser Joshua da und friert und kann nicht schlafen und muss immer an den wunderschönen Gesang der Engel denken. Warum müssen Erwachsene nur so stur sein!

Wie er so dasitzt, berührt ihn eine Hand an der Schulter. „Joshua, bist du es?“, fragt eine vertraute Stimme. Es ist Joshuas Großvater. Joshua springt auf, der Großvater hebt ihn hoch und drückt ihn an seine Brust und fragt: „Hast du Lust, mit mir zu gehen? Ich möchte den kleinen Jungen, der heute geboren wurde, noch heute Nacht sehen. Vielleicht braucht er Bettzeug in der Krippe. Ich hab welches hier in dem Sack.“ – Joshua würde gerne mitgehen. Aber er darf ja nicht. Seine Eltern haben es ihm verboten. „Auf eine Tracht Prügel kann ich gerne verzichten“, meint er. – „Ach was, wenn ich bei dir bin und sage, ich habe dich zu dem neugeborenen Kind geführt, werden sie nichts sagen.“ – Joshua ist hin- und hergerissen. Er möchte ja so gerne mit dem Großvater gehen, aber seine Eltern halten seinen Großvater für viel zu lieb und zu weich, und er kann sich durchaus vorstellen, dass sie ihm sogar in Anwesenheit seines Opas die Hose stramm ziehen. „Weißt du eigentlich, was dein Name Joshua bedeutet?“, fragt der Opa. Joshua schüttelt den Kopf. „Dein Name bedeutet: Gott hilft. Da wird er dich doch in dieser Nacht nicht im Stich lassen.“

Also nimmt Joshua die Hand von seinem Opa und geht mit ihm. Er fürchtet zwar immer noch, dass Gott ihm nicht hilft, wenn seine Eltern zornig sind, aber es ist so schön, an der Hand des Großvaters zu gehen, und jetzt spürt er auch nicht mehr richtig, dass es kalt ist. Der Opa schaut immer zum Himmel. „Siehst du da oben den Engel?“, fragt der Opa. „Der führt uns hin.“ – „Wo denn, ich sehe nichts“, sagt Joshua. „Jetzt ist er hinter den Bäumen da verschwunden“, meint der Opa. „Ganz da drüben auf dem Hügel, siehst du es?“ – Joshua macht sich von der Hand des Großvaters los. „Das will ich sehen!“, ruft er und läuft vor und merkt erst, als er fast ganz aus der Puste ist, dass der Hügel ganz weit weg ist. Und dann merkt er auch, dass er den Opa nicht mehr sieht. Jetzt ist er allein auf weiter Flur. Was soll er denn jetzt machen? Er läuft immer weiter auf den Hügel und die Bäume zu. Und dann sieht er den Engel auch. Es ist ein klitzekleiner Engel mit goldenen Flügeln, einem süßen Stubsnäschen und ganz nackt – trotz der Kälte. „Lauf mir nach“, sagt der Engel. „Das Kind wartet auf dich.“

Ach ist der Neugeborene süß! Die Eltern haben sich auf einen Baumstamm gesetzt und kuscheln miteinander. „Hey“, sagt der Neugeborene. „Bist du der Joshua?“ Joshua kann kaum glauben, dass der Kleine sprechen kann. Aber nach einer Weile denkt er: Warum soll so ein Wunderkind, das von Engeln angekündigt wird, nicht sprechen können? Und er sagt: „Woher weißt du denn meinen Namen?“ – „Weil ich sowas halt weiß. Und dein Name heißt: Gott hilft, und da werde ich ja wohl wissen, was ich zu tun habe.“ – Irgendwie müsste ich mich vor so einem Überflieger-Kind fürchten, denkt Joshua. Aber er empfindet nicht die geringste Furcht. „Was kann mir denn passieren?“ – „Ach Joshua, das weißt du doch! Du bist abgehauen, deine Eltern sind stinksauer auf dich, deinen Opa hast du auch aus den Augen verloren.“ – „Bist du auch sauer auf mich?“ – „Ich doch nicht! Wir Kinder müssen zusammenhalten. Aber was dir bevorsteht, weiß doch jedes Kind hier in Israel. Du kriegst den Hintern nach Strich und Faden versohlt.“ Joshua stöhnt auf. Der Knirps in der Krippe kichert. „Würde ja gerne mal sehen, wie sowas geht.“ Joshua heult auf. „Und das nennst du: Wir Kinder müssen zusammenhalten?“ – „War nur ein Scherz. Wir müssen dir hier eine unverdächtige Aufgabe geben. Du kennst dich doch mit Tieren aus, oder?“ – „Ja, wieso?“ – „Schau mal da hinter dir. Da sind ein Ochs und ein Esel und die langweilen sich hier zu Tode und keppeln sich, weil sie nicht wissen, warum sie hier sind. Du kümmerst dich ein bisschen um die beiden und bist jetzt unser Hütejunge. Papa und Mama stellen dich ein.“

Joshua wundert sich, dass der kleine Junge schon festlegen darf, was seine Eltern machen sollen. Der Kleine ruft sie an seine Krippe, stellt ihnen den Joshua vor und erklärt ihnen, wer Joshua ist, was der gemacht hat und warum er hierbleiben und sich um die Tiere kümmern soll. Josef macht zunächst ein grimmiges Gesicht. Ihm hat man wie allen Männern in Israel beigebracht, dass man Kinder übers Knie legt, die ihren Eltern nicht gehorchen. „Ich hab hier einen schönen Stock. Ich könnte dem Lausejungen schon mal klar machen, was er verdient hat. Soll ich mit 10 oder 15 Streichen anfangen?“ Und er drückt den Joshua, ohne eine Antwort abzuwarten, schon mal über sein Bein, das er auf den Holzblock gestellt hat. Joshua heult auf und der Knirps in der Krippe ruft: „Josef, lass das! Das Schlagen von Kindern wird bald verboten. Mit sowas machst du dich nur unglücklich.“ Dass es noch 2000 Jahre dauern wird, sagt er natürlich nicht. Also lässt Josef den Joshua laufen, droht ihm zwar noch, aber wendet sich dann seiner Maria zu, die er innig liebt.

So wird Joshua als Hirtenjunge bei Maria und Josef angestellt. Was Joshua hier zu tun hat, macht er gern. Er besorgt den Tieren Blätter und Gras und tätschelt ihre Köpfe und bald sind die drei die besten Freunde. Die Tiere lassen zu, dass er sich zwischen ihren Hufen hinlegt und er hat nichts dagegen, dass sie sein Gesicht mit ihren Zungen ablecken, die schön warm und zärtlich sind. Schließlich spricht der Joschua auch mit den Tieren und versteht sie sogar. „Habt ihr gesehen, wie der Josef mich verhauen wollte?“ Und er hofft, dass Ochs und Esel ordentlich über den Josef herziehen. Aber der Esel lacht nur. „Was meinst du, wie oft ich geschlagen werde, nur weil ich nicht schnell genug bin? Die Peitsche gehört zum Esel-Sein und der Stock zum Kind-Sein. Das musst du nicht so tragisch nehmen.“ – Dazu fällt Joshua nichts ein. Er legt sich zwischen die Hufe seiner Freunde, die lecken ihn noch ein bisschen. Und zwischen ihren Hufen kann er den Schlaf nachholen, den er in dieser Nacht nicht bekommen hat. Ich wusste gar nicht, dass man sich mit Tieren so einfach unterhalten kann, denkt Joshua, bevor er einschläft.

Als er wieder aufwacht, liegt der Knirps in dem Bettzeug, das von seinem Opa stammt. Und um die Krippe herum knien etwa 20 Hirten, darunter sein Papa und seine Mama ganz in der Mitte. Er hört nicht alles, was sie sagen. Aber sie sagen unsägliches Zeug. Vom göttlichen Kind reden sie und dass es vom Himmel hoch gekommen ist und dass es der Retter der Welt ist und dass es ein ganz großes Wunder ist, dass ausgerechnet ein kleines Kind der Welt den Frieden bringt. Dabei ist das doch das Kind von Maria und Josef, denkt Joshua, der kommt doch nicht vom Himmel hoch. Und er hätte sich niemals vor dem Knirps hingekniet, obwohl er ihn mindestens genau so gerne hat wie die Hirten, die da rumknien. Und als den Hirten nichts mehr einfällt, sagt der Kleine in der Krippe: „Besten Dank für eure schönen Worte. Das schönste Geschenk, das ihr mir gemacht habt, ist ein Kind. Das Kind hat nicht wie ihr geschlafen, bevor es zu mir gekommen ist, es war als erstes bei mir und bleibt jetzt bei mir, weil es mein Hirtenjunge geworden ist. Komm hervor, Joshua. Du warst der erste an meiner Krippe und du bist mein bester Freund.“ Und da steht er nun vor den knienden Hirten und vor der Mama und dem Papa, ziemlich verlegen, weil er so doll gelobt worden ist, aber auch voller Furcht, weil er die Wut in den Augen seines Vaters sieht. Der springt auf.

„Ein Schuft ist das“, ruft der Vater, „ein Schuft, der seinen Eltern davonläuft. Schläge kriegt er jede Woche, weil er ein böser, ungehorsamer, frecher, verdorbener Junge ist. O, ich werde es nachholen, ich werde deinen Hintern zu Klump schlagen, immer und immer wieder, du wirst keine ruhige Stunde mehr haben, du bist es nicht wert, unser Kind zu sein.“ Und er stürzt auf Joshua zu, er streckt seine Hände nach ihm aus. Und dann sind plötzlich die Engel wieder da. „Friede auf Erden“, singen sie, „und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Und sie singen so schön und ergreifend, dass alle Hirten ihren Blick nach oben richten und aufstehen und mitsingen. Nur der Joshua sieht nicht nach oben. Er sieht die Wut in den Augen des Vaters und der Vater sieht, dass er seinen Sohn an diesen Knirps in der Krippe verloren hat. Er läuft auf Joshua zu, er streckt seine Hände nach ihm aus, er greift nach ihm, er hat schon seinen Arm berührt. Und da erstarrt er. Er kann sich nicht mehr bewegen. „Den lassen wir jetzt hier stehen wie eine griechische Statue“, sagt das Kind in der Krippe. Joshua dreht sich zu dem Kind in der Krippe um. „Er ist und bleibt aber mein Vater. Nimm ihn mir nicht weg.“ Und dann streicht er über den Arm seines Vaters, der sich nach ihm ausgestreckt hat. Es ist immer noch ein Arm aus Fleisch und Blut. „Kannst du mir wirklich nicht verzeihen?“, fragt Joshua. „Du hast doch eben von dem himmlischen Kind geredet. Das musste ich doch sehen. Da musste ich doch sofort hin. Und Opa hat gesagt, dass mir Gott hilft.“

Jetzt treffen sich die Augen von Vater und Sohn wieder. 2000 Jahre vergehen in einer Sekunde. Niemand ist mehr da, weder das Kind noch Maria und Josef, noch die Hirten, noch die Engel. Joshua und seine Familie treffen sich an einem Weihnachtsabend im schön geschmückten Wohnzimmer vor der Krippe, die sie jedes Jahr aufbauen. „Was hast du gesagt?“, fragt Joshua. „Dass alles gut ist“, sagt der Vater. „Es dauert manchmal Tausende Jahre, bis man merkt, dass alles gut ist.“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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